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Politik

Anti-Terror-Krieg in Mali

Afghanistan in Afrika

Gigantische Rückzugsgebiete in der Sahara, eine schwache Regierung in der Hauptstadt: Mali bietet Terroristen beste Bedingungen. Für westliche Truppen, auch aus Deutschland, wird das Land immer gefährlicher.

REUTERS
Von und
Sonntag, 22.04.2018   09:51 Uhr

Die Islamisten waren bemerkenswert gut vorbereitet. Sie fuhren mit zwei Fahrzeugen vor eine Uno-Basis in Mali, eins offenbar mit der Kennzeichnung der Uno, ein weiteres in den Tarnfarben der malischen Armee. Und sie trugen blaue Helme, weltweites Erkennungszeichen für die Truppen, die im Uno-Auftrag den Frieden sichern sollen.

Doch die Angreifer kamen durchaus nicht in friedlicher Absicht. In ihrer Verkleidung hofften sie, bis ins Innere der Stützpunkte am Rand von Timbuktu vorzudringen. Schließlich brachten sie ihre Fahrzeuge am Eingang der Basis zur Explosion und griffen dann mit Sturmgewehren, Granaten und Raketen an. Nach vier Stunden Kampf waren 15 Islamisten und ein echter Blauhelm tot, sieben französische Soldaten wurden verletzt. Das war am vergangenen Wochenende. "Beispiellos" nannte ein Minusma-Sprecher die perfide Aktion.

AFP

Ort den Angriffs: Einfahrt zum "Super Camp" der Uno am Flughafen Timbuktu

Mali entwickelt sich zu einem der gefährlichsten Länder Afrikas. Manche sagen: zu einem neuen Afghanistan.

Die gefährlichste laufende Uno-Operation ist die Stabilisierungsoperation für Mali (Minusma) seit Jahren. Bislang starben 102 Uno-Kräfte durch Attacken. Trotz großer Anstrengungen, westlicher Unterstützung und Kampfansagen werden die Islamisten nur selbstbewusster. Entwicklungshelfer, die vor einigen Monaten von Extremisten in Mali überfallen wurden, bekamen einer Botschaft an Polizei und Armee mit auf den Weg: "Sagt ihnen, dass dieses Land uns gehört."

Die Parallelen zu Afghanistan sind zahlreich

Aus Afghanistan kennt man hinterhältige Attacken wie am vergangenen Wochenende nur zu gut: Versteckt in falschen Krankenwagen, Polizei- oder Militärfahrzeugen und in der passender Kleidung schaffen es Attentäter immer wieder, maximalen Schaden anzurichten. Wenn sie nicht vorher entdeckt werden, gibt es fast immer Tote.

Die Bundeswehr, die für Minusma knapp 1000 Soldaten stellt, spricht nun von einer "neuen Qualität" in Mali. Die Komplexität und die Tarnung der Täter sowie speziell lackierte Fahrzeuge zeugten von einer Professionalisierung, so die interne Bewertung.

Auch die Struktur des Widerstands ist ähnlich wie in Afghanistan. Ohne die Clans und ihre Stammesführer - Paschtunen in Afghanistan, Tuareg und Fulani im Sahel - geht in vielen Landesteilen nichts. In Mali ist die Hälfte des Landes nördlich des Niger - immerhin so groß wie Frankreich - praktisch Stammesgebiet. Hier regieren eher die Ethnien als die Zentralregierung, von der sich die Tuareg schlecht behandelt fühlen.

Eine weitere Parallele: Wegen der ausgedehnten Bereiche, in denen die Zentralregierung nichts zu melden hat, ist die malische Wüste ähnlich wie die Bergregion zwischen Afghanistan und Pakistan zum Rückzugsraum für Terrorgruppen geworden. Darunter befinden sich auch Ableger von al-Qaida.

Sahel-Dschihadisten in einem neuen Bündnis

2018 ist ein weiteres Schicksalsjahr für Mali. Im Juli soll der Präsident gewählt werden, Ibrahim Boubacar Kaita tritt erneut an und würde gern wenigstens den Anschein eines ordentlichen Urnengangs hinbekommen. Allein: Die Kontrolle über sein Land ist ihm spätestens 2012 entglitten und bis heute nicht voll wieder hergestellt.

Zwar schlugen die Franzosen 2013 den islamistischen Vormarsch auf die Hauptstadt Bamako zurück und befreiten anschließend auch Gao und Timbuktu. Aber die Terrorkrieger zogen sich nur soweit zurück, wie sie mussten - und nun rollt eine neue Offensive.

Vor einem Jahr bündelten die größten Dschihadistengruppen ihre Kräfte für konzertierte Attacken. Ihr Bündnis nennen sie Gruppe zur Unterstützung des Islam und der Muslime (GSIM). Ein frommer Name, unter dem sich die Gruppen al-Qaida im islamischen Magreb (AQIM), Ansar Dine und al-Murabitun zusammenfanden.

DPA

Dschihadist Mokthar Belmokhtar, mehrfach totgesagt, soll GSIM mit führen

GSIM vereint nun Hunderte Kämpfer. Mit Iyad Ag Ghali (Kampfname "Der Stratege") und dem einäugigen Afghanistan-Veteranen Mokhtar Belmokhtar führen zwei der erfahrensten Islamistenbosse Afrikas die Truppen. Weitere "komplexe" Attacken wie die vom Wochenende müssen also befürchtet werden.

AFP

Iyad Ag Ghali

Gefahrenstufe "erheblich" - und bald noch schlechter?

Die Gegenmaßnahmen wirken bislang eher hilflos. Das französische Militär ist nach wie vor mit 4000 Soldaten im Land. Eigentlich war im vergangenen Jahr die Rede von einem Abzug, doch nun versichert Präsident Emmanuel Macron: Frankreichs Kämpfer sollen bleiben. Hinzu kommt eine Truppe der fünf Sahelländer Niger, Tschad, Burkina Faso, Mali und Mauretanien. 5000 Soldaten, finanziert von mehreren Dutzend westlichen Gebern.

Im Februar, nach mehr als einem halben Jahr Vorlauf, sagten diese gut 400 Millionen Euro zu, was zumindest die Einsatzkosten bis Jahresende deckt. Zusammen mit Frankreichs Beitrag investiert der Westen damit aktuell eine Milliarde Euro in den Anti-Terror-Kampf in der Region. Doch echte Erfolge sind kaum vorzuweisen. Ein Indikator für die Unruhe sind die Flüchtlingszahlen: Seit Jahresanfang verzeichnen die Nachbarländer laut UNHCR an die 10.000 Neuankömmlinge, Tendenz steigend. Die Zahl der Rückkehrer ist auf nahe Null gefallen.

Von der Bundeswehr heißt es, der Einsatzraum sei auf den eigenen Karten weiter in gelb (Gefahrenstufe "erheblich") gekennzeichnet. Das könne sich aber schon bald ändern - und, so steht zu vermuten, wohl kaum zum Besseren.

Die Einschätzungen der Geheimdienste lesen sich düster. Dort heißt es seit einigen Wochen, dass Terrorgruppen, Kriminelle und lokale Milizen zwar unterschiedliche Interessen verfolgen, aber dennoch ihre Angriffstaktiken oder Sprengstoffexpertise austauschen und so effektiver zuschlagen können.

DPA

Kampfhubschrauber "Tiger" im Camp Castor (Archivbild)

Folglich igelt sich die Bundeswehr an ihrem Standort Camp Castor in Gao immer mehr ein. Die Schutzmannschaften werden deutlich aufgestockt, ein Waffensystem vom Typ "Mantis" soll möglichen Raketen- und Mörserbeschuss abwehren. Und mit einem rund 30 Meter hohen Wachturm versuchen die Deutschen, das Umfeld des Lagers besser zu kontrollieren - für etwas mehr Weitblick auf "erhebliche" Gefahren.

insgesamt 73 Beiträge
gersois 22.04.2018
1. Raus aus der Sahel-Zone!
Die Konflikte in der Sahel-Zone sind alt: In den Hungersnöten der 70er und 80er Jahre haben korrupte Regierungen im Süden der Staaten die Menschen im Norden verhungern lassen, weil sie die Hilfsgüter nicht weitergeleitet haben. [...]
Die Konflikte in der Sahel-Zone sind alt: In den Hungersnöten der 70er und 80er Jahre haben korrupte Regierungen im Süden der Staaten die Menschen im Norden verhungern lassen, weil sie die Hilfsgüter nicht weitergeleitet haben. Der Hass der Völker aufeinander in diesen Staaten, deren Grenzen die ehemaligen Verwaltungsbezirke des Kolonialherren Frankreich sind, ist noch viel älter. Deutschland und Europa sollten sich da nicht länger engagieren. Das unbelehrbare Frankreich versucht nur seine Uranabbaugebiete in Niger zu sichern. Den Preis dafür soll es alleine zahlen!
Papazaca 22.04.2018
2. Eines der Hauptprobleme: Die Touareg!
Seit seiner Unabhängigkeit hat Mali Probleme, die Touareg zu integrieren. Diese Söhne der Wüste hatten früher Funktionen in der Sahara. Aber Lastwagen und veränderte Handelsrouten haben sie praktisch arbeitslos gemacht. [...]
Seit seiner Unabhängigkeit hat Mali Probleme, die Touareg zu integrieren. Diese Söhne der Wüste hatten früher Funktionen in der Sahara. Aber Lastwagen und veränderte Handelsrouten haben sie praktisch arbeitslos gemacht. Zudem haben sie kaum an der Macht in Bamako partizipiert. Die vielen Touareg-Aufstände und Revolten sprechen Bände. Nachdem viele von ihnen als Kämpfer für Ghaddafi ihr Geld in Libyen verdient haben, sind sie nach dessen Sturz nach Mali zurückgekehrt. Ohne Arbeit, ohne Geld aber mit vielen Waffen. Und das Touaregproblem ist nur eines von vielen Problemen, die Mali hat.
micromiller 22.04.2018
3. Afghanistan ist die große Fehlleistung
Mali ist die wachsende Fehlleistung des „Westens“ Selbst moderate Islam Ideologen können am Verhalten des Westens gegen den Irak, Libyen und Syrien erkennen wo die Reise hingeht. China und Russland bieten mehr intelligente [...]
Mali ist die wachsende Fehlleistung des „Westens“ Selbst moderate Islam Ideologen können am Verhalten des Westens gegen den Irak, Libyen und Syrien erkennen wo die Reise hingeht. China und Russland bieten mehr intelligente Unabhängigkeit und weniger Intervention. Wir sollten schnellstens umdenken und ehrlicher und menschlicher mit den von Westlichen Demokratieambitionen gebeutelten Menschen umgehen, Unter Gaddafi haben die Menschen Libyens den höchsten Lebensstandard des Kontinents genossen, da ist keiner geflüchtet, ganz im Gegenteil, das Land war voll mit Fremdarbeitern aus Ägypten, Palrstina etc. ...
Raphael II 22.04.2018
4. Nur raus!
Deutschland hat mit Mali nichts zu schaffen. Aktuell nicht und Deutschland war auch nicht Kolonialmacht dort. Deutschland hat also auch in der Vergangenheit die historischen Strukturen der Region nicht zerstört, wie es die [...]
Deutschland hat mit Mali nichts zu schaffen. Aktuell nicht und Deutschland war auch nicht Kolonialmacht dort. Deutschland hat also auch in der Vergangenheit die historischen Strukturen der Region nicht zerstört, wie es die Kolonialmacht Frankreich tat. Deswegen hat Deutschland mit Mali nichts zu schaffen. Und deswegen auch keine Verantwortung für das Land. Also was tut die Bundeswehr dort? Außer sich einzuigeln, Zeit totzuschlagen und nicht funktionierendes Kriegsgerät (Hubschrauber etc.) zu schrotten? Die Bundeswehr ist eine Verteidigungsarmee. Eine Armee zur Verteidigung Deutschlands. Und während inDeutschland ganze Waffengattungen nicht einsatzfähig sind, tummelt sich die Bundeswehr in Mali? Nur raus dort! Und ab nach Hause!
Papazaca 22.04.2018
5. Erfassen Sie wirklich, worum es geht?
Ganz so simpel ist es dann doch nicht. Im Gegenteil, es gibt enorme Gefahren, über die nicht gesprochen wird. Und Experten sind einige Flugzeugabstürze über der Sahara ungeklärt. Das Terroristen daran beteiligt sein [...]
Zitat von gersoisDie Konflikte in der Sahel-Zone sind alt: In den Hungersnöten der 70er und 80er Jahre haben korrupte Regierungen im Süden der Staaten die Menschen im Norden verhungern lassen, weil sie die Hilfsgüter nicht weitergeleitet haben. Der Hass der Völker aufeinander in diesen Staaten, deren Grenzen die ehemaligen Verwaltungsbezirke des Kolonialherren Frankreich sind, ist noch viel älter. Deutschland und Europa sollten sich da nicht länger engagieren. Das unbelehrbare Frankreich versucht nur seine Uranabbaugebiete in Niger zu sichern. Den Preis dafür soll es alleine zahlen!
Ganz so simpel ist es dann doch nicht. Im Gegenteil, es gibt enorme Gefahren, über die nicht gesprochen wird. Und Experten sind einige Flugzeugabstürze über der Sahara ungeklärt. Das Terroristen daran beteiligt sein könnten wird nicht ausgeschlossen. Zu dem gibt es in der Sahelzone viele instabile Staaten wie Niger, Tschad, Mali und Burkina. Wie Terroristen eine ganze Region destabilisieren können zeigt Boku Haram. Inzwischen kämpfen Nigeria, Kamerun, Niger und Tschad gegen sie. Alles auf Frankreich zu schieben ist denn dann doch zu simpel, obwohl die Franzosen im nachkolonialen Afrika "viel Mist" gebaut haben.
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