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Politik

Arabische Atomprogramme

Angst vor dem nuklearen Nahen Osten

Fast jede dritte exportierte Waffe landet im Nahen Osten. Gleichzeitig treiben Saudi-Arabien und Ägypten, die Emirate und Jordanien ihre zivilen Atomprogramme voran. Eine gefährliche Entwicklung.

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Wissenschaftler in Fusionsreaktor

Von
Mittwoch, 14.03.2018   11:51 Uhr

Der Nahe Osten rüstet massiv auf: In den vergangenen fünf Jahren haben die Länder in der Krisenregion nach Angaben des schwedischen Friedensforschungsinstituts Sipri ihre Waffenimporte mehr als verdoppelt.

Spitzenreiter unter den arabischen Ländern war zwischen 2013 und 2017 Saudi-Arabien. Die wahhabitische Monarchie ist weltweit nach Indien der zweitgrößte Waffenimporteur.

Riad hat seine Rüstungseinkäufe im Vergleich zum letzten Untersuchungszeitraum von 2008 bis 2012 demnach um 225 Prozent gesteigert. Für das reiche Herrscherhaus um den ungestümen Kronprinz Mohammed bin Salman ist Geld kein Problem.

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Saudi-Arabien: Der junge, starke Mann von Riad

Anders im armen Ägypten: Das bevölkerungsreichste Land der arabischen Welt ist seit Jahren wirtschaftlich am Limit - doch Präsident Abdel Fattah el-Sisi, ein Ex-Militär, treibt die Aufrüstung seiner Armee weiter voran, um seinen Endloskrieg auf dem Sinai zu gewinnen.

Obwohl ein Viertel der ägyptischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, avancierte die Regierung in Kairo in den vergangenen fünf Jahren nach Angaben der Sipri-Studie so zum drittgrößten Waffenimporteur der Welt. Deutschland hat seinen Teil dazu beigetragen, in dem es allein im zurückliegenden Jahr militärische Ausrüstung im Wert von 708 Millionen Euro an den Nil lieferte.

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Sisis Kampf um Ägypten: Flucht nach vorne

Auch der viertgrößte Waffenimporteur der Welt spricht Arabisch. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich in den vergangenen Jahren effektiv und geräuschlos zur Mittelmacht in der Region aufgerüstet - und kämpfen mit einer auf den Guerillakampf spezialisierten Söldnertruppe im Jemen an der Seite von Saudi-Arabien und Ägypten gegen die von Iran unterstützten Huthi-Milizen.

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Abu Dhabi: Macht und Wille

Die Krisen und Konflikte in der Region werden durch den Hegemonialstreit zwischen Iran und Saudi-Arabien überlagert. Die Angst der sunnitischen Autokratien vor einem "schiitischen Halbmond" von Teheran über Bagdad und Damaskus bis nach Beirut am Mittelmeer ist groß.

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So groß, dass Saudi-Arabien mittlerweile sogar seine strategische Allianz mit Israel - dem einstigen Erzfeind - nicht mehr verheimlicht.

Debatte um Atomdeal mit Iran

Die Regierung in Jerusalem ist dieses Zweckbündnis eingegangen, um den Vormarsch Irans zu stoppen. Israel betrachtet die Islamische Republik als Bedrohung, vor allem das Atomprojekt.

Das im Juli 2015 in Wien zwischen Iran und der Gruppe der fünf Uno-Vetomächte und Deutschland geschlossene Atomabkommen halten Premier Benjamin Netanyahu und auch US-Präsident Donald Trump für zu lasch.

Trump verlangt seit einiger Zeit, dass Ergänzungen an dem Vertragswerk zur zivilen Atomkraftnutzung vorgenommen werden müssten. Sollte die Regierung in Teheran hart bleiben, will er sich aus dem Abkommen zurückziehen und damit den Rüstungskontrollvertrag de facto auflösen. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) warnt vor einem Scheitern.

26 Atomkraftwerke in den nächsten zehn Jahren

Die Angst vor einer Atommacht Iran treibt aber auch sunnitisch-arabische Länder um. Viele haben in den vergangenen fünf Jahren nicht nur ihre konventionellen und hochmodernen Waffenarsenale ausgebaut, sondern auch zivile Atomprogramme angeschoben:

Zwar haben sich diese vier Länder gemeinsam mit 118 Nationen im Juli vergangenen Jahres dazu verpflichtet, den Besitz von Nuklearwaffen nicht anzustreben. Offiziell wollen sie nur Strom produzieren. Doch die anhaltenden Kriege in der Region und der Großkonflikt zwischen Riad und Teheran nähren die Angst vor einem atomaren Nahen Osten.

Nuklearer Wettlauf im Nahen Osten

Von den neun bislang bekannten Atommächten konnten allein die USA, die Sowjetunion und Großbritannien Bomben bauen, ohne zuvor zivile Atomprogramme gestartet zu haben. Alle übrigen sechs Länder - Indien, Pakistan, China, Frankreich, Israel und Nordkorea - mussten erst zivile Atomprogramme aufbauen, ehe sie diese dann schließlich auch zum Bau ihrer Nuklearbomben nutzen konnten.

