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Politik

Nach Trumps Ausstieg

Wie die EU den Iran-Deal retten könnte

Der Ausstieg der USA aus dem Iran-Abkommen wird von Europa als Frontalangriff verstanden. Wie geht es nun weiter? Drei Szenarien.

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Irans Außenminister Zarif, EU-Außenbeauftragte Mogherini

Von , Brüssel
Dienstag, 15.05.2018   17:11 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Donald Trump war gerade zum US-Präsidenten gewählt worden, da gaben sich manche in Europa schon optimistisch. Trump könne eine Chance für die EU sein - denn nichts vereine so wie ein gemeinsamer Gegner.

Seitdem hat Trump so ziemlich alles getan, um dieser Rolle gerecht zu werden: Erst zog er die USA aus dem Pariser Klimaabkommen ab, dann ließ er Zweifel an seiner Bündnistreue gegenüber Nato-Partnern aufkommen. "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen", erklärte Kanzlerin Angela Merkel daraufhin.

Die Feuerprobe kommt nun schneller, als es Merkel und der EU lieb sein kann: Trump provoziert mit Strafzöllen und hat die israelische US-Botschaft nach Jerusalem verlegt. Der ultimative Affront aber ist sein Ausstieg aus dem Iran-Atomabkommen, dem damit von der Zerstörung bedrohten Kronjuwel der EU-Diplomatie. Seine Emissäre ließ Trump eine klare Botschaft senden: Die Europäer haben ihre Geschäfte mit Iran einzustellen, sonst setzt es Sanktionen.

Ein "massiver Angriff auf die Souveränität Europas" sei das, schrieb Schwedens früherer Premierminister Carl Bildt in der "Washington Post". "Wollen wir Vasallen sein, die die Hände an die Hosennaht legen, wenn die USA gegen unseren Willen entscheiden?", empörte sich Frankreichs Finanzminister Bruno Le Maire. Die Frage ist nun, wie die EU diese Frage beantwortet. Drei Szenarien sind denkbar.

Szenario 1: Europa geht auf Konfrontationskurs

Am Dienstagabend wollen die Außenminister Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens mit ihrem iranischen Amtskollegen und der EU-Außenbeauftragten Federica Mogherini in Brüssel beraten, wie sie den Iran-Deal retten können. Die EU steckt dabei im Dilemma: Sie muss die wirtschaftlichen Vorteile absichern, die Iran im Gegenzug für den Stopp seines Atomwaffenprogramms zustehen - also ermöglichen, dass weiter Geschäfte mit Iran gemacht werden können. Dazu müsste die EU europäische Unternehmen vor den amerikanischen Sanktionen schützen und den USA womöglich gar mit Gegenmaßnahmen drohen.

"Denkbar wäre hier beispielsweise eine Aktivierung des Blocking Statute", sagt David McAllister, Chef des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament. Mit dem Abwehrgesetz hatte die EU 1996 europäischen Unternehmen bei Strafe verboten, US-Sanktionen gegen Kuba, Iran und Libyen zu befolgen und ihnen zugleich Schadensersatz zugesichert. Die USA lenkten damals ein, was aber auch daran lag, das Präsident Bill Clinton das Sanktionsgesetz des Kongresses ohnehin mit einem Veto verhindern wollte. Bei Trump müsste die EU dagegen mit einer dramatischen Eskalation rechnen.

Ob es dazu kommt, ist aber fraglich, da die EU uneins ist über den Umgang mit den USA. In Paris und Berlin etwa gebe es "unterschiedliche Philosophien" , sagt ein ranghoher Beamter der EU-Kommission: Während die Deutschen eher versuchten, die Amerikaner zu besänftigen und auf Zeit zu spielen, wollten die Franzosen klare Kante zeigen. Wenn man zurückweiche, so die Pariser Denkweise, ermutige man Trump, noch mehr zu verlangen. Die EU müsse ihre Interessen mit den gleichen Instrumenten verteidigen wie es die USA tun, sagte Finanzminister Le Maire.

