Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Internationaler Gerichtshof zum Streit mit Chile

Bolivien bleibt ohne Meer

Der Internationale Gerichtshof in Den Haag gibt Chile in einem mehr als hundert Jahre währenden Grenzstreit recht: Bolivien hat keinen Anspruch auf Zugang zum Meer.

AP

Eine Frau in Bolivien wartet auf den Gerichtsbeschluss in Den Haag

Montag, 01.10.2018   20:57 Uhr

Boliviens Forderung nach einem Zugang zum Meer durch chilenisches Gebiet wurde in Den Haag zurückgewiesen. Der Internationale Gerichtshof (IGH) hat entschieden, Chile sei rechtlich nicht verpflichtet, Verhandlungen mit Bolivien über einen Zugang zum Pazifik zu führen. Das erklärte Richter Abdulqawi Ahmed Yusuf in Den Haag.

Bolivien hatte 1883 seinen Zugang zum Meer verloren, als es nach dem Salpeterkrieg gegen Chile 120.000 Quadratkilometer Land und 400 Kilometer Küste abtreten musste. Die bolivianische Regierung drängt seit Jahren darauf, von Chile wieder einen Zugang zum Pazifik zu erhalten. Im April 2013 rief sie den IGH an, um Verhandlungen mit Chile über einen neuen Grenzverlauf durchzusetzen. Urteile des Gerichts sind rechtlich bindend. Eine Berufung ist nicht möglich.

Chile beharrt darauf, dass die Grenzen im Friedensvertrag von 1904 verbindlich festgelegt worden seien. Nach Ansicht Boliviens ist dieses Abkommen allerdings nicht gültig, da es unter Zwang unterzeichnet worden sei. Die beiden südamerikanischen Länder unterhalten seit 1978 keine diplomatischen Beziehungen zueinander.

Bolivien argumentiert, dass ein eigener Zugang zum Meer dem ärmsten südamerikanischen Land zu wirtschaftlichem Wachstum und Entwicklung verhelfen würde. Vergangene Woche hatte Chile darauf hingewiesen, dass Bolivien bereits jetzt "volle und uneingeschränkte Rechte" besitze, Waren zwischen dem Land und dem Pazifik zu transportieren.

"Großer Tag für Chile"

Im Beisein von Boliviens Präsident Evo Morales forderte Gerichtspräsident Yusuf die Staaten dazu auf, den Dialog fortzusetzen. Chile hatte angeführt, dass es zu Gesprächen bereit, aber nicht zu Grenzverhandlungen verpflichtet sei.

Das Gericht habe mit seiner Entscheidung jetzt "die Dinge wieder zurechtgerückt", sagte Chiles Präsident Sebastián Piñera in der Hauptstadt Santiago. "Heute ist ein großer Tag für Chile, aber auch für das internationale Recht und das gesunde und friedliche Zusammenleben der Staaten", fügte er hinzu.

Sein bolivianischer Amtskollege sah das anders: Bolivien werde seinen Anspruch auf einen Zugang zum pazifischen Ozean "niemals aufgeben", sagte Morales nach dem Urteil in Den Haag. Die "Völker der Welt" wüssten, dass den Bolivianern ihr hoheitlicher Zugang zum Meer weggenommen wurde.

Eine kleine Gruppe bolivianischer Demonstranten schwenkte außerhalb des Haager Friedenspalastes Flaggen, spielte auf Panflöten und trommelte. "Der Kampf geht weiter", riefen sie nach dem Urteil. Wie bedeutsam das Thema für Bolivien ist, zeigt sich auch daran, dass das Land nach wie vor eine Marine unterhält - trotz fehlenden Zugangs zum Meer.

mal/dpa/AFP

insgesamt 3 Beiträge
mig68 02.10.2018
1. dass das Land nach wie vor eine Marine unterhält
Österreich hat auch eine Marine, die bolivianische ist zuständig für Ihren Anteil am grössten Binnensees Südamerikas dem Lago Titicaca...
Österreich hat auch eine Marine, die bolivianische ist zuständig für Ihren Anteil am grössten Binnensees Südamerikas dem Lago Titicaca...
newera2100 02.10.2018
2. Wo kommen wir hin...
.... wenn jeder Staat Gebiete die vor mehr als 100 Jahren verloren gingen zurückfordern würde? Ganz Europa wäre ein Pulverfass... Ausserdem war Bolivien nicht allzu lange unabhängig bevor es den Salpeterkrieg verlor, und es [...]
.... wenn jeder Staat Gebiete die vor mehr als 100 Jahren verloren gingen zurückfordern würde? Ganz Europa wäre ein Pulverfass... Ausserdem war Bolivien nicht allzu lange unabhängig bevor es den Salpeterkrieg verlor, und es hat auch jetzt schon freie Zugangsrechte zu chilenischen Häfen. Wirtschaftlich würde eine Grenzänderung also nichts bringen. Last but not least bin ich sicher dass sich die Bewohner von Arica und Umgebung als Chilenen fühlen, und nicht Bolivianer.
klaus-bärbel 02.10.2018
3. Gut so!
Wenn internationale Friedensverträge, auch wenn sie aus ganz anderer Zeit stammen, nicht mehr wirksam sein sollten, so wie Bolivien dies wünscht, wäre die Büchse der Pandorra geöffnet. Dann könnten wir auch die [...]
Wenn internationale Friedensverträge, auch wenn sie aus ganz anderer Zeit stammen, nicht mehr wirksam sein sollten, so wie Bolivien dies wünscht, wäre die Büchse der Pandorra geöffnet. Dann könnten wir auch die Friedensverträge von Versailles und St. Germain anfechten. Das kann ja wohl niemand ernsthaft wollen.

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP