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Politik

Islam und Homosexualität

"Ich küsste ihn unaufhörlich auf seinen schneeweißen Mund"

Nach dem Attentat von Orlando behaupten sowohl Islamfeinde als auch radikale Muslime, Morde an Schwulen und Lesben ließen sich aus dem Koran ableiten. Das ist falsch. Früher konnten Homosexuelle in muslimischen Gesellschaften sogar freier leben als im Westen.

AFP

Homosexuellen-Aktivisten in Istanbul

Von
Donnerstag, 16.06.2016   10:05 Uhr

"Als er dann endlich kam, führte ich ihn an einen Ort, den Augen der Verräter und Neider entzogen.

Ich gab ihm kleine Mengen Weins zu trinken. Als er genug vom Trinken hatte, legte er sich auf die Seite, um zu ruhen.

Ich stand auf, um seine Kleider zu lösen und seine Schenkel zu streicheln.

Danach umarmten wir einander: ich küsste ihn unaufhörlich auf seinen schneeweißen Mund.

Als seine Verblendung vorüber war, stand er tiefbetrübt auf, mit heftigem Herzweh."

Gut 1200 Jahre ist es her, seit der muslimische Dichter Abu Nuwas diese Zeilen schrieb. Er war Poet am Hofe des legendären Kalifen Harun al-Raschid und dessen Sohn al-Amin in Bagdad. Der Kalif, als Oberhaupt aller Muslime, protegierte einen Poeten, der homoerotische Literatur verfasste.

Abu Nuwas und seine Werke sind nur ein prominentes Beispiel für Abertausende Verse klassischer arabischer und persischer Liebeslyrik auf schöne junge Männer. Jahrhundertelang sind die islamischen Gesellschaften von Andalusien bis Indien tolerant mit homosexuellen Menschen umgegangen. Die inzwischen alltägliche Homophobie in der islamischen Welt ist ein modernes Phänomen und erst unter dem Einfluss der europäischen Kolonialherren entstanden. Besonders die prüden viktorianischen Briten brachten die Homosexuellenfeindlichkeit in den Nahen und Mittleren Osten.

Nach dem Anschlag von Orlando versuchen sowohl Islamfeinde als auch radikale Muslime eine Kontinuität nachzuweisen, die vom Koran direkt zu den Morden an Schwulen und Lesben im Pulse-Nachtklub führt. Doch diese Kontinuität gibt es nicht.

Jünglinge warten laut Koran im Paradies

Der Koran lässt offen, ob Homosexualität verboten ist oder nicht, von einer Bestrafung für Homosexualität ist jedenfalls keine Rede. In den Paradiesbeschreibungen des Korans werden sogar Jünglinge beschrieben, die "verborgenen Perlen" ähnelten und auf die männlichen Wiederauferstandenen warteten.

Überliefert ist auch das Erlebnis eines sudanesischen Scheichs aus dem frühen 18. Jahrhundert. Er beobachtete einen türkischen Pilger, der am Grab des Propheten Mohammed in Medina bitterlich weinte. Als der Scheich den Pilger nach dem Grund dafür fragte, antwortete dieser: "Gestern Nacht hatte ich Geschlechtsverkehr mit zwei jungen Männern." Doch statt den jungen Pilger zu verurteilen, entgegnete der Scheich: "Dir sei vergeben. Nur, tue so etwas nicht noch einmal."

Homophobe Muslime stützen sich daher auf Hadithe, also die mündlichen Überlieferungen von Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed, die erst Jahrhunderte nach dem Tod des Religionsstifters niedergeschrieben wurden. "Wenn du jemanden siehst, der das tut, was das Volk Lots getan hat, dann töte denjenigen, der es tut, und denjenigen, dem es angetan wird", soll der Prophet gesagt haben. Als Volk Lots werden im Islam die Bewohner Sodoms bezeichnet, die laut alttestamentarischer Überlieferung gleichgeschlechtlichen Sex gehabt haben sollen. Im Arabischen werden Schwule deshalb als "Loti" bezeichnet.

Unter anderem mit Verweis auf diesen Hadith begründen Staaten wie Iran, Saudi-Arabien, der Jemen und die Vereinigten Arabischen Emirate, dass sie die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen verhängen.

Treffpunkt Hamam

Doch rund 1200 Jahre lang waren muslimische Herrscher weitaus weniger streng. Sie duldeten Homosexualität, solange sie im Verborgenen stattfand. Historiker vergleichen die Stellung von Schwulen in islamischen Gesellschaften über Jahrhunderte mit der Rolle der Frau. Ähnlich wie sich Frauen in der Öffentlichkeit zurückhalten und ihre Reize verhüllen sollten, mussten sich auch Homosexuelle verhalten. Was von der Öffentlichkeit verborgen hinter verschlossenen Türen stattfand, war eine andere Frage.