Szenario 2: Europa leistet vorsichtigen Widerstand

Wahrscheinlicher als eine harte Konfrontation ist deshalb, dass die EU auf unterschiedliche Arten versucht, die US-Sanktionen abzuschwächen. So könnte sie kleine und mittlere Unternehmen bei Investitionen in Iran unterstützen, etwa durch Kredite der Europäischen Investitionsbank (EIB). Die Finanzierung ist das Hauptproblem vieler Iran-Geschäfte, da die meisten Banken in den USA stark aktiv sind und aus Angst vor Repressalien davor zurückschrecken, sich in Iran zu engagieren oder Geschäfte dort zu unterstützen.

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Macron und Trump: Den Präsidenten nicht verstimmen

Allerdings müsste die EU bei diesem Szenario vorsichtig vorgehen, damit sich Trump nicht provoziert fühlt. Das Problem: Niemand weiß, wo diese Schwelle liegt. Im Zweifel genügt es, wenn ein Kommentator bei Fox News die EU anprangert, während Trump gerade vor dem Fernseher sitzt.

Szenario 3: Europa kuscht

Trumps Unberechenbarkeit könnte dazu führen, dass die EU tapfer lächelnd alle Zumutungen erträgt und hofft, es in zweieinhalb Jahren mit einem neuen US-Präsidenten zu tun zu haben. Ein Konflikt mit den USA wäre teuer und träfe zunächst europäische Unternehmen. Den meisten aber dürfte die Bilanz am Jahresende wichtiger sein, als die Politik der EU. Heißt: Vermutlich würden sich vor allem große Unternehmen im Zweifel gegen den Handel mit Iran entscheiden, um ihr Geschäft mit den USA nicht zu gefährden: 2017 hat Deutschland Waren im Wert von knapp drei Milliarden Euro nach Iran exportiert, bei den USA waren es Waren im Wert von 112 Milliarden Euro.

Fraglich erscheint auch, ob die EU-Staaten auf anderen Feldern bereit wären, den Preis für eine größere Unabhängigkeit von den USA zu zahlen. Denn er bemisst sich unter anderem darin, wie viel Souveränität man an Brüssel abtritt.

In Sachen Handel und Wettbewerb gelingt es der EU, Trump die Zähne zu zeigen: Sie verhängt Milliarden-Bußgelder gegen US-Konzerne wie Apple, Google und Facebook und fährt eine harte Linie im Streit über die Strafzölle. Das hat vor allem zwei Gründe: Wirtschaftlich ist die EU ein Gigant auf Augenhöhe mit den USA. Und die EU-Staaten haben die Kompetenz auf diesen Feldern an die EU übertragen.

In der Außen- und Sicherheitspolitik aber kocht nach wie vor jeder EU-Staat weitgehend seine eigene Suppe, und das nicht selten auf Sparflamme. So will Kanzlerin Merkel zwar nun mehr Geld fürs Militär in die Hand nehmen. Doch der Verteidigungsetat soll bis 2025 nur auf 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Damit wäre Deutschland immer noch weit entfernt vom Zwei-Prozent-Ziel, auf das sich alle Nato-Staaten verpflichtet haben - und das Trump vehement einfordert.

Zwar steigen die deutschen Ausgaben trotzdem kräftig, weil die Wirtschaft brummt und deshalb das Bruttoinlandsprodukt steigt. Allerdings hat jede Hochphase irgendwann ein Ende - und politische Krisen richten sich selten nach Deutschlands Wirtschaftszyklen.


Zusammengefasst: Mit dem Rückzug aus dem Iran-Abkommen stellt US-Präsident Trump die EU auf eine harte Probe: Entweder die Europäer ziehen sich gegen ihre Überzeugung ebenfalls aus dem Abkommen zurück, oder sie treiben weiter Handel mit Iran und riskieren eine schwere Konfrontation mit den USA. Auf dem Spiel steht die außenpolitische Glaubwürdigkeit der EU, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sie unabhängiger werden will.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, dass für die Anpassung des EU-Abwehrgesetzes von 1996 an die neuen US-Sanktionen ein einstimmiger Beschluss aller EU-Mitgliedstaaten und die Zustimmung des Bundestags notwendig sei. Dies trifft nicht zu. Wir haben den Fehler korrigiert.

