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Politik

IS-Angriff im Nordirak

Uno fürchtet Völkermord an den Jesiden

Die Uno bestätigt, was seit Monaten offensichtlich ist: Die Terrororganisation "Islamischer Staat" versucht, die Jesiden auszulöschen. Die Vereinten Nationen werfen den Dschihadisten im Irak Kriegsverbrechen vor.

DPA

Jesidische Flüchtlinge im Irak: Zehntausende mussten ihre Heimat verlassen

Mittwoch, 22.10.2014   07:36 Uhr

New York - Die Vereinten Nationen werfen der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) einen versuchten Völkermord an der religiösen Minderheit der Jesiden im Irak vor. Dafür sprächen einige Fakten, sagte der für Menschenrechte zuständige Uno-Diplomat Ivan Simonovic nach einer Irak-Reise.

Es gebe Beweise dafür, dass die IS-Kämpfer versucht hätten, die Jesiden auszulöschen. Die Dschihadisten zwangen die Andersgläubigen zum Übertritt zum Islam. Weigerten diese sich, wurden sie umgebracht. Diese Vorgehen sei ein Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sagte Simonovic.

Der Uno-Diplomat hatte sich in den Städten Arbil, Bagdad und Dohuk mit Regierungsvertretern und Vertriebenen getroffen, darunter mit 30 Jesiden. Diese hätten unter anderem von einer Massenhinrichtung von Jesiden in einer Schule berichtet, die sich geweigert hätten, zum Islam überzutreten.

Die Zukunft der Jesiden im Irak ist ungewiss

Vor den IS-Kämpfern waren in den vergangenen Wochen Zehntausende Jesiden aus mehreren nordirakischen Städten geflohen. Das Schicksal von Hunderten vermissten Frauen und Kindern ist unklar. Die radikalen Sunniten des IS betrachten die Minderheit als Teufelsanbeter, die weder Schutz noch Respekt verdienen und als vogelfrei angesehen werden können. Die Dschihadisten brüsten sich damit, dass sie jesidische Frauen als Sklavinnen verkauft hätten.

Seit dieser Woche sind erneut Tausende Jesiden in Bedrängnis, weil der IS rund um das Sindschar-Gebirge im Nordirak gegen sie vorrückt. Die Minderheit bat deswegen die USA erneut um Hilfe.

Die Jesiden haben vor allem in der Gegend um die irakische Stadt Mossul und im Sindschar-Gebirge gelebt. Schon in den vergangenen Jahren sind Tausende vor der Verfolgung ins Ausland geflüchtet, der Vormarsch der Dschihadisten hat diesen Exodus noch einmal rasant beschleunigt. Dass die Religionsgemeinschaft im Irak noch eine Zukunft hat, erscheint derzeit unwahrscheinlicher denn je.

