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Politik

Japan im Wandel

Ein Land geht in Rente

TV-Spots für Senioren-Windeln, Probeliegen im Sarg auf der Todesmesse: Japans Industrie stellt sich auf die vergreisende Bevölkerung ein. Für das Land ist der Wandel ein gigantisches Problem.

REUTERS

Ältere Menschen in Tokio

Von
Samstag, 15.09.2018   22:23 Uhr

Seit 1995 berichtet Wieland Wagner, mit Unterbrechungen, für den SPIEGEL aus Tokio. Über Jahrzehnte hat er das Land bereist, Menschen getroffen, die Kultur durchdrungen. Das folgende Kapitel aus seinem neuen Buch "Japan. Abstieg in Würde" widmet sich der Industrie rund ums Älterwerden.


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Wieland Wagner:
Japan. Abstieg in Würde

Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt

DVA; SPIEGEL-Buch, auch als E-Book und Hörbuch; 20,00 Euro

Die Japaner leben im Durchschnitt immer länger, und darauf waren sie lange durchaus stolz: Alljährlich, zum Tag der Ehrung der Alten, den die Nation am dritten Montag im September als amtlichen Feiertag begeht, bekamen die über Hundertjährigen im Namen des Premiers Silberbecher überreicht.

Inzwischen ist diese respektvolle Geste dem Staat zu teuer geworden. Im Jahr 2016 lebten bereits 65.692 über Hundertjährige in Japan, etwa so viele, wie eine mittlere deutsche Stadt Einwohner hat. Von den Hochbetagten waren 87,5 Prozent Frauen. Bei der ersten offiziellen Zählung 1963 hatte Japan dagegen erst 153 Hundertjährige. Dieser Tage, wo die Jubilare zahlreicher und zahlreicher werden, sind die Becher, die sie geschenkt bekommen, nur noch versilbert.

"Im Supermarkt müssen wir mit immer weniger Kollegen arbeiten", berichtet Yuma, "zugleich werden unsere Kunden weniger und immer älter." Japan, so kommt es ihm manchmal vor, stirbt allmählich aus. Es wird immer schwieriger, Personal zu finden. Im Supermarkt arbeiten die meisten als Teilzeitkräfte, viele davon Hausfrauen oder ausländische Studenten. Häufig wird Yuma in andere Filialen in Tokio gerufen, um Kollegen zu ersetzen, die plötzlich krank geworden sind oder ganz aufgehört haben zu arbeiten. An Urlaub ist nicht zu denken. Er sagt: "Würde ich länger als sechs Tage pro Jahr freinehmen, brächte ich meine Kollegen in Schwierigkeiten, denn die müssten dann ja für mich mitarbeiten."

Yuma käme nie auf die Idee, sich zu beklagen. Er hat von klein auf gelernt, sich einzufügen in eine Gesellschaft, die großen Wert auf Harmonie legt. Gleich nach dem Aufstehen verlässt er das Haus. Sein Frühstück besorgt er sich in einem der 24-Stunden-Läden, die es an jeder Ecke gibt und in denen die Japaner nicht nur Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen, sondern auch Geld überweisen, Rechnungen bezahlen oder Konzerttickets kaufen. Der Laden, in dem sich Yuma morgens meist zwei Reisbällchen und eine Flasche grünen Tee kauft, liegt direkt am Bahnhof. Von dort fährt er fast eine Stunde lang mit einem Pendlerzug.

Immer neue Passagiere quetschen sich in den überfüllten Waggon. Niemand beschwert sich, es herrscht diszipliniertes Schweigen. Die meisten sind in ihre Smartphones vertieft, auch Yuma. Mit seinem Smartphone erledigt er fast alles: Videospiele spielen, Filme schauen, Musik hören und manchmal auch mit früheren Schulfreunden chatten.

Das Smartphone ersetzt ihm vieles von dem, wonach seine Eltern noch strebten, als sie jung waren: Auto, Eigenheim und eben auch die eigene Familie. Yuma sagt: "Meine Generation hat andere Werte."

Er spricht erstaunlich offen darüber, dass er Single ist und es wohl auch bleiben wird, wie viele Männer und Frauen seiner Generation. Bis zum Jahr 2040 dürften rund 40 Prozent der Japaner allein leben, errechnete das Nationale Institut für Studien zur Bevölkerung und zur sozialen Sicherheit. Für Yuma ist das nicht irgendeine Zahl, es ist die Realität, in der er lebt. Wenn man ihm zuhört, denkt man unwillkürlich an Reportagen über japanische Männer, die mit Silikonpuppen leben. Oder an spezielle Cafés und Massagesalons, wo als Schulmädchen verkleidete Frauen den Einsamen allerlei Formen der Zärtlichkeit anbieten - vom harmlosen Streicheln bis zum Sex gegen Bezahlung.