insgesamt 39 Beiträge
ulijoergens 15.05.2018
1. Einknicken wird noch teurer...
denn dann weiss Trump, dass mit dem EU alles geht. Die nächste Schikane käme sicher und würde noch teurer. Ich bin auch nicht mit der Sicht des Autors einverstanden, dass man vorsichtig sein muss um Trump nicht zu provozieren. [...]
denn dann weiss Trump, dass mit dem EU alles geht. Die nächste Schikane käme sicher und würde noch teurer. Ich bin auch nicht mit der Sicht des Autors einverstanden, dass man vorsichtig sein muss um Trump nicht zu provozieren. Ich denke, eine klare Antwort die vor allem klare negative Konsequenzen für die amerikanische Wirtschaft haben dürfte ihn schon zum Einlenken bewegen. Das hat ja schon mehrfach funktioniert. Am Ende rudert er ja schnell zurück wenn das gewünschte Ergebnis ausbleibt.
SPONU 15.05.2018
2. Das kommt davon wenn man....
...einen Germanistikabsolventen einen Artikel über Aussenhandel und Sanktionen schreiben lässt. Blocking Statute aktivieren und Schadenersatz zahlen? Schadenersatz für akut ausgefallenes US Geschäft plus zukünftiges Geschäft [...]
...einen Germanistikabsolventen einen Artikel über Aussenhandel und Sanktionen schreiben lässt. Blocking Statute aktivieren und Schadenersatz zahlen? Schadenersatz für akut ausgefallenes US Geschäft plus zukünftiges Geschäft (ggf. für acht Jahre im schlimmsten Fall bei second term Trump, der das sicherlich durcheskaliert). In Brüssel kann man scheinbar nicht rechnen was da an Schadenersatz zusammenkommen kann. Und sanfter Widerstand in dem EIB Kredite gewährt? An iranische Firmen? Ja und dann? Keine Bank mit US Geschäft wird sich hier die Finger verbrennen und als Mittelsmann dienen. Es ist jetzt schon nahezu unmöglich Zahlungen von iranischen Kunden zu erhalten, und das war schon vor dem Platzen des Irandeals so. Und selbst wenn man es schaffte, Kredite rauszulegen....und dann? Wo sollen die Iraner kaufen? Wohl dann in China und Russland denn aus der EU und den USA bekommen sie ja nichts.
stadtmusikant123 15.05.2018
3. alternativlos
Auch Szenario 2 scheidet auch aus. Das wird den Banken zu riskant sein. Ob es uns gefällt oder nicht . Die EU hat aktuell gar keine softige Alternative. Nach dem gerade veröffentlichten Airbus-WTO-Urteil wird alles was [...]
Auch Szenario 2 scheidet auch aus. Das wird den Banken zu riskant sein. Ob es uns gefällt oder nicht . Die EU hat aktuell gar keine softige Alternative. Nach dem gerade veröffentlichten Airbus-WTO-Urteil wird alles was mit dem Komplex EU- "Handel" zu tun hat, ein schlechtes bis desaströses Urteil über die EU-Gebaren zur Folge haben. Und dazu noch unabhängig vom Fernsehsender der das ausstrahlt. Unlauterer Wettbewerb gegen das US-Luftfahrt-Flaggschiff " Boeing" kommt auf allen Kanälen und bei allen Parteien definitiv nicht gut an. Von und mit Boeing sind nicht nur republikanische US-Staaten betroffen.
chrismuc2011 15.05.2018
4. #2
Das Geld aus dem Iran bekommt man über einen letter of credit. Zur Not bei einer Schweizer Bank. Das gilt wahrscheinlich nicht für Baumaßnahmen im Iran. Aber im B2B Geschäft schon.
Das Geld aus dem Iran bekommt man über einen letter of credit. Zur Not bei einer Schweizer Bank. Das gilt wahrscheinlich nicht für Baumaßnahmen im Iran. Aber im B2B Geschäft schon.
Heinrich52 15.05.2018
5.
Der Schreiber hat recht. Die EU hauptsächlich Deutschland ist sehr abhängig von den USA. Die USA hat die Weltwirtschaft in der Hand. Sie ist so stark dass sie Regierungen stürzen kann. Denkt an Chile Aliente. Die USA [...]
Zitat von ulijoergensdenn dann weiss Trump, dass mit dem EU alles geht. Die nächste Schikane käme sicher und würde noch teurer. Ich bin auch nicht mit der Sicht des Autors einverstanden, dass man vorsichtig sein muss um Trump nicht zu provozieren. Ich denke, eine klare Antwort die vor allem klare negative Konsequenzen für die amerikanische Wirtschaft haben dürfte ihn schon zum Einlenken bewegen. Das hat ja schon mehrfach funktioniert. Am Ende rudert er ja schnell zurück wenn das gewünschte Ergebnis ausbleibt.
Der Schreiber hat recht. Die EU hauptsächlich Deutschland ist sehr abhängig von den USA. Die USA hat die Weltwirtschaft in der Hand. Sie ist so stark dass sie Regierungen stürzen kann. Denkt an Chile Aliente. Die USA kontroliert den ganzen süd und mittelamerikanischen Handel durch die United Fruit Companie. Trump versteht sein Geschäft, er weiß was er tut. Er hat mitall seinen Wirtschaftsfachleuten unter Kontrolle. Man muss vorsichtig sein. Aber das scheint der EU nicht bewusst sein. Sie wollen schlauer sein. Vorsicht dass sie sich nicht die finger verbrennen.

