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26.02.2013
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Italiens Wahlsieger Grillo

"In ganz Europa haben sie Angst vor uns"

Von , Italien
AFP

Das Chaos in Italien ist perfekt. Wahlsieger ist ein Wut-Komiker, der "Bunga Bunga"-Mann mischt auch wieder mit, und ein biederer Sozialdemokrat steht dazwischen. Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Viele Menschen hoffen auf ein Wunder.

Bis tief in die Nacht präsentierten sich die Parteimenschen in der populären TV-Politshow "Porta a Porta" ("Tür an Tür") dem Volk. So wie Funktionäre das eben machen. Der vom Mitte-links-Bündnis und der vom rechten Berlusconi-Verband stritten, wer mehr gewonnen habe - dabei haben beide Seiten Millionen von Wählern verloren. Mario Monti ließ sich zuschalten, um zu verkünden, dass er eigentlich ganz zufrieden sei - dabei ist sein Wahlverein glatt versenkt worden. Politisches Gequatsche eben, weit weg von der Realität.

Journalisten versuchten, die Polit-Profis problembewusst zu machen. Von einem "Erdbeben" sprach einer, von einer "Absage an den Politikbetrieb" ein anderer und davon, dass das Wahlergebnis "das ganze System" in Frage stelle. Aber die Politiker wollten wohl unbedingt noch einmal zeigen, warum die Wähler ihnen weg- und einem ehemaligen Fernsehkomiker zulaufen. Der lag derweil daheim im Bett. Ins Fernsehen will er nicht. Schon gar nicht, um mit Politikern oder Journalisten zu diskutieren.

Beppe Grillo heißt er, ist 64 Jahre alt und der eindeutige Sieger der italienischen Parlamentswahl. Seine "Fünf-Sterne-Bewegung" ("Movimento 5 Stelle") wurde stärkste Partei im Abgeordnetenhaus. Nur gemeinsam mit ihren Alliierten sind die rechten und linken Parteigranden - Silvio Berlusconi und Pier Luigi Bersani - noch eine Nasenlänge vor ihm. Grillo, der schon 2007 Zigtausende zum "Leck-mich-am-Arsch-Tag" auf die Straße brachte, ist das Sprachrohr von Italiens Wutbürgern. Deren Zahl wächst dramatisch.

Eine unfähige politische Führung reißt das Land seit Jahren immer weiter runter. Das staatliche Schulsystem ist schlecht, genauso wie die Universitäten und das Gesundheitswesen. Die meisten Staatsbetriebe sind marode. Antike Welterbe-Stätten zerbröseln, Pompeji zum Beispiel. Und überall bereichern sich Mitglieder der politischen Kaste, schieben ihren Spezis Jobs und überteuerte Aufträge zu. Jeden Tag beinahe fliegt ein Millionendeal auf, ab und zu geht einer in den Knast, aber das System bleibt unberührt. Es ändert sich nichts - wenn sich nicht alles ändert. Das ist die Grillo-Logik. Viele, vor allem jüngere Italiener, teilen sie.

Heiliger Berlusconi

Und Silvio Berlusconi und seine Kumpane? Die Prototypen des italienischen Politikversagens, der Selbstbedienungsmentalität, bringen noch einmal fast 30 Prozent der Wähler hinter sich. Mit Versprechungen, denen keiner glauben kann? Doch, wer unbedingt will, kann sogar an Berlusconis Verheißungen glauben, wie an die Wundertaten katholischer Heiliger, wie an das Paradies. Es sind die Armen, die Alten, denen es schlecht geht, die kleinen Handwerker, die vor der Pleite stehen - sie alle hoffen auf ein Wunder.

Mauro zum Beispiel, Lkw-Fahrer in einer Toskana-Kleinstadt. Nicht einmal tausend Euro verdient er, mit Frau und zwei Kleinkindern daheim. Es ging immer gerade so. Dann kam Mario Monti mit seiner Sparpolitik, Mauro musste Steuern auf seine Wohnung zahlen, und alles wurde teurer, Lebensmittel, Wasser, Strom. Spätestens am 26. eines Monats ist jetzt Schluss: Das Geld ist alle, fortan wird auf Pump gelebt, beim Bäcker das Vortagsbrot gekauft, zum halben Preis. Mauro will ein Wunder - weniger Steuern, mehr Lohn -, deshalb wählt er Berlusconi.

Ungewollt haben Mauro und Co. das Land ins politische Chaos gestürzt. Denn nun braucht es auch zur Bildung einer neuen Regierung ein Wunder. Im Abgeordnetenhaus ist alles noch einfach. Bersanis Mitte-links-Koalition hat zwar nur 0,4 Prozent Vorsprung, aber das Wahlgesetz sichert ihr 340 von insgesamt 617 Sitzen zu - eine satte Mehrheit. Nur im Senat, der zweiten Kammer, hat Bersani auch keine Mehrheit, wenn er mit Mario Montis Wahlverein zusammengeht. Wenn Berlusconi und Grillo den Daumen senken, wäre jedes Gesetz einer Bersani-Monti-Regierung Makulatur.

Auch alle anderen Szenarien, die sich rechnen würden, sind politisch schwer vorstellbar:

Miese Aussichten für Europa. Denn dass die Populisten solchen Zulauf haben, hat nicht nur mit hausgemachten Problemen, sondern auch direkt mit Europa zu tun. Viele Italiener fühlen sich - wie Griechen, Portugiesen, Spanier - als Verlierer des politischen Jahrhundertprojekts. Deutschland und einige andere Nordländer sind mit dem Euro reicher geworden, andere Regionen, vor allem im Süden, sind ärmer geworden. Die Kaufkraft ist gesunken, die Arbeitslosigkeit gewachsen, jeder dritte Italiener unter 18 Jahren lebt heute an der Armutsgrenze. Und ab 2015 soll das Land, wie mit Brüssel vereinbart, jedes Jahr fünf Prozent des BIP, also seiner gesamten Wirtschaftsleistung, zur Abtragung des Schuldenberges einsetzen.

Das mag makroökonomisch richtig sein. Für die Menschen ist es eine ungeheure Zumutung. Sie werden - weil es keine dauerhafte Wachstumsrate über fünf Prozent geben wird - allesamt jedes Jahr noch ärmer. Das werden sie sich nicht gefallen lassen und sich in noch größerer Zahl um antieuropäische Populisten scharen. In Brüssel wurde bislang viel überlegt und vereinbart, um Banken und Staaten zu retten. Die Menschen spielten dabei bislang eine zu kleine Rolle. Auf Dauer wird die EU so keinen Bestand haben.

Das müsste man sich vielleicht auch in Berlin überlegen, von wo heute der wohl dümmste Kommentar zur Italien-Wahl kam. FDP-Chef und Wirtschaftsminister Philipp Rösler appellierte an die "politische Vernunft" in Rom: "Zum bisher eingeschlagenen Kurs" gebe es "keine Alternative". Die gibt es offenbar doch, zum Beispiel Grillo wählen. "Die haben Angst vor uns", schrie der kürzlich über einen mit Menschen vollgepackten Platz in Trient, "in ganz Europa haben sie Angst vor uns."

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insgesamt 207 Beiträge
1. Europa...soso
zynik 26.02.2013
"Wut-Komiker", "Bunga-Bunga", biederer Sozialdemokrat...die politische Berichterstattung bei SPON ist wirklich beeindruckend. Ich frage mich die ganze Zeit, wie die Damen und Herren Redakteure es denn mit [...]
Zitat von sysopAFPDas Chaos in Italien ist perfekt. Wahlsieger ist ein Wut-Komiker, der "Bunga Bunga"-Mann mischt auch wieder mit, und ein biederer Sozialdemokrat steht dazwischen. Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Viele Menschen hoffen auf ein Wunder. Italiens Wahlsieger Grillo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/italiens-wahlsieger-grillo-a-885694.html)
"Wut-Komiker", "Bunga-Bunga", biederer Sozialdemokrat...die politische Berichterstattung bei SPON ist wirklich beeindruckend. Ich frage mich die ganze Zeit, wie die Damen und Herren Redakteure es denn mit dem europäischen Gedanken halten, wenn man derart verächtlich über die Wahlen in einem souveränen Land berichtet. Allein der Sprachgebrauch zeigt, dass wohl nicht nur den gottgleichen Finanzmärkten langsam aber sicher die Hose flattert. Oder ist das nur mit der aktuellen deutschen Großmannssucht zu erklären?
2. wir sollten
angnaria 26.02.2013
sparunwillige Club-Med Staaten in den Staatsbankrott schicken - samt Euro-Austritt und allem was dazugehört. Sie verteufeln uns ja sowieso schon - dann haben sie wenigstens zurecht etwas zu schimpfen.
sparunwillige Club-Med Staaten in den Staatsbankrott schicken - samt Euro-Austritt und allem was dazugehört. Sie verteufeln uns ja sowieso schon - dann haben sie wenigstens zurecht etwas zu schimpfen.
3. Nein!
pappa_lapapp 26.02.2013
Nein! Ganz klar...das ist die Antwort der Italiener auf die deutsche (Mutti)Arroganz. Berlusconi und Beppo wurden nicht müde es ihren Landsleuten immer und immer wieder unter die Nase zu reiben.
Zitat von sysopAFPDas Chaos in Italien ist perfekt. Wahlsieger ist ein Wut-Komiker, der "Bunga Bunga"-Mann mischt auch wieder mit, und ein biederer Sozialdemokrat steht dazwischen. Wie konnte das passieren? Ganz einfach: Viele Menschen hoffen auf ein Wunder. Italiens Wahlsieger Grillo - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/italiens-wahlsieger-grillo-a-885694.html)
Nein! Ganz klar...das ist die Antwort der Italiener auf die deutsche (Mutti)Arroganz. Berlusconi und Beppo wurden nicht müde es ihren Landsleuten immer und immer wieder unter die Nase zu reiben.
4. optional
steelman 26.02.2013
Raus aus de EU, Lira wieder einführen, dann kann ich mir mit meinen paar Kröten auch mal wieder einen Urlaub in der Sonne leisten.
Raus aus de EU, Lira wieder einführen, dann kann ich mir mit meinen paar Kröten auch mal wieder einen Urlaub in der Sonne leisten.
5. Reichtum
GerwinZwo 26.02.2013
"Deutschland und einige andere Nordländer sind mit dem Euro reicher geworden, andere Regionen, vor allem im Süden, sind ärmer geworden." Diese Behauptung wird auch bei ständiger Wiederholung nicht richtiger. [...]
"Deutschland und einige andere Nordländer sind mit dem Euro reicher geworden, andere Regionen, vor allem im Süden, sind ärmer geworden." Diese Behauptung wird auch bei ständiger Wiederholung nicht richtiger. Einige Eliten sind reich geworden, im Norden wie im Süden. Der Durchschnittsbürger ist durch den Euro ärmer geworden. Der im Norden übrigens noch stärker als der im Süden.

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