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Politik

IS-Miliz im Irak

Amnesty International beklagt Vertreibung von historischem Ausmaß

Überlebende berichten von grausamen Szenen, Massenhinrichtungen, Entführungen: Die Menschenrechtler von Amnesty International haben Flüchtlinge aus dem Nordirak interviewt. Dort jagt die IS-Miliz systematisch Andersgläubige.

AFP
Von
Dienstag, 02.09.2014   05:59 Uhr

Bagdad - Mit Tränen in den Augen listet Mochsen Elias auf, wer aus seiner Familie alles von den Radikalislamisten entführt wurde: Seine Mutter, seine Geschwister, seine Ehefrau, schwanger mit ihrem ersten Kind.

"Mein Baby ist noch nicht einmal geboren und schon in Gefangenschaft", sagt der Jeside mit zitternder Stimme. Von insgesamt 43 Angehörigen hat er seit dem 3. August nichts mehr gehört. Vier Generationen der Elias-Familie wurden verschleppt von der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

So beschreibt es ein am Dienstag veröffentlichter Bericht der Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Zwischen Juni und August 2014 hatten die Menschenrechtler im Nordirak mit Hunderten Überlebenden gesprochen, die vor den Radikalen geflohen waren.

Seit der IS am 10. Juni in den Nordirak vordrang, sind von dort fast eine Million Menschen geflohen. Meist mit kaum mehr als den Kleidern, die sie am Leib trugen, und ohne Aussicht auf Rückkehr. Wer nicht rechtzeitig entkam, musste mit dem Schlimmsten rechnen. Als "ethnische Säuberungen von historischem Ausmaß" hat Amnesty International das Vorgehen des IS im Nordirak bezeichnet.

Jungen und Männer wurden massakriert

Die Radikalen verfolgen systematisch nichtsunnitische und nichtarabische Minderheiten, von denen es seit Jahrhunderten viele im Nordirak gab - bis vor Kurzem: Jesiden, Turkmenen, Schabak, Mandäer, Chaldäer und andere Christen. Alle werden nun gejagt.

Der Bericht schildert grausame Szenen: Wahllos hat die Miliz in den eroberten Dörfern und Städten einzelne Männer abgeführt und erschossen. In zwei Dörfern, Kinije und Kocho, wurden offenbar fast alle Jungen und Männer, insgesamt bis zu 500 Menschen, exekutiert.

"Sie sind einen schrecklichen Tod gestorben", sagt Salem, ein Jeside, der das Massaker in Kocho verletzt überlebte und von einem sunnitischen Nachbarn gerettet wurde.

Die Männer und Jungen wurden gruppenweise mit Pick-ups zu einem Tal gebracht und dort aufgereiht und erschossen. Manche blieben noch stunden- und tagelang schwer verletzt liegen, bis sie starben. Auch Sunniten, die mit den irakischen Sicherheitskräften zusammengearbeitet haben sollen, wurden vom IS ermordet.

Mädchen und Frauen wurden zwangsverheiratet

Die Frauen und Kinder aus Kocho haben die Radikalen mitgenommen. Seitdem fehlt von ihnen jedes Lebenszeichen. Insgesamt sind laut Amnesty International Hunderte möglicherweise sogar Tausende in der Gewalt der Miliz.

Einige Mädchen und Frauen, die dem IS entkommen konnten, berichteten Amnesty, dass sie zwangsverheiratet werden sollten. Frauen, die sich weigerten, sollten verkauft werden.

Auch in Syrien gehen die Dschihadisten ähnlich vor. Nach der Einnahme des Militärflughafens von Tabka wurden über hundert syrische Soldaten von den Radikalen festgenommen und ermordet. Viele von ihnen waren Angehörige der alawitischen Minderheit. Noch immer sind knapp hundert alawitische Frauen und Kinder verschwunden, die im August 2013 aus ihren Dörfern an der syrischen Küste entführt wurden.

DER SPIEGEL

Gebiete unter unterschiedlicher Kontrolle in Syrien und dem Irak (Stand: 14. August)

