Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Nordkorea-Gipfel

Plötzlich beste Freunde

US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong Un feiern in Singapur eine große Friedenskonferenz. Doch die Ergebnisse des Gipfels bleiben vage - es geht beiden um etwas anderes.

Foto: AFP
Aus Singapur berichtet
Dienstag, 12.06.2018   12:07 Uhr

Die ersten Sätze sind nicht genau zu verstehen. Aber Kim Jong Un sagt wohl: "Nice to meet you, Mister President - schön, Sie zu treffen." Dann kommt der Handschlag mit Donald Trump. Lächeln. Nicken. Trump legt die Hand auf Kims Arm. Dahinter stehen die Fahnen, von Amerika, von Nordkorea. Seite an Seite, so wie bei einem Treffen von Verbündeten.

Kim trägt einen seiner typischen schwarzen Anzüge mit den weiten Hosen. Dazu dieser Haarschnitt, die kahlgeschorenen Seiten. Er, der Jüngere, ist sieben Minuten früher als Trump am alten Kolonialhotel Capella auf der Insel Sentosa angekommen. In Asien gilt dies als eine Geste des Respekts. Trump und Kim laufen gemeinsam durch die weißgetünchten Kolonnaden des Hotels. Fast wie alte Freunde.

Dann setzen sie sich kurz zusammen. Die Kameras laufen. In den USA ist Abend, also "Primetime", Millionen sitzen vor den Fernsehschirmen und sehen, wie ihr Präsident sich über dieses Treffen freut. "Ich fühle mich wirklich großartig", sagt Donald Trump. "Wir werden eine tolle Beziehung haben."

Fotostrecke

Trump und Kim in Singapur: Ein bisschen Frieden

"Es war nicht leicht, an diesen Punkt zu kommen. Es gab viele Hindernisse. Aber jetzt sind wir hier", sagt Kim. "Einige Leute werden denken, das ist ein Science-Fiction-Film."

Zur gleichen Zeit sitzt Dennis Rodman, der exzentrische Ex-Basketballstar, der sowohl Trump als auch den Nordkoreaner gut kennt, bei CNN und gibt unter Tränen der Ergriffenheit ein Interview: "Kim will die Welt sehen. Er will Spaß haben", sagt er.

Ein Moment für die Geschichtsbücher

Es ist ein bizarrer Tag, ein seltsames Treffen in Singapur, aber es ist eben doch auch ein Moment für die Geschichtsbücher: Der Präsident der Vereinigten Staaten und Nordkoreas Anführer treten sich Auge in Auge gegenüber. Fast 70 Jahre lang waren die beiden Staaten verfeindet. Viele Präsidenten vor Trump haben versucht, den Konflikt zu lösen. Doch sie blieben erfolglos.

Und nun kommt Trump. Noch vor wenigen Monaten hätte wohl niemand gedacht, dass es jemals zu diesem Treffen kommen würde. Als "Verrückten", als "armes Hündchen", hat Trump Kim verspottet. Kim seinerseits nannte Trump einen "Wahnsinnigen". All dies scheint nun vergessen. Am Ende dieses vierstündigen Treffens wird Trump Kim sogar nach Washington einladen, "zu gegebener Zeit".

Trump hat die Chance erkannt, mit dem jungen Anführer zusammenzukommen - und pragmatisch einen Friedensprozess zu beginnen. Ihm bleibt letztlich kaum eine andere Wahl: Früheren Präsidenten ist es nicht gelungen, Nordkorea davon abzuhalten, ein Atomwaffenpotenzial aufzubauen. Nun hat Kim diese Waffen - und Amerika muss irgendwie damit umgehen. Bombardieren geht wohl schlecht.

Kim seinerseits befindet sich in einer Position der relativen Stärke: Seine Waffen haben ihm den Platz am Tisch mit Trump gesichert. Er begegnet dem US-Präsidenten auf Augenhöhe. Er isst mit ihm im Capella zu Mittag, es gibt Krabbencocktails und Vanille-Eis. Er wird umgarnt.

Trump hat extra für ihn eine Art Video-Clip produzieren lassen, den er Kim vorspielt: Darin sind schöne Bilder zu sehen von Hochhäusern und Autobahnen. Sie sollen die rosige Zukunft zeigen, die Nordkorea vor sich habe. Kim wird von Trump ernst genommen, als Staatsmann, als Gesprächspartner. Das Regime, das seit so vielen Jahrzehnten die eigene Bevölkerung ausbeutet, einsperrt und hungern lässt, wirkt plötzlich wie eine ganz normale, legitime Regierung.

Trump als Weltfriedensfürst

So ist dieses Treffen auch ein typischer Donald-Trump-Moment: Es ist ein Spektakel. Die Welt blickt auf ihn. Ihm geht es darum, dass die Inszenierung stimmt. Die Menschenrechtslage in Nordkorea, die Situation der Menschen, die von Kim in Lagern gehalten werden, spricht er nach eigenen Angaben nur relativ kurz an. Stattdessen sagt er: "Alles wird gut werden." Auch für die Menschen in den Lagern. Trump will als Weltfriedensfürst erscheinen - und sein Kalkül könnte aufgehen. 72 Prozent der Amerikaner begrüßen das Treffen in Singapur laut Umfragen.

Im Video: Trump und Kim einigen sich auf Vereinbarung

Foto: DPA

"Bekommt ihr auch schöne Fotos?", fragt Trump die Reporter. Er nennt die Gespräche "sehr erfolgreich". Es scheint so, als sei ihm ein großer Deal gelungen. Aber die entscheidende Frage, was in den Verhandlungen im Capella-Hotel eigentlich erreicht wurde, ob die USA ihrem Ziel, Nordkorea zu entwaffnen, wirklich näher gekommen sind, wird nicht so eindeutig beantwortet.

In einer großen Zeremonie an einem schweren braunen Holztisch unterzeichnen Trump und Kim ein Dokument, das vor allem eines ist: vage. (Lesen Sie hier die Erklärung im originalen Wortlaut.)

AFP

Die Erklärung von Singapur

Kim klappt das Papier zu, schaut wieder hinein. Ganz so, als wolle er noch einmal kontrollieren, was er da eigentlich unterschrieben hat. Er sagt nicht viel. Lächelt nur still. Er wird wissen, warum.

Die Erwartung der Amerikaner ist, dass Kim seine Atomwaffen bald abgibt, endgültig und nachprüfbar. Nun heißt es in dem Papier lediglich, dass sich der Diktator aus Pjöngjang grundsätzlich zum Ziel der Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel bekennt. Das kann alles heißen - und nichts. Vor allem bedeutet es, dass er seine Waffen erst mal behalten wird. Aber auch die US-Sanktionen gegen Nordkorea bleiben vorerst in Kraft.

Trump spricht Nordkorea dafür eine "Sicherheitsgarantie" aus. Außerdem sollen die militärischen Großmanöver in der Region gestoppt werden. Die Sanktionen wolle er erst lockern, wenn klar sei, wann und wie Nordkorea abrüsten werde, sagt Trump. Alles Weitere soll in Arbeitsgruppen besprochen werden, auf der Ebene der Diplomaten und Experten. Aber das werde "sehr, sehr schnell passieren". Man habe für viele Details bislang "keine Zeit gehabt". Es gibt also weder eine Zusage, in welchem Zeitrahmen die Abrüstung stattfinden soll, noch ein konkretes Versprechen, wie das stattfinden soll, also, welche Kontrollmechanismen Kim dabei zulassen will.

Die Gefahr eines Krieges ist fürs Erste gebannt

Unterm Strich haben Trump und Kim also tatsächlich einen Friedensprozess gestartet. Es gibt eine Entspannung, die Gefahr eines Krieges, die vor wenigen Monaten noch bedrohlich real zu sein schien, ist zumindest fürs Erste gebannt. Nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Am Ende dieses Treffens steht Donald Trump zufrieden im großen Saal des Capella-Hotels. Er hat extra die Weltpresse herbeibringen lassen, um sich selbst zu feiern. Er ist aufgekratzt, macht kleine Witzchen. Kim ist da schon abgereist.

Nordkorea - Die Chronik des Konflikts

"Ich habe 25 Stunden nicht geschlafen", sagt Trump. Aber es habe sich gelohnt. "Es ist ein historischer Tag für die Welt." Und es könne noch viel Großartiges passieren. Man sei noch nicht fertig. Kim Jong Un sei ein "sehr talentierter Mann". Sein Instinkt, seine Erfahrungen sagten ihm, dass Kim einen Deal machen wolle.

"Ich vertraue ihm."

insgesamt 204 Beiträge
willibaldus 12.06.2018
1.
Jetzt haben wir ein ganz grossartiges Papier. Ähnliche Papiere hatten auch schon andere US Präsidenten zuvor mit NK Führern produziert. Aber nicht mit so schönen Fotos. US und NK Präsident auf Augenhöhe. Damit hat Kim III [...]
Jetzt haben wir ein ganz grossartiges Papier. Ähnliche Papiere hatten auch schon andere US Präsidenten zuvor mit NK Führern produziert. Aber nicht mit so schönen Fotos. US und NK Präsident auf Augenhöhe. Damit hat Kim III mehr erreicht als seine beiden Vorfahren und kann stolz nach Hause fliegen.
elke.leser 12.06.2018
2. Warum so viel Spott und Häme?
Bezüglich Korea Hat Trump jedenfalls mehr weitergebracht als der bombenabwerfende Herr Nobelpreisträger.
Bezüglich Korea Hat Trump jedenfalls mehr weitergebracht als der bombenabwerfende Herr Nobelpreisträger.
huz6789 12.06.2018
3. Ein bisschen Hoffen
Immerhin ein Gespräch. Besser als das Getöse vorher ist es allemal. Ob das tatsächlich der Beginn eines Friedensprozesses ist, darf bezweifelt werden. Menschlich sind die Beiden kaum vertrauenswürdig. Es bleibt also ein [...]
Immerhin ein Gespräch. Besser als das Getöse vorher ist es allemal. Ob das tatsächlich der Beginn eines Friedensprozesses ist, darf bezweifelt werden. Menschlich sind die Beiden kaum vertrauenswürdig. Es bleibt also ein bisschen Hoffen.
Xperienced 12.06.2018
4. Es wird genauso kommen wie bei Putin
das Freundschafts-Pendel wird bei nächster Gelegenheit aus nichtigem Grund wieder in Feindschaft zurückschwingen. Mutmaßlich offener und härter als zuvor. Ein politischer Borderliner wie Trump kann gar nicht anders.
das Freundschafts-Pendel wird bei nächster Gelegenheit aus nichtigem Grund wieder in Feindschaft zurückschwingen. Mutmaßlich offener und härter als zuvor. Ein politischer Borderliner wie Trump kann gar nicht anders.
Palisander 12.06.2018
5. Warum
muss man die Motive hinterfragen? Geht es nicht in erster Linie darum das es eine Chance für eine friedliche Lösung gibt? Und für ein besseres Leben der Menschen in Nord Korea? Kein weiteres Aufrüsten mit Atomraketen? Da [...]
muss man die Motive hinterfragen? Geht es nicht in erster Linie darum das es eine Chance für eine friedliche Lösung gibt? Und für ein besseres Leben der Menschen in Nord Korea? Kein weiteres Aufrüsten mit Atomraketen? Da erscheint es mir ehrlich nebensächlich welche persönlichen Motive ein Trump oder Kim hatten. Regierende sind alle Eitel und Ehrgeizig. Oder denken sie wirklich das eine Merkel diese Eitelkeit nicht in sich trägt? Da haben sie wohl das Interview am Sonntag verpasst? Und bei aller Kritik an Trump, ich habe lange keinen amerikanischen Präsidenten mehr erlebt der so viel für sein Land rausholt wie dieser. Er geht jetzt schon phänomenal in die Geschichte dieser Welt ein. Er hat bisher keinen Krieg angezettelt (bei Clinton wäre der Iran bereits bombardiert worden) alleine das rechne ich ihm an. Ich mag ihn auch nicht. Aber meine persönliche Abneigung verstellt mir nicht die Sicht auf die Dinge.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP