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Politik

Demokratin aus Michigan

Rashida Tlaib will als erste Muslima in den US-Kongress einziehen

Sie ist Muslima, ihre Eltern stammen aus Palästina - und bald dürfte Rashida Tlaib für die Demokraten im US-Kongress sitzen. Dass sie kämpfen kann, bekam schon Donald Trump zu spüren.

AP

Rashida Tlaib

Sonntag, 12.08.2018   12:27 Uhr

Ihre Mutter kommt aus der Nähe von Ramallah, ihr Vater stammt aus Ost-Jerusalem - und sie steht nun als erste muslimische Frau in der Geschichte der USA vor dem Einzug in den Kongress: Rashida Tlaib.

Der 42-Jährigen ist nach ihrem Sieg bei den Vorwahlen der Demokraten der Sitz im Repräsentantenhaus wohl kaum mehr zu nehmen: Kein Republikaner ist bereit, im 13. Wahlbezirk von Michigan anzutreten.

"Man muss nicht ändern, wer man ist, um für ein Amt zu kandidieren", sagte Tlaib der "New York Times" nach ihrem Sieg in der vergangenen Woche. "Und darum geht es in diesem Land."

Wer ist Rashida Tlaib?

Die Politikerin wurde in Detroit als erste von 14 Kindern einer palästinensischen Einwandererfamilie geboren. Ihr Vater arbeitete in einer Fabrik von Ford. Die Juristin zog bereits als erste Muslima 2008 in das Landesparlament von Michigan ein. Dort diente sie drei zweijährige Legislaturperioden, die erlaubte Höchstzahl.

Überregional bekannt wurde die Mutter zweier Kinder, als sie 2016 eine Rede des damaligen Präsidentschaftskandidaten Donald Trump störte mit der Aufforderung, er solle die Verfassung lesen. "Der 13. Bezirk wollte eine Kämpferin", schrieb sie auf Twitter zu ihrer Nominierung. "Und sie bekommen eine." Tlaib träumt den amerikanischen Traum.

Ihre Twitter-Seite zeigt auch ihre Beziehung zu ihrem Glauben: Dort nennt sie sich selbst eine "stolze Muslima". In einem CNN-Bericht vom Juni wird beschrieben, wie sie im Südwesten von Detroit trotz der Hitze bei einem Besuch bei Wählern auf Wasser verzichtet - es war Ramadan.

Welche Rolle spielt der Islam im US-Wahlkampf?

Religion sei allerdings bei ihrem Gang von Haustür zu Haustür nie ein Thema gewesen, berichtet der Sender. In diesem Teil von Michigan leben überdurchschnittlich viele Muslime. Die Bevölkerung der Stadt Dearborn im Großraum Detroit etwa stammt nach einer Erhebung aus dem Jahr 2000 zu 30 Prozent aus dem arabischen Raum.

Bei den Vorwahlen in Michigan waren zwei weitere Kandidaten islamischen Glaubens angetreten - einer davon für den Gouverneursposten. Beide scheiterten. Insgesamt berichten US-Medien von 90 Muslimen, die sich in diesem Jahr bei der Wahl im November für Ämter auf Bundes-, Landes- oder Kommunalebene bewerben.

Der erste Muslim im Kongress war 2006 der Demokrat Keith Ellison. Dort sind Muslime unterrepräsentiert. Zur Größe der Religionsgemeinschaften in den USA gibt es wenige amtliche Statistiken, weil das Statistikamt sie wegen der Trennung von Kirche und Staat nicht systematisch erhebt.

Der Gruppe Pew Research zufolge waren 2017 knapp 3,5 Millionen Amerikaner Muslime - 1,1 Prozent der Bevölkerung. Im Kongress sitzen gegenwärtig zwei Muslime, was 0,4 Prozent der Abgeordneten entspricht.

Welche Reaktionen gibt es auf Tlaibs Wahlerfolg?

Dass Tlaib erfolgreich war, ist für den ehemaligen Islam-Beauftragten von Ex-Präsident Barack Obama, Zaki Barzinji, auch eine Frage der Vorbereitung. "Sie ist das perfekte Beispiel dafür, wie man systematisch politische Macht aufbaut", sagt er CNN. "Sie sprang nicht einfach aus dem Nichts in die Kongresswahl, sie hat mehr als ein Jahrzehnt damit zugebracht, sich systematisch hochzuarbeiten."

Er wünsche sich, dass die islamische Gemeinde in den USA diese Lektion lernen würde: Trotz des Frustes über das Fehlen von Vertretern auf höchster Ebene machten sich zu wenige die Mühe, "im Erdgeschoss anzufangen".

In dem Ort Beit Ur al-Fauka im Westjordanland feierten Tlaibs Großmutter mit Onkels und Tanten, Nachbarn und Freunden Mitte der Woche den Sieg ihrer Verwandten. Rashida habe in dem Geburtsort ihrer Mutter 1997 geheiratet und sei zuletzt 2006 dort zu Besuch gewesen.

AP

Mitglieder der Tlaib-Familie im Westjordanland feiern den Sieg ihrer Verwandten in den USA

Ihr Onkel Bassam Tlaib sagt zu dem Sieg: "Es erfüllt uns mit Stolz - als Mitglieder der Tlaib-Familie, als Einwohner von Beit Ur al-Fauka, als Palästinenser, als Araber und als Muslime - dass ein einfaches Mädchen eine solche Stellung erreicht."

dop/Reuters

insgesamt 34 Beiträge
Velmont 12.08.2018
1. Religion, Gender, Sexualität
Ist die Person kompetent genug das Amt auszufüllen? Das ist die einzige Frage, die man sich stellen sollte. Mir ist es egal an welche (erfundenen) Märchenfiguren die Leute glauben, mit wem sie nachts ins Bett gehen oder ob [...]
Ist die Person kompetent genug das Amt auszufüllen? Das ist die einzige Frage, die man sich stellen sollte. Mir ist es egal an welche (erfundenen) Märchenfiguren die Leute glauben, mit wem sie nachts ins Bett gehen oder ob sie weiblich, männlich oder transgender sind. Einzig und alleine die kognitiven Fähigkeiten so ein Amt erfolgreich ausführen zu können, sollten eine Rolle spielen. Alles andere ist Ideologie... Es müssen nicht aus jeder "Gruppe" Repräsentanten gewählt werden, es braucht auch keine Quoten. Einzig die fachliche Qualifikation sollte entscheidend sein. Und ein System zu schaffen, bei dem sich jeder, bei genügend Motivation, Disziplin und Ehrgeiz, hinreichend qualifizieren kann. Und ich möchte dieser Frau nicht ihre Kompetenz absprechen, ich finde es nur gefährlich, dass der Spiegel praktisch ausschließlich auf Gender und Glauben eingeht, mich hätten viel mehr ihre beruflichen Erfolge und ihre politische Agenda interessiert...
Celegorm 12.08.2018
2.
Etwas Schade, dass Tlaib wie fast alle Politiker in den USA nicht nur religiös ist, sondern dazu ihre Religion noch öffentlich vor sich herträgt. Mir fällt es schwer, daran etwas progressives zu sehen. Erfrischend für die [...]
Etwas Schade, dass Tlaib wie fast alle Politiker in den USA nicht nur religiös ist, sondern dazu ihre Religion noch öffentlich vor sich herträgt. Mir fällt es schwer, daran etwas progressives zu sehen. Erfrischend für die US-Politik wäre eher mal eine bekennende Atheisten gewesen, gerne auch mit palästinensischen Wurzeln. Denn ich vermute, wenn eine Gruppe im Kongress massiv unterrepräsentiert ist, dann sind das nicht Muslime, sondern Nicht-Religiöse..
andneu 12.08.2018
3. Erste Muslima in den US-Kongress?
Oh! Das ist ja das richtige für unsere rechten Verschwörungstheoretiker! Da steht die Übernahme westlicher Politik durch den Islam unmittelbar bevor! ;-)
Oh! Das ist ja das richtige für unsere rechten Verschwörungstheoretiker! Da steht die Übernahme westlicher Politik durch den Islam unmittelbar bevor! ;-)
andneu 12.08.2018
4. @Celegorm
Ganz Ihrer Meinung. Damit werden Sie aber in den USA leider keine große Politikkarriere machen. Das macht Sie dort nämlich unwählbar. Das sind selbst viele Länder mit islamischen Hintergrund aufgeklärter als die USA.
Zitat von CelegormEtwas Schade, dass Tlaib wie fast alle Politiker in den USA nicht nur religiös ist, sondern dazu ihre Religion noch öffentlich vor sich herträgt. Mir fällt es schwer, daran etwas progressives zu sehen. Erfrischend für die US-Politik wäre eher mal eine bekennende Atheisten gewesen, gerne auch mit palästinensischen Wurzeln. Denn ich vermute, wenn eine Gruppe im Kongress massiv unterrepräsentiert ist, dann sind das nicht Muslime, sondern Nicht-Religiöse..
Ganz Ihrer Meinung. Damit werden Sie aber in den USA leider keine große Politikkarriere machen. Das macht Sie dort nämlich unwählbar. Das sind selbst viele Länder mit islamischen Hintergrund aufgeklärter als die USA.
mwroer 12.08.2018
5.
Was ich seltsam finde - als Keith Ellison als erster Moslem in den Kongress einzog hat es diese Aufmerksamkeit nicht gegeben bei Euch. Dabei war er tatsächlich der erste Moslem und mit seinem Wunsch den Amtseid auf den Koran [...]
Was ich seltsam finde - als Keith Ellison als erster Moslem in den Kongress einzog hat es diese Aufmerksamkeit nicht gegeben bei Euch. Dabei war er tatsächlich der erste Moslem und mit seinem Wunsch den Amtseid auf den Koran abzulegen ein ziemliches Theater, gerade bei den jüdischen Abgeordneten, hervorgerufen :) Also .. eine Frau für den Kongress, okay. Muslima, unwichtig. Wo genau war jetzt hier die Nachricht?

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