insgesamt 115 Beiträge
tyskie 02.09.2014
1.
Das war/ist in Syrien genauso, aber da hat's komischerweise niemanden gejuckt.
Das war/ist in Syrien genauso, aber da hat's komischerweise niemanden gejuckt.
metbaer 02.09.2014
2. Es ist Zeit
rücksichtslos gegen diese Terroristen vorzugehen. Genug geredet und untersucht - gegen diese Irren hilft nur konsequentes militärisches Vorgehen.
rücksichtslos gegen diese Terroristen vorzugehen. Genug geredet und untersucht - gegen diese Irren hilft nur konsequentes militärisches Vorgehen.
DHerrmann 02.09.2014
3. militärisch eingreifen
ich knirsche mit den Zähnen, denn ich bin eher Pazifist, aber unter diesen Umständen halte ich es für richtig, mit Bodentruppen militärisch einzugreifen.
ich knirsche mit den Zähnen, denn ich bin eher Pazifist, aber unter diesen Umständen halte ich es für richtig, mit Bodentruppen militärisch einzugreifen.
blinkythebrain 02.09.2014
4. Wieso keine Blauhelme
Wieso lässt sich die Weltgemeinschaft das gefallen? Ist es nicht Zeit für ein Eingreifen des Staatenbundes der UN? Wir sollten uns endlich von der psychologisch verursachten Wirtschaftskrise lösen und handeln.
Wieso lässt sich die Weltgemeinschaft das gefallen? Ist es nicht Zeit für ein Eingreifen des Staatenbundes der UN? Wir sollten uns endlich von der psychologisch verursachten Wirtschaftskrise lösen und handeln.
theodorma 02.09.2014
5. Mörder
Vielleicht sollte die Presse aufhören Isis und Taliban mit dem Begriff Religion zu verknüpfen! Nennen Sie das Kind beim richtigen Namen . Da wären Begriffe wie : Massenmörder Waffenhändler [...]
Vielleicht sollte die Presse aufhören Isis und Taliban mit dem Begriff Religion zu verknüpfen! Nennen Sie das Kind beim richtigen Namen . Da wären Begriffe wie : Massenmörder Waffenhändler ,Drogendealer,Menschenhändler.Es wäre schön diesen lächerlichen Deckmantel des religiösen zu lüften.Mein streng gläubiger muslimischer Freund will mich auch nicht ständig ermorden und ekelt sich genau wie ich (Christ) vor diesen irren Mördern!

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Religiöse Gruppen und ethnische Minderheiten im Irak

Sunniten
Mit über 85 Prozent der Muslime weltweit bilden die Sunniten die größte Gruppe im Islam. Der Name der Glaubensrichtung leitet sich vom arabischen Wort "Sunna" ab, das im religiösen Zusammenhang die "Handlungsweisen des Propheten Mohammed" bedeutet. Zusätzlich zum Koran orientieren sich Sunniten anders als die Schiiten an der Sunna als einer zweiten Quelle des islamischen Rechts. Die Rebellen im Irak gehören der Glaubensrichtung der Sunniten an.
Schiiten
In den Augen der Schiiten haben nur Ali, der Vetter und Schwiegersohn des Propheten Mohammed, und dessen Nachkommen ein Anrecht auf die politische Führung aller Muslime. Zwar unterscheiden sich die Schiiten in der religiösen Praxis kaum von den Sunniten. Doch durch die historische Entwicklung beider Glaubensrichtungen trennen heute tiefe politische Gräben das sunnitische und das schiitische Lager. Im Irak sowie in Iran und dem Libanon stellen die Schiiten die größte Konfessionsgruppe. Auch der irakische Ministerpräsident Nuri al-Maliki ist Schiit.
Alawiten
Alawiten sehen ihre Glaubensgemeinschaft als Abspaltung des schiitischen Islam. Auch sie verehren Ali, den Vetter des Propheten, und seine Nachfolger. Im Unterschied zu den Schiiten hat Ali bei Alawiten aber sogar einen gottähnlichen Status. Anhänger der alawitischen Glaubensrichtung leben vor allem in Syrien. Der syrische Diktator Assad ist Alawit. Es gibt auch Alawiten im Südosten der Türkei und im Libanon.
Kurden
Die Volksgruppe der Kurden stammt aus einem Siedlungsgebiet in Vorderasien, das sich auf die Gebiete der Türkei, des Irak, Irans und Syriens verteilt. Jahrhundertelang war die Region Teil des Osmanischen Reiches. Nicht alle Kurden gehören derselben Glaubensrichtung an. Viele sind Sunniten. Manche sind Aleviten, deren islamische Glaubensrichtung derjenigen der Alawiten ähnelt. Eine kurdische Einheitssprache gibt es nicht, dagegen viele unterschiedliche Dialekte. Im Nordirak hat sich seit dem letzten Golfkrieg ein Kurdenstaat gebildet, der seine Unabhängigkeit fordert.
Jesiden
Die Jesiden leben vor allem in der Gegend um die nordirakische Stadt Mossul. Schätzungsweise gibt es zwischen 300.000 und 1,2 Millionen Anhänger, von denen viele wegen Verfolgung und Diskriminierung ins Ausland geflohen sind. Ihre monotheistische Religion enthält Elemente des Christentums, des Islam und des Zoroastrismus. Neben Gott verehren sie sieben Engel. Der wichtigste heißt Malak Taus, der "Pfauenengel". Die Jesiden verneinen die Existenz des Teufels. Ihnen ist es verboten, außerhalb der Gemeinschaft zu heiraten oder einen anderen Glauben anzunehmen. Ihre wichtigste Pilgerstätte liegt in Lalisch, einem abgelegenen Tal im Norden des Irak. Dort befindet sich das Grab von Scheich Adi, der im 12. Jahrhundert starb und den die Jesiden als Heiligen verehren.

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