All diese Dienstleistungen gibt es in Japan, aber für die meisten Menschen spielt sich der Alltag nicht so exotisch ab, sondern verläuft eher trist und öde wie der von Yuma. Er hat sich längst daran gewöhnt, er kennt nichts anderes. Er lebt im Rhythmus der Schichteinteilungen bei der Arbeit und der Fahrpläne der Pendlerzüge.

In seiner Mittagspause speist Yuma oft in einem Restaurant nahe seinem Supermarkt, es ist eines der letzten, die hier noch geöffnet haben. Im umliegenden Wohnviertel, das in den Siebziger- und Achtzigerjahren aus dem Boden gestampft wurde, stehen immer mehr Häuser und Apartments leer; viele alte Bewohner sind weggezogen oder verstorben. "Irgendwann wird auch unser Supermarkt schließen", vermutet Yuma.

Wenn es so weit ist, wird er wohl in eine andere Filiale versetzt werden. Zum Glück ist er fest angestellt. Das ist mittlerweile ein Luxus in Japan, wo rund 40 Prozent der Arbeitskräfte als sogenannte "Hiseiki", als "Nicht-Reguläre", arbeiten. Gleichwohl sorgt er sich um seine Zukunft. Er sagt: "Wenn es immer weniger junge Menschen gibt, wer wird dann später meine Rente finanzieren?"

Jeder, der noch einigermaßen fit ist, wird gebraucht

Yuma interessiert sich nicht für Politik, er geht nicht wählen. Aber er bekommt hautnah mit, wie dramatisch sich sein Land verändert. Er ist umgeben von alten Menschen, von denen viele immer länger arbeiten: Sie begrüßen Touristen an den Rezeptionen der Hotels, sie fahren Taxis oder Busse, sie weisen Autos auf Parkplätze ein, sie putzen frühmorgens Büros, sie liefern oft spätabends noch Pakete aus. Jeder, der noch einigermaßen fit ist, wird gebraucht.

Die Vergreisung liegt wie ein grauer Schleier über Japan: Das Fernsehen bringt zur besten Sendezeit Werbespots für Senioren-Windeln und elektronisch verstellbare Pflegebetten. Die Tageszeitungen drucken ihre Artikel in extragroßen Schriftzeichen für die Alten. Die Restaurants servieren oft immer kleinere Portionen, abgestimmt auf den geringeren Appetit ihrer Gäste, die immer älter werden. Im Wahlkampf umwerben Politiker bevorzugt Rentner und verheißen ihnen soziale Wohltaten - auch wenn die Zusagen dann oft nicht eingehalten werden -, denn die Alten gehen am verlässlichsten zur Wahl. Japan wird auch als "Silber-Demokratie" bezeichnet.

Allenthalben ist vom Altern und vom Sterben die Rede. Das Geschäft mit dem Tod ist eine Branche mit Zukunft, so makaber es klingt. In Tokio findet regelmäßig eine Ausstellung der "Industrie für das Lebensende" statt, sie zieht weit über 20.000 Besucher an. Bestatter werben um Kunden, Probeliegen im Sarg inklusive. Neuerdings beliebt: Ruhestätten, die sich in Hochhäusern befinden. Von außen sehen die Anlagen wie Wohnblocks aus.

Das Fernsehen sendet Tipps zur Vorbeugung gegen Demenz, immer wieder empfohlen: das Kauen von Kaugummis, dreiminütige Meditationen und eine Ernährung, die reich an Vitamin B ist. Das Wirtschaftsmagazin "Toyo Keizai" bringt eine Titelgeschichte über die "befriedigende Art zu sterben". Und die Frauenzeitschrift "Josei Seven", die ihre Leserinnen einst eher mit Klatsch und Kosmetiktipps versorgte, veröffentlicht ein Ranking von Städten, in denen man gut betreut die letzten Lebensjahre verbringen kann. Am besten schneidet dabei Yokosuka ab, eine Hafenstadt bei Tokio.

Mit der Bevölkerung schrumpft auch der Absatzmarkt

Das kollektive Altern verändert auch das Konsumverhalten. Verglichen mit Deutschland ist Japan weniger eine Gesellschaft von Bürgern, die politisch mitreden oder mitentscheiden; eher kann man die Bevölkerung als Gesellschaft von Verbrauchern bezeichnen. Der Konsum ist das Vehikel, über das die Japaner am öffentlichen Leben teilnehmen. Die Freizeit oder das, was sie darunter verstehen, vertreiben sie sich im Rhythmus der Werbekampagnen. Anders als oft vermutet, verbraucht die Nation die meisten Waren und Dienstleistungen, die sie produziert, selbst. Es war der heimische Markt, auf dem die Konzerne lange das Geld verdienten, mit dem sie ihre Exportoffensiven finanzierten. Doch mit der Bevölkerung schrumpft auch dieser Absatzmarkt. Allein Toyota verkaufte in Japan 2015 rund 200.000 Autos weniger als zehn Jahre zuvor.

