Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Obama im US-Kongresswahlkampf

Ja, er kann's noch

Ein Auftritt voller Nostalgie: Ex-Präsident Barack Obama macht in Nevada Wahlkampf gegen Donald Trump - weil seine Partei ohne ihn nicht kann.

Foto: AFP
Aus Las Vegas, Nevada, berichtet
Dienstag, 23.10.2018   17:06 Uhr

Kandidiert er wieder? Die Frau, die ihn vor der Sporthalle anspricht, ist ganz aufgeregt. Barack Obama lacht. "Ich kandidiere für die Menschheit", sagt er. "Ich kandidiere für die Ewigkeit." Er hält sein Handy hoch und wandert winkend an der jubelnden Menge vorbei, die geduldig wartet. Auf ihn, Barack Obama.

Natürlich ist der Mann vor der Sporthalle nicht Obama. Er sieht ihm ähnlich, schwarzer Anzug, schwarze Sonnenbrille, Haare stimmen, Lächeln auch. Doch er ist definitiv zu klein.

Er heißt Derrick "Mobama" Maxwell, so steht's auf seiner Visitenkarte. Der Profi-Doppelgänger - einer von vielen in Las Vegas - nutzt die Gunst der Stunde, um seine alte Nummer abzustauben: "Dies ist eine seltene Gelegenheit."

So selten, dass sie schräge Vögel, fliegende Händler und rund 2000 Begeisterte anlockt, wie eine Abba-Reunion-Show. Stundenlang harren sie in der Sonne aus, um den echten Obama zu erleben, der drinnen auftritt, in derselben Basketball-Arena der University of Nevada, in der er zuletzt 2012 Wahlkampf gemacht hat.

Jetzt ist wieder Wahlkampf - und auch Obama ist wieder da. Doch nicht mehr für sich selbst, sondern für örtliche Kongresskandidaten, von denen er manche noch nie getroffen hat.

Fotostrecke

Obama im US-Wahlkampf: Ein wenig wie früher

Denn sie sind eigentlich ja nur Statisten in einer größeren Aufführung. Der 44. Präsident der USA bequemt sich aus dem Ruhestand, um dem 45. Präsidenten der USA die Flügel zu stutzen. So offen sagt das zwar keiner, aber darum geht es bei diesen Halbzeitwahlen, für die Demokraten jedenfalls: Könnten sie den Kongress am 6. November kippen, dann würde es schwer für Donald Trump.

Da geht kein Weg am Casino-Staat Nevada vorbei, wo selbst die Politik ein Glücksspiel ist und alle wichtigen Rennen gerade so ziemlich fifty-fifty stehen.

In Las Vegas assistiert Obama unter anderem der Kongressabgeordneten Jacky Rosen, die den republikanischen Senator Dean Heller stürzen will. Heller war mal total Anti-Trump, jetzt ist er total Pro-Trump, wie die meisten Republikaner.

Obama-Nostalgie hängt über allem

Er habe Rosen vorher nicht gekannt, sagt Anthony Dominguez, 18, der ein Rosen-Hemd trägt und draußen Rosen-Flugblätter verteilt. Aber Trump sei ihm zuwider. Dominguez kann 2018 zum ersten Mal wählen - als Obama Präsident wurde, war er acht.

Obama-Nostalgie hängt über allem. Briston Clayton verhökert alte Wahlkampf-Memorabilia von 2008 und 2012: Baseballmützen, Anstecker, T-Shirts, zehn Dollar "plus Trinkgeld". "Trump ist ja auch nicht so schlecht", gibt der 62-Jährige zu. "Aber Obama, logisch." Er freue sich auf dessen Rede. "Wie früher."

Alles wie früher, fast. Nach dem langen Vorprogramm, bei dem ihm das Hip-Hop-Duo Salt-N-Pepa seinen Neunzigerjahre-Hit "Whatta Man" widmet, sprintet Obama auf die Bühne, ohne Sakko, weißes Hemd offen, Ärmel hochgekrempelt.

Wie damals, in seinem ersten Vorwahlkampf Anfang 2008, als er noch ganz ohne Manuskript, Teleprompter und Pathos auskam. Obama unplugged. Nur dass die spartanische Halle diesmal halbleer bleibt, irgendwie hat man mehr erwartet. Ist die Luft raus? "Ich habe viel zu sagen!", ruft er. "Yes, we can!", schallt es zurück.

Obama spricht von einer "politischen Dunkelheit", die sich übers Land gelegt habe. Diagnostiziert den Niedergang unter Trump: die Zivillosigkeit, die Demagogie, die Korruption, der Absturz Amerikas zur "Westentaschendiktatur".

Fotostrecke

Obama im US-Wahlkampf: Ein wenig wie früher

Trump selbst nennt er kein einziges Mal beim Namen, muss er auch nicht.