Ähnlich ist es bis heute: In allen arabischen Großstädten gibt es eine verborgene Schwulen- und Lesbenszene. Kontakte zu knüpfen ist nicht schwer, die Tarnung fällt relativ leicht. Es ist schließlich Alltag, dass auch heterosexuelle Männer sich händchenhaltend in der Öffentlichkeit zeigen. Sie verabreden sich über das Internet zu Treffen in den Hinterzimmern von Cafés oder Untergrunddiscos. Bis heute ist auch das Hamam, das öffentliche Badehaus ein beliebter Treffpunkt. Das war schon zu Zeiten von Abu Nuwas so. "Wie trefflich ist das Bad unter den Orten, die alles deutlich zeigen. Auch wenn die Leute einem mit Handtüchern einen Teil der Annehmlichkeiten vergällen", dichtete der Poet vor 1200 Jahren.

Bis heute gehen in der islamischen Welt die Meinungen darüber weit auseinander, was überhaupt als homosexueller Sex angesehen wird. Noch immer ist es für junge Männer in islamischen Gesellschaften sehr schwierig, vor der Ehe sexuelle Kontakte zu Frauen zu knüpfen. Laut einer Studie aus Marokko hat deshalb ein großer Teil der heranwachsenden Männer den ersten Geschlechtsverkehr mit einem anderen Jungen. Als homosexuell wird dabei nur der passive Partner angesehen.

Lesen Sie hier ein Interview mit dem schwulen Imam Mohamed Zahed.

insgesamt 195 Beiträge
frenchie3 16.06.2016
1. Ach nee
Jetzt ist tatsächlich schon wieder der Westen Schuld. Geht's noch? Wie viele Jahrhunderte braucht es denn damit ein Volk wieder eigenständig denken kann und Fremdeinflüsse wieder vergißt? Ich behaupte jetzt mal einfach: das [...]
Jetzt ist tatsächlich schon wieder der Westen Schuld. Geht's noch? Wie viele Jahrhunderte braucht es denn damit ein Volk wieder eigenständig denken kann und Fremdeinflüsse wieder vergißt? Ich behaupte jetzt mal einfach: das hat den Oberen, ob staatlich oder speziell religiös, ganz einfach in den Kram gepaßt, daher wurde die Homophobie schön gepflegt
Hilfskraft 16.06.2016
2. Privatsache
Sexualität ist Privatsache. Hier wird sie politisch instrumentalisiert.
Sexualität ist Privatsache. Hier wird sie politisch instrumentalisiert.
vaclav.havel 16.06.2016
3.
Ich bin bei solchen Ereignissen immer ein wenig skeptisch, ob der öffentlichen Deutungen. Bereits wenige Stunden nach der Tat gab es die ersten Interpretationen, welche, wie es schien, auf Veröffentlichungen der [...]
Ich bin bei solchen Ereignissen immer ein wenig skeptisch, ob der öffentlichen Deutungen. Bereits wenige Stunden nach der Tat gab es die ersten Interpretationen, welche, wie es schien, auf Veröffentlichungen der Ermittlungsbehörden geschahen. Normalerweise ist es doch so, dass erst ausreichende Ermittlungen mit ausreichend Zeit geschehen müssen, bis man sich über eine Tat eine einigermaßen objektive Meinung bilden kann, oder? Werden mit Taten, welche die mediale Öffentlichkeit heiß diskutiert, am Ende primär kollektive Bedürfnisse bedient?
Solid 16.06.2016
4.
Der Artikel ist irreführend. Zum einen konnten auch früher die Menschen in Europa freizügigen Sex nach Gusto haben. Die Zustände in den Badehäusern waren legendär und da es kein Fernsehen gab, musste man die Zeit eben [...]
Der Artikel ist irreführend. Zum einen konnten auch früher die Menschen in Europa freizügigen Sex nach Gusto haben. Die Zustände in den Badehäusern waren legendär und da es kein Fernsehen gab, musste man die Zeit eben mit Sex rumkriegen. Verboten war es natürlich und im Zuge von Missgunst und Denunziation kam es immer wieder zu staatlichem Mord. Im Prinzip war es im christlichen Europa so, dass kein Mensch alle Regeln einhalten konnte und es ein Akt der Willkür war, wenn er nicht hingerichtet wurde. Ganz analog war das auch im historischen Islam. Auch da war alles mögliche Verboten und in Folge einer Anzeige konnte man jederzeit für allgemein verbreitetes Verhalten getötet werden und das kam auch häufig vor. Hier wird die Historie extrem verklärt. Zum anderen ist das eine wie das andere historisch und vorbei und kommt so auch nicht wieder. Heute hat man es mit aktuellem Islam und aktuellem Christentum zu tun. Und der aktuelle Islam ist maximal intolerant mit starkem Tendenzen zum Extremismus. Es ist nicht mal Radikalismus, denn es geht nicht in Richtung der Wurzeln, sondern es handelt sich um eine zeitgenössische Weiterentwicklung aus der Mitte des Islam. Daher ist es unangemessen, den Islam mit so einem Artikel zu verharmlosen.
colonium 16.06.2016
5. Qualitätsjournalismus
Interessanter Beitrag, man lernt nie aus. Danke.
Interessanter Beitrag, man lernt nie aus. Danke.
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Islamische Verbände in Deutschland

Zentralrat der Muslime
Er ist am bekanntesten. Das liegt am Vorsitzenden Aiman Mazyek, öffentliches Gesicht der Muslime in Deutschland. Er nimmt häufig Stellung zu aktuellen Fragen und ist gut vernetzt. Mazyek setzt sich gegen Islamophobie und für einen christlich-islamischen Dialog ein. Der ZMD in Köln hat 24 muslimische Organisationen als Mitglieder. Unter den Dachverbänden gehört er aber zu den Kleinen - mit 300 Moscheegemeinden und 15.000 bis 20.000 Mitgliedern. Der Verband vertritt Muslime aus vielen Ländern. Islamexpertin Lale Akgün sagt: "Herr Mazyek ist medial sehr präsent, kann aber nur für eine kleine Minderheit der Muslime sprechen."
Ditib
Die Türkisch Islamische Union ist mit Abstand die größte muslimische Organisation, wächst weiter und vertritt rund 900 Gemeinden. Sie untersteht der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Ihre Ortsvereine machen vielerorts in Deutschland durch Moscheebauten auf sich aufmerksam. In Köln baut sie den bundesweit größten Moscheekomplex. Die Ditib gilt als konservativ. Sie richtet sich strikt an den Vorgaben aus Ankara aus. Der Vorstandsvorsitzende wechselt häufig. Bekanntestes Gesicht ist der langjährige Dialogbeauftragte und Geschäftsführer Bekir Alboga.
Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ)
Mit 300 Moschee- und Bildungsvereinen gilt er als unpolitisch und tief religiös. Er bildet Imame aus und hat überwiegend türkische Mitglieder.
Koordinationsrat der Muslime (KRM)
Hier sind seit 2007 neben ZMD und Ditib auch Islamrat und VIKZ zusammengeschlossen. Die Verbände wollen sich damit besser Gehör verschaffen und auch als Ansprechpartner für die Politik mehr Einfluss zu gewinnen. Der KRM geht davon aus, er vertrete 85 Prozent der Moscheegemeinden. Islamwissenschaftler Ralph Ghadban sagt: maximal 15 Prozent. Die KRM-Mitglieder laden alljährlich am 3. Oktober zum Tag der Offenen Moschee.
Islamrat
Er bekennt sich uneingeschränkt zum Grundgesetz und den Prinzipien der freiheitlich demokratischen Grundordnung, wie es in seiner Selbstdarstellung heißt. Sein größtes Mitglied Milli Görüs (MG) ist aber umstritten, der Verfassungsschutz führt MG als islamistische Organisation, allerdings ist diese Einschätzung nach Reformen bei Milli Görüs in der Diskussion. Der Hamburger Verfassungsschutz beobachtet Milli Görüs nach Reformen - getragen durch jüngere Mitglieder - weitgehend nicht mehr.
Liberal-Islamische Bund (LIB)
Der LIB ist ein neuer, kleiner Verband. Die Vorsitzende Lamya Kaddor ist derzeit gefragte Interview-Partnerin. In Abgrenzung zu den anderen Verbänden legt der LIB den Islam bewusst sehr zeitgemäß aus. Kaddor sagt: "Wir Muslime müssen Extremismus in unseren Reihen bekämpfen. Da müssen wir viel entschlossener ran."
Alevitische Gemeinde Deutschland
Aleviten sind nach den Sunniten die zweitgrößte Konfession der Türken in Deutschland. Ihre religiösen Regeln sind weniger streng, viele Kurden in Deutschland sind Aleviten.
Religionsräte
In Ländern wie Niedersachsen, Hamburg oder Bremen haben sich religiöse Dachverbände (Schura) gebildet, um der Politik als Ansprechpartner etwa für Religionsunterricht zu dienen. Der Islam-Experte der Friedrich-Ebert-Stiftung, Dietmar Molthagen, sagt: "Sie schaffen es, den Vertretungsanspruch einzulösen." In Berlin wird derzeit die Gründung einer Schura erwogen.
Türkische Gemeinde in Deutschland
Die Türkische Gemeinde ist eine säkulare politische Interessenvertretung. Ihr Ex-Chef Kenan Kolat trat umtriebig für Integration ein. Seine Nachfolger Gökay Sofuoglu und Safter Çinar sind noch nicht so präsent.

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