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Politik

Militärschlag gegen Assad-Regime

Hundert Raketen sind noch keine Strategie

Die USA, Großbritannien und Frankreich haben nach sechs Tagen militärisch auf den mutmaßlichen Giftangriff auf Duma reagiert. Trump und seine Verbündeten wollen damit künftige Chemieangriffe verhindern. Kann das klappen?

AP

Rauch weht am Samstagmorgen über Damaskus

Eine Analyse von
Samstag, 14.04.2018   10:09 Uhr

Nach einer Stunde war alles vorbei: Um 4 Uhr nachts syrischer Zeit trat US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus vor die Kameras und verkündete eine Militäroperation gegen das Chemiewaffenprogramm des syrischen Regimes. 60 Minuten später gaben US-Verteidigungsminister James Mattis und Generalstabschef Joseph Dunford im Pentagon schon das Ende der Angriffe bekannt.

Die Luftangriffe, an denen sich auch Großbritannien und Frankreich mit Kampfjets beteiligten, richteten sich nach Angaben des Pentagon gegen drei Ziele: ein militärisches Forschungszentrum in der Nähe von Damaskus, ein Lager für Chemiewaffen und deren Ausgangsstoffe in der Nähe der Stadt Homs sowie gegen einen nahe gelegenen Kommandoposten.

Es ist der zweite US-geführte Vergeltungsangriff gegen das syrische Militär innerhalb rund eines Jahres. Am 7. April 2017 waren knapp 60 Tomahawk-Marschflugkörper auf dem Luftwaffenstützpunkt Schairat in Syrien eingeschlagen - eine Reaktion auf den Sarinangriff in der Kleinstadt Chan Scheichun drei Tage zuvor.

Keine Koordination mit Russland

Die Luftangriffe der vergangenen Nacht sind nun eine Strafaktion für den mutmaßlichen Giftgasangriff auf Duma am vergangenen Samstag. Die US-Regierung hat nach eigenen Angaben keinen Zweifel mehr, dass das Assad-Regime in dem Vorort von Damaskus Chlorgas und möglicherweise ein bislang noch nicht eindeutig identifiziertes Nervengift einsetzte und damit mehr als 40 Menschen tötete.

In mehreren Punkten unterscheidet sich der jetzige Vergeltungsschlag vom US-Angriff des vergangenen Jahres. Zum einen handelt Washington in diesem Jahr nicht im Alleingang, sondern im Verbund mit Großbritannien und Frankreich. Die syrischen Staatsmedien sprechen deshalb von der Drei-Parteien-Agression. Unter diesem Namen ist in der arabischen Welt bis heute die Suezkrise 1956 bekannt. Damals führten Großbritannien, Frankreich und Israel Krieg gegen den ägyptischen Staatschef Gamal Abdel Nasser - in die Rolle des bis heute bewunderten Diktators will nun offenbar Baschar al-Assad schlüpfen.

Foto: REUTERS

Zum zweiten wurde Russland anders als vor einem Jahr nicht konkret über den bevorstehenden Angriff informiert. Zwar koordinierte das Pentagon mit dem russischen Militär über einen Gesprächskanal die Sperrung des syrischen Luftraums - aber das ist seit Jahren Alltag. Die genauen Zielkoordinaten teilte Washington allerdings nicht mit. Anders als vor einem Jahr: damals gaben die USA den Russen mehrere Stunden Zeit, um ihre Soldaten auf dem Flugplatz Schairat in Sicherheit zu bringen. Das US-Verteidigungsministerium betonte jedoch, man habe die Angriffsziele vom Freitag so gewählt, dass keine russischen Soldaten und syrischen Zivilisten gefährdet würden. Gleichwohl ist die fehlende Absprache ein Zeichen größerer Entschlossenheit gegenüber Russland.

Lässt sich Assad abschrecken?

