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Politik

Historischer Erdogan-Besuch in Athen

Muss ja

Die Rivalen Griechenland und Türkei nähern sich an: Erstmals seit 65 Jahren besucht ein türkischer Präsident das Nachbarland. Erdogan und Tsipras bemühen sich um Normalität - doch die Differenzen bleiben.

AFP

Erdogan und Tsipras

Von und , Athen und Istanbul
Donnerstag, 07.12.2017   19:07 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Griechische und türkische Kampfjets liefern sich regelmäßig Scharmützel über der Ägäis. Beinahe täglich dringt die türkische Luftwaffe in griechischen Luftraum ein - und umgekehrt. Es sind Provokationen zwischen zwei Ländern, die vor allem Rivalität verbindet.

In dieser Woche jedoch registrierten Militärs auf beiden Seiten kaum einen Regelverstoß. Aus gutem Grund: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist seit Donnerstagmorgen zu Gast in Athen. Es ist der erste Besuch eines türkischen Staatschefs in dem Nachbarland seit 65 Jahren. Nichts soll diesen geschichtsträchtigen Auftritt stören.

Der letzte türkische Präsident, der nach Griechenland kam, war Celal Bayar im Dezember 1952. Er wurde von den Massen euphorisch empfangen, als er im Auto gemeinsam mit dem griechischen König und der Königin durch die Stadt fuhr. Seither ist das Verhältnis zwischen beiden Staaten dramatisch abgekühlt. Die Türkei und Griechenland streiten seit Jahrzehnten mehr oder weniger ergebnislos über Zypern, über Inseln in der Ägäis, über die muslimische Minderheit im Norden Griechenlands. Zwischenzeitlich standen beide Länder kurz vor einem Krieg.

Erdogans Besuch in Athen markiert einen Fortschritt in den griechisch-türkischen Beziehungen. Erdogan war schon zwei Mal zuvor als Premier in Griechenland, 2004 und 2010, jedoch noch nicht als Präsident. Er wird am Donnerstagmorgen am Flughafen von Außenminister Nikos Kozias empfangen. Danach trifft er Premier Alexis Tsipras und Präsident Prokopis Pavlopoulos zu Gesprächen.

Athen gleicht an diesem Tag einer Festung: Etwa 2800 griechische Polizisten sind im Einsatz, hinzu kommen 200 persönliche Sicherheitskräfte des Präsidenten. Die Innenstadt ist weitgehend abgeriegelt, die Polizei hat rund um den Präsidentenpalast und den Regierungssitz Straßensperren errichtet.

Erst provozieren, dann zurückrudern

Erdogan hatte unmittelbar vor seiner Abreise nach Athen seine Gastgeber brüskiert, indem er in einem Interview den Vertrag von Lausanne, der den Grenzverlauf zwischen Griechenland und der Türkei regelt, infrage stellte. Griechische Abgeordnete forderten daraufhin eine Absage des Staatsempfangs.

Bei der gemeinsamen Pressekonferenz sind am Nachmittag beide Seiten um Deeskalation bemüht. Erdogan relativiert seine Aussage vom Vortag, beteuert, sein Land erhebe keine territorialen Ansprüche. Tsipras nennt den türkischen Präsidenten "meinen lieben Freund" und sagt: "Wir sollten Brücken bauen, keine Mauern."

Die türkische Regierung hat sich in den vergangenen Monaten schrittweise vom Westen entfernt. Sie befindet sich in einem offenen Konflikt mit den USA, der mit dem Prozess gegen den türkisch-iranischen Goldhändler Reza Zarrab in New York gerade einen neuen Höhepunkt findet. Die Beziehung zu den Europäern beginnt sich erst langsam wieder zu erholen. In Griechenland sieht Ankara ganz offensichtlich einen Verbündeten innerhalb der EU. Premier Tsipras soll, laut Aussagen griechischer Diplomaten, Erdogan persönlich zugesichert haben, sich für einen EU-Beitritt der Türkei einzusetzen.

Athen wiederum scheint mehr denn je auf die Türkei angewiesen. Die griechische Regierung ist schon jetzt außer Stande, die Flüchtlinge, die sich auf den Inseln und dem Festland sammeln, menschenwürdig zu versorgen. Migrationsminister Ioannis Mouzalas sagte im Gespräch mit dem SPIEGEL, er könne nicht ausschließen, dass Geflüchtete wie schon im Vorjahr erneut in den Lagern erfrieren. Sollte die Türkei den Flüchtlingsdeal mit der EU aufkündigen, dürfte die Lage in Griechenland vollends außer Kontrolle geraten.

Die Differenzen bleiben

Beide Länder wollen zudem an gemeinsamen Projekten arbeiten, etwa an dem Ausbau von Fähr- und Zugverbindungen zwischen der Türkei und Griechenland und einer engeren Kooperation im Kampf gegen den Terror.

Bei allem Bemühen um Harmonie können Erdogan und Tsipras nicht überspielen, dass grundlegende Differenzen zwischen ihnen fortbestehen. So können sich Ankara und Athen nach wie vor nicht auf eine gemeinsame Position im Zypern-Konflikt verständigen und auch beim Umgang mit mutmaßlichen Putschisten, die nach Griechenland geflohen sind, herrscht weiter Klärungsbedarf. Erdogan drängt darauf, dass Athen die Verdächtigen ausliefert, Tsipras bremst, auch weil er um die Menschenrechtslage in dem Nachbarland weiß.

Am Freitag reist Erdogan weiter in den Norden Griechenlands, in die Provinz Thrakien, wo etwa 120.000 griechische Muslime leben. Griechenland und die Türkei haben in der Vergangenheit immer wieder über Einfluss auf die Minderheit gestritten. Dass Athen dem Thrakien-Besuch Erdogans zugestimmt hat, wird als Geste des guten Willens verstanden. Die griechische Regierung hat ihren Gast jedoch ausdrücklich gebeten, von kontroversen Statements abzusehen. Erdogan hat versprochen, sich an diese Vorgabe zu halten.


Zusammengefasst: Zum ersten Mal seit 65 Jahren reist ein türkischer Präsident ins Nachbarland Griechenland. Der Besuch von Recep Tayyip Erdogan bei Alexis Tsipras in Athen markiert einen Fortschritt in den türkisch-griechischen Beziehungen. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz geben sich beide bemüht und setzen auf Deeskalation; reden vom Brückenbau. Denn aller Differenzen zum Trotz sind beide Länder aufeinander angewiesen.

