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19.02.2013
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Anschlag in Pakistan

Protest neben den Leichen der Opfer

Von , Islamabad
AP

Protest in Quetta: Ein Mann demonstriert gegen Gewalt gegen die schiitische Minderheit

Tausende Menschen blockieren nach dem verheerenden Anschlag in der Stadt Quetta in ganz Pakistan wichtige Straßen und Flughäfen. Sie fordern, dass der Staat seine Bürger besser schützt. Solange das nicht passiert, wollen sie die Beerdigung der Terroropfer verhindern.

Die Wut wächst: Von Tag zu Tag wächst die Zahl der Demonstranten gegen Gewalt und Terror in Pakistan. In allen größeren Orten blockierten Tausende von Menschen am Dienstag die Hauptverkehrsstraßen. In Karatschi, der größten Stadt des Landes, waren alle Wege zum Flughafen versperrt, in der Hauptstadt Islamabad war der Flughafen nur noch über Umwege zu erreichen.

Auch aus Multan und Haiderabad wurden Blockaden gemeldet. In der Millionenmetropole Lahore gewannen die Proteste am Montag an Zulauf, als bekannt wurde, dass ein stadtbekannter schiitischer Arzt und sein zwölfjähriger Sohn erschossen wurden.

Grund für die Proteste ist ein Anschlag vom Samstag: Terroristen hatten in der westpakistanischen Stadt Quetta auf einem belebten Markt mehrere hundert Kilogramm Sprengstoff in einem unauffälligen Tankwagen platziert und per Fernsteuerung gezündet. Der Basar liegt in einem vor allem von schiitischen Hazaras bewohnten Viertel. Der Angriff richtete sich gegen diese Minderheit, wie die Terrororganisation Lashkar-i-Jhangvi bekannte. Bis Dienstagmittag waren nach Angaben der Polizei 89 Menschen gestorben. Mehr als 200 wurden bei der Tat verletzt.

Schon im Januar starben bei Anschlägen in Quetta auf Schiiten mehr als hundert Menschen. Wie damals weigern sich auch jetzt die Angehörigen, die Toten zu beerdigen, wenn die Regierung von Pakistan nicht auf ihre Forderungen eingeht. Die Demonstranten verlangen, dass die Armee die Kontrolle über die Stadt Quetta übernehmen und dass das Militär gegen Lashkar-i-Jhangvi vorgehen solle. Bis dahin wollen sie weiter neben den Särgen der Getöteten ausharren.

Schwur, bis zum Tod zu kämpfen

Lashkar-i-Jhangvi wurde Mitte der neunziger Jahre gegründet. Die Organisation hat sich zum Ziel gesetzt, die schiitische Minderheit im überwiegend sunnitischen Pakistan zu bekämpfen. Schätzungen zufolge sind etwa 20 Prozent der pakistanischen Bevölkerung Schiiten. Lahskar-i-Jhangvi betrachtet Schiiten als Abtrünnige vom rechten muslimischen Glauben und damit als schlimmer als Ungläubige.

Richtete die Terrororganisation sich anfangs gezielt gegen schiitische Geistliche, ist sie in den vergangenen Jahren zunehmend mit Anschlägen gegen die Bevölkerung in Erscheinung getreten. Im vergangenen Jahr fielen mindestens 400 Schiiten in Pakistan Terroranschlägen zum Opfer, von denen viele Lashkar-i-Jhangvi zuzuschreiben sind. In diesem Jahr sind bereits mehr als 200 Schiiten ermordet worden.

Der Gruppe gehören nach Angaben von Sicherheitsexperten nur wenige hundert Mitglieder an. Sie haben sich neue Namen zugelegt, den Kontakt zu ihren Familien und Freunden abgebrochen und geschworen, bis zum Tod für die Organisation zu kämpfen. Sie gilt als undurchschaubarer Geheimbund, der schwer zu bekämpfen ist.

Im Januar hatte Premierminister Raja Pervez Ashraf den Schiiten versprochen, mehr für ihre Sicherheit zu tun. Er erklärte damals vor den Demonstranten in Quetta, dass die Provinzregierung von Belutschistan aufgelöst werden und der Provinzgouverneur die Macht übernehmen solle. Die Hazaras hatten zugestimmt, in der Hoffnung, dass die Sicherheitslage sich verbessert.

Der Anschlag vom Wochenende zeigt, dass die pakistanischen Sicherheitskräfte die Situation keineswegs im Griff haben. Manche Demonstranten spekulieren, dass "interessierte Kräfte in der Regierung" hinter dem Terror stecken, um die im Mai anstehenden Wahlen zu verschieben, unter Verweis auf die schlechte Sicherheitslage im Land.

Am Dienstag verbreitete das Büro des Premierministers eine Erklärung, wonach man eine "Operation" in Quetta anordnen werde. "Sicherheitskräfte" sollten demnach "gezielt gegen terroristische Elemente" vorgehen.

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Staatsgründung
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Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
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Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

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Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

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In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

Verstärkung erhielten die radikalen Islamisten von afghanischen Taliban aus den Reihen von Mullah Omar sowie Qaida -Kämpfern, die aus Afghanistan geflohen sind. Militante betreiben hier in Waziristan auch Ausbildungslager für international operierende Dschihadisten.

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