Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Namensstreit mit Mazedonien

"Was Griechenland macht, ist absurd"

Hunderttausende Demonstranten werden am Sonntag auf Griechenlands Straßen erwartet. Grund ihrer Wut: der ewige Namensstreit mit Mazedonien. Hier erklärt der Historiker Stefan Troebst, warum der Konflikt so gefährlich ist.

AP

Proteste in Thessaloniki

Ein Interview von
Samstag, 03.02.2018   12:43 Uhr

Darf ein Staat einem anderen vorschreiben, welchen Namen er sich geben darf? Aus Sicht vieler Griechen schon.

Am Sonntag wollen in Athen Hunderttausende Menschen demonstrieren. Sie wehren sich dagegen, dass der nördliche Nachbar Mazedonien diesen Begriff als Teil eines international anerkannten Staatsnamens verwendet. Denn das impliziere, so die Argumentation, territoriale Ansprüche auf die nordgriechische Region Makedonien.

Der Namensstreit zwischen Griechenland und Mazedonien ist mehr als ein Vierteljahrhundert alt - und hat schwerwiegende Folgen: Die "ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien" (FYROM), so der provisorische internationale Staatsname, kann wegen der griechischen Blockadehaltung keine EU-Aufnahmeverhandlungen beginnen. Auch gegen einen bereits beschlossenen Nato-Beitritt Mazedoniens im Jahr 2008 legte Griechenland sein Veto ein.

Nun kommt nach jahrelangem Stillstand wieder Bewegung in den Namensstreit: Mazedoniens neuer sozialdemokratischer Regierungschef Zoran Zaev und sein griechischer Kollege Alexis Tsipras wollen endlich eine Lösung finden. Doch das ruft die griechischen Nationalisten auf den Plan. Nun steigt die Großdemo in der Hauptstadt.

Im Interview spricht Professor Stefan Troebst über Wege aus der Krise, die Chancen auf eine Einigung - und warum der Streit auch für die Europäische Union unangenehm werden könnte.


SPIEGEL ONLINE: Herr Troebst, gibt es aus Ihrer Sicht einen rationalen Grund, warum Mazedonien seinen Verfassungsnamen nicht auch international benutzen sollen könnte?

Troebst: Aus griechischer Sicht ist es eine Gefahr für das Land, wenn der Name eines Nachbarstaates sich an die gleichnamige griechische Region Makedonien anlehnt. Das ist absurd, denn Griechenland ist seit Jahrzehnten Mitglied der Nato sowie der Europäischen Union und hat eine ungleich größere Armee als das winzige Mazedonien. Ich halte die griechische Sichtweise deshalb außen- wie sicherheitspolitisch für irrational.

SPIEGEL ONLINE: Ist die griechische Befürchtung, Mazedonien habe direkt oder indirekt Territorialansprüche an Griechenland, begründet?

Zur Person

Troebst: Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Jugoslawiens Staatschef Tito angedeutet, dass bestimmte Küstenregionen Nordgriechenlands einschließlich der Stadt Thessaloniki zu Jugoslawien gehören sollten. Das wurde 1991, als Mazedonien seine Unabhängigkeit ausrief, von nationalistischen griechischen Politikern und von Teilen der griechischen orthodoxen Kirche wieder ins öffentliche Bewusstsein projiziert. Aber kein ernst zu nehmender Politiker in Mazedonien erhebt heute revisionistische oder territoriale Forderungen.

SPIEGEL ONLINE: Aus griechischer Sicht sind die Mazedonier Teil des gemeinsamen hellenistischen Erbes. Da sie als eigenständige Nation nicht existierten, so die Argumentation, könne es auch kein Land mit einem solchen Namen geben. Haben sie recht?

SPIEGEL ONLINE

Troebst: Als Historiker halte ich diese griechische Sicht für nicht konsistent. Die antiken griechischen Stadtstaaten haben auf die antiken Mazedonier als Barbaren herabgeblickt. Sie jetzt in das hellenistische Erbe einzugemeinden, ist nicht stimmig. Die Retourkutsche für diese Sichtweise war das ideologische Programm, das die nationalkonservative mazedonische Regierung der Jahre 2006 bis 2016 aufgelegt hat.

SPIEGEL ONLINE: Was war daran problematisch?

Troebst: Die Berufung slawischsprachiger Mazedonier auf das antike griechische Erbe, zum Beispiel die Benennung des Flughafens von Skopje nach Alexander dem Großen - das war für die Griechen der Gipfel der Provokation. Daran sieht man, mit welchen verqueren historischen oder ahistorischen Argumenten beide Seiten arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur Griechenland, auch die drei anderen großen Nachbarnationen, Serbien, Bulgarien und Albanien, bestreiten die Existenz einer mazedonischen Nation mehr oder weniger.

Troebst: Das verwundert nicht, denn Mazedonien war und ist Zentrum und Knotenpunkt des Balkans. Alle vier Nachbarnationen wollen auf diese Region zugreifen oder wollten sie in der Vergangenheit annektieren und verwendeten dafür jeweils verschiedenste Argumente - von sprachlichen über kulturelle bis hin zu historischen. Als Staat haben diese vier Nachbarn Mazedonien ja anerkannt, es wäre gut, wenn sie auch eingestehen würden, dass eine mazedonische Nation existiert. Das würde die Lage in der Region deutlich entspannen.

SPIEGEL ONLINE: Momentan herrscht bei den Regierungen Griechenlands und Mazedoniens Optimismus, bald zu einer Lösung des Konflikts zu kommen. Wie beurteilen Sie die Aussichten dafür?

Troebst: Zumindest in Mazedonien herrscht Zweckoptimismus. Der neue sozialdemokratische Regierungschef Zaev steht unter riesigem Erwartungsdruck. Ein Kompromiss mit Griechenland wird seine Bewährungsprobe, denn dann würde Mazedonien in die Nato aufgenommen werden und könnte EU-Verhandlungen beginnen. Wenn dieser Kompromiss nicht geschlossen wird, dann sehe ich für Mazedonien noch schwärzer als in den vergangenen zehn Jahren des nationalistischen Regimes.

SPIEGEL ONLINE: Was würde es für die Region bedeuten, wenn nach mehr als einem Vierteljahrhundert doch wieder keine Einigung zustande kommt?

Troebst: Für die EU wäre es überaus peinlich, dass ihr eigenes Mitglied Griechenland angebliche nationale Interessen weit über das gemeinsame Interesse der EU stellt, Mazedonien und die Westbalkan-Länder mittelfristig aufzunehmen. Szenarien, wie sie in den Neunzigerjahren befürchtet wurden, also eine Aufteilung Mazedoniens zwischen Belgrad und Athen, eine Militärintervention Serbiens oder eine Okkupation Bulgariens, sind heute nicht mehr aktuell.

SPIEGEL ONLINE: Was wäre ein wahrscheinlicheres Szenario bei einem Scheitern der Verhandlungen?

Troebst: Aber bei einer Nicht-Lösung des Namensstreits könnte in Mazedonien der wackelige Ausgleich zwischen der slawischsprachigen Bevölkerungsmehrheit und der großen albanischen Minderheit hinfällig werden. Und zwar dann, wenn die mazedonischen Albaner sich mehr Albanien zuwenden. Etwa, weil sie sagen: Albanien ist bereits Nato-Mitglied und hat größere Chancen, EU-Mitglied zu werden als Mazedonien, da wollen wir dazugehören. Dann würde das gefährliche Szenario eines inneren Zerfalls Mazedoniens entlang ethnischer Grenzen eintreten.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version war von "antiken slawischsprachigen Mazedoniern" die Rede. Das Wort "slawischsprachig" war hier falsch, da es zu jener Zeit noch keine Slawen auf dem Balkan gab. Wir haben den Fehler korrigiert.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP