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Politik

Ministerin über Hasskommentator

"Was wohl seine Mutter sagen würde?"

Österreichs Umweltministerin Köstinger wurde nach der Geburt ihres Sohnes im Netz wegen ihrer Figur beschimpft. Sie antwortete einem Hater. Hier erklärt sie, warum sie in die Offensive ging.

DPA

Elisabeth Köstinger (ÖVP)

Ein Interview von
Montag, 22.10.2018   13:37 Uhr

Im Juli gab Elisabeth Köstinger, 39, die Geburt ihres Sohnes bekannt. "Für uns haben sich heute Himmel und Erde berührt", twitterte die Politikerin der konservativ-bürgerlichen ÖVP. "Mit großer Freude und Dankbarkeit teilen wir mit, dass unser Sohn Lorenz Johannes heute früh das Licht der Welt erblickt hat. Wir sind überglücklich, wohlauf und freuen uns auf das Leben mit ihm."

Nun ist Köstinger an Hassnachrichten, als Ministerin notgedrungen, bis zu einem gewissen Grad gewöhnt. Doch seit der Geburt sind zu den üblichen Einträgen noch solche hinzugekommen, die über ihren Körper und ihr Dasein als Mutter herziehen. Ein Facebook-Nutzer hinterließ auf ihrer Seite den Kommentar: "…und dann blieb ich fett; aber is a wurscht; ich bin ja jetzt mutter. *lol*"

Köstinger entdeckte diese sexistische Botschaft während einer Dienstreise, als sie in einer Pause zwischendurch auf ihr Telefon schaute. Sie schrieb dem Verfasser öffentlich zurück: "Stimmt. Ich habe vor 3 Monaten einem großen, gesunden Wunder das Leben geschenkt und ich war noch nie zuvor so stolz auf meinen Körper wie jetzt. Ich hoffe, dass es jeder Mama auf dieser Welt gleich geht und dass jede Frau über solche Kommentare lachen kann. Alles Liebe für Sie". Dahinter setzte sie noch ein Herz.

Für ihre Antwort bekommt sie nun viel Lob. Im Interview erzählt sie, warum sie mit diesem Thema den Schritt an die Öffentlichkeit gewagt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit mehr als zehn Jahren Politikerin. Seit wann erhalten Sie Hassnachrichten?

Köstinger: Begonnen hat das mit meiner Wahl ins Europaparlament im Jahr 2009. Von da an kamen solche Zuschriften per E-Mail, aber auch auf den Kanälen der sozialen Medien. Seit meinem Wechsel in die österreichische Bundespolitik im vergangenen Jahr haben die Hasskommentare gegen mich spürbar zugenommen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie bewogen, jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen?

Köstinger: Normalerweise antworte ich auf solche Sachen nicht. Meist lösche ich das sofort, auch damit meine Familie das nicht sieht. Seit meiner Schwangerschaft und dann mit der Geburt sind die Beschimpfungen noch einmal mehr geworden. Das ist schon ein Wahnsinn, dass eine Frau sich solche Sachen sagen lassen muss. Bei dem, dem ich geantwortet habe, kam mir in dem Moment der Gedanke: Was wohl seine Mutter sagen würde, wenn sie wüsste, was ihr Sohn da schreibt?

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Also ein Zufall, dass Sie ausgerechnet diesem Typen zurückgeschrieben haben?

Köstinger: Ja. Ich komme normalerweise schon aus zeitlichen Gründen gar nicht dazu, Kommentare über mich zu lesen, geschweige denn, darauf zu antworten. Aber diesen habe ich während eines Verhandlungsmarathons zufällig gesehen. Was bilden solche Leute sich eigentlich ein? Es geht ja nur um Abwertung und Beleidigung.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man Ihrer Ansicht nach dagegen tun? Gesetze ändern?