"Wirtschaftswunder?", schnaubt Obama. "Erinnert ihr euch vielleicht, wem das zu verdanken ist?" Die Menge trampelt. "Wir lieben dich!", schreit ein Mann.

"Diese Wahl ist wichtiger als alle anderen in meinem Leben", ruft Obama. "Yeah!", brüllt eine Frau zurück, wie in einer Gospelkirche. "Sag's uns!"

Jedesmal, wenn Obama die andere Seite erwähnt, buhen sie. "Buht nicht!", entgegnet er. "Wählt!" Je höher die Wahlbeteiligung, desto besser die Chancen der Demokraten: "Die größte Bedrohung der Demokratie ist Gleichgültigkeit."

Wohl deshalb hat auch er sich noch mal in den Wahlkampf gestürzt. Zu spät? Trump tingelt schon auf Triumph-Tour durchs Hinterland, wo er seine Basis aufpeitscht, mit Lügen und Verschwörungstheorien. Seine Umfragewerte steigen, in Texas spricht er fast zeitgleich mit Obama vor rund 18.000 Leuten.

Die einzig einende, charismatische Figur bleibt Obama

Den Demokraten - die plötzlich wieder bangen müssen - fehlt es an einer neuen, einenden, charismatischen Figur. Selbst mit Jungstars wie Beto O'Rourke in Texas und Alexandria Ocasio-Cortez in New York, jenen überhöhten Hoffnungsträgern.

Ihre einzig einende, charismatische Figur bleibt - Obama. Also ließ der sich seit September wieder in den Ring locken: hochdotierte Spendendinner, "endorsements" (das offizielle Obama-Gütesiegel) für gefährdete Kandidaten, spärliche Reden.

Nach 40 Minuten ist Schluss, Obama vermeidet Schlagzeilen. Zum Abschied wirft er sich noch mal buchstäblich ans Publikum, lehnt sich über die Barrikaden, um die Leute zu herzen. Hände recken sich, Handys schießen hoch, der Ruheständler strahlt übers ganze Gesicht. Fast wie früher.

