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Politik

US-Wahlkampf mit Nordkorea

Trumps Reality-Gipfel

Außer TV-Bildern kam beim Nordkorea-Gipfel wenig heraus. Doch für Trump ist das genug: Der US-Präsident nutzt den "Erfolg", um seine Wiederwahl zu inszenieren.

DPA

Donald Trump

Von , New York
Dienstag, 12.06.2018   22:34 Uhr

Donald Trumps Wahlstrategen verloren keine Zeit. "Trump-Führung schreibt Geschichte", proklamierte Lara Trump, die Schwiegertochter des US-Präsidenten und Chefberaterin seines Wahlkampfteams, kaum dass der Nordkorea-Gipfel zu Ende gegangen war. "Trump wird auch weiter dramatische Erfolge erzielen."

Lara Trumps E-Mail war offensichtlich vorgefertigt - so wie jedenfalls auch die Einladung zur Gipfel-Siegesfeier, die sie bereits einen Tag vorher verschickt hatte: Kommende Woche werde Trump bei einem Wahlkampfauftritt im umkämpften US-Bundesstaat Minnesota "Nordkorea promoten", hieß es darin. Als sei "Nordkorea" ein Produkt. Darüber, na klar, der Wahlslogan: "Make America Great Again!"

Vom G7-Familiendrama bis zur Seifenoper von Singapur: Trump betreibt Weltpolitik wie früher seine TV-Realityshow "The Apprentice" (Lesen Sie hier einen Kommentar zum Treffen mit Kim). Knallige Bilder, tägliche Tiraden und immer neue Cliffhanger zielen einzig auf den wählenden, wenig informierten US-Zuschauer. Die Botschaft: Trump ist toll - und verdient eine weitere Staffel.

Foto: KEVIN LIM/THE STRAITS TIMES/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Der Nordkorea-Gipfel ist nur die jüngste Episode dieser Inszenierung: "Er ist Teil der Wiederwahlkampagne Trumps", sagt der demokratische Ex-Senator Robert Torricelli im TV-Sender MSNBC. "Und die läuft, so wie ich das sehe, äußerst gut."

"Die gemeinsame Erklärung ist schwächer als jede vorherige seit 1992"

Aus diesem Grund setzte Trump das fotogene Treffen mit Kim Jong Un auch an den Beginn der Verhandlungen und nicht, wie sonst üblich, ans ferne Ende. Denn das wäre womöglich zu spät für ihn: Im Herbst sind US-Kongresswahlen, und da geht es nicht nur um Mehrheiten - sondern auch um ein mögliches Impeachment-Verfahren gegen ihn. Und ein Gipfelheld könnte dagegen immun sein.

"Wir werden erfolgreich sein", postulierte Trump also schon beim Handschlag, bevor sie überhaupt ein Wort gewechselt hatten. Die Substanz des Gipfels - oder, wie sich herausstellte, der Mangel an Substanz - spielte dabei keine Rolle.

Dabei fiel dieser Substanzmangel den meisten US-Experten sofort unangenehm auf. Selbst Republikaner warfen Trump vor, ohne Not Konzessionen gemacht zu haben, um bei seiner Basis zu punkten - während Kim erst mal nichts aufgeben müsse, sondern sich nun als international geachteter Staatsmann rühmen könne.

"Kann man vergessen", urteilte Christopher Hill, ein früherer Nordkorea-Unterhändler der US-Regierung, über den Gipfel. "Die gemeinsame Erklärung ist schwächer als jede vorherige seit 1992." Jennifer Rubin, konservative Kolumnistin der "Washington Post", nannte das Treffen eine "totale Farce": "Wir bekamen nichts, Kim bekam einen PR-Coup."

Fotostrecke

Trump und Kim in Singapur: Ein bisschen Frieden

Auf Trumps Hauskanälen war von solcher Kritik freilich nichts zu hören. Im Gegenteil: Trumps Freund Sean Hannity, der als Chefkommentator von Fox News angeblich fast jeden Abend mit dem Präsidenten telefoniert, bekam das erste "Interview" nach dem Gipfel zugeschustert. Da konnte Trump zum Beispiel unwidersprochen behaupten, Kim werde "praktisch sofort" mit der Denuklearisierung beginnen. (Lesen Sie hier ein Interview zur Denuklearisierung)

Das war natürlich frei erfunden, doch Trump wiederholte es auch anderswo, wobei er jedesmal weiter aufdrehte. "Er denuklearisiert das ganze Land", fabulierte er bei ABC. "Es wird ziemlich schnell losgehen, er fängt glaube ich jetzt schon an." Auf dem Rückflug erklärte er schließlich, Kim habe einen "totalen Plan zur Denuklearisierung". Oder meinte er einen "Plan zur totalen Denuklearisierung"?

Obamas Verrat, Trumps Genie

Egal: "Dies könnte ein transformativer Moment für die gesamte Präsidentschaft sein", gurrte Hannity und wähnte prompt "Parallelen zwischen Präsident Trump und Ronald Reagan".

Fox News fuhr noch andere Cheerleader für Trump auf. "Ein politischer Sieg für Präsident Trump", fand Kommentator Stuart Varney. "Geschichte in der Mache", lobte Trump-Berater Sebastian Gorka. Selbst der wegen Wahlspendenbetrugs verurteilte Rechtsaußen-Kolumnist Dinesh D'Souza kam zu Wort: Trump habe "die Dinge bei den Hörnern gepackt und sich gefügig gemacht". Damit bedankte sich D'Souza aber wohl auch für die kürzliche Begnadigung durch, nun ja, Trump.