Das Horrorszenario: Iran könnte das nächste Land sein. Dann könnten Saudi-Arabien, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate oder Jordanien in den Wettlauf um Atomwaffen einsteigen.

Wohl auch deshalb ging der Friedensnobelpreis 2017 an die Atomwaffengegner des Ican-Netzwerks. Sie kämpfen seit Jahren für eine totale Abschaffung von Nuklearwaffen. Bislang vergeblich.

insgesamt 14 Beiträge
kuac 14.03.2018
1.
Erst wenn die existierenden Atommächte auf ihre Atomwaffen verzichten würden oder sehr massiv auf ein Minimum reduzieren würden, dann wäre ein solcher Appell glaubwürdig. Stattdessen sind die Atommächte zur Zeit dabei, [...]
Erst wenn die existierenden Atommächte auf ihre Atomwaffen verzichten würden oder sehr massiv auf ein Minimum reduzieren würden, dann wäre ein solcher Appell glaubwürdig. Stattdessen sind die Atommächte zur Zeit dabei, "kleinere einsetzbare Nuklearbomben" zu entwickeln! Wasser predigen und Wein trinken ist nicht glaubwürdig.
hmueller0 14.03.2018
2. Allerdings eine gefährliche Entwicklung
Atom-Technologie in einer Region, die ein einziges Pulverfaß ist, ist sicher eine ganz schlechte Idee. Dazu kommt noch, dass man dort bekanntlich (und jeden Tag zu sehen) recht schnell bereit ist, Interessen beliebig gewaltsam [...]
Atom-Technologie in einer Region, die ein einziges Pulverfaß ist, ist sicher eine ganz schlechte Idee. Dazu kommt noch, dass man dort bekanntlich (und jeden Tag zu sehen) recht schnell bereit ist, Interessen beliebig gewaltsam durchzusetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man bei A-Waffen auf einmal Hemmungen hätte, die man sonst auch nicht hat.
marius_k 14.03.2018
3. Einfache Logik
Ist doch ganz einfach. Wenn es einen "bad guy" mit Atomwaffen gibt, braucht es einen "good guy" mit Atomwaffen, der den "bad guy" ausschalten kann, um schlimmeres zu verhindern. Was an amerikanischen [...]
Ist doch ganz einfach. Wenn es einen "bad guy" mit Atomwaffen gibt, braucht es einen "good guy" mit Atomwaffen, der den "bad guy" ausschalten kann, um schlimmeres zu verhindern. Was an amerikanischen Schulen funktioniert, klappt bestimmt auch weltpolitisch. Insofern können wir alle bald wieder ruhiger schlafen.
hr.schnackermüller 14.03.2018
4. Ist es nicht schon egal?
Atomwaffen sind doch keine Bedrohung für einzelne Staaten. Es geht doch nur darum WER die Erde auslöscht bzw. unbewohnbar macht. Das ist alles SO absurd, dass ich es mir nicht vorstellen kann.
Atomwaffen sind doch keine Bedrohung für einzelne Staaten. Es geht doch nur darum WER die Erde auslöscht bzw. unbewohnbar macht. Das ist alles SO absurd, dass ich es mir nicht vorstellen kann.
Zaunsfeld 14.03.2018
5.
Selbst wenn die jetzigen offiziellen Atommächte komplett auf ihre Atomwaffen verzichten würden, würde das doch die anderen Staaten nicht davon abhalten, trotzdem nach ihnen zu streben. Ich zum Beispiel bin unter 40 Jahre [...]
Zitat von kuacErst wenn die existierenden Atommächte auf ihre Atomwaffen verzichten würden oder sehr massiv auf ein Minimum reduzieren würden, dann wäre ein solcher Appell glaubwürdig. Stattdessen sind die Atommächte zur Zeit dabei, "kleinere einsetzbare Nuklearbomben" zu entwickeln! Wasser predigen und Wein trinken ist nicht glaubwürdig.
Selbst wenn die jetzigen offiziellen Atommächte komplett auf ihre Atomwaffen verzichten würden, würde das doch die anderen Staaten nicht davon abhalten, trotzdem nach ihnen zu streben. Ich zum Beispiel bin unter 40 Jahre alt und ich gehe ganz real davon aus, dass ich den realen Kriegseinsatz von Atomwaffen noch erleben werde. Das wird kein riesiger Massenangriff zwischen USA und Russland oder Russland und China oder Großbritannien sein, sondern irgendwo im Nahen oder Mittleren Osten (Arabien, Iran, Pakistan, Indien) wird in 10 oder 20 Jahren irgendein Irrer mal den Knopf drücken, um eine einzelne Bombe auf seinen Nachbarn zu werfen. So wie mancher Kriegsteilnehmer im Nahen Osten nicht davor zurückschreckt, chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen wird der gleiche Typus von Herrscher auch nicht davor zurückschrecken, Atomwaffen gegen andere Völker einzusetzen. Die Amerikaner konnten vor 70 Jahren noch nicht wirklich abschätzen, welche verheerenden Wirkungen der Einsatz dieser Waffen mit sich bringen würde. Die Ausrede über dieses fehlende Wissen kann aber heute niemand mehr für sich in Anspruch nehmen.

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