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Der atemberaubende Aufstieg des Wladimir Putin

Wladimir Putin ist über sein Amt als Präsident Russlands längst hinausgewachsen. Er ist auf dem Weg, zur mythischen Figur zu werden. Wie hat er das geschafft?

REUTERS/ ITAR-TASS

Putin im Jahr 2000

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Mittwoch, 27.12.2017   12:41 Uhr

Vor ein paar Jahren erklärte einer der höchsten russischen Beamten, was Wladimir Putin für sein Land bedeute. "Solange es Putin gibt, gibt es Russland", sagte er schlicht und knapp. "Kein Putin mehr, kein Russland." Der Satz fiel im Oktober 2014 in Sotschi, auf einem Treffen des Waldai-Expertenklubs. Gesagt wurde er von Wjatscheslaw Wolodin, damals Vizechef der Präsidialadministration und zuständig für die Innenpolitik. Wolodin wollte den ausländischen Experten im Saal eigentlich erklären, dass das Volk geeint hinter seinem Präsidenten stehe und dass westliche Sanktionen keinen Keil in die russische Gesellschaft würden treiben können. Aber dann rutschte ihm dieser Satz heraus, der mehr verriet als beabsichtigt.

Wo sich ein politischer Führer mit seinem Land gleichsetzen lässt, da ist die Demokratie vollends gescheitert. In solchen Formulierungen hat man in Japan einst über den Tenno gesprochen, den gottgleichen Kaiser. Wladimir Putin, so scheint es, hat das Ende seiner politischen Karriere erreicht. Er ist über das höchste Amt, das die Politik zu bieten hat, längst hinausgewachsen und auf dem Weg, zur mythischen Figur jenseits aller Politik zu werden.

Wie ist das passiert? Seit wann gilt Putins Herrschaft als unanfechtbar? Und welchen Fähigkeiten, welchen Umständen hat er diese Verwandlung zu verdanken?

Werfen wir einen Blick zurück auf jene Zeit vor einem Vierteljahrhundert, als der junge Putin das Reich der Politik betrat.

Es war im Sommer 1991, im Jahr des Zerfalls der Sowjetunion. Eine regelrechte Revolution brachte Putin in die Politik - eine Revolution, die auch für den damals 38 Jahre alten Geheimdienstoffizier eine Befreiung war. Nach der öden Arbeit in der Dresdner Außenstelle des KGB war er Mitarbeiter von Anatolij Sobtschak geworden, einem populären Politiker der Perestroika-Jahre. Sobtschak galt als Star der damaligen Demokraten, er war in Leningrad das, was Boris Jelzin in Moskau war.

Die Leningrader wählten ihn ins neue Amt des Bürgermeisters und entschieden, der Stadt den alten Namen "Sankt Petersburg" zurückzugeben. Es war eine wilde Zeit: Versorgung und öffentliche Ordnung versagten, Markt und Geld brachen sich auf hässliche Weise Bahn, alles war im Fluss. Aber für einen ehrgeizigen jungen Mann an verantwortlicher Stelle war es zugleich eine aufregende Zeit. Und Putin brachte wichtige Fähigkeiten mit: unbedingte Treue, Aufmerksamkeit gegenüber den Vorgesetzten, unauffällige Effizienz, Deutschkenntnisse. Gerade Letzteres war wichtig. Die Stadt suchte händeringend westliche Investoren, sie anzuziehen wurde Putins Aufgabe. Der KGB hatte ihm nicht ein Hundertstel dessen zugetraut, was Sobtschak ihm nun zutraute. Regieren war deutlich aufregender als die Geheimdienstarbeit, die der junge Putin für seinen Traumjob gehalten hatte.

Nur endete die Petersburger Erfahrung mit einer traumatischen Demütigung. Anatoli Sobtschak scheiterte im Sommer 1996 an der Wiederwahl als Bürgermeister, und damit scheiterte auch Wladimir Putin. Die Niederlage war umso schmerzlicher, als sie nur Sobtschak betraf, nicht seinen Rivalen Jelzin. Der verteidigte zur selben Zeit erfolgreich seine Präsidentschaft, dank skrupelloser Manipulationen und eines Bündnisses mit einflussreichen Geldgebern.

Für Putin wurde es die Grunderfahrung in Demokratie: Der Wähler ist launisch und undankbar, wenn man ihm zu viel Freiheit lässt. Man muss nachhelfen. Es war eine harte Lektion und ein klägliches Ende für seine Karriere. Er war nun arbeitslos.

