Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Trump und der Fall Khashoggi

Mörder und Heuchler

Die Khashoggi-Affäre offenbart, wie sehr die US-saudischen Beziehungen von Eigennutz getrieben sind. Menschenrechte interessieren kaum - keiner zeigt das so schamlos wie Donald Trump.

REUTERS

Kronprinz Mohammed bin Salman, Donald Trump, Jared Kushner

Eine Analyse von , Las Vegas
Sonntag, 21.10.2018   08:00 Uhr

Die Khashoggi-Affäre verfolgt Donald Trump bis nach Nevada. Dort macht der US-Präsident gerade Kongresswahlkampf: Am Samstag versetzt er im Goldgräberort Elko mit einer seiner faktenfreien Büttenreden Tausende Anhänger in Ekstase.

"Das war wirklich toll", preist Trump sich anschließend selbst vor den mitreisenden Reportern. "Noch Fragen?"

Natürlich - und fast alle drehen sich um den mutmaßlichen Mord an dem saudi-arabischen Regimekritiker Jamal Khashoggi in Istanbul - und um Trumps endloses Lavieren in dem Fall. Mr. President, machen Sie Kronprinz Mohammed bin Salman mit verantwortlich? Glauben Sie Riads Version der Todesumstände? Sind Sie damit zufrieden?

Trump laviert weiter, obwohl der Rest der Welt längst klar Stellung bezogen hat.

"Nein, ich bin nicht zufrieden", sagt er zwar - doch sagt er dann sofort, wie so oft, genau das Gegenteil: "Aber es war ein großer erster Schritt. Es war ein guter erster Schritt." Leichtgläubigkeit, Zynismus, Kalkül? Bei Trump ist alles möglich.

Video: Donald Trump zum Fall Kashoggi

Foto: REUTERS

"Er liebt sein Land wirklich"

Am Abend, nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus, legt er nach, in einem Interview mit der "Washington Post", für die Khashoggi als Kolumnist gearbeitet hatte. "Natürlich gab es Täuschung und Lügen", sagt Trump über die saudischen Ausflüchte. Doch Kronprinz bin Salman sei "eine starke Person". Und: "Er liebt sein Land wirklich."

Es sind die gleichen Worte, mit denen Trump auch schon andere Autokraten gelobt hat - Rodrigo Duterte, Kim Jong Un, Wladimir Putin. "Putin ist ein Killer", hielt ihm ein Journalist mal vor. "Glauben Sie, unser Land ist so unschuldig?", blaffte Trump zurück.

Macht durch Gewalt fasziniert ihn. Das zeigen auch seine Wahlkampfauftritte in Nevada, bei denen er Handgreiflichkeiten gegen Journalisten erneut gutheißt. Dabei hat ihn A.G. Sulzberger, der Herausgeber der "New York Times", schon gewarnt, dass seine anhaltende Medienhetze "Leben aufs Spiel" setze - "vor allem im Ausland", wo seine Rhetorik als augenzwinkernde Billigung verstanden werde.

SPIEGEL +

Doch hier geht es um viel mehr als Trumps Gewaltfantasien. Es geht um Amerikas weltweite Rolle als Wächter der Menschenrechte - eine Rolle, die es längst nur noch auf dem Papier gibt. Nur hat niemand das bisher so schamlos offenbart wie Trump.

Es gehört schon allerhand dazu, die "offizielle" saudische Erklärung zum Tod Khashoggis als "guten ersten Schritt" zu würdigen. Diese Erklärung - die wohl auch US-Geheimdiensterkenntnissen widerspricht - ist fast so dreist wie die Tat selbst. So dreist, dass die "Washington Post" sie empört zurückweist: "Dass Präsident Trump diese Fabel als glaubhaft bezeichnet, unterstreicht nur seine schändliche Absicht, dem Regime - und insbesondere dem Kronprinzen - zu helfen, wahrer Rechenschaft zu entkommen."

Nicht "überreagieren", um die Beziehungen nicht ganz zu verderben

Intern habe sich Trump zwar skeptisch gezeigt, dass Khashoggi ohne Wissen des Kronprinzen zu Tode gekommen sei, und sei auch von seinen Beratern gewarnt worden, dass Riad die Wahrheit vertuschen könnte, berichten US-Medien. Doch wolle er nicht "überreagieren", um die Beziehungen nicht ganz zu verderben.

Diese Beziehungen werden hier nun aber mehr denn je seziert - dank Trump. Plötzlich diskutiert man über Riads Rolle in Trumps Nahost- und Iran-Strategie. Über Amerikas Rolle bei der humanitären Schande des Kriegs im Jemen. Über Milliarden-Dollar-Waffengeschäfte. Über Öl-Abhängigkeiten. Und über die privaten Saudi-Connections Trumps und seines Schwiegersohns Jared Kushner, dem eine besondere Beziehung mit bin Salman nachgesagt wird - und der jetzt hinter den Kulissen angeblich dafür plädiert, doch einfach zu warten, bis Gras über die Sache wächst.

SPIEGEL +

Nichts daran überrascht. Die Allianz zwischen Riad und Washington war immer schon wertefrei - lange vor Trump und selbst als herauskam, dass die meisten der 9/11-Attentäter saudische Staatsbürger gewesen waren.

