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Politik

Attentat in Christchurch

Er dachte nicht nach, er wollte Leben retten

Als sich der Attentäter von Christchurch der Linwood-Moschee näherte, stellte sich Abdul Aziz ihm in den Weg. Er versuchte, ihn abzulenken und verfolgte ihn. Sein Mut hat wahrscheinlich weitere Opfer verhindert.

REUTERS

Abdul Aziz

Sonntag, 17.03.2019   17:55 Uhr

Er habe nicht lange nachgedacht, sagt Abdul Aziz. Er habe einfach so viele Leben wie möglich retten wollen. Mit seinem mutigen Einsatz hat der aus Afghanistan geflohene Mann offenbar verhindert, dass beim Attentat von Christchurch noch mehr Menschen getötet wurden.

Bei den tödlichen Anschlägen auf zwei Moscheen in Neuseeland starben mindestens 50 Menschen. Der rechtsextreme Terrorist Brenton Tarrant übertrug seine Attacke auf Facebook. Erst griff er die Al Noor Moschee in Christchurch an. Danach fuhr er zur Linwood-Moschee.

Dort hielten sich mehr als 80 Menschen auf, als der Imam Schüsse und Stimmen vor dem Gebetshaus hörte. Er habe den versammelten Gläubigen gesagt, sie sollten sich ducken, sagte Iman Alabi Lateef.

AFP

Ein Mann bedankt sich bei Abdul Aziz

Während der Imam sich um die Moschee-Besucher kümmerte, schnappte sich Abdul Aziz ein Kreditkarten-Lesegerät als improvisierte Waffe und rannte aus dem Gebetshaus auf den Attentäter zu. Der habe in diesem Moment sein leer geschossenes Sturmgewehr vor der Moschee auf den Boden geworfen und sei zu seinem Auto zurückgegangen, sagt Aziz. Daraufhin habe er das Karten-Lesegerät in seine Richtung geworfen und sich zwischen den Autos versteckt.

Wenig später eröffnete der Attentäter wieder das Feuer. Doch Aziz gelang es, sich die weggeworfene Waffe zu greifen. Er habe den Attentäter angeschrien: "Komm her, komm her", sagt der 48-Jährige. "Ich wollte, dass er sich auf mich konzentriert."

Doch der Attentäter habe sich wieder der Moschee genähert. Daraufhin sei Aziz ihm gefolgt, sagt er. "Als er mich mit der Waffe in der Hand sah, ließ er seine Waffe fallen und rannte zurück zu seinem Auto." Aziz verfolgte ihn weiter und schlug mit der Waffe die Heckscheibe von Tarrants Wagen ein. Danach lief er weg, der Attentäter fuhr davon.

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Terroranschläge auf Muslime: Neuseeland in Trauer vereint

Mit seinem Eingreifen verhinderte Aziz möglichweise weitere Angriffe. Denn wegen der zertrümmerten Scheibe fiel das Auto zwei Polizisten auf. Diese stoppten Tarrant und nahmen ihn fest.

Zu den Helden von Christchurch gehört auch Mian Naeem Rashid. Der Pakistaner soll sich dem Attentäter in der Al-Nur-Moschee in den Weg gestellt haben - und bezahlte dafür mit seinem Leben. Jetzt will Pakistan ihn dafür auszeichnen.

"Pakistan ist stolz auf Mian Naeem Rashid, der den Märtyrertod starb, als er versuchte, den weißen rechtsextremen Terroristen zu überwältigen. Sein Mut wird mit einer nationalen Auszeichnung gewürdigt werden", twitterte Pakistans Premierminister Imran Khan.

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Auch Hadschi-Daud Nabi gab in der Moschee wohl sein Leben für andere. Der Afghane warf sich laut Berichten von Überlebenden in die Schusslinie. Der 71-Jährige wollte andere retten und kam dabei ums Leben.

Neuseeland steht nach dem Massaker unter Schock. Im gesamten Land wurde am Wochenende mit der muslimischen Gemeinde von Christchurch getrauert. Immer noch liegen mehr als 30 Menschen im Krankenhaus, teils mit lebensgefährlichen Verletzungen. Der mutmaßliche Täter sitzt in Untersuchungshaft.

Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass der Täter allein unterwegs war. Zwar gab es in Christchurch nach und nach vier weitere Festnahmen - offensichtlich aber ohne Zusammenhang zu dem Verbrechen. Dem 28-jährigen Australier, der seit mehreren Jahren in Neuseeland lebt, droht nun wegen vielfachen Mordes lebenslange Haft.

Im Video: Attentäter von Christchurch offiziell des Mordes beschuldigt

Foto: DPA

An seiner rechtsextremen Gesinnung gibt es keine Zweifel. Kurz vor der Tat stellte er eine 74-seitige Kampfschrift mit rassistischen Parolen ins Internet und verschickte sie auch per E-Mail.

sen/AFP/AP/Reuters

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