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19.02.2013
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Berlusconis treue Anhänger

"Nur Silvio kann Italien retten"

Aus Palermo berichtet
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REUTERS

Berlin sorgt sich, Europa schüttelt den Kopf: Silvio Berlusconi hat wenige Tage vor der Wahl in Italien in Umfragen aufgeholt. Warum wollen so viele immer noch den Skandalpolitiker wählen? Ein Besuch bei Italienern, die den "Cavaliere" verehren - und wütend werden, sobald es um Deutschland geht.

Der Retter lässt auf sich warten, und Giovanni Ferrante verliert kurz den Glauben: "Wo zum Teufel steckt Berlusconi?" Seit einer Stunde harrt er aus, der Saal ist voll, die Luft drückt, die Sitze sind eng. Dann ertönt die Parteihymne, und der Star an diesem Vormittag in Palermo marschiert in den Theatersaal, schüttelt Hände, winkt und grinst. Die weißen Zähne blitzen bis hoch auf die Ränge. Ferrante winkt zurück. Endlich ist der "Cavaliere" da.

Das passiert zurzeit jeden Tag, irgendwo in Italien. Silvio Berlusconi zieht durchs Land, hält große Reden vor Getreuen. Sonntagabend in Turin, Montag in Mailand, Freitag steht eine Kundgebung in Neapel auf dem Plan. Die Termine wechseln teils kurzfristig, Berlusconi überrascht wieder einmal alle.

Silvio Berlusconi, Italiens skandalumwitterter Ex-Premier, ist zurück. Kurz vor der Wahl in Italien hat er mit seiner Partei in den Umfragen zu den längst enteilten Sozialdemokraten aufgeschlossen. Er könnte ihnen den sicher geglaubten Wahlsieg verhageln. Europa schüttelt darüber den Kopf. Die Regierung in Berlin warnt die Italiener vor der Wahl des "Cavaliere", und der britische "Economist" ist erstaunt, "dass es überhaupt noch Italiener gibt, die Berlusconi unterstützen".

Dabei ist im Belpaese die Verehrung für den "Cavaliere" ungebrochen. Wer mit den treuen Anhängern redet, taucht ab in eine Parallelwelt, in der kein Platz für Zweifel an Berlusconi ist und die Rollen klar verteilt sind - Silvio ist der Gute, die anderen sind die Bösen.

Man trifft die Fans bei seinen Reden, wie am vergangenen Samstag in Palermo, wo sich Tausende ins altehrwürdige Teatro Politeama drängen. Damen in langen Pelzmänteln, feine Signori im Dreiteiler, Hafenarbeiter wie Ferrante quetschen sich durch den Eingang, sie drücken und schieben wie Teenies bei einem Rockkonzert. Am Ende müssen Hunderte draußen bleiben.

"Ich habe Silvio immer geliebt"

Unter seinen Fans gilt der 76-jährige Ex-Premier immer noch als Hoffnungsträger. "Berlusconi wird jetzt eine Revolution starten", sagt die Lehrerin Marinella Romano und bekennt: "Ich habe Silvio immer geliebt." Donatella Catalano, eine freundliche Rentnerin, schwärmt: "Er steht doch für alles, was gut ist in der Welt." Und der arbeitslose Hafenarbeiter Ferrante sagt: "Nur Silvio kann Italien retten, er wird uns noch viel Schönes bescheren."

In dieser Parallelwelt ist Berlusconi zuallererst der erfolgreiche Unternehmer, der Zigtausende Jobs geschaffen hat. Alle erzählen davon. Mal heißt es, er habe 44.000 Beschäftigte, mal sind es 56.000, die Botschaft ist stets dieselbe: Berlusconi ist ein Mann, der Wohlstand bringt.

"Silvio wird uns Jobs bringen", sagt Ferrante, 47 Jahre alt, zwei Kinder. Er ist ein freundlicher Mann mit weicher Stimme. Seit über einem Jahr sucht er einen Job. "Ich wurde entlassen, in der Woche, als auch Berlusconi gehen musste." Damals, im November 2011, wetteten die Finanzmärkte gegen das erstarrte Italien Berlusconis, der Premier musste gehen, Wirtschaftsprofessor Mario Monti übernahm. Die Zinsaufschläge für Staatsanleihen sanken, das Vertrauen in Italien stieg, aber die Wirtschaftskrise blieb.