Menschenrechte interessierten dabei selten. Nur war die Heuchelei früher diskreter.

Der Tod Khashoggis ist jetzt aber wohl selbst für die Heuchler inakzeptabel - doch Trumps zögerliches Manövrieren hat einen Ausweg aus dieser Sackgasse blockiert.

Da mag sich fast die ganze US-Wirtschaft von Saudi-Arabien abwenden. Da mögen sich Republikaner wie Demokraten im Kongress noch so selten einig sein in ihrer demonstrativen Empörung und mit Sanktionen liebäugeln. In Wahrheit können sie wenig ausrichten. Die Gesten sind symbolisch und vorübergehend.

Das deutet auch Trump in seinem aktuellen Interview an. Es könnte ja wirklich gewesen sein, "dass in dem Gebäude etwas schief lief", sagt er da über die mutmaßlichen Todesumstände Khashoggis. Will heißen: Belassen wir es doch bei der saudischen Erklärung. Denn: "Wir haben da drüben ja sonst niemanden."

Videoanalyse - "Kein Versehen, sondern Mord":

Foto: SPIEGEL ONLINE
insgesamt 91 Beiträge
Rosa3000 21.10.2018
1. Klar Stellung bezogen?
Der Rest der Welt hat klar Stellung bezogen? So doll war das nicht, was Merkel oder auch der Siemens-Chef da von sich gegeben haben. Könnte vielleicht an Öl und Waffen liegen... Trump schützt den Verbrecher, aber unsre Damen [...]
Der Rest der Welt hat klar Stellung bezogen? So doll war das nicht, was Merkel oder auch der Siemens-Chef da von sich gegeben haben. Könnte vielleicht an Öl und Waffen liegen... Trump schützt den Verbrecher, aber unsre Damen und Herren sind keinen Deut besser.
SvenPeters 21.10.2018
2. wir sind größeren Heuchler
Trump bekanntlich eine sehr rudimentäre Sicht auf die Dinge. Man kann es aber einfach formulieren: solange US Konzerne Geld mit Despoten in aller Welt verdienen schaut man nicht genau hin. Das ist wenigstens ehrlich. Was machen [...]
Trump bekanntlich eine sehr rudimentäre Sicht auf die Dinge. Man kann es aber einfach formulieren: solange US Konzerne Geld mit Despoten in aller Welt verdienen schaut man nicht genau hin. Das ist wenigstens ehrlich. Was machen wir (Deutsche): wir machen auf "bestürzt" aber liefern weiter Waffen nach Saudi Arabien. Wer ist nun der größere Heuchler?
skunkfunk 21.10.2018
3. Amerika - Wächter der Menschenrechte
In der Rolle habe ich amerikanische Regierungen noch nie gesehen. Die USA haben schon viele Despoten unterstützt, hierzu zählen Sadam Hussein, Noriega , der Schah, Pinochet uvm. Das Saudiregime wurde auch von seinen [...]
In der Rolle habe ich amerikanische Regierungen noch nie gesehen. Die USA haben schon viele Despoten unterstützt, hierzu zählen Sadam Hussein, Noriega , der Schah, Pinochet uvm. Das Saudiregime wurde auch von seinen Vorgängern mit Samthandschuhen angefasst. Hier unterscheidet Trump sich nicht von anderen US-Präsidenten. Durch sein extrem plumpes Auftretten wird dieser Widerspruch nur besser erkennbar. Übrigens ist hier Kritik aus Deutschland völlig fehl am Platze, da auch Deutschland beste Geschäfte mit den Saudis macht.
nickellodeon 21.10.2018
4. Gilt
das hier dargelegte auch für die Bundesregierung in ihrem Verhältniss zu SA, der unser Aussenminister ja noch vor kurzem seine Aufwartung machte? Oder für die vielen Tausend anderen Menschen, die in Saudi Arabien und dem Jemen [...]
das hier dargelegte auch für die Bundesregierung in ihrem Verhältniss zu SA, der unser Aussenminister ja noch vor kurzem seine Aufwartung machte? Oder für die vielen Tausend anderen Menschen, die in Saudi Arabien und dem Jemen wegen der Steinzeitauslegung einer Religion ihr Leben lassen mussten und müssen? Wird da Sanktioniert?
gedu49 21.10.2018
5. Sind wir besser als Trump?
Nach ein paar schnell gesprochenen Worten laufen doch auch bei uns die Geschäfte mit den Saudis munter weiter. Kostete es wirklich so viele Arbeitsplätze wenn wir den Saudis unsere Türen verschliessen würden ? Das [...]
Nach ein paar schnell gesprochenen Worten laufen doch auch bei uns die Geschäfte mit den Saudis munter weiter. Kostete es wirklich so viele Arbeitsplätze wenn wir den Saudis unsere Türen verschliessen würden ? Das entscheidende Problem sehe ich aber in der Haltung Trumps. Solange die USA für Öl dieses Regime unterstützen sind / wären unsere Massnahmen wirkungslos. Eine Handelsblockade wie gegen Russland wird es also nicht geben. Vermutlich wird man den Pförtner der Botschaft für ein Verbrechen bestrafen dass er nicht einmal gesehen hat und für Trump ist die Welt wieder in Ordnung.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP