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Politik

Kabul

Aus Deutschland abgeschobener Afghane nimmt sich das Leben

Innenminister Seehofer hatte am Dienstag gewitzelt, an seinem 69. Geburtstag seien 69 Afghanen abgeschoben worden. Einer von ihnen hat sich in Kabul das Leben genommen, wie das Innenministerium nun offiziell bestätigt.

imago/ Michael Trammer

Abschiebeflug nach Afghanistan am 3. Juli

Mittwoch, 11.07.2018   13:45 Uhr

Ein vor einer Woche aus Deutschland abgeschobener afghanischer Asylbewerber hat sich nach seiner Rückkehr selbst getötet. Er sei am Dienstag in einer von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) zur Verfügung gestellten vorübergehenden Unterkunft in Kabul aufgefunden worden, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Flüchtlingsministeriums in Kabul der Nachrichtenagentur dpa. Der Mann stammte aus der nordafghanischen Provinz Balkh.

Das Innenministerium bestätigte den Tod eines Mannes, der in der vergangenen Woche nach Afghanistan abgeschoben wurde. Alles deute nach Angaben der Behörden vor Ort auf einen Suizid hin. Der Mann habe in Hamburg gelebt und sei in Deutschland rechtskräftig wegen Diebstahls und Körperverletzung verurteilt gewesen.

Nach Angaben der Ausländerbehörde in Hamburg sei der Mann 23 Jahre alt gewesen. Er sei 2011 nach Deutschland eingereist und habe Asyl beantragt. Dieser Antrag sei ein Jahr später abgelehnt worden. Dagegen habe der Mann Klage eingereicht, diese habe er jedoch nicht mehr weiterverfolgt, weshalb das Verfahren 2017 eingestellt wurde. Zuletzt habe der Afghane mit einer Duldung in Hamburg gelebt.

Zu möglichen psychischen Problemen des Mannes äußerte sich die Behörde nicht. Der Mann sei jedoch als reiseflugtauglich eingestuft worden.

Mit dem jüngsten Abschiebeflug aus Deutschland hatten Bund und Länder mit 69 Passagieren ungewöhnlich viele abgelehnte Asylbewerber abgeschoben. Seehofer hatte dies am Dienstag bei der Vorstellung seines "Masterplans Migration" angesprochen: "Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 - das war von mir nicht so bestellt - Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden. Das liegt weit über dem, was bisher üblich war."

Seehofers Äußerungen hatten viele als zynisch aufgefasst. Politiker von SPD, Grünen und Linkspartei kritisierten den CSU-Chef scharf.

Als Reaktion auf den Suizid teilt das Innenministerium in Berlin mit: "Dies ist ein Vorfall, den auch Herr Bundesminister Seehofer zutiefst bedauert."

(Mehr zur Aktion "Deutschland spricht" finden Sie hier .)

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cte/syd/dpa/Reuters

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