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Politik

Verdächtige im Fall Skripal

Britische Regierung reagiert empört auf Touristen-Version

London macht zwei Russen für den Anschlag auf Ex-Agent Skripal verantwortlich. Die beiden Männer wollen jedoch nur als Touristen nach Salisbury gereist sein - was die britische Regierung für eine offensichtliche Lüge hält.

DPA

Das Standbild einer Überwachungskamera zeigt die beiden Verdächtigen im Fall Skripal in Salisbury

Donnerstag, 13.09.2018   18:52 Uhr

Der Streit zwischen Moskau und London über die Vergiftung des Ex-Doppelagenten Sergej Skripal nimmt immer bizarrere Züge an: Die beiden von Großbritannien wegen des Giftanschlags gesuchten Russen präsentierten sich in einem am Donnerstag ausgestrahlten Fernsehinterview als unbescholtene Touristen, die in Salisbury lediglich "die berühmte Kathedrale" besichtigen wollten.

Ein Sprecher der britischen Premierministerin Theresa May bezeichnete die Äußerungen der beiden Männer als "Lügen und offensichtliche Erfindungen", die eine Beleidigung für die Intelligenz der Öffentlichkeit darstellten. "Vor allem aber sind sie zutiefst verletzend für die Opfer und Angehörigen dieses schrecklichen Angriffs." London vermutet, dass es sich bei den Verdächtigen um Geheimagenten handelt.

In dem im kremlnahen Sender RT ausgestrahlten Interview berichteten die beiden, sie seien zufällig kurz vor dem Skripal-Attentat im März als Urlauber nach Großbritannien geflogen. Sie seien die Männer, die auf den von der britischen Polizei veröffentlichten Fahndungsfotos zu sehen seien. Ihre Namen seien Alexander Petrow und Ruslan Boschirow.

Unter diesen Namen waren die beiden Verdächtigen nach Erkenntnissen der britischen Polizei im März nach Großbritannien eingereist. Die britischen Behörden gehen davon aus, dass es sich um Aliasnamen handelt und die Männer Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes sind. Dies bestritten sie in dem 25-minütigen Interview.

Foto: SPIEGEL TV

London bekräftigte dagegen die Vorwürfe. "Die Regierung ist sich sicher, das diese Männer Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdiensts GRU sind, die eine verheerend giftige, illegale chemische Waffe auf den Straßen unseres Landes eingesetzt haben", teilte das britische Außenministerium mit.

Die britischen Behörden hatten vergangene Woche Namen und Fahndungsfotos der beiden Verdächtigten veröffentlicht. London wirft ihnen vor, den russischen Ex-Spion Sergej Skripal und dessen Tochter in der englischen Kleinstadt mit dem Kampfstoff Nowitschok vergiftet zu haben. Gegen die beiden Männer lägen "klare Beweise" vor, hieß es. Die britischen Behörden würden alles tun, damit sie gefasst und in Großbritannien vor Gericht gestellt würden.

Vater und Tochter Skripal waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Sie mussten wochenlang intensiv behandelt werden und entkamen nur knapp dem Tod. London macht den Kreml für das Attentat verantwortlich. Moskau bestreitet die Vorwürfe. Der Fall löste eine schwere diplomatische Krise aus.

"Nichts Außergewöhnliches und Kriminelles"

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Mittwoch mitgeteilt, die beiden Männer seien von den russischen Behörden aufgespürt worden. Es gäbe "nichts Außergewöhnliches und Kriminelles" an ihnen, so Putin. Es handle sich um Zivilisten, nicht um Militärangehörige.

Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass das Nervengift auf die Türklinke der Skripals gesprüht wurde. Bilder aus Überwachungskameras zeigen die Verdächtigen am Tag des Anschlags in unmittelbarer Nähe von Skripals Haus.

Möglicherweise seien sie am Skripal-Haus vorbeigekommen, gaben die beiden Männer zu. Sie hätten aber nicht gewusst, wo sich dieses befindet. "Wir hoffen, dass die wahren Täter gefunden werden und wir eine Entschuldigung bekommen", sagte Petrow in dem Interview. Ihr Leben habe sich inzwischen stark verändert. Sie könnten sich nicht mehr unerkannt in der Öffentlichkeit aufhalten.

Sergej Skripal hatte früher für den russischen Militärgeheimdienst GRU gearbeitet und dem britischen MI6 Informationen weitergeleitet. 2004 flog er auf. Er wurde in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt. Bei einem Gefangenenaustausch kam er 2010 nach Großbritannien.

wit/AFP/dpa

insgesamt 58 Beiträge
g.eliot 13.09.2018
1. Gesten der tiefsten Verachtung
Genauso, wie Putins Kommentare dazu ist das Video ein Affront. Die süffisante, arrogante Art, mit welcher die Intelligenz der Zuschauer beleidigt wird, sowohl von Putin als auch von diesen beiden Verdächtigen, ist kaum zu [...]
Genauso, wie Putins Kommentare dazu ist das Video ein Affront. Die süffisante, arrogante Art, mit welcher die Intelligenz der Zuschauer beleidigt wird, sowohl von Putin als auch von diesen beiden Verdächtigen, ist kaum zu beschreiben. Putin hat es nicht einmal mehr nötig, sich überhaupt noch zu bemühen, die Schuld zu diesem Giftmordanschlag glaubhaft zu verheimlichen.
Idinger 13.09.2018
2. Aber
wir kennen doch unsere russischen Touristen. Manche bringen, wie damals in der Ukraine, ihre Privatpanzer mit; diese hier kamen - wegen des Luftweges - mit etwas kleinerem Gepäck. Eventuelle Dementis von Grüne-Männchen-Putin [...]
wir kennen doch unsere russischen Touristen. Manche bringen, wie damals in der Ukraine, ihre Privatpanzer mit; diese hier kamen - wegen des Luftweges - mit etwas kleinerem Gepäck. Eventuelle Dementis von Grüne-Männchen-Putin oder Lisa-Larow muss man nicht ernst nehmen. Im übrigen: Was ist in St. Petersburg los? Mir fehlen hier Beiträge unserer allseits bekannten Foristen, die sich zumindest über die Diskriminierung einfacher russischer Bürger bei der Urlaubswahl beschweren könnten.
juba39 13.09.2018
3. Eine Beleidigung für die Durchschnittsintelligenz
Das ist es, nämlich das Auftreten der britischen Regierung. Warum sollen wir eigentlich Beweisen glauben, die uns nicht vorgelegt werden. Dafür sollen aber lebende Zeugen lügen, Nur weil es Russen sind? Das ist ja schon [...]
Das ist es, nämlich das Auftreten der britischen Regierung. Warum sollen wir eigentlich Beweisen glauben, die uns nicht vorgelegt werden. Dafür sollen aber lebende Zeugen lügen, Nur weil es Russen sind? Das ist ja schon Rassismus in reiner Form. Und damit das Kraut fett wird, gebe ich hier einmal die Originalfassung der Briten zum besten. Wann sollen sich die Skripals an der Haustür vergiftet haben? Am Morgen, beim Verlassen des Hauses. Wann trafen die beiden "Attentäter" am Bahnhof ein? 11:48 am Mittag. Und wann wurden die Skripals mit Vergiftungserscheinungen gefunden? Am späten Nachmittag. Alles Zeiten von Scottland Yard! Da passt aber auch nichts zusammen. Außer natürlich, wenn man, wie Frau PM, Hirn ausschaltet.
Plausible.Reasoning 14.09.2018
4. Offensichtliche Lüge - offensichtliche Ablenkung
Die britische Regierung versucht offenbar, mit der Macht ihrer Empörung an nationale Gefühle zu appelieren, und diese Geschichte aufzublasen, um von eigenen Problemen abzulenken, vor allem beim Brexit. Der Ex-Agent hat offenbar [...]
Die britische Regierung versucht offenbar, mit der Macht ihrer Empörung an nationale Gefühle zu appelieren, und diese Geschichte aufzublasen, um von eigenen Problemen abzulenken, vor allem beim Brexit. Der Ex-Agent hat offenbar in Russland viele Menschen, die ihm den Tod wünschen könnten, nachdem er sie verraten hat. Der Versuch, diesen Vorgang dem Staatschef persönlich anzuhängen, ist armselig und zeigt, wie nicht nur in den USA die medien-politische Kultur immer mehr unter die Räder kommt. Irgendwelche differenzierenden Positionen - was wissen wir, was ist plausibel usw. - fallen ganz aus.
rudolfsikorsky 14.09.2018
5.
Diese Lügen der Russen sind so abartig und lächerlich das man darüber kein Wort verlieren sollte. Die machen sich über uns lustig Man sollte darüber keine Worte mehr verlieren sondern Vergeltung üben und denen richtig eins [...]
Diese Lügen der Russen sind so abartig und lächerlich das man darüber kein Wort verlieren sollte. Die machen sich über uns lustig Man sollte darüber keine Worte mehr verlieren sondern Vergeltung üben und denen richtig eins verpassen. Das ist die Sprache die sie verstehen

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