"Was für ein schockierender Kontrast" zu Barack Obama, fügte D'Souza verächtlich hinzu. Längst vergessen, dass die Konservativen den Vorgänger Trumps als Verräter beschimpft hatten, weil er gewagt hatte, genau das anzuregen, was Trump nun tat, nämlich mit Despoten zu reden. Sprich: Obamas Verrat, Trumps Genie.

Doch nicht nur Fox News beteiligt sich an der Jubelfeier. Die Live-Bilder aus Singapur - die hier unter anderem die reale US-Realityshow "The Bachelor" unterbrachen - waren ganz im Sinne des Weißen Hauses. Selbst CNN und MSNBC, sonst eher Trump-kritisch, verklärten jeden Schritt und jede Szene als "historisch" - oder, wie Trump es selbstzufrieden nannte, "sehr historisch".

Dass Trump selbst offen zugibt, wie wenig seine Worte bedeuten, ging unter. "Vielleicht stehe ich in sechs Monaten vor Ihnen und sage: Hey, ich lag falsch", sagte er in Singapur. "Ich weiß nicht, ob ich das je zugeben werde, aber ich finde schon eine Ausrede."

In sechs Monaten sind die Kongresswahlen sowieso vorbei.

insgesamt 68 Beiträge
sterling 12.06.2018
1.
"Donald Trumps*Wahlstrategen verloren keine Zeit" Spon verliert auch keine Zeit um direkt nach dem Gipfel auf Trump einzudreschen. Wenn Obama es auch nur geschafft hätte mit Kim zu telefonieren hätte man ihn [...]
"Donald Trumps*Wahlstrategen verloren keine Zeit" Spon verliert auch keine Zeit um direkt nach dem Gipfel auf Trump einzudreschen. Wenn Obama es auch nur geschafft hätte mit Kim zu telefonieren hätte man ihn bestimmt für den 2ten Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Aber da es nur der böse Trump ist war das Treffen nur Zeitverschwendung. Nur leider sehen es die Südkoreaner nicht so, auch der Großteil der Bevölkerung in Deutschland wird dies wohl anders sehen. Anstatt sich zu freuen das es eventuell eine Nation weniger mit Atomwaffen gibt, durfte ich mir heute auf SPON einen Kommentar von einem verblendeten Nutzer durchlesen der vermutet hat das vielleicht ja der Obama die Grundsteine für das Treffen gelegt und Trump mal wieder nur abgeräumt hat...
florian29 12.06.2018
2. Trump hat Erfolg!
Während das Iran-Atomabkommen von Obama die Welt unsicherer gemacht hat (Iran hat seine Finger in fast allen Ländern der Welt, auch in Deutschland) und nur den Terror gefördert hat, ist die Annäherung in Korea das wohl beste [...]
Während das Iran-Atomabkommen von Obama die Welt unsicherer gemacht hat (Iran hat seine Finger in fast allen Ländern der Welt, auch in Deutschland) und nur den Terror gefördert hat, ist die Annäherung in Korea das wohl beste des ganzen Jahrzehntes! Das sehen alle internationale Experten so, außer linke Medien, GEZ-Abzocker und linke Parteien.
Ontologix II 12.06.2018
3. Nuklearer Bluff Nordkoreas?
Es könnte sein, dass es die Nordkoreaner nicht schafften, einen ausreichend kleinen nuklearen Sprengkopf für ihre Raketen herzustellen. Eine unterirdische Nuklearexplosion kriegt jeder hin, der genügend spaltbares Material [...]
Es könnte sein, dass es die Nordkoreaner nicht schafften, einen ausreichend kleinen nuklearen Sprengkopf für ihre Raketen herzustellen. Eine unterirdische Nuklearexplosion kriegt jeder hin, der genügend spaltbares Material besitzt. Die Miniaturisierung ist dagegen wesentlich schwieriger. So verzichtete Kim auf seine Atomrüstung, die ihm ohnehin nichts gebracht hätte und gewann nun internationale Aufwertung und vor allem Festigung seiner Diktatur. Trump hätte etwas erreicht, wenn in Nordkorea Pressefreiheit, Meinungsfreiheit, Wahlen und Menschenrechte eingeführt würden. Außer Show und Spesen nichts gewesen.
spon_2937981 12.06.2018
4.
Mir wird schlecht bei der Vorstellung, dass Trump mit dieser ganzen absurden Show durchkommt, und vielleicht sogar am Ende neben der Wiederwahl (was für eine erschreckende Aussicht) sogar dem Friedensnobelpreis erhält. [...]
Mir wird schlecht bei der Vorstellung, dass Trump mit dieser ganzen absurden Show durchkommt, und vielleicht sogar am Ende neben der Wiederwahl (was für eine erschreckende Aussicht) sogar dem Friedensnobelpreis erhält. (Falls er nicht zwischendurch in einem Tobsuchtsanfall denn 'roten Knopf' drückt. ) Seine Wähler und Wieder-Wähler müssen wirklich schrecklich uninformiert sein (um nicht zu sagen: dumm wie Brot)...
brosswag 12.06.2018
5. Meine Meinung zum Thema
Ich denke es wird keine drei Monate brauchen bis klar ist, dass Trump falsch liegt. Das einzig Kluge von ihm ist, dass er das jetzt schon einräumt. Ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen. dass diese Erwartungen in Bezug [...]
Ich denke es wird keine drei Monate brauchen bis klar ist, dass Trump falsch liegt. Das einzig Kluge von ihm ist, dass er das jetzt schon einräumt. Ich kann mir beim besten willen nicht vorstellen. dass diese Erwartungen in Bezug auf Kim berechtigt sind. Russland und China werden einen Dreck dafür tun, Trump in seiner Drohpolitik gegen die welche ihm nicht gehorchen zu unterstützen.
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