Nun ätzt Berlusconi über seinen Nachfolger, der die Arbeitslosigkeit auch nicht bekämpfen konnte. Von den Bühnen ruft er: "Das Professorchen Monti versteht nichts von Wirtschaft." Oben auf der Tribüne in Palermo schmatzt Giovanni Ferrante mit den Lippen, er lässt sich die Worte auf der Zunge zergehen.

"Silvio wird wie Jesus damals beschimpft"

Ferrante erzählt, er habe im vergangenen Jahr den Glauben an die Politik verloren. Berlusconi war abgetaucht, die Krise schien übermächtig. "Jetzt ist Silvio zurück, und ich glaube wieder", sagt Ferrante. Ähnlich sieht es ein weiterer Anhänger, der Rentner Angelo di Pisa: "Damals haben sie Jesus beschimpft und beschmutzt, heute machen sie das mit Silvio."

Und so huldigt ein Teil der Italiener weiter Silvio Berlusconi. Ein Viertel wird ihn wohl wieder wählen, trotz der Prozesse wegen Amtsmissbrauchs und Bestechung, trotz des Skandals um die minderjährige Prostituierte Karima el-Marough alias Ruby Rubacuori, trotz der frauenfeindlichen Sprüche, trotz der gebrochenen Versprechen als Premier. Schuld daran sind: die Opposition, die linken Richter - und auch die Deutschen.

"Gestürzt hat ihn doch die Merkel", sagt Rentnerin Catalano. Da fährt ihr der Nachbar ins Wort. "Sag dem Mann lieber nichts, die Deutschen schreiben immer gegen Berlusconi." Ein anderer ruft dazwischen: "Erst die zwei Weltkriege und jetzt die Attacken gegen Berlusconi!"

Der "Cavaliere" befeuert die Stimmung gegen Deutschland in jeder Wahlkampfrede. Dann ruft er von der Bühne: "Sollen wir uns weiter eine Politik von Deutschland diktieren lassen, die Italien ruiniert?" "Noooooo!", brüllen die Anhänger. Am Montag sagte er vor Industriellen in Monza, die Kanzlerin sei "als Bürokratin in Ostdeutschland mit seiner zentralistischen Wirtschaft herangewachsen". Ihre Kultur sehe vor, dass die Wirtschaft eisern organisiert werden muss. Es sei jedoch "Wahnsinn, einem Land, das nicht wächst, Regeln der Austerität aufzuzwingen".

Wo immer der "Cavaliere" auftritt, bei seinen Fans im krisengeplagten Land kommt das gut an. "Ihr Deutsche behandelt uns doch wie jemanden aus der dritten Liga", schnaubt Rentner di Pisa in Palermo. Sein Zeigefinger fährt in die Luft: "Und Silvio ist der Einzige, der sich das nicht gefallen lässt." Berlusconi sei ein ehrlicher Mensch mit großem Herzen. Italien müsse froh sein, dass es ihn gibt. "Warum versteht ihr Deutschen das nicht?"

