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Politik

Danziger Bürgermeister Pawel Adamowicz

Ein Mord, der Polen erschüttert

Mit Danzigs Bürgermeister Pawel Adamowicz ist ein liberaler Proeuropäer ermordet worden - ein Streiter für Europa. Leidenschaftlich widersetzte er sich dem nationalistischen Mainstream. Sein Tod sorgt für Entsetzen.

REUTERS

Pawel Adamowicz

Von
Montag, 14.01.2019   17:07 Uhr

Sie haben mit aller Kraft versucht, sein Leben zu retten: 41 Blutkonserven, jeweils etwa 500 Milliliter, verabreichten die Ärzte Danzigs Bürgermeister, nachdem am Sonntagabend ein 27-Jähriger mit dem Messer auf ihn eingestochen hatte. Doch alle Anstrengungen konnten Pawel Adamowicz nicht retten. Er ist am Montag gestorben.

Der Täter sitzt in Haft. Am Sonntagabend hatte er die Bühne einer Wohltätigkeitsveranstaltung gestürmt, in der Hand seine Waffe mit 14,5 Zentimeter langer Klinge. Adamowicz hatte keine Chance. Stefan heiße er, schrie der Mörder, die Bürgerplattform, eine liberale Partei, habe ihn "foltern" und unschuldig ins Gefängnis stecken lassen. Nur: Adamowicz gehörte der Bürgerplattform schon lange nicht mehr an.

Mit ihm ist einer der populärsten Politiker Polens gestorben, ein Streiter für Europa und gegen Nationalismus, ein Pragmatiker, kein Polarisierer. Seit 1998 war er Bürgermeister der Hansestadt, gewählt jeweils mit Zustimmungswerten, von denen die Politiker in Warschau nur träumen können.

"Ich bin der Bürgermeister aller Danziger"

Adamowicz wurde 53 Jahre alt. Seine Familie war nach dem Krieg aus der Gegend um das litauische Wilna nach Danzig umgesiedelt worden. Er studierte Jura und engagierte sich in der Opposition gegen die Kommunisten. In den Neunzigerjahren wurde Adamowicz erstmals ins Stadtparlament gewählt, er begründete die Bürgerplattform mit, jene Partei, der auch der heutige EU-Ratspräsident Donald Tusk, ebenfalls aus Danzig, angehört.

"Ich bin der Bürgermeister aller Danziger", das war einer seiner politischen Grundsätze. Zwar wählten ihn vor allem junge, gut ausgebildete Leute, doch bemühte er sich auch etwa um die eher konservativen Werftarbeiter. Das waren jene Leute, die einst die erste freie Gewerkschaft des Ostblocks gegründet hatten, die Solidarnosc, die schließlich den friedlichen Umbruch 1989 aushandelte. Viele von ihnen gehörten zu den Ersten, deren Arbeitsplätze nach der Wende in Gefahr waren. Unter Adamowicz boomte Danzig, die Arbeitsämter melden seit Jahren Vollbeschäftigung.

Seine Amtsstube hatte Adamowicz mit den ölgemalten Porträts seiner Vorgänger aus der Hansezeit vollgehängt. Viele von ihnen sprachen deutsch. Doch das fand der Bürgermeister gerade gut: "Wir kehren dem deutschen Erbe heute nicht den Rücken zu", sagte er einst dem SPIEGEL. Ein mutiger Satz damals im Jahr 2007, als die Nationalkonservativen schon einmal in Warschau regierten und das Verhältnis zum westlichen Nachbarn sich stark eintrübte.

Adamowicz widersetzte sich dem nationalistischen Mainstream

Geradezu genüsslich widersetzte sich Adamowicz auch später noch dem nationalistischen Mainstream. So erklärte er in den vergangenen Jahren immer wieder, dass seine Stadt bereit sei, Flüchtlinge aufzunehmen - während Warschau sich dem europäischen Verteilungsmechanismus für Menschen in Not verweigerte. "Polen war über Jahrhunderte ein multiethnisches und multikulturelles Land, gastfreundlich gegenüber Neuankömmlingen anderer Nationalität", schrieb Adamowicz 2017.

Im Video: Nach Messerangriff auf offener Bühne - Bürgermeister von Danzig gestorben

Foto: GRZEGORZ MEHRING/ EPA-EFE/ REX

Ein Schatten allerdings fällt auf diese glänzende Karriere: Adamowicz gilt als ausgesprochen wohlhabend. Mehrfach wurde gegen ihn ermittelt, weil er eine Besitzstandserklärung falsch ausgefüllt haben sollte. Solch eine öffentliche Erklärung muss jede polnische Person in einem öffentlichen Amt vorlegen. Ein Prozess darum war in Gang. Im Zusammenhang mit diesem Verdacht zog sich Adamowicz 2015 aus der Bürgerplattform zurück.

In Polen hat jetzt eine Diskussion begonnen: Hat der Mord auf der Bühne etwas mit der tiefen politischen Zerrissenheit des Landes zu tun? Die Nationalkonservative in der Regierung und die liberale Opposition streiten sich auf das Schärfste. Oder ist der Täter wahnsinnig?

Jaroslaw Kaczynski, die graue Eminenz der Nationalkonservativen, drückte in einer öffentlichen Erklärung "tiefen Schmerz" über den Tod Adamowiczs aus. Die Regierung schickte Adamowiczs Frau eine Regierungsmaschine nach London entgegen. Sie war dort auf der Durchreise aus den USA nach Hause zwischengelandet.

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