Köstinger: Derzeit wird ja der Fall von Sigrid Maurer diskutiert, die sich gegen sexistische Hassnachrichten gewehrt hat und dann selbst wegen übler Nachrede verurteilt wurde. Dieses Urteil sorgt zum Teil für großes Unverständnis. Ich finde, grundsätzlich sollte man zwischen Beleidigungen und Gewaltandrohungen unterscheiden. Wenn Drohungen mitschwingen, braucht es auch gesetzliche Hilfsmittel. Unsere Regierung wird, auch als Reaktion auf den Fall Sigi Maurer, das Strafrecht entsprechend überarbeiten und den Opferschutz stärken.

SPIEGEL ONLINE: Macht es Sinn, Hasskommentatoren zu antworten?

Köstinger: Früher habe ich Leuten, die mich per E-Mail beschimpft haben, gelegentlich geantwortet. Da ist eigentlich immer nur eine noch schlimmere Tirade zurückgekommen. Es ist aber auch wichtig, den Leuten deutlich zu machen, was sie da tun. Ich glaube, da entlädt sich manchmal ein aufgestauter Hass. Anders kann ich mir nicht erklären, warum jemand eine ihm quasi unbekannte Person derart beschimpft.

SPIEGEL ONLINE: Treffen Sie diese Beschimpfungen?

Köstinger: Unterschiedlich. Ich kenne das Phänomen ja schon seit Langem. Ich kann nicht sagen, dass man sich gänzlich daran gewöhnt. Selbst das, was in Internetforen von Nachrichtenseiten über mich geschrieben wird, ist oft schwer erträglich. Aber man lässt das nicht mehr so an sich heran. Die Fülle an Hass, die sich über einen ergießt, imprägniert einen fast dagegen. Aber als es sich dann gegen meine Schwangerschaft und die Geburt meines Kindes richtete, war ich ehrlich gesagt schockiert darüber, wie viel Schlechtes man einem Menschen wünschen kann. Was unter den Artikeln über die Geburt meines Kindes kommentiert wurde, war kaum auszuhalten. Ich hatte dann wenig Zeit und Lust, all das zu lesen. Aber meine Familie und meine Mitarbeiter haben das mitbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Kanäle sind die schlimmsten?

Köstinger: Die meisten Beleidigungen und Beschimpfungen kommen per Twitter, gefolgt von Facebook. Dann kommen E-Mails, und schließlich Instagram. Dass das selbst auf Instagram geschieht, finde ich übrigens bemerkenswert, denn das ist ja eher eine Art Wohlfühlkanal, wo wenig politisch diskutiert wird. Da geht es ja in erster Linie um Bilder. Aber selbst dort bekomme ich per Direktnachricht immer wieder solche Zuschriften.

SPIEGEL ONLINE: Inwiefern unterscheidet sich der Hass, der sich über Frauen ergießt, von dem, den Männer erhalten? Dass er sexistisch ist?

Köstinger: Meine subjektive Wahrnehmung ist, dass Frauen oft gleich persönlich herabgewürdigt werden, während die Angriffe bei Männern eher inhaltlicher Natur sind. Ich habe ja den Wahlkampf von Sebastian Kurz gemanagt und hatte da Zugriff auf seine sozialen Medien, dort habe ich das gesehen. Die Zuschriften an Männer sind auch oft hart und beleidigend, aber nie so persönlich. Geht es um einen Mann, hat er halt etwas falsch gemacht. Wenn man mit der Meinung einer Frau nicht übereinstimmt oder mit ihrem Handeln nicht einverstanden ist, dann wird sie gleich als dumm hingestellt. Und so etwas, wie ich es jetzt in Folge der Geburt meines Kindes erlebe, das erlebt nur eine Frau. Aber egal, ob Mann oder Frau, die Leute, die solche Hassbotschaften schicken, vergessen, dass der Empfänger ihrer Nachrichten ein Mensch ist. Es braucht wieder mehr Respekt in der Gesellschaft. Ich finde, wir müssen das thematisieren.

Video: Hass im Internet - DER SPIEGEL live

Foto: DER SPIEGEL

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