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Irans Atomprogramm

Streit
AP

Iran unterzeichnete 1968 den Sperrvertrag für Atomwaffen . Dieser erlaubt die zivile Nutzung von Nuklearenergie und die dafür notwendige Forschung einschließlich der Urananreicherung .

Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Sitz in Wien kontrolliert die Einhaltung des Atomwaffensperrvertrags; sie erstellt regelmäßig Berichte über das iranische Atomprogramm .

Der Uno-Sicherheitsrat hat in seiner Resolution 1696 vom 31. Juli 2006 Iran erstmals aufgefordert, die Anreicherung von Uran einzustellen; Teheran weigert sich unter Berufung auf den Atomwaffensperrvertrag.

Als Vermittler tritt seit einigen Jahren auch die "EU-Troika" auf, bestehend aus Frankreich, Großbritannien und Deutschland.

Anlagen
Arak : geplanter Schwerwasserreaktor
Buschehr : Atomkraftwerk, im Mai 2011 nach mehrfachen Terminverschiebungen in Betrieb genommen - zunächst zu Testzwecken. Im September 2011 ging der Reaktor in Regelbetrieb, allerdings noch nicht auf voller Leistung
Isfahan : Forschungsreaktor
Jasd: Uranminen
Natans : Anlage zur Urananreicherung, angeblich mit 6000 Zentrifugen in Betrieb. Im Herbst 2009 gab Iran bekannt, nahe der Stadt Ghom eine zweite Anlage zur Urananreicherung zu besitzen.
Teheran : Forschungsreaktor
Geschichte
1974: Unter Beteiligung von Siemens beginnt bei Buschehr der Bau eines Kernkraftwerks.
1979: Nach der Revolution und der Ausrufung der Islamischen Republik wird das Atomprogramm nicht weiter betrieben.
1980-1988: Im Irak-Iran-Krieg wird der Atomreaktor in Buschehr mehrfach bombardiert und dabei schwer beschädigt.
Neunziger Jahre: Deals auf dem Schwarzmarkt mit Abdul Qadir Khan , Pakistans "Vater der Atombombe"
1995: Abkommen mit Russland zum Wiederaufbau des Atomreaktors von Buschehr
2002: Iranische Oppositionelle im Exil berichten über ein geheimes Atomprogramm.
2003: Iran unterzeichnet das Zusatzprotokoll zum Atomwaffensperrvertrag (bislang aber nicht vom Parlament ratifiziert).
2006: Der Uno-Sicherheitsrat verlangt in seiner Resolution 1696 erstmals den Stopp der Urananreicherung .
Juli 2008: Iran droht bei einem Angriff auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen. Das Regime testet Schahab-3-Raketen, die auch Ziele in Israel erreichen könnten.
November 2008: Iran hat nach eigenen Angaben die Zahl seiner für die Urananreicherung benötigten Zentrifugen auf 5000 erhöht.
Juni 2009: Iran hat laut Internationaler Atomenergiebehörde IAEA weitere tausend Gaszentrifugen im Atomzentrum Natans in Betrieb genommen und bisher knapp 1,4 Tonnen niedrig angereichertes Uran produziert.
Mai 2010: Nach Verhandlungen mit dem brasilianischen Präsidenten Lula und dem türkischen Regierungschef Erdogan erklärt sich Iran bereit, schwach angereichertes Uran im Ausland zu tauschen. Wenig später kündigt Teheran an, an der umstrittenen Urananreicherung auf 20 Prozent festhalten zu wollen.
Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat, die EU und die USA beschließen neue Sanktionen gegen Teheran. US-Präsident Obama spricht von den bisher härtesten Sanktionen überhaupt - doch Beobachter bleiben skeptisch, ob die Strafmaßnahmen Erfolg bringen.
Sanktionen
REUTERS

Uno-Sanktionen: Verbot von Waffen- und Nuklearhandel, Einfrieren von Konten, Reisebeschränkungen, verhängt in Resolution 1737 (23.12.2006), Resolution 1747 (24.03.2007), Resolution 1803 (03.03.2008)

Sanktionen der USA: Vollständiger Handels- und Investitionsboykott, beruhend auf Executive Order 12959 von 1995, neue Sanktionen im Juni 2010

Sanktionen der EU: Einschränkungen für Handel und Investitionen, Einfrieren von Vermögen, Reisebeschränkungen, beruhend auf Verordnung (EG) Nr. 423/2007 des Rates (19.04.2007)

Nahost
dpa

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad erklärt, das israelische "Besatzungsregime" müsse "aus den Annalen der Geschichte verschwinden".
Israelische Politiker, darunter auch Kabinettsmitglieder, sprechen sich für präventive Militärschläge gegen Iran aus.
Personen
Said Dschalili , Atomunterhändler seit Oktober 2007
Yukiya Amano , Generaldirektor der IAEA
Der Verhandlungspoker um die Urananreicherung
Oktober 2009: Vertreter Irans, Deutschlands und der fünf Vetomächte im Sicherheitsrat kommen zu Atom-Gesprächen in Genf zusammen.
November 2009: Die IAEA kritisiert in einer Resolution die jahrelang geheim gehaltene iranische Urananreicherungsanlage bei Ghom. Teheran reagiert mit der Ankündigung, zehn neue Uran-Anlagen zu bauen.
Dezember 2009: Iran testet die Mittelstreckenrakete Sedschil 2. Diese habe größere Zielgenauigkeit als das Vorgängermodell Schahab 3.
2. Februar 2010: Ahmadinedschad zeigt sich bereit, auf einen Vorschlag der IAEA einzugehen, der eine Anreicherung iranischen Urans auf 20 Prozent im Ausland vorsieht. Wenige Tage später rudert er wieder zurück.
7. Februar 2010: Iran verkündet, man habe niedrig angereichertes Uran von 3,5 auf 20 Prozent gebracht und sei in der Lage, es auf 80 Prozent anzureichern. Damit könnten Atomwaffen hergestellt werden.
11. Februar 2010: US-Präsident Barack Obama kündigt als Reaktion umfangreiche neue Sanktionen gegen Iran an.
1. April 2010: Nach langem Widerstand gegen neue Sanktionen ist China bereit, sich an den Verhandlungen über den Text einer verschärften Uno-Resolution zu beteiligen.
25. April 2010: Zur Abwehr neuer Sanktionen besucht Irans Außenminister Manutschehr Mottaki Österreich. Gespräche mit dem Chef der IAEA, Yukija Amano, und Österreichs Außenminister Michael Spindelegger bringen jedoch keinen Durchbruch.
17. Mai 2010: Nach Verhandlungen mit Brasilien und der Türkei lenkt Iran ein und will Uran im Ausland anreichern lassen. Doch die internationale Gemeinschaft reagiert skeptisch auf die Ankündigung.
9. Juni 2010: Der Uno-Sicherheitsrat beschließt schärfere Sanktionen gegen Iran. Sie beinhalten weitere Hürden für die iranische Finanzbranche und eine Ausweitung des Waffenembargos. Auch die USA und die EU setzen schärfere Maßnahmen gegen Iran in Kraft.
Januar 2011: Die Atomgespräche zwischen Iran und den westlichen Mächten in Istanbul scheitern. Teheran hatte weiterhin "ein Recht auf Urananreicherung" gefordert.

Uran und Atomwaffen

Uran
Uran eignet sich sowohl für die Energiegewinnung als auch für den Einsatz in Atomwaffen. Entscheidend ist der Grad der Anreicherung. Der Ausgangsstoff Uranerz besteht zu rund 99,3 Prozent aus Uran 238; das spaltbare Uran 235 macht nur etwa 0,7 Prozent aus. Für die Nutzung in Kernreaktoren muss der Anteil von Uran 235 auf drei bis fünf Prozent gesteigert werden, für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent notwendig.
Anreicherung
Uranerz wird nach dem Abbau zunächst zu einem gelblichen Pulver verarbeitet, dem sogenannten Yellowcake. Es dient zur Herstellung von Brennelementen für Reaktoren, kann aber zwecks Anreicherung auch in Uran-Hexafluorid (UF6) umgewandelt werden, das bis 56 Grad Celsius in kristalliner Form vorliegt und darüber gasförmig ist.

Die meisten Anreicherungsanlagen weltweit basieren auf der Gasdiffusion: Gasförmiges Uran-Hexafluorid wird durch halbdurchlässige Membrane gepresst, wobei sich das Uran 235 vom Rest trennt. Das Verfahren gilt inzwischen jedoch aufgrund seines hohen Energiebedarfs als veraltet.

Eine modernere Methode ist die Gaszentrifuge, an der auch in Iran experimentiert wird. Bei ihr macht man sich den Massenunterschied zwischen beiden Uran-Isotopen zunutze: Wird Uran-Hexafluorid in die Zentrifugen gegeben, sammeln sich die schwereren Uran-238-Moleküle bei bis zu 70.000 Umdrehungen pro Minute außen in den Zylindern, die Uran-235-Moleküle bleiben innen.
Einsatz in Atomwaffen
Für den Einsatz in Kernreaktoren genügt es bereits, wenn Uran 235 zu drei bis fünf Prozent in den Brennelementen angereichert ist. Ab 20 Prozent ist von hochangereichertem Uran die Rede. Für eine Atombombe ist ein Anreicherungsgrad von mindestens 80 Prozent erforderlich, da sonst eine zu große Uranmenge notwendig wäre.

Uran 235 kam in der ersten jemals eingesetzten Atombombe, die am 6. August 1945 Hiroshima zerstörte, als Sprengstoff zum Einsatz. Die Sprengkraft lag bei rund 13 Kilotonnen TNT. Die Bombe, die drei Tage später auf Nagasaki abgeworfen wurde, erreichte 20 Kilotonnen TNT. In ihr kam allerdings nicht Uran zum Einsatz, sondern Plutonium 239, das per Neutronenbeschuss in Brutreaktoren aus Uran 238 gewonnen wird.

Republik Iran

Land
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Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa

Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Khamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Corbis

Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz fünf). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
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Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2013 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 4750 Dollar. Nach der minimalen Lockerung der internationalen Wirtschaftssanktionen keimt im Land derzeit Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung. 2013 schrumpfte die Wirtschaft noch um schätzungsweise 1,7 Prozent nach mehr als fünf Prozent 2012. Neben der Arbeitslosenquote, die offiziell bei rund 13 Prozent, inoffiziellen Schätzungen zufolge aber wohl weit höher liegt, ist die Inflation nach wie vor eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2013 lag sie bei 35 Prozent, für 2014 rechnet der IWF mit 23 Prozent. Im Jahr 2013 machte Teherans Verteidigungsbudget laut IISS rund vier Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,2 Prozent).
Menschenrechte
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Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2013 mindestens 369 Menschen hingerichtet. Dem International Centre for Prison Studies zufolge saßen 2012 pro 100.000 Einwohner 284 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 79). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2013 bei 177 beobachteten Staaten den 144. Rang ein (Deutschland: 12).

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