Japans Wirtschaftsplaner sehen sich mit einer Herausforderung konfrontiert, die mit herkömmlichen Theorien kaum zu lösen ist: Wer will langfristig noch in einem Land investieren, in dem immer weniger Verbraucher leben? Die Alterung ist mitverantwortlich für die Dauerkrise, unter der Japan seit der geplatzten Wirtschaftsblase der späten Achtziger- und frühen Neunzigerjahre leidet.

Zwar genoss das Land noch im Frühjahr 2018 eine wirtschaftliche Erholungsphase, die nun bereits sechs Jahre währt und damit eine der längsten der Nachkriegszeit ist. Doch im Alltag merkten und merken die Bürger davon wenig. Sie knausern mit ihrem Geld. Um den flauen Konsum auszugleichen, pumpt der Staat seit über zwei Jahrzehnten Milliarden in den Wirtschaftskreislauf. Auf diese Weise hat das Land sich mit mehr als dem Doppelten seiner gesamten Wirtschaftsleistung verschuldet, so hoch wie kein anderes führendes Industrieland.

Japan altert in Würde

Das Hauptproblem, das die Regierung auf diese Weise bekämpfen will, bekommt sie jedoch nicht dauerhaft in den Griff: die Deflation, also den Verfall der Preise. Zwar sinken die Preise mittlerweile kaum noch oder nur noch moderat, gleichwohl gibt es kaum Grund zur Entwarnung. Denn je weniger Waren gekauft werden, desto eher sinken die Preise. Dadurch wiederum sinken die Gewinne der Firmen, die immer weniger investieren und ihren Beschäftigten immer niedrigere Löhne zahlen. Und im schlimmsten Fall horten dann alle nur noch Geld, Firmen wie Verbraucher.

Mit dieser deflationären Realität plagt Japan sich also seit Jahrzehnten herum, mal weniger, mal mehr. Fast könnte man vermuten, dass der Verfall sich auch im Straßenbild zeigt: etwa mit Slums, wie es sie in anderen Industrieländern gibt, mit kaputten Fensterscheiben, bröckelnden Fassaden, verdreckten Hauseingängen.

Doch Japan altert in Würde. Das gilt auch für ein einstiges Neubaugebiet im Westen von Tokio, das inzwischen indes gar nicht mehr neu ist, sondern immer älter aussieht. Yuma verbrachte in diesem Viertel seine ersten Lebensjahre, auch jetzt fährt er jeden Morgen mit dem Zug daran vorbei: Es heißt Tama New Town.

insgesamt 64 Beiträge
tatsache2011 15.09.2018
1. Gute Frage
"Wenn es immer weniger junge Menschen gibt, wer wird dann später meine Rente finanzieren?" "Er spricht erstaunlich offen darüber, dass er Single ist und es wohl auch bleiben wird, wie viele Männer und [...]
"Wenn es immer weniger junge Menschen gibt, wer wird dann später meine Rente finanzieren?" "Er spricht erstaunlich offen darüber, dass er Single ist und es wohl auch bleiben wird, wie viele Männer und Frauen seiner Generation."
joergzs 15.09.2018
2. Lügenpresse!
Die AFD erzählt doch immer, das Japan vorbildlich bei der Einwanderung ist - also keine hat. Und jetzt sterben die aus?
Die AFD erzählt doch immer, das Japan vorbildlich bei der Einwanderung ist - also keine hat. Und jetzt sterben die aus?
norgejenta 15.09.2018
3. ja dann
worauf warten wir? die welt ist voll mit jungen fachkräften. nicht das wir in deutschland auch so alt wie die japaner werden
worauf warten wir? die welt ist voll mit jungen fachkräften. nicht das wir in deutschland auch so alt wie die japaner werden
peterpahn 15.09.2018
4. Japan ist v.a. interessant, weil es frei von Migration als Modell ...
Japan ist v.a. interessant, weil es frei von Migration als Modell da steht und zeigt, wie gut oder weniger gut, oder schlecht sich eine vergreisenden Gesellschaft organisiert, wenn keine Menschen von außerhalb hineinkommen, weil [...]
Japan ist v.a. interessant, weil es frei von Migration als Modell da steht und zeigt, wie gut oder weniger gut, oder schlecht sich eine vergreisenden Gesellschaft organisiert, wenn keine Menschen von außerhalb hineinkommen, weil durch Weltmeere getrennt, überhaupt keine Menschen von Außen hinein kommen können. Mit anderen Worten: In Japan sind Staatsvolk und Ethnie weitgehend identisch, und auch darin sind sie ein Modell; alles in allem hat aber auch Japan riesen Probleme mit der Überalterung - aber eben unter völlig anderen Vorzeichen, wie wir in Westeuropa, die wir junge Zuwanderung aus uns fremden Kuturen haben, die teilweise andere Probleme mitbringt, aber auch Probleme beseitigen helfen, z.B. in der Pflege.
zora81 16.09.2018
5.
Schöner Artikel. Hat mir gut gefallen. Vielen Dank
Schöner Artikel. Hat mir gut gefallen. Vielen Dank

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