syd/AFP/Reuters

insgesamt 12 Beiträge
karlsiegfried 22.10.2014
1. Und die ganze Welt ...
... schaut tatenlos zu. Auch Deutschland.
... schaut tatenlos zu. Auch Deutschland.
januario 22.10.2014
2. Tut endlich was!
Ich bin traurig und wütend. Merkel, Gabriel, von der Leyen, Gauck: Helft endlich!
Ich bin traurig und wütend. Merkel, Gabriel, von der Leyen, Gauck: Helft endlich!
flaviussilva 22.10.2014
3. Bitte lesen die....
....Artikel auf SPON betreffend den Zustand der Bundeswehr. So hässlich es ist, Deutschland hat hier nicht mehr als die Rolle des Zuschauers.
Zitat von karlsiegfried... schaut tatenlos zu. Auch Deutschland.
....Artikel auf SPON betreffend den Zustand der Bundeswehr. So hässlich es ist, Deutschland hat hier nicht mehr als die Rolle des Zuschauers.
Frederick von Hoheneck 22.10.2014
4.
Die UNO stellt also fest, dass ein Völkermord an den Jesiden stattfindet. Vielleicht erinnert sie sich sogar an ihre alte Konvention im Falle eines Völkermordes: "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des [...]
Die UNO stellt also fest, dass ein Völkermord an den Jesiden stattfindet. Vielleicht erinnert sie sich sogar an ihre alte Konvention im Falle eines Völkermordes: "Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes" (Resolution 260 A (III). Völkermord wurde in dieser Konvention zum ersten Mal rechtlich als Straftatbestand definiert. Als wegen Völkermord zu Bestrafender gilt, „wer in der Absicht, eine nationale, rassische, religiöse oder durch ihr Volkstum bestimmte Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören, vorsätzlich Mitglieder der Gruppe tötet, Mitgliedern der Gruppe schwere körperliche oder seelische Schäden […] zufügt, die Gruppe unter Lebensbedingungen stellt, die geeignet sind, deren körperliche Zerstörung ganz oder teilweise herbeizuführen, Maßregeln verhängt, die Geburten innerhalb der Gruppe verhindern sollen, Kinder der Gruppe in eine andere Gruppe gewaltsam überführt“. Mal sehen, ob die UNO diesmal handelt und gegen die Mörderbande vorgeht und nicht wie in Ruanda zusieht.
stowolle 22.10.2014
5. Genozid verhindern
Der Vorwurf der UNO bezüglich eines vom Terrorkalifat beabsichtigten Genozids an der Eziden bestätigt, was aus dem Shingal bekannt ist: Massenhinrichtungen, Entführung von ezidischen Frauen zur Versklavung und [...]
Der Vorwurf der UNO bezüglich eines vom Terrorkalifat beabsichtigten Genozids an der Eziden bestätigt, was aus dem Shingal bekannt ist: Massenhinrichtungen, Entführung von ezidischen Frauen zur Versklavung und Zwangskonvertierung zum Islam unter Androhung von Enthauptung. Die Peschmerga im Nordirak (von Deutschland mit Waffen beliefert) haben unlängst das Vertrauen weiter Teile der flüchtenden Eziden verloren. Es waren Einheiten der PKK die jüngst einen Fluchtkorridor für Tausende Eziden erkämpft haben. Einen neuerlichen Genozid will PKK-Chef Karay?lan mit Hilfe der syrischen YPG nicht zulassen. Es bleibt für die Menschen zu hoffen, dass Massaker verhindert werden kann.

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Die Minderheit der Jesiden

Wo leben die Jesiden?
REUTERS
Die Jesiden stammen aus dem Irak, aus Syrien, Iran und der Türkei. Sie leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul und im nahe gelegenen Sindschar-Gebirge. Wegen Verfolgungen, Diskriminierungen oder Anfeindungen in ihren Heimatländern sind viele ins Ausland geflohen.
Wie viele Jesiden gibt es?
Genaue Angaben zur Zahl der Jesiden weltweit gibt es nicht. Schätzungen schwanken zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhängern.
Wie groß ist die Gemeinde in Deutschland?
Die Zahlen variieren auch in Deutschland - von um die 50.000 bis zu 120.000 Jesiden. Sie leben überwiegend in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Der Zentralrat der Jesiden in Deutschland hat seinen Sitz in Oldenburg, in Hannover gibt es eine Jesidische Akademie.
Woran glauben die Jesiden?
Ihr Glauben enthält Elemente anderer Religione wie der Zoroastrier, Juden, Christen und Muslime. Die Jesiden glauben an einen Gott und verehren sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Dieser wird im Christentum und im Islam als "gefallener Engel" oder Teufel angesehen, weil er sich nicht vor Adam verbeugen wollte. Aus Sicht der Jesiden bestand der Engel aber mit seinem Verhalten eine Prüfung seines Glaubens zu Gott. Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen.
Wo befindet sich ihr wichtigster heilige Ort?
Er liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren. Jedes Jahr im Herbst kommen Zehntausende Menschen zu einer Wallfahrt in das Tal.

Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak

Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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