Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Rede von IS-Chef Baghdadi

Alles läuft nach Plan, und wir verlieren übrigens

Erstmals seit Monaten veröffentlicht IS-Anführer Baghdadi eine Rede. Das umkämpfte Mossul erwähnt er nicht, den Vormarsch seiner Gegner auf die Stadt nennt er aber einen göttlichen Plan.

Militant video via AP, File

Abu Bakr al-Baghdadi

Von
Donnerstag, 03.11.2016   13:28 Uhr

Mehr als eine halbe Stunde lang hat Abu Bakr al-Baghdadi in der vergangenen Nacht zu seinen Anhängern geredet. Und er hat dabei das Kunststück fertiggebracht, praktisch die ganze Zeit über ein Thema zu sprechen, ohne es beim Namen zu nennen. Kein einziges Mal hat der Anführer der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) das Wort "Mossul" in den Mund genommen.

Dabei machte Baghdadi gleich zu Beginn deutlich, dass seine Audiobotschaft eine Reaktion auf den Vormarsch der Anti-IS-Koalition auf Mossul sein sollte. Die enorme Zahl der Kräfte, die sich gegen die Miliz zusammenschlossen, zeige nur, wie stark der IS sei, und dass die Dschihadisten auf dem richtigen Weg seien. Alles folge einem göttlichen Plan. Der Krieg, in dem sich der IS derzeit befinde, werde ihn nur noch stärker machen und sei ein Vorbote des Endsieges. "Das ist das, was Gott und sein Prophet uns versprochen haben", sagt Baghdadi.

Durchhalteparolen des Kalifen

Der IS-Chef lässt offen, wo er sich selbst gerade aufhält. Er nimmt aber Bezug auf jüngste Ereignisse, was darauf schließen lässt, dass die Ansprache in den vergangenen beiden Wochen aufgenommen wurde. Es ist die erste Rede des Terrorchefs seit Dezember 2015. Damals hatte Baghdadi noch deutlich zuversichtlicher geklungen. "Sorgt euch nicht, ihr Muslime! Eurem Staat geht es gut und er wächst mit jedem Tag", beteuerte der IS-Chef damals.

Elf Monate und zahlreiche militärische Niederlagen später flüchtet sich Baghdadi in Durchhalteparolen: "Soldaten des Kalifats, seid standhaft, wenn ihr den Flugzeugen der Koalition entgegentretet", fordert er. "Wenn der Himmel auf die Erde stürzt, lässt Gott immer noch Raum für seine Soldaten."

Anders als vor den Kämpfen in Ramadi und Falludscha hat Baghdadi seine Kämpfer nun aufgerufen, erbitterten Widerstand zu leisten und warnt sie davor, vom Schlachtfeld zu flüchten. Sie sollten den Befehlen ihrer Kommandeure Folge leisten.

Baghdadi beklagt sich darüber, dass sich die Sunniten im Irak nicht stärker mit dem IS verbündeten. "Habt ihr nicht aus euren Fehlern gelernt?", fragt der selbsternannte Kalif. "Eure Politiker haben euch verraten." Der IS-Chef stellt den Kampf um Mossul als Religionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten dar. Die Schiiten wollten mit Hilfe Irans die Kontrolle über den gesamten Irak übernehmen, nur der IS könne das verhindern, so Baghdadis Botschaft.

Libyen soll Rückzugsort für den IS werden

Doch er greift nicht nur die irakischen Sunniten an: Die Muslimbrüder bezeichnet er als Abtrünnige und "Brüder des Teufels". Sie seien die Speerspitze der Kreuzzügler im Kampf gegen den IS. Ausdrücklich ruft Baghdadi seine Anhänger zu Anschlägen in Saudi-Arabien und der Türkei auf. Riad stecke "hinter jedem schmutzigen Projekt gegen Muslime", die Führung in Ankara bestehe aus Apostaten. Sicherheitskräfte, Schriftsteller und alle Unterstützer der Regierung müssten daher angegriffen werden.

Zugleich bereitet Baghdadi die IS-Sympathisanten auf den Zusammenbruch seines sogenannten Staates im Irak und in Syrien vor. Die entfernten "Provinzen" des IS, also zum Beispiel in Libyen, auf dem Sinai, in Nigeria und dem Jemen müssten zusammenhalten. Ausdrücklich rief der IS-Chef seine Anhänger, die nicht mehr nach Syrien oder in den Irak gelangen könnten, dazu auf, nach Libyen zu gehen.