Im Rückblick ist es verblüffend, wie schnell der Neuanfang in der Politik gelang und wie dieser weitgehend unbekannte Mann innerhalb von kaum vier Jahren der Präsident des Landes werden konnte. Putin zog nach Moskau, wo er einen Posten in der Liegenschaftsverwaltung des Kreml fand. Dann kontrollierte er in der Präsidialadministration die Regionen. Er wurde Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, Vorsitzender des nationalen Sicherheitsrates.

Es war ein atemberaubender Aufstieg. An die Stelle Sobtschaks war ganz offenbar ein neuer Mentor getreten, Präsident Jelzin persönlich, auch wenn das Verhältnis zu Putin nie herzlich wurde. Je schwächer Jelzin wurde, physisch und politisch, desto mehr brauchte er Putin. Im August 1999 ernannte der Ältere den Jüngeren zum Premierminister und, noch bevor das Jahr herum war, zum amtierenden Präsidenten.

Es war ein denkwürdiger Augenblick: In seiner Silvesterbotschaft, vor einem lamettabehängten Weihnachtsbaum, zog Jelzin die düstere Bilanz seines Wirkens. Es sei leider alles etwas anders gelaufen als erwartet, sagte er. Mit einem Satz aus der grauen Sowjetvergangenheit in die leuchtende Zukunft zu springen, das habe sich als naive Hoffnung herausgestellt. Tut mir leid, meine Lieben! Er lege nun sein Amt vorzeitig nieder: "Ich habe getan, was ich konnte." So wurde Putin in allerkürzester Zeit am Wähler vorbei ins höchste Amt gehievt, und das vor dem schwärzesten Hintergrund, den man sich denken kann: Bombenanschläge erschütterten das Land, tschetschenische Freischärler überfielen die Nachbarrepublik Dagestan, es begann der Zweite Tschetschenienkrieg. Und ein kaum bekannter Politiker wurde über Nacht populär, indem er eine neue, rohe Sprache in die Politik brachte. "Auf dem Klo kaltmachen" wolle er die Terroristen, sagte er.

REUTERS

Reiter: Hoch zu Ross in Sibirien 2009

Putin war - anders als Jelzin - kein Politiker, der sich in sein Amt hochkämpfte. Er wurde von der mächtigen Jelzin-Clique im Kreml installiert, eben um zu verhindern, dass charismatische Politiker in dieses Amt kämen, die Jelzin gefährlich hätten werden können. Seine wichtigste Aufgabe war es, die Immunität des ersten Präsidenten zu garantieren. Außerdem sollte er die Eigentumsordnung schützen, die mit der rabiaten Privatisierung entstanden war. Einzig dafür brauchte ihn Jelzins "Familie", wie sich die Clique nannte, und deshalb sorgte sie dafür, ihn dem Wähler nachträglich schmackhaft zu machen.

Die Fernsehshow "Kukly", die nach dem britischem Vorbild "Spitting Image" Politiker mit Puppen parodierte, verglich Putins Aufstieg mit E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen "Klein Zaches": So wie der hässliche Balg Zaches von einer Fee verzaubert wird, woraufhin die Umwelt ihn für schön und klug hält, so schwirrt in der "Kukly"-Episode eine Fernsehfee - in Gestalt des Oligarchen Boris Beresowski - über der Wiege des hässlichen Zwergs Putin und macht ihn allen angenehm.

Mit solchen Scherzen auf Putins Kosten war es allerdings bald vorüber, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Putin war zwar nicht aus eigener Kraft aufgestiegen, und Charisma fehlte ihm völlig. Aber einmal im Amt, wusste er seine Macht auszubauen. Der kritische Sender NTW, auf dem "Kukly" lief, wurde auf Linie gebracht, sein Eigentümer ins Exil getrieben. Andere Oligarchen teilten das Los: Der einstige Gönner Boris Beresowski floh, der Ölmilliardär Chodorkowski kam in Haft. Außerdem wurden die aufmüpfigen Gouverneure in den Regionen sieben "Präsidialvertretern" unterstellt und aus dem Oberhaus des Parlaments vertrieben.

Es war eine rasante Unterwerfung aller konkurrierenden Gewalten. Sie wäre nicht möglich gewesen, hätte die Mehrheit der Russen sie nicht hingenommen, ja mitgetragen. Es war ja keine einzige Institution moralisch unbeschädigt aus den Neunzigerjahren hervorgegangen - weder Gerichte noch Parlament, weder Unternehmer noch Medien. Warum hätten die Bürger sie verteidigen sollen? Sie wünschten sich ja nicht viel. Sie wollten einen Staat, der wenigstens die elementarsten Funktionen wieder erfüllte, der für Sicherheit sorgte und die kargen Renten auszahlte. Den bekamen sie. Putins Name verband sich mit Stabilität und bald auch mit jenem bescheidenen Wohlstand, den der Anstieg des Ölpreises den Russen bescherte.

2004 wählten sie Putin mit 71 Prozent wieder ins Amt. Schon diese Wahl war im Grunde keine Wahl mehr, sondern ein bizarres Referendum - namhafte Gegenkandidaten waren gar nicht mehr angetreten. Putin ging verändert aus ihr hervor. Er gewöhnte sich an den Gedanken, dass er außer Konkurrenz lief, dass er Russlands Schicksal war. Er fuhr fort, das Feld der Politik einzuengen. Die Direktwahl von Gouverneuren etwa schaffte er ab, mit dem absurden Argument, nur so ließen sich terroristische Anschläge wie der auf eine Schule in Beslan verhüten. Im Parlament wurden die Direktmandate abgeschafft, der Weg in die Legislative führte fortan durchs Nadelöhr der Parteilisten. Und schließlich wurden auch die Parteien selbst dem freien Votum entzogen: Für ihre Registrierung wurden schier unerfüllbare Auflagen gemacht.

Aus diesen Maßnahmen sprach allerdings nicht Selbstbewusstsein, sondern Angst und Misstrauen. Putins zweite Amtszeit stand im Schatten der Orangen Revolution im benachbarten Kiew. Dort hatten Wählerproteste eine Nachwahl erzwungen, in der der prorussische Kandidat Wiktor Janukowytsch unterlegen war. Putin war empört. Er sah darin eine Einmischung des Westens. Überhaupt fand er, dass US-Präsident George W. Bush nicht die geringste Rücksicht auf russische Interessen nahm. In einer berühmten Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007 geißelte Putin die Übermacht Washingtons, die Expansion der Nato, aber auch die angebliche Instrumentalisierung der OSZE, die mit ihren Wahlbeobachtern in der Ukraine eine wichtige Rolle gespielt hatte.

Russlands Fernsehzuschauer sahen einen neuen Präsidenten: einen, der sich nicht scheute, die gesamte westliche Staatenwelt zu maßregeln, den einsamen Ritter im Kampf gegen die unipolare Welt, den Führer im Weltmaßstab.

AP

Schmetterlingsschwimmer Putin in Südsibirien 2009

Es ist im Rückblick erstaunlich, wie es dem Kreml gelang, dieses Bild auch über die nächsten vier Jahre zu retten, als Putin Premierminister war. Der Regierungschef hat nach der russischen Verfassung nämlich herzlich wenig zu sagen. Aber Präsident konnte Putin nicht bleiben, das verbot die Verfassung. Um ihrem Buchstaben Genüge zu tun (wenn auch nicht ihrem Geist), überließ er das Präsidentenamt einem treuen und blassen Juniorpartner, Dmitrij Medwedew.

Er sicherte sich allerdings ab. Genau für diese vier Jahre ließ er sich zum Vorsitzenden der Kreml-Partei "Einiges Russland" wählen. Aber selbst in diesem Amt weigerte er sich, der Partei beizutreten. Das war eine überaus seltsame Konstruktion - der Parteivorsitz war sozusagen ein Geschenk, das die Partei einem herausragenden Mann machte, der weiterhin über aller Politik stand. Doch es funktionierte. Putins Image wurde fortan ergänzt um das eines fürsorglichen Regierungschefs, der die Wirtschaftskrise mit großzügigen Ausgabenprogrammen abfederte.

Es scheint auf den ersten Blick widersinnig, dass ausgerechnet Putins Rückkehr in den Kreml sein Image als starker Mann beschädigte. Im September 2011 verkündeten Medwedew und er auf dem Parteitag von "Einiges Russland", dass sie ihre Ämter zurücktauschen würden. Eigentlich wurde damit die inoffizielle Machtverteilung wieder offiziell gemacht, mehr nicht.

Für viele Russen fühlte es sich jedoch an, als wäre das Land in einer Zeitschleife gefangen. Putin hatte ja noch nicht einmal erklärt, was er als Präsident denn erreichen wolle. Er kam mit leeren Händen in den Kreml zurück, aus einem einzigen Grund: weil der Kreml wieder frei war.

