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Politik

Türkischer Vormarsch in Syrien

Der Kessel von Afrin

Die türkische Armee setzt im Kampf gegen die Kurdenmiliz YPG auf massive Luftbombardements - mit Erfolg: Die syrische Stadt Afrin ist eingekesselt. Es droht ein langer, blutiger Häuserkampf.

DPA
Von und
Dienstag, 13.03.2018   19:04 Uhr

Das Gebiet um Afrin ist hügelig, voller Schlamm. Die türkische Armee kam in den vergangenen Wochen kaum voran bei ihrer Offensive auf die von der YPG-Miliz gehaltenen Kurdenhochburg. Das lag nicht am schwierigen Terrain, sondern am massiven kurdischen Widerstand.

Doch nun haben die Truppen Ankaras gemeinsam mit ihren arabischen Verbündeten von der Freien Syrischen Armee (FSA) die Stadt Afrin eingekesselt, nehmen die Zufahrtswege unter heftigen Beschuss. 300.000 Menschen sollen sich noch in dem Ort befinden.

Bereits in der vergangenen Woche hat die Türkei die Stadt Dschinderes eingenommen, südwestlich von Afrin gelegen. Türkische Kampfjets hatten den Ort zuvor massiv beschossen. Die YPG leistete kaum Widerstand.

Beobachter gehen davon aus, dass sich die Miliz aus taktischen Gründen zurückgezogen hat, um Kämpfer für Afrin aufzusparen. Die sollen nun - so die türkische Sicht - wie zuvor in Dschinderes mit Dauerbombardements mürbe gemacht, die Stadt für Bodentruppen sturmreif geschossen werden.

Warnungen vor hohen Opferzahlen

Menschenrechtsorganisationen warnen vor einem Blutbad, sollte es, wie von beiden Kriegsparteien angekündigt, zu einem wochen- oder gar monatelangen Häuserkampf kommen.

Seit dem 20. Januar bekämpft das türkische Militär die YPG. Ziel der "Operation Olivenzweig" ist es, die kurdische Miliz im Norden Syriens zu zerschlagen und aus dem Grenzgebiet zu vertreiben.

Ankara beruft sich bei seiner Militäroffensive auf das Selbstverteidigungsrecht nach Artikel 51 der Uno-Charta. Der wissenschaftliche Dienst des Bundestages kam jedoch in der vergangenen Woche zu dem Schluss, dass konkrete Beweise für eine Bedrohung fehlten.

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Operation "Olivenzweig": Gefechte an der Grenze zu Syrien

Die Kurdenkämpfer sind die wichtigsten Verbündeten der USA beim Einsatz gegen die Extremistengruppe "Islamischer Staat" (IS). Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht in der YPG einen Ableger der als Terrororganisation eingestuften kurdischen Arbeiterpartei PKK. Er will verhindern, dass sich im türkisch-syrischen Grenzgebiet kurdische Milizen etablieren.

Diese wollen dort ihren eigenen Staat errichten: Rojava. Ein Territorium, das aus vier Kantonen besteht: von der nun umkämpften Enklave Afrin im Nordwesten über die Städte Manbidsch am Euphrat und Kobane bis hin nach Kamischli im Nordosten.

DER SPIEGEL

In Manbidsch sind auch US-Spezialkräfte stationiert. Die Soldaten des Nato-Partners beraten die YPG-Kämpfer und bilden sie aus - zum Ärger der Türkei, die ihre Offensive ausweiten will.

Erdogan sandte Anfang Februar eine deutliche Botschaft an die Vereinigten Staaten: Sollten die US-Militärs in Manbidsch einem möglichen Angriff auf die Kurdenenklave im Wege stehen, würden sie eine "osmanische Ohrfeige" erhalten.

An der Wortwahl wird es nicht gelegen haben, aber fest steht: Die Türkei und die USA verhandeln mittlerweile offenbar über einen Abzug der YPG aus Manbdisch. Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu erklärte am Dienstag während eines Besuches in Moskau sogar, beide Seiten seien sich darüber weitgehend einig. Demnach sollen Truppen der Türkei und der USA künftig in Manbidsch stationiert sein.

Afrin - und dann?

Bislang haben sich die USA zur Erklärung Cavusoglus nicht geäußert. In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Berichte, wonach Washington 30.000 Männer und Frauen der Kurdenmiliz zu einerArt Grenzschutztruppe hochrüsten wolle.

Das Ziel: Eine eigene dauerhafte und schlagkräftige Präsenz in Syrien aufbauen, ein neuerliches Erstarken des IS verhindern - und ein Signal an Russland und Iran senden, die im Syrienkrieg Machthaber Baschar al-Assad mit eigenen Truppen unterstützen.

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Türkische Militäroffensive: Schlacht um Afrin

Davon ist nun keine Rede mehr. Vielmehr stehen die Kurden vorerst auf sich allein gestellt da. Der Luftraum über Afrin wird von Russland kontrolliert. Solange Wladimir Putin die Türkei gewähren lässt, verfügt das türkische Militär über einen strategischen Vorteil, der sich mit jedem Tag auf dem Schlachtfeld stärker bemerkbar macht.