Doch auch dort ist die Terrororganisation in Bedrängnis geraten. Inzwischen kontrollieren die Dschihadisten nur noch einige Straßenzüge in der Küstenstadt Sirt. Für die Kämpfer dort hat Baghdadi ebenfalls eine Durchhalteparole parat: "Der Feind leidet mehr als ihr und ist kurz davor zusammenzubrechen." Offenbar soll nach dem Willen Baghdadis der IS in Libyen weiter existieren, wenn die Dschihadisten aus Mossul und Rakka vertrieben wurden.

insgesamt 159 Beiträge
M. Thomas 03.11.2016
1. Zum:
Es sei nur eine einzige Anmerkung zu dem Artikel gestattet: Wir dürfen die Schrecken nicht vergessen, die die irakische, weit überwiegend shiitische Armee zusammen mit den shiitischen Milizen des Irak über die Menschen und [...]
Es sei nur eine einzige Anmerkung zu dem Artikel gestattet: Wir dürfen die Schrecken nicht vergessen, die die irakische, weit überwiegend shiitische Armee zusammen mit den shiitischen Milizen des Irak über die Menschen und Orte gebracht hat, die sie angeblich "befreien" wollten. Angesichts der Grausamkeit und Brutalität, mit der Milizen und Armee unter den Sunniten dieser Orte gewütet haben, darf nicht wundern, wenn viele Bewohner u.a. auch von Mossul ängstlich auf die "Befreier" warten. Die Menschen dort wissen, dass sie weder von den alliierten Streitkräften, noch von sonst irgendjemandem Hilfe zu erwarten haben. In der Vergangenheit existierte für die Sunniten im Irak tatsächlich nur Daesh ("IS"), der ihnen die shiitische "Befreiung" vom Halse gehalten hatten. Es ist Zeit, den Sunniten des Irak umfangreiche Sicherheitsgarantien zu geben und sie vor den radikalen Shiiten Baghdads zu schützen. Erst dann kann mit ihrer Kooperation, mit ihrem Vertrauen gerechnet werden.
Metternich 03.11.2016
2. Kommt einem bekannt vor...
Die Durchhalteparolen des "Kalifen" erinnern stark an die des "Führers". Was am Ende dabei herausgekommen ist, kennen wir ja. Und deshalb empfinde ich die Rede des "Kalifen" einigermaßen beruhigend.
Die Durchhalteparolen des "Kalifen" erinnern stark an die des "Führers". Was am Ende dabei herausgekommen ist, kennen wir ja. Und deshalb empfinde ich die Rede des "Kalifen" einigermaßen beruhigend.
tipsylaird 03.11.2016
3. Es geht zu Ende
Klarer Fall, er muss seine Getreuen bei der Stange halten, die auch merken, dass dem IS nicht mehr viel Territiorium geblieben ist. In 6 Monaten ist der IS am Ende, jedenfalls in Syrien und im Irak. Die spannende Frage ist, geht [...]
Klarer Fall, er muss seine Getreuen bei der Stange halten, die auch merken, dass dem IS nicht mehr viel Territiorium geblieben ist. In 6 Monaten ist der IS am Ende, jedenfalls in Syrien und im Irak. Die spannende Frage ist, geht es dann in Libyen weiter? und: was passiert in Syrien? Kämpf Assad mit russischem Support dann auch gegen die Kurden?
olli08 03.11.2016
4. Erstaunlich, ...
... wie sehr sich Vokabular und Durchhalte-Motivationsmethoden der Diktatoren dieser Welt ähneln, egal wo, egal wann.
... wie sehr sich Vokabular und Durchhalte-Motivationsmethoden der Diktatoren dieser Welt ähneln, egal wo, egal wann.
stockfisch1946 03.11.2016
5. Wenn es das ist,
was Gott und der Prophet ihnen versprochen haben, so ist es wohl an der Zeit, einen anderen Gott zu wählen. Bei den Ungläubigen sind noch verschiedene im Angebot. Übrigens alle mit viel Kriegserfahrung....
was Gott und der Prophet ihnen versprochen haben, so ist es wohl an der Zeit, einen anderen Gott zu wählen. Bei den Ungläubigen sind noch verschiedene im Angebot. Übrigens alle mit viel Kriegserfahrung....
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP