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Politik

Verfall von Städten

Griechenland in Japan

Yubari war einst Boom-Town, mit Freizeitpark, Skipisten, Filmfest - und jeder Menge Kohle unter der Erde. Heute verfällt die japanische Stadt, ganze Viertel siechen dahin. Doch wer geblieben ist, will kämpfen.

Getty Images/ Bloomberg

Yubari, 2016

Von
Sonntag, 16.09.2018   16:40 Uhr

Seit 1995 berichtet Wieland Wagner, mit Unterbrechungen, für den SPIEGEL aus Tokio. Über Jahrzehnte hat er das Land bereist, Menschen getroffen, die Kultur durchdrungen. Das folgende Kapitel stammt aus seinem neuen Buch "Japan. Abstieg in Würde". Ein Kapitel über die dramatische Vergreisung der japanischen Gesellschaft lesen Sie hier.


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Wieland Wagner:
Japan. Abstieg in Würde

Wie ein alterndes Land um seine Zukunft ringt

DVA; SPIEGEL-Buch, auch als E-Book und Hörbuch; 20,00 Euro

Als ich Yubari 2007 erstmals besuchte, empfing mich der damalige Bürgermeister Hajime Fujikura in einem Rathaus, das fast völlig verwaist war. Die Hälfte seiner Beamten war ausgeschieden. Es war kein Geld mehr da, um ihre Gehälter zu bezahlen. Aber auch im Niedergang seiner Stadt wahrte der Bürgermeister die Form: Fujikura verneigte sich höflich. Er berichtete, dass er kürzlich seinen Dienst-Toyota habe versteigern lassen, um die leere Stadtkasse zumindest ein wenig zu entlasten. Inzwischen hat ein Nachfolger den Posten des Bürgermeisters übernommen, er zählt zu den ärmsten Amtsträgern im Land und verdient etwa so viel wie ein nicht regulärer Arbeiter. Die Fahrt zur Arbeit muss er aus eigener Tasche bezahlen.

Fünf Jahre nach dieser ersten Reise in die strauchelnde Stadt besuchte ich Yubari wieder. Die Stadt kam mir noch ärmer vor und noch weniger bewohnt, und sie war es auch. Das einstige städtische Krankenhaus stand zwar noch, aber es existierte nur noch als Notbehelf. "Willkommen im Griechenland Japans." Mit diesen sarkastischen Worten begrüßte mich Chefarzt Tomohiko Murakami. Er führte mich durch die düsteren Flure des Gebäudes, aus Kostengründen war die Beleuchtung teilweise abgeschaltet worden. Die Operationssäle waren geschlossen, die Krankenstation war von einst 171 auf 19 Betten reduziert und mit der Altenpflegestätte zusammengelegt worden.

Der Arzt hielt den Betrieb mit Freiwilligen aus dem ganzen Land aufrecht. Von einst zwölf Medizinern arbeiteten nun gerade noch einmal halb so viele - gegen deutlich verringerte Bezahlung. Umso mehr überraschte der Enthusiasmus von Murakami. Ausgerechnet hier, mitten im Verfall, glaubte er ein Überlebensmodell nicht nur für Japan, sondern auch für die übrige Welt entdeckt zu haben. Er sagte: "Hier probieren wir aus, wie ein Industrieland den Abstieg zu einer Gesellschaft von Alten und Pflegebedürftigen bewältigt."

Geblieben und zusammenrückt

Yubari war einst ein Kohlerevier, in dem rund 100.000 Menschen lebten. Die meisten Männer arbeiteten unter Tage. Inzwischen ist die Einwohnerzahl auf unter 9000 gesunken. Als Yubari 2007 als erste japanische Stadt pleiteging, hatte es Schulden von rund 35 Milliarden Yen (heute circa 270 Millionen Euro) angehäuft. Das hatte mit Demografie wenig zu tun: Verantwortlich für die Misere war - ähnlich wie im deutschen Ruhrgebiet - der Niedergang der Kohle, die zunehmend unter Druck geriet durch Öl und andere Energieträger. Um den Strukturwandel zu bewältigen, hatte Yubari sich seit den Achtzigerjahren immer höher verschuldet: Die Stadtväter errichteten Prachtbauten, darunter ein riesiges Hotel am Bahnhof, Skipisten und einen Freizeitpark, sie leisteten sich ein teures Filmfestival. Noch Jahre später flatterten vergilbte Kinoplakate auf Werbeflächen. Yubari wirkte wie ein verlassenes Filmset, vom Winde verweht.

Mehrere Schulen wurden geschlossen oder zusammengelegt, weil der Stadt das nötige Geld für ihren Betrieb fehlte. Viele Junge zogen weg, auch um den steigenden Steuern und Abgaben zu entgehen, welche die verschuldete Kommune von den Zurückgebliebenen erhob. Für ihre Steuern bekamen die Bürger immer weniger Gegenwert an kommunalen Dienstleistungen: Auch öffentliche Toiletten, Parks und die Bibliothek wurden geschlossen.

Eine städtische Siedlung mit einst rund hundert Wohnblöcken sollte nach und nach abgerissen werden. Zurück blieben meist alte Bewohner, sie sollten zusammenrücken in einige wenige Wohnblocks. "Kompakte Stadt" hieß der Fachbegriff für den organisierten Rückbau Yubaris, wie ihn inzwischen auch andere überalterte Kommunen in Japan planen. Auf diese Weise wollte man Geld sparen für den Unterhalt von Straßen, Brücken und Wasserleitungen. In der schneereichen Stadt rückten die Räumfahrzeuge nur noch aus, wenn es sich lohnte und der Schnee eine bestimmte Höhe erreicht hatte.

AP

Statue vor dem geschlossenen Bergbaumuseum von Yubari

"Wer pleite ist, muss sich gründlicher die Zähne putzen"

Der Zwang zum Sparen war für die Bewohner bitter, aber auf ihre Gesundheit wirkte er sich positiv aus. "Wer pleite ist, muss sich gründlicher die Zähne putzen", erläuterte Murakami, der Arzt, sein Konzept. Im seinem Behandlungszimmer breitete er Statistiken aus, die einen erstaunlichen Trend belegen sollten: Seit das städtische Krankenhaus geschlossen hatte, war Yubaris Sterberate deutlich zurückgegangen. Erreicht habe man dies durch simple Vorbeugungsmaßnahmen wie eben bessere Mundhygiene, aber auch durch verstärkte Impfungen gegen Grippe sowie gegen einen Erreger von Magenkrebs, der in Japan häufig vorkommt. Auch Lungenentzündungen mit tödlichem Ausgang - eine typische Greisen-Erkrankung - habe man deutlich reduziert, sagte Murakami.

Statt aufwendiger Behandlungen und teurer Medikamente, für die ohnehin kein Geld mehr vorhanden war, setzte der Arzt auf regelmäßige Hausbesuche und Nachbarschaftshilfe. Früher hätten ältere Leute oft nach einem Krankenwagen gerufen, wenn sie sich unwohl fühlten. "Jetzt leiten wir sie dazu an, erst einmal selbst etwas für ihre Gesundheit zu tun und sich zu bewegen. So bleiben sie länger rüstig."

Murakami sah sich als Pionier. Am Ende, da war er sich sicher, würde ganz Japan das Modell Yubari übernehmen. "Unser Land wird dann zwar ärmer sein, aber auch glücklicher."

insgesamt 6 Beiträge
martinmde 16.09.2018
1. modell
ist diese Stadt bestimmt nicht. Von 100000 Einwohnern auf 9000, welche deutsche Stadt ist denn bitte so geschrumpft.
ist diese Stadt bestimmt nicht. Von 100000 Einwohnern auf 9000, welche deutsche Stadt ist denn bitte so geschrumpft.
frenchie3 16.09.2018
2. @1 Steht da nicht was im Text
von "für Japan"?
von "für Japan"?
achim21129 16.09.2018
3. Wunderbar!
Warum renaturieren wir diese Städte nicht? Warum künstlich am Leben erhalten? Und für wen? Zeit der Natur etwas zurück zu geben!
Warum renaturieren wir diese Städte nicht? Warum künstlich am Leben erhalten? Und für wen? Zeit der Natur etwas zurück zu geben!
nippon7 16.09.2018
4. Nicht nur Japan
wird mit dieser Grundentwicklung einer alternden Gesellschaft noch mehr zu tun haben (auch wenn nicht jede Stadt so ein krasses strukturelles Problem hat wegen der nicht mehr geförderten Kohle), sondern auch andere [...]
wird mit dieser Grundentwicklung einer alternden Gesellschaft noch mehr zu tun haben (auch wenn nicht jede Stadt so ein krasses strukturelles Problem hat wegen der nicht mehr geförderten Kohle), sondern auch andere Industriestaaten. Daher öfter mal nach Japan blicken und sich evt. einiges positives abgucken... Renaturierung wäre sinnvoll... kostet erst einmal, aber spart langfristig viel Unterhalt ein.
michelmay 16.09.2018
5.
Für mich ist Yubari auch ein Ort, der zul Nachdenken inspiriert, nicht unbedingt zum handeln. Egal was wir tuen, die Natur gewinnt. Ein schön Eindruck darüber wie sich die Gaia Yubari zurück holt https://youtu.be/UjYF3Wf3xs4
Für mich ist Yubari auch ein Ort, der zul Nachdenken inspiriert, nicht unbedingt zum handeln. Egal was wir tuen, die Natur gewinnt. Ein schön Eindruck darüber wie sich die Gaia Yubari zurück holt https://youtu.be/UjYF3Wf3xs4

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