Der Unmut äußerte sich in der Duma-Wahl 2011 und den Straßenprotesten, die auf sie folgten. Es war die empfindlichste Erschütterung von Putins Macht. Er musste erkennen, dass er sich auf die gebildeten Großstädter nicht mehr verlassen konnte. Auf das ganze Land gesehen, waren diese Menschen eine Minderheit - das bewies Putins triumphaler Sieg in der Präsidentenwahl im März 2012. Aber einen Unterschied machten sie doch. Putin fühlte sich jetzt nicht mehr als Präsident aller Russen, er stand nur noch für die patriarchisch gesinnte Mehrheit. Ihr zuliebe vollzog er nach dem Protestwinter 2011/12 einen konservativen Schwenk.

Während Proteste mit repressiven Gesetzen unterdrückt wurden, ging der Kreml ein Bündnis mit der Kirche ein. Ein Gericht verhängte drakonische Strafen gegen die Protestgruppe Pussy Riot, und Kreml-treue Politiker entdeckten ihr Interesse am Thema Homosexualität und an deren vermeintliche Gefahren für Russlands Kinder. Das ideologische Vakuum des Putinismus wurde nachträglich mit konservativen Werten gefüllt. Wir Russen sind nicht schwul und gottlos und tolerant wie der Westen, hieß das.

AFP

Jahrestag-Feier der Krim-Annexion in Sewastopol

Die Maidan-Revolution in Kiew 2014 und Putins radikale Reaktion - Russland annektierte die Krim und fachte einen Krieg im Donbass an - haben diese Tendenz verstärkt. Putins Gegner galten fortan nicht mehr als Oppositionelle, sondern als Fünfte Kolonne des Westens, mehr noch: als "Nationalverräter". Dieses Wort benutzte Putin in seiner Rede zur Krim-Annexion (siehe Seite 100). Das Vokabular des Krieges drang in die russische Politik ein. Die Gewalt gegen Andersdenkende, die bald auch auf den Straßen stattfand, wurde rhetorisch vorweggenommen.

Anders ausgedrückt: Putin war wieder Präsident aller Russen - weil alle, die gegen ihn waren, keine echten Russen sein konnten. Die Rede von "Nationalverrätern" war sozusagen die Kehrseite der Bezeichnung, die Putin längst schon in den Medien hatte: "Nationaler Leader".

SPIEGEL BIOGRAFIE 5/2017

So änderte sich über die Jahre die russische Gesellschaft - und mit ihr auch Putin selbst. Als er im Januar 2000 das erste Mal in den Kreml einzog, sah die Welt gerade fasziniert zu, wie ein anderer Politiker stürzte - ein Politiker, der sich ebenfalls als historische Figur sah. Es war Helmut Kohl, der damals wegen der Parteispendenaffäre den Ehrenvorsitz der CDU abgeben musste, nachdem er 1998 schon das Kanzleramt verloren hatte. Putin kommentierte damals Kohls Sturz: "Egal, wie stark ein Führer ist", sagte Putin damals weise, "über 16 Jahre wird jedes Volk seiner müde, selbst so ein stabiles Volk wie die Deutschen." Nun ist Putin 18 Jahre im Amt, und wie Helmut Kohl ist er ein Opfer seines eigenen Erfolgs. Er sehe sich in einer historischen Mission, schreibt der Publizist Stanislaw Belkowski, und die bestehe darin, Russlands Vernichtung durch die USA zu verhüten. So wie der Arabische Frühling ganze Staaten hinweggefegt hat, so kann in Putins Augen ein von den Vereinigten Staaten ausgelöster russischer Frühling auch Russland zerstören. "Kein Putin mehr, kein Russland" ist der genaue Ausdruck dieses Sendungsbewusstseins, schreibt Belkowski.

AP/ Presidential Press Service/ RIA Novosti

Bei einer Eishockey-Veranstaltung in Sotchi

Doch ewig wird auch der sportliche Putin nicht leben, die russische Elite bereitet sich allmählich auf die Zeit nach ihm vor. Der Mann hat ja schon jetzt sichtbar keine Freude mehr am Alltag des Regierens. Putin hält sich lieber im sonnigen Sotschi auf als in der Hauptstadt, zu allen Terminen kommt er zu spät, meistens schickt er seinen Sprecher vor. Er hat ja ohnehin keine Agenda mehr, die er verwirklichen möchte. Er weiß nicht, wohin der Weg jetzt noch führen soll. Aber Abtreten kann er nicht mehr. Dann gäbe es ja kein Russland mehr, dann könnte das ganze Land plötzlich vom Erdboden verschluckt werden wie ein verhextes Königreich im Märchen, und zwischen Europa und China täte sich ein großes Nichts auf. Um das zu verhindern, kämpft sich Wladimir Putin jeden Tag an den Arbeitstisch.

SPIEGEL BIOGRAFIE 5/2017

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