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29.03.2013
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Frankreichs Präsident im TV-Interview

Der unheimlich optimistische Monsieur Hollande

Von Mathieu von Rohr, Paris
AFP

François Hollande im Fernsehinterview: Reichensteuer auf Umwegen

Der unpopuläre François Hollande wollte den Franzosen in einem TV-Interview zeigen, dass er seinem Job als Präsident gewachsen ist. Er wagt eine Wette auf sinkende Arbeitslosenzahlen, verspricht, die Steuern nicht zu erhöhen - und kritisiert die deutsche Europapolitik.

Paris - Es war von Anfang an eine schier unmögliche Mission: Ein Fernsehinterview am Donnerstagabend auf France 2 sollte den dramatischen Verfall von François Hollandes Umfragewerten stoppen - seine Zustimmungswerte haben sich seit seinem Amtsantritt von rund 60 Prozent auf gut 30 Prozent fast halbiert.

Es ist vier Monate her, seit Hollande sich zuletzt an die Nation gewandt hat, seither war er abgetaucht und deswegen hart kritisiert worden. Nun wollte er mit seinem Auftritt vor allem eine symbolische Botschaft vermitteln: Frankreich hat einen Präsidenten, auch wenn das in den vergangenen Monaten manchmal nicht so wirkte. Und dieser Präsident hat die Sache im Griff.

Das gelingt Hollande - so gut das eben gehen kann, wenn man eigentlich nicht viel Konkretes zu erzählen hat. Sein Auftritt ist eine Mischung aus Belehrung, Ankündigung, Motivationsrede und ungewohntem Klartext: Die Arbeitslosigkeit werde sinken, die Steuern würden nicht mehr weiter erhöht und die Bürokratie abgebaut - schließlich bekennt er gar, dass die Franzosen künftig für ihre Rente länger arbeiten müssen. Und zur Euro-Krise rutscht ihm heraus: "Wie Sie wissen, haben Madame Merkel und ich nicht die gleichen Vorstellungen."

Es ist keines der üblichen Präsidenteninterviews, wie man sie sonst in Frankreich kennt: Sarkozy ließ sich gerne von drei Journalisten zugleich hinter seinem Schreibtisch im Elysée-Palast Stichworte liefern - kritische Nachfragen waren nicht vorgesehen. Das Genre des Präsidenteninterviews hat in Frankreich traditionell wenig mit Journalismus zu tun, es ist eher ein von artigen Einwürfen unterbrochener Monolog.

Das ist diesmal anders: Das Studio ist eingerichtet wie eine Kampfarena, in der Mitte eines großen mit Bildschirmen ausgekleideten Raums sitzen sich der Präsident und Moderator David Pujadas an einem kleinen quadratischen Tisch gegenüber. Der Präsident, der sonst abgeschottet in seinem Schloss residiert, wirkte darin klein und normal.

"Alle Mittel sind da"

"Es gibt Enttäuschung im Land, eine Desillusionierung", so beginnt Pujadas sein Interview: "Es geht um Sie und Ihre Amtsausübung. Viele Menschen fragen sich, ob Sie im Sturm wirklich die Autorität und eine feste Hand haben."

Hollande sitzt zu Beginn angespannt und etwas verkniffen auf seinem Stuhl. Er beantwortet die Frage nicht, erzählt dafür, dass ihm ja immer bewusst gewesen sei, worauf er sich einlasse. Dann setzt er zu Belehrungen darüber an, was er alles bereits unternommen habe: eine Senkung der Unternehmenssteuern, die angedachte Reform des Arbeitsrechts - "alle Mittel sind da", behauptet Hollande. Er klingt wie eine Platte, die man zu oft gehört hat, nicht wie ein Präsident, sondern wie ein Kommentator, manchmal gar wie ein Wirtschaftsprofessor.

Doch dann geht Hollande vor der ganzen Nation eine geradezu waghalsige Wette ein: Die Arbeitslosigkeit werde noch bis zum Ende des Jahres steigen, sagt er, dann aber werde sie anfangen zu sinken. Woher er das wissen will, sagt er nicht. Er kauft sich damit ein wenig Zeit; doch sollte seine Vorhersage nicht eintreffen, hätte er sich damit ein Problem mehr eingebrockt.

Es ist nicht ausgeschlossen, dass in diesen drögen ersten Minuten viele der Leute ausschalten, die der Präsident eigentlich erreichen will. Doch im Lauf der Sendung gelingt es dem Präsidenten, einen dynamischeren Ton anzuschlagen. Wie so oft, wenn er in Bedrängnis gerät, gewinnt Hollande an Schlagfertigkeit.

Der Interviewer David Pujadas bringt ihn auch mit Fragen nach der Europapolitik in Bedrängnis: Ob Frankreich überhaupt noch eine Rolle spiele? Ob Deutschland nicht alles bestimme, womöglich noch zusammen mit den Niederlanden und Finnland?

Hollande beteuert einmal mehr, er habe schließlich den "Wachstumspakt" durchgesetzt. Er habe auch "tatkräftig daran mitgewirkt, dass die Euro-Krise nun geregelt ist". Nun gehe es ja nur noch um kleine Länder. Als ihn der Journalist immer wieder fragt, warum er der "Austeritätspolitik" in Europa entgegen seiner Ankündigungen nichts entgegensetze, warnt Hollande: Mit Austeritätspolitik werde es in Europa nie zu Wachstum und zu ausgeglichenen Budgets kommen: "Wollen Sie etwa Extremisten in Europa sehen, gar Neonazis?"

"Freundschaftliche Anspannung" mit Madame Merkel

Dann sagt Hollande ungewohnt ehrlich: Zwischen Deutschland und Frankreich herrsche eben "freundschaftliche Anspannung". Es entschlüpft ihm gar ein Satz, bei dem er mittendrin wirkt, als hätte er ihn lieber nicht begonnen. Er muss ihn aber doch zu Ende sprechen: "Wie Sie wissen, haben Frau Merkel und ich... nicht die gleichen Vorstellungen." Das ist tatsächlich bekannt, üblicherweise wird es aber nicht öffentlich ausgesprochen.

Als es um die schwächelnde französische Industrie geht, dringt bei Hollande ebenfalls ein wenig Rivalität mit Deutschland durch: "Ich zähle auf unsere Unternehmer", sagt er. "Ist Deutschland stärker als wir? Nein!" Zweimal im Lauf des Abends sagt er: "La France est un grand pays", Frankreich ist ein großes Land.

Hollande will nicht mehr als ewiger Zauderer, sondern als Handelnder erscheinen. Seine Priorität sei die Senkung der Arbeitslosigkeit, seine Vorgabe sei Wachstum. Er verspricht einen "Vereinfachungsschock", er werde Bürokratie abbauen, das komme den Unternehmen zugute. Die Gutverdienenden sollen nicht mehr wie bisher teils gewaltige Familienzulagen bekommen. Mit einem Trick soll nun auch die vom Verfassungsrat gekippte 75-Prozent-Steuer für Einkommensmillionäre kommen - sie soll nun von den Unternehmen bezahlt werden.

Das bleibt aber Hollandes einzige Geste an die Linke, die ihn längst fast genauso unerbittlich kritisiert wie die Konservativen. Ansonsten positioniert er sich deutlicher in der Mitte als bisher: Es werde 2013 und 2014 keine neuen Steuern geben, sagt er. Künftig müsse das Budget mit Einsparungen ausgeglichen werden. Er macht klar: Das Rentenalter werde künftig steigen müssen - dazu gibt er zwar keine Details, doch die Ankündigung ist bemerkenswert für einen Präsidenten, der unter anderem mit dem Wahlversprechen eines niedrigeren Rentenalters für einen Teil der Bevölkerung gewählt wurde.

"Ich habe ein dickes Fell, ich bin kaltblütig"

"Ich bin nicht mehr der Präsident der Sozialisten, ich bin der Präsident aller Franzosen", sagt Hollande an einer Stelle des Gesprächs gar. Es wird sich zeigen, ob das mehr ist als eine Binsenweisheit. Denn der Präsident bleibt sich an diesem Abend auch treu in seiner Manier, immer wieder ins Allgemeine auszuweichen und Konkretes zu meiden. Es bleibt der eher beunruhigende Eindruck, er halte die bisherigen wirtschaftlichen Reformen für ausreichend.

Am Ende des Gesprächs sagt Hollande: "Ich habe ein dickes Fell, ich bin kaltblütig." Er werde nicht beim ersten Gegenwind aufgeben, seine Verantwortung sei es, das Land in einem Kampf anzuführen. "Ich will nur nach einem Maßstab beurteilt werden: Ob ich Gutes für Frankreich getan habe."

Das sind schöne Worte. Aber sie werden kaum dafür gesorgt haben, dass Hollandes Popularität nun in die Höhe schnellt. Er hat seinen Auftritt zwar ordentlich hinter sich gebracht, aber letztlich kann seiner Beliebtheit nur eines helfen: wirtschaftliche Besserung und sinkende Arbeitslosenzahlen.

Ob Hollande genügend unternimmt, damit die Wirtschaft bald wieder wächst, daran bleiben aber auch nach seinem großen Interview erhebliche Zweifel. Er hat sich damit nicht mehr als eine kleine Atempause verschafft - sein Optimismus angesichts der schweren Krise in Frankreich aber wirkt seltsam abgehoben von der Wirklichkeit.

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insgesamt 216 Beiträge
1. Nix Neues im Westen
seine-et-marnais 29.03.2013
Nach dem Interview bin ich auch nicht schlauer als vorher. Zusammengefasst halt, aber alles war vorher schon bekannt. Das war kein Interview eines Präsidenten, eher eines Ministers oder vielleicht Premierministers. Keine [...]
Zitat von sysopAFPDer unpopuläre François Hollande wollte den Franzosen in einem TV-Interview zeigen, dass er seinem Job als Präsident gewachsen ist. Er wagt eine Wette auf sinkende Arbeitslosenzahlen, verspricht, die Steuern nicht zu erhöhen - und kritisiert die deutsche Europapolitik. http://www.spiegel.de/politik/ausland/fran-ois-hollandes-fernsehinterview-a-891657.html
Nach dem Interview bin ich auch nicht schlauer als vorher. Zusammengefasst halt, aber alles war vorher schon bekannt. Das war kein Interview eines Präsidenten, eher eines Ministers oder vielleicht Premierministers. Keine zukunftsweisende Vision eines Staatsmannes sondern buchhalterische Aufarbeitung. Was zurückbleibt ist ein schaler Geschmack vor allem wie bei der Ankündigung eines Schocks um die Wirtschaft zu beleben, und dann ist das lediglich dass man die überbordende Bürokratie abbauen will. Auf diesem Niveau quälte sich das hin. Ich habe halt den Anfang des Films mit Romy Schneider im 3. Programm versäumt, den kannte ich aber auch schon, ebenfalls eine Wiederholung.
2. na wo ist den die SPD Truppe
herbert 29.03.2013
Gabriel Steinmeier Steinbrück? Die waren doch die esrten die nach Frankreich geflogen sind und wollten Hollande sozialistischen Beistand geben! Eines ist sicher, wenn die Wirtschaft in France weiterhin abstürzt dann brennen [...]
Gabriel Steinmeier Steinbrück? Die waren doch die esrten die nach Frankreich geflogen sind und wollten Hollande sozialistischen Beistand geben! Eines ist sicher, wenn die Wirtschaft in France weiterhin abstürzt dann brennen die Strassen dort mit dicken Demis.
3. Nul, Nul, Nul
nichtsnuz 29.03.2013
... Hollande ist ein "accident de l'Histoire". Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Die Franzosen verdienen mehr, anders, besser, 'grösser'.
... Hollande ist ein "accident de l'Histoire". Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient. Die Franzosen verdienen mehr, anders, besser, 'grösser'.
4. Das Interview eines Versager-Sozialisten
Mara Cash 29.03.2013
Hollande hat nichts vorzuweisen außer prominenter Steuerflüchtlinge, Rezession und steigende Arbeitslosigkeit. Er ist ein konzeptloser Sozialist ohne sinnvolle Konzepte - er würgt die Wirtschaft immer mehr ab. Ein Schandfleck [...]
Hollande hat nichts vorzuweisen außer prominenter Steuerflüchtlinge, Rezession und steigende Arbeitslosigkeit. Er ist ein konzeptloser Sozialist ohne sinnvolle Konzepte - er würgt die Wirtschaft immer mehr ab. Ein Schandfleck für Europa und der Sargnagel Frankreichs.
5. Hollande
leuschner-h 29.03.2013
Ein Mann der offensichtlich mehr von Rhetorik versteht als von Politik, ein Blender eben. Er wird auf jeden Fall noch Geschichte schreiben.Viva la France, es lebe der größte Reformer Frankreichs.
Ein Mann der offensichtlich mehr von Rhetorik versteht als von Politik, ein Blender eben. Er wird auf jeden Fall noch Geschichte schreiben.Viva la France, es lebe der größte Reformer Frankreichs.

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