Forum

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insgesamt 157 Beiträge
1. Die spinnen, die Italiener.
Das Grauen 19.02.2013
Auf welchem Planeten leben die bloß? Berlusconi hat immer nur für sich gewirtschaftet, ansonsten nichts zustande bekommen. Ein Haufen leere Versprechungen und nichts eingehalten. Ich vermute, daß das Medienimperium des [...]
Auf welchem Planeten leben die bloß? Berlusconi hat immer nur für sich gewirtschaftet, ansonsten nichts zustande bekommen. Ein Haufen leere Versprechungen und nichts eingehalten. Ich vermute, daß das Medienimperium des "Cavaliere", das die wahren Verhältnisse schönfärbt, eine erhebliche Rolle bei der allgemeinen Ahnunglosigkeit spielt. Trotzdem ist die Naivität dieser Italiener erschütternd.
2. silvio
orsan 19.02.2013
wenn man die italienische mentalitaet versteht weiss man auch wieso der cavaliere wieder im rennen ist. wenn mann sie nicht versteht, muss man den kopf schuetteln.aber genau dass ist das problem europas. zu viele verschiedene [...]
wenn man die italienische mentalitaet versteht weiss man auch wieso der cavaliere wieder im rennen ist. wenn mann sie nicht versteht, muss man den kopf schuetteln.aber genau dass ist das problem europas. zu viele verschiedene mentalitaeten und kulturen und desshalb wird die eu niemals funktionieren. ein deutscher handelt und denkt anders als ein grieche oder der italiener ist das pure gegenteil eines schweden. da ist nichts falsch bei jedem einzelnen nur zusammen passt es nicht. in diesem sinne. viva italia e viva silviob
3. Der Würgegriff Italiens
sib72 19.02.2013
Berlusconi ist ein Ergebnis der Fehler Italiens, eine Farce des Übels. Monti kämpft gegen jahrhundertalter Ignoranz der Italiener. Nicht Potenz hilft sondern ein Patent das Übel der "Mafia" auszurotten.
Berlusconi ist ein Ergebnis der Fehler Italiens, eine Farce des Übels. Monti kämpft gegen jahrhundertalter Ignoranz der Italiener. Nicht Potenz hilft sondern ein Patent das Übel der "Mafia" auszurotten.
4. WAs viele Italiener denken
localpatriot 19.02.2013
Wie diese Frau denken bestimmt viele Italiener: '"Gestürzt hat ihn doch die Merkel", sagt Rentnerin Catalano. Da fährt ihr der Nachbar ins Wort. "Sag dem Mann lieber nichts, die Deutschen schreiben immer gegen [...]
Wie diese Frau denken bestimmt viele Italiener: '"Gestürzt hat ihn doch die Merkel", sagt Rentnerin Catalano. Da fährt ihr der Nachbar ins Wort. "Sag dem Mann lieber nichts, die Deutschen schreiben immer gegen Berlusconi." Ein anderer ruft dazwischen: "Erst die zwei Weltkriege, und jetzt die Attacken gegen Berlusconi!" Je mehr Risiko die Kanzlerin fuer die Eurowackelkandidaten uebernimmt, je groesser die Hetze gegen Deutschland. Erst zwei Weltkriege und heute noch diese zweifelhaft Eurorettung. Kein Wunder aergern sich die Leute. Am Ende wird man die rausgeschmissenen deutschen Gelder als Reparationen fuer das unvorsichtige Vorgehen der Kanzlerin zu Buche bringen muessen. Es ist eben alles die Schuld Berlins und wie wir wissen - Das Volk haftet immer fuer seine Regierung, auch dieses mal.
5. Wahl zwischen Demokratie und Wirtschaftskraft?
scratchpatch 19.02.2013
Der Euro hat uns in diese Lage gebracht! Sollte Berlusconi bei den Wahlen in die Regierung gewählt werden, bleibt nur: Entweder missachten wir die Regeln der Demokratie und versuchen, auf Italien Einfluss zu nehmen und gegen den [...]
Der Euro hat uns in diese Lage gebracht! Sollte Berlusconi bei den Wahlen in die Regierung gewählt werden, bleibt nur: Entweder missachten wir die Regeln der Demokratie und versuchen, auf Italien Einfluss zu nehmen und gegen den Willen der Italiener Reformen durchzusetzen oder wir müssen zusehen, wie reformunwillige Euro-Schwergewichte wie Italien (vielleicht noch gemeinsam mit Frankreich) die Eurozone zugrunde richten. War es das wert? Immerhin hat ja auch Wallstreet Journal berichtet, Berlusconi habe wegen eines Anrufs Merkels bei dem italienischen Staatspräsidenten Napolitano abdanken müssen. Lange sah es so aus, als könnte man Grundllagen für eine solide Eurozone wie Schuldenbremse, Bankenüberwachung in den Eurostaaten verankern. Aber viele Bürger wollen das nicht. Rückkehr zur Eigenverantwortung bedeutet wohl auch Rückkehr zur Demokratie.

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