insgesamt 9 Beiträge
Elrond 23.10.2018
1. Wie sehr ich seinen Intellekt und seine mitreißenden Reden vermisse
Schön, dass Obama sich wieder einmal der Öffentlichkeit gezeigt hat und kämpferisch für die Midterms wirbt. Schade, dass er so selten zu sehen ist. Wenn man seine Reden mit dieser Flachpfeife vergleicht, kann es einem nur die [...]
Schön, dass Obama sich wieder einmal der Öffentlichkeit gezeigt hat und kämpferisch für die Midterms wirbt. Schade, dass er so selten zu sehen ist. Wenn man seine Reden mit dieser Flachpfeife vergleicht, kann es einem nur die Tränen in die Augen treiben. Ich hoffe, wir sehen noch sehr viel von diesem wahrhaft begnadeten Redner.
Hoeni Saubermann Uleß 23.10.2018
2. Eine hätte ich
Warum ist Obama ein um so vieles besserer Schauspieler als Trump, dem viele deshalb den "Good Guy" abkaufen? So wie Trumps Wähler Trump gerne den Bad Guy, der er ja auch tatsächlich ist, abkaufen. Es ist nicht [...]
Warum ist Obama ein um so vieles besserer Schauspieler als Trump, dem viele deshalb den "Good Guy" abkaufen? So wie Trumps Wähler Trump gerne den Bad Guy, der er ja auch tatsächlich ist, abkaufen. Es ist nicht schwer irgendwie besser als Trump als zu sein, aber beide machen doch US amerikanische Politik. Gut, Trump versucht zumindest so etwas ähnliches wie Politik zu machen. US amerikanisches Gebahren ist meist nicht gut für die Welt, bis auf ein paar wenige Ausnahmen vielleicht. Wie die Geschichte uns lehrte und gerade wieder lehrt, live.
Howeynous 23.10.2018
3. "Jenen überhöhten Hoffnungsträgern"
Wie schön es doch ist, eine Glaskugel wie den SPIEGEL für jedermann frei zugänglich zu haben :) Aber ich kenne das, als ich mein Mathematik-Studium begonnen habe, war die Fields-Medaille für meine Familie quasi nur noch [...]
Wie schön es doch ist, eine Glaskugel wie den SPIEGEL für jedermann frei zugänglich zu haben :) Aber ich kenne das, als ich mein Mathematik-Studium begonnen habe, war die Fields-Medaille für meine Familie quasi nur noch eine Frage der Zeit. Als sie dann nicht kam und nicht kommen wird, wurde ich natürlich auch zum überhöhten Hoffnungsträger abgestempelt. AOC und Beto tun beide insgesamt ihrer Partei und dem öffentlichen Diskurs in den USA sehr gut, aber beide sind noch nicht gewählt und stecken nun mal in einem lokalen Wahlkampf, für Beto sieht es aktuell auch leider nicht besonders gut aus. Nicht, weil der Mann eine Enttäuschung ist, sondern weil der Staat Texas heißt. Dass abtrünnige Wähler kurz vor einer wichtigen Wahl doch wieder zu ihrer Stammpartei zurückkehren, lässt sich etwa seit 100 Jahren beobachten. Und in Texas hilft dieses Phänomen nun mal mehrheitlich den Republikanern. Das Problem der Demokraten ist schon seit jeher, dass die Partei keine einheitliche Agenda verfolgt und die Führung komplett unfähig ist, Druck auf Abweichler in den eigenen Reihen auszuüben. Damit meine ich explizit Abweichler nach rechts. Das galt, leider, auch für Herrn Obama, den ich insgesamt noch immer positiv sehe. Sanders und Ocasio-Cortez fordern seit Monaten bei jeder Gelegenheit und täglich einen Mindestlohn von 15 $ und eine Bürgerversicherung nach Beispiel Kanadas. Beide Forderungen genießen über 70 % Unterstützung in der Bevölkerung und über 85 % in der demokratischen Wählerschaft, allerdings nur 50 % Rückhalt unter Politikern der eigenen Partei. Die Parteiführung redet daher auch lieber in abstrakten Phrasen, als diese Forderungen in ihr offizielles Programm aufzunehmen und offensiv zu vertreten und macht lieber Wahlkampf nach dem Motto "Trump ist sehr, sehr böse, wir sind gut". So gewinnst du halt nichts. Kürzlich hat sich auch Obama übrigens für eine Bürgerversicherung ausgesprochen. Schade nur, dass dieser Mann nie in einer Position war, von der aus er diesen Herzenswunsch hätte umsetzen können...
KingTut 23.10.2018
4. Ein Segen
Es ist eine Wohltat, Barack Obama anlässlich der bevorstehenden Midterms wieder öfter in der Öffentlichkeit zu sehen. Wie sehr wird er vermisst von all jenen, die sich nach Moral und Anstand im Weißen Haus zurück wünschen. [...]
Es ist eine Wohltat, Barack Obama anlässlich der bevorstehenden Midterms wieder öfter in der Öffentlichkeit zu sehen. Wie sehr wird er vermisst von all jenen, die sich nach Moral und Anstand im Weißen Haus zurück wünschen. Ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass sein Eingreifen in den Wahlkampf mit dazu beiträgt, dass die Demokraten einen haushohen Sieg einfahren werden. Nur dann besteht eine Chance, dass Robert Müller seine Untersuchungen ungehindert abschließen und sein Bericht öffentlich gemacht werden kann. Danach sind die Tage dieses unehrenhaften Menschen im Oval Office hoffentlich gezählt. Es wäre ein Segen für die USA und die ganze Welt.
Nubari 23.10.2018
5. Ja, den Demokraten fehlt die zentrale Führungsfigur
Aber sie haben viele tolle Kandidaten, allen voran Andrew Gillum in Florida und Stacey Abrams in Georgia. Und dann ist da noch Beto O'Rourke, der im Artikel völlig zu Unrecht als "überhöhter Hoffnungsträger" [...]
Aber sie haben viele tolle Kandidaten, allen voran Andrew Gillum in Florida und Stacey Abrams in Georgia. Und dann ist da noch Beto O'Rourke, der im Artikel völlig zu Unrecht als "überhöhter Hoffnungsträger" abgekanzelt wird. Wer Beto O'Rourke erlebt und sprechen hört, ist begeistert. Er ist klug aber nahbar, spricht Republikaner und Demokraten an, seine Leidenschaft für Politik ist spürbar und er ist völlig authentisch. O'Rourke arbeitet ohne Analysten, sondern geht auf alle Menschen in ganz Texas zu (ja, er hat wirklich alle Wahlkreise besucht!), und bekam ganz ohne PAC und Großspender ein pralles Budget zusammen - ein politisches Naturtalent, von dem wir noch viel hören werden. Wer hätte gedacht, dass er im republikanischen Texas seinem Gegenspieler Ted Cruz so nahe kommt, dass Cruz sogar beim ihm verhassten Trump schleimt, nur damit der ihm im Wahlkampf hilft? Sicher, den Demokraten fehlt der große Star; doch das Entsetzen über Trump bringt so viele gute Kandidaten hervor, dass die Demokraten sich verjüngen und erneuern. Alexandria Ocasio-Cortez mag jung sein und sehr links, doch auch sie hat großes Talent und muss nur noch etwas reifen.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP