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Politik

Paris

Gelbwesten verwüsten die Champs-Élysées

Rund um die seit Monaten schwersten Ausschreitungen bei Protesten der Gelbwesten in Frankreich wurden mehr als 200 Menschen festgenommen. Innenminister Castaner sprach von "Mördern", Präsident Macron brach seinen Urlaub ab.

YOAN VALAT/EPA-EFE/REX
Samstag, 16.03.2019   22:36 Uhr

Plünderungen, Brandstiftungen und eingeschlagene Scheiben: Der Protest der Gelbwesten-Bewegung in Paris ist in massive Gewalt ausgeartet. Auf dem Prachtboulevard Champs-Élysées wurden Boutiquen geplündert und in Brand gesteckt. Randalierer zündeten zudem eine Bankfiliale an, beim Brand des darüber liegenden Wohnhauses wurden elf Menschen verletzt.

Die aktuellen Bilder erinnern an den Beginn der Proteste in der französischen Hauptstadt - an den ersten Protestwochenenden hatten sich die Demonstranten vor allem rund um die Champs-Élysées Auseinandersetzungen mit der Polizei geliefert.

Präsident Emmanuel Macron brach seinen Skiurlaub ab und kehrte nach Paris zurück. Bei einem Besuch im Krisenstab des Innenministeriums sagte er am Samstagabend, es werde "starke, zusätzliche Entscheidungen" dazu geben. Zwar habe seine Regierung seit November bereits eine Reihe von Maßnahmen gegen Randalierer ergriffen. Die Gewalt bei den aktuellen Protesten hätte aber gezeigt, dass dies nicht ausreiche, hob Macron hervor. Am Freitag war der erste Teil seiner Bürgerdebatte zu Ende gegangen, die er ins Leben gerufen hatte, um die Krise in den Griff zu bekommen.

Für die Gelbwesten-Bewegung ist es ein entscheidendes Wochenende. Vor einer Woche hatten so wenig Gelbwesten wie noch nie seit Beginn der Proteste im November demonstriert. Zahlreiche Führungsfiguren der Gruppe hatten anschließend relativ einhellig dazu aufgerufen, an diesem Samstag in Paris zu demonstrieren und Stärke zu zeigen.

Tränengas, Blendgranaten und Wasserwerfer

Landesweit protestierten nach Angaben des Innenministeriums am Samstag mehr als 32.000 Gelbwesten. Das sind zwar mehr als die 28.000 Protestierenden der vergangenen Woche, aber dennoch ein deutlicher Kontrast zu den fast 300.000 Menschen beim ersten Protestmarsch im November. Die Teilnehmerzahlen waren zuletzt deutlich gesunken.

Gleichzeitig nahm die Gewaltbereitschaft zu: Mehrere Zeitungskioske brannten aus, vermummte und schwarz gekleidete Teilnehmer der Proteste warfen Steine auf Polizisten und bauten Barrikaden. Geschäfte auf den Champs-Élysées wurden eingeschlagen und geplündert - unter anderem eine Filiale der Modekette Boss. Das Promi-Restaurant Fouquet's wurde verwüstet und in Brand gesetzt. Begleitet wurden die Ausschreitungen von Sprechchören, die sich gegen den Kapitalismus und gegen die Polizei richteten.

Über den Boulevards im Zentrum der Hauptstadt stieg Rauch auf, Tränengasschwaden zogen durch die Straßen. Eine derartige Gewaltbereitschaft bei Gelbwesten-Protesten hatte es zuletzt im Dezember gegeben. Bei 10.000 Demonstranten in Paris waren 5000 Polizisten im Einsatz, sie setzten Tränengas, Blendgranaten und Wasserwerfer ein, um die Demonstranten zurückzudrängen.

Macrons Diskussionsrunden seien "heiße Luft"

"Wir waren zu nett, darum die Gewalt heute", kommentierte ein Demonstrant die Vorfälle. Ein anderer sagte: "Das hier ist nicht schön, aber nur so können wir uns Gehör verschaffen." Frankreichs Innenminister Christophe Castaner warf den Brandstiftern vor, sie seien weder Demonstranten noch Randalierer, sondern Mörder. Castaner sagte weiter, einige Teilnehmer seien offensichtlich "nur angereist, um Sachen zu zerstören". Es gebe einen harten Kern von "über 1500 ultragewalttätigen Menschen". In sozialen Netzwerken hatten die Organisatoren des Protestes zuvor angedeutet, es würden Unterstützer aus Italien, Belgien, den Niederlanden und sogar aus Polen erwartet.

Die Polizei nahm mehr als 230 Menschen fest. Der Zeitung "Le Monde" zufolge gab es Dutzende Verletzte: 42 Demonstranten, 17 Polizisten und einen Feuerwehrmann.

Parallel zu den Demonstrationen endeten die Diskussionsrunden, zu denen Präsident Emmanuel Macron die Bürger unter dem Eindruck der Proteste aufgerufen hatte. In den vergangenen zwei Monaten waren rund 500.000 Menschen zu den landesweiten Gesprächen gekommen. Die Gelbwesten hatten die Veranstaltungsreihe als Ablenkungsmanöver abgelehnt. "Das war heiße Luft", sagte ein Demonstrant der Nachrichtenagentur AP. "Es war unnötig und hat nichts erreicht. Wir sind hier, um Macron zu zeigen, dass leere Worte nicht genug sind."

Zuletzt hatte es am Rande der Gelbwesten-Proteste nicht nur Gewalt, sondern auch antisemitische Äußerungen gegeben. Bei einer Demonstration in Paris hatte ein Teilnehmer den Philosophen Alain Finkielkraut als "dreckigen Zionisten" und "große Scheiße" beschimpft. Daraufhin protestierten Tausende von Franzosen gegen Antisemitismus.

mal/AFP/Reuters/AP/dpa

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