Experten bezweifeln, dass die YPG-Miliz trotz der eigenen Truppenmassierung Angriffe der Türkei dauerhaft abwehren kann. "Weder die USA noch Russland werden intervenieren, um die Schlacht um Afrin in einen Erfolg für die YPG zu verwandeln", sagt Nicolas Heras vom "Center for a New American Security" dem Portal Al-Monitor. "Die YPG wäre besser beraten, sich östlich des Flusses Euphrat zurückzuziehen."

Doch selbst wenn die Türkei Afrin schnell einnehmen sollte, ist unklar, wie es danach weitergeht. Afrins Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Kurden. Zwar unterstützen nicht alle von ihnen die YPG. Trotzdem dürften die Menschen in Afrin eine türkische Besatzung oder eine Herrschaft durch die Freie Syrische Armee kaum dauerhaft hinnehmen.

insgesamt 64 Beiträge
geschneider 13.03.2018
1. Kein Problem
So böse Bilder und schlimme Berichte wie über Ghouta wird es aus Afrin nicht geben. Nicht etwa weil die Menschen da weniger terrorisiert werden, sindern weil nicht sein kanm, was nicht sein darf. Der liebe Sultan Erdogan ist ja [...]
So böse Bilder und schlimme Berichte wie über Ghouta wird es aus Afrin nicht geben. Nicht etwa weil die Menschen da weniger terrorisiert werden, sindern weil nicht sein kanm, was nicht sein darf. Der liebe Sultan Erdogan ist ja unser guter Nato Verbündeter und trotz des Überfalls seines Militärs auf Syrien kein Kriegsverbrecher.
meinerlei 13.03.2018
2. Angriffskrieg
Die Türkei lässt auch verbal keinen Zweifel daran, was sie vorhat: Ihr Gebiet erweitern und sich ein ordentliches Stück aus Syrien herauszuschneiden. Ohne dass ihr Staatsgebiet angegriffen worden wäre, wird 'präventiv' die [...]
Die Türkei lässt auch verbal keinen Zweifel daran, was sie vorhat: Ihr Gebiet erweitern und sich ein ordentliches Stück aus Syrien herauszuschneiden. Ohne dass ihr Staatsgebiet angegriffen worden wäre, wird 'präventiv' die Heimat Hunderttausender in Schutt und Asche gelegt. Ein Armutszeugnis für die internationale Gemeinschaft, dass dagegen nicht vorgegangen wird, denn möglich wäre dies auch militärisch ohne Weiteres. Und die USA verspielen in der Gegend den Rest jeglichen Ansehens, indem sie ihren Verbündeten fallen lassen. Obwohl doch jeder weiß, in welcher Katastrophe solches Agieren nach aktueller Wetterlage endet.
viceman 13.03.2018
3. man warnt vor einem
Blutbad, welch ein Unfug, das Blutbad findet doch schon statt. wer meint denn, was jetzt schon an Unmengen von Blut geflossen ist. die Türkei überfällt seinen Nachbarn , zerbomt deren Land und die hiesigen politschranzen [...]
Blutbad, welch ein Unfug, das Blutbad findet doch schon statt. wer meint denn, was jetzt schon an Unmengen von Blut geflossen ist. die Türkei überfällt seinen Nachbarn , zerbomt deren Land und die hiesigen politschranzen schreien, der Russe sei schuld. was für eine Welt,ich warte Mal ab, wann der neue US- Aussenminister die Massenvernichtungswaffen in Syrien findet und losschlagen will...
decathlone 13.03.2018
4. Die YPG sollte sich nicht nur strategisch zurückziehen...
... sie sollte auch aufhören für alle anderen den Kopf im Kampf gegen den IS hinzuhalten. Mal sehen, was dann passiert. Ob wir uns dann auch noch von IS-Freund Erdogan auf der Nase rumtanzen lassen? Die Tage der Türkei in der [...]
... sie sollte auch aufhören für alle anderen den Kopf im Kampf gegen den IS hinzuhalten. Mal sehen, was dann passiert. Ob wir uns dann auch noch von IS-Freund Erdogan auf der Nase rumtanzen lassen? Die Tage der Türkei in der NATO und die Tage der Türkei selbst sind sowieso gezählt.
fev99 13.03.2018
5. Hilferuf
Schuld an diesem Desaster sind Fr. Merkel und Hr. Gabriel. Der Deal war einfach: DE schickt Waffen und ist beim Einmarsch der türkischen Armee nach Afrin „Leise“ und dafür gibts den Hr. Yücel ganz plötzlich frei. Das die [...]
Schuld an diesem Desaster sind Fr. Merkel und Hr. Gabriel. Der Deal war einfach: DE schickt Waffen und ist beim Einmarsch der türkischen Armee nach Afrin „Leise“ und dafür gibts den Hr. Yücel ganz plötzlich frei. Das die Kurden stellvertretend für den Westen die IS-Terroristen bekämpft haben fanden alle super, jetzt ist der IS besiegt, da lässt man die Kurden fallen. Deutschland deine Werte sind nichts Wert !! Ich verachte jeden deutschen Politiker. Ihr seit verantwortlich für den Niedergang der Kurden in Syrien. Ich als Kurde werde das gleiche tun und bei der nächsten Wahl für euren Niedergang sorgen und die AFD wählen ! VERSPROCHEN!! Was hab ich denn noch zu verlieren als Kurde?
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