insgesamt 12 Beiträge
recepcik 07.12.2017
1. Immer wenn Erdogan in Bedrängnis gerät
Eilen ihm die Europäer herbei. So diplomatisch ist der Besuch nicht verlaufen. Erdogan hat auf griechischem Boden den Vertrag von Lausanne in Frsge gestellt und eine neue Verhandlung verlangt. Tsipras, der bei der Wahl im Juni [...]
Eilen ihm die Europäer herbei. So diplomatisch ist der Besuch nicht verlaufen. Erdogan hat auf griechischem Boden den Vertrag von Lausanne in Frsge gestellt und eine neue Verhandlung verlangt. Tsipras, der bei der Wahl im Juni 2015 in der Türkei die prokurdischen HDP unterstützte und ihren Covorsitzenden Demirtas als Freund bezeichnete, nennt Erdogan einen Freund, der persönlich Anzeigen erstattete, um Demirtas hinter Gitter zu bringen. Dieses Treffen kann man als ein Treffen der Verlogenen bezeichnen.
Atheist_Crusader 07.12.2017
2.
Hätte man mal stattdessen den Vertrag von Sevres durchgesetzt... Naja, soll er verlangen was er will. Griechenland hat die EU hinter sich, die Türkei hat sie zunehmend gegen sich. Aber ich schätze, das gehört zum Plan: [...]
Zitat von recepcikEilen ihm die Europäer herbei. So diplomatisch ist der Besuch nicht verlaufen. Erdogan hat auf griechischem Boden den Vertrag von Lausanne in Frsge gestellt und eine neue Verhandlung verlangt. Tsipras, der bei der Wahl im Juni 2015 in der Türkei die prokurdischen HDP unterstützte und ihren Covorsitzenden Demirtas als Freund bezeichnete, nennt Erdogan einen Freund, der persönlich Anzeigen erstattete, um Demirtas hinter Gitter zu bringen. Dieses Treffen kann man als ein Treffen der Verlogenen bezeichnen.
Hätte man mal stattdessen den Vertrag von Sevres durchgesetzt... Naja, soll er verlangen was er will. Griechenland hat die EU hinter sich, die Türkei hat sie zunehmend gegen sich. Aber ich schätze, das gehört zum Plan: seinen Wählern "beweisen", dass der Westen ja total böse und unfair sei, damit Niemand die Neuausrichtung in Richtung autoritärer Mächte kritisieren kann. Frei nach dem Motto: "Die wollen uns ja nicht - sonst hätten sie uns ja schon längst alles gegeben was wir haben wollten.".
quark2@mailinator.com 07.12.2017
3.
Die nicht immer gerade gerechten Resultate der Kriege in Europa waren eine zeitlang halbwegs am Heilen, als man den Status Quo als unverrückbar ansah und festlegte, daß in Europa jegliche Verschiebung schlicht unzulässig wäre. [...]
Die nicht immer gerade gerechten Resultate der Kriege in Europa waren eine zeitlang halbwegs am Heilen, als man den Status Quo als unverrückbar ansah und festlegte, daß in Europa jegliche Verschiebung schlicht unzulässig wäre. Dieses Prinzip hat leider nicht durchgehalten werden können. Es fing mit Jugoslawien an, ging mit Serbien noch länger weiter und ist nun in der Ukraine am werkeln. Entsprechend wirkt sich das auch auf die Beziehungen Türkei/Griechenland aus. Statt das endlich Heilung eintritt und jeder bei dem bleibt, was er hat und die anderen es ihm auch lassen, wird weiter manövriert und paktiert und das akzeptierte Gleichgewicht untergraben. Am Ende wird es vermutlich ausgehen, wie immer. Leider.
schnibbeldipp 07.12.2017
4. Was soll diese pseudopolitische correctness??
Wem dient dieser Artikel "gleicher Distanz"? Dialog und Annäherung sind willkommen, aber Fakten sind Fakten: "Beinahe täglich dringt die türkische Luftwaffe in griechischen Luftraum ein - und umgekehrt." [...]
Wem dient dieser Artikel "gleicher Distanz"? Dialog und Annäherung sind willkommen, aber Fakten sind Fakten: "Beinahe täglich dringt die türkische Luftwaffe in griechischen Luftraum ein - und umgekehrt." Umgekehrt..?? Wann war das denn? 141 mal haben türkische Flugzeuge griechischen Luftraum nur am 17. Mai verletzt (www.express.co.uk/news/world/805662/Turkey-planes-violate-Greek-airspace-141-times-Aegean-Islands/amp), halb Zypern ist seit 43 Jahren von der Türkei besetzt, den Vertrag von Lausanne hält nur die Türkei für nicht akzeptabel, Inseln in der Ägäis werden von der Türkei beansprucht. Und nix da umgekehrt. Wie soll es in dieser Sache gerecht zugehen, wenn schon der Spon simple Fakten übergeht...
Wulff Isebrand 08.12.2017
5. Nach den Griechen
die Türken in der EU. Um Gottes Willen. DAs ist doch wohl ein Scherz von dem Tsipras. Hat der keine anderen Sorgen als die Türken zu umgarnen? Die braucht wirklich keiner und schon gar nicht in der EU und schon überhaupt nicht [...]
die Türken in der EU. Um Gottes Willen. DAs ist doch wohl ein Scherz von dem Tsipras. Hat der keine anderen Sorgen als die Türken zu umgarnen? Die braucht wirklich keiner und schon gar nicht in der EU und schon überhaupt nicht mit diesem Präsidenten

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