Zum dritten richteten sich die US-geführten Angriffe nun gegen mehrere Ziele gleichzeitig und sollen eine langfristige Wirkung haben: Vor einem Jahr zielten die "Tomahawk"-Marschflugkörper auf genau den Luftwaffenstützpunkt, von dem das Flugzeug abgehoben hatte, das eine Saringranate auf Chan Scheichun abfeuerte. Der Flugplatz war jedoch schon nach wenigen Tagen wieder einsatzfähig. Die Luftschläge vom Samstagmorgen - die Rede ist von 100 bis 120 Marschflugkörpern und Raketen - gegen Einrichtungen, in denen das Assad-Regime Chemiewaffen entwickelt, produziert und lagert, sollen hingegen dauerhaft verhindern, dass der Diktator weiterhin Giftgas gegen seine Landsleute einsetzt.

Im Video: So reagieren das Assad-Regime und Russland auf den Militärschlag

Foto: AP

Aber kann das funktionieren? Die Frage stellt sich zum einen aus praktischer Sicht: Seit Trump am vergangenen Sonntag via Twitter das Assad-Regime für den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Duma verantwortlich machte, konnte sich Damaskus auf bevorstehende Vergeltungsschläge einstellen. Das syrische Militär hatte also sechs Tage Zeit, wichtige Einrichtungen zu räumen und möglicherweise auch Chemiewaffen an geheime Orte zu bringen. Ganz abgesehen davon ist unklar, ob das Regime nicht Labors unterhält, von denen die USA nichts weiß. Bis 2013 hatte die Welt ja auch keine gesicherten Informationen über das syrische C-Waffenprogramm, dessen Existenz Assad stets geleugnet hatte.

Die Frage, ob Trump mit den Angriffen vom Freitag den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien künftig verhindert, stellt sich aber auch aus strategischer Sicht. Waren die Attacken für Assad so verlustreich, dass er vor weiteren Gasangriffen zurückschreckt? Wenige Stunden danach sieht es nicht danach aus.

Assads Verbündete haben eine langfristige Strategie

Die Luftschläge haben die militärischen Fähigkeiten des Regimes kaum dezimiert. Kein einziges Flugzeug, kein Helikopter, kein Panzer wurde bei den Angriffen ins Visier genommen. Seinen Krieg mit nicht-chemischen Waffen kann Assad also ungehindert fortführen. Und es sind genau jene Waffen, die 99 Prozent der bislang rund 500.000 Todesopfer seit Kriegsbeginn verursacht haben.

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Syrien: Angriff in der Nacht

Auch nach der Nacht zum Samstag wird die Strategie der USA und ihrer Verbündeten in Syrien nicht klarer. Es gehe nicht um einen Sturz des Regimes, stellt Theresa May klar. Gleichwohl sei Assad ein Monster, betont Trump. Der US-Präsident sagt, man sei bereit für eine länger anhaltende Militärkampagne gegen das Assad-Regime. Sein Verteidigungsminister Mattis hebt hingegen hervor: "Das war jetzt erstmal ein einmaliger Angriff." So richtig passt das alles nicht zusammen.

Die rund 2000 in Syrien stationierten Soldaten sollen die Reste des "Islamischen Staats" (IS) auslöschen, verhindern, dass Iran von der Zerschlagung des IS profitiert, aber nicht unendlich lange in Syrien bleiben, sagte Trump in seiner Rede. Damit machte er auch klar, dass sich die US-Militärpräsenz nicht gegen Assad richtet. Wie 2000 US-Soldaten angesichts Zehntausender iranischer Soldaten und Milizionäre in Syrien diese Aufgabe leisten sollen, bleibt aber auch wie so vieles unklar.

Der Vorteil der Regimes in Damaskus, Moskau und Teheran: Sie verfolgen beharrlich und rücksichtslos eine kohärente, langfristige Strategie - das Assad-Regime soll um jeden Preis an der Macht bleiben. Bei Trump kann mit dem nächsten Tweet schon wieder alles anders sein.

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