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Politik

Britisch-russische Spionageaffäre

Vergiftete Beziehungen

Nach der Giftattacke auf den Ex-Spion Skripal steuern London und Moskau auf eine neue Eiszeit zu. Dabei hängt die Insel am russischen Geld.

AFP

Boris Johnson

Von , London
Freitag, 09.03.2018   21:48 Uhr

Am Mittwochabend sah das russische Staatsfernsehen dann doch die Zeit gekommen, erstmals ausführlich zum Fall des in Großbritannien vergifteten Ex-Spions Sergej Skripal Stellung zu beziehen. Er wünsche niemandem den Tod, hob Moderator Kirill Kleymenow an, aber aus "erzieherischen Gründen" würde er doch gerne allen russischen "Verrätern" eines empfehlen: "Fliehen Sie nicht nach England."

Dort sei allerhand seltsam, nicht nur das Klima. "Leute werden erhängt, vergiftet, sie sterben bei Helikopter-Abstürzen oder fallen in großer Zahl aus dem Fenster." Kurzum: "Der Beruf des Verräters ist sehr viel gefährlicher als der eines Drogenkuriers."

Soweit die "Nachrichten" aus Russland. Sie markierten den vorläufigen Tiefpunkt eines Krieges der Worte, der drei Tage zuvor in der südenglischen Grafschaft Wiltshire begonnen hatte.

Dort, im hübschen Städtchen Salisbury, hatten Passanten am Sonntag einen älteren Mann und eine jüngere Frau entdeckt, die mit merkwürdigen Zuckungen auf einer Parkbank kauerten. Schnell stellte sich heraus, dass beiden offenbar ein seltenes Nervengift eingeflößt worden war, sie liegen seither bewusstlos, aber stabil, im Krankenhaus. Und weil es sich bei den Opfern um den 66-jährigen Sergej Skripal und seine 33-jährige Tochter Yulia handelt, steht seither der Verdacht im Raum, dass es sich um einen vom Kreml angeordneten Mordversuch handeln könnte. Es wäre nicht der erste auf britischem Boden.

Sergej Skripal war 2006 in Russland zu 13 Jahren Lagerhaft verurteilt worden, weil er die Namen von rund 300 russischen Spionen an den britischen Geheimdienst MI6 verraten haben soll. Nach vier Jahren kam er über einen Gefangenenaustausch frei, er lebte seither in Salisbury.

Mysteriöser Fall

Der Fall ist rätselhaft. Warum Skripal? Warum jetzt? Warum so? Warum traf es auch seine Tochter? Und vor allem: Wer steckt dahinter? Nichts ist dazu bislang bekannt, der einzige valide Hinweis auf mögliche Täter ist das verwendete Gift, das Scotland Yard identifiziert hat und bei dem es sich um eine hochkomplexe Substanz handeln soll, die für gewöhnlich nur in Militärbeständen zu finden ist.

Im Video : Ex-Spion wurde Opfer von Nervengift-Attacke

Foto: REUTERS

In London heißt es, Premierministerin Theresa May werde womöglich schon in Kürze Russland als Hauptverdächtigen benennen. Und auch wenn bislang nichts bewiesen ist, ist schon jetzt klar: Nicht nur Skripal, seine Tochter und ein britischer Polizist, der zu Hilfe eilte, wurden vergiftet - sondern einmal mehr auch die britisch-russischen Beziehungen.

Dass in Großbritannien kaum jemand an einer russischen Beteiligung zweifelt, liegt daran, dass auf der Insel fast schon regelmäßig russische Ex-Spione und Staatsfeinde auf mysteriöse Weise ums Leben kommen. 2006 starb der ehemalige KGB-Offizier Alexander Litwinenko einen qualvollen Tod, nachdem er mit Polonium-210 verseuchten Tee getrunken hatte. Ein britisches Gericht urteilte, dass der Kreml "wahrscheinlich" dahinterstecke. 2013 wurde der in Ungnade gefallene Oligarch Boris Beresowski tot in seinem Badezimmer gefunden. Vielleicht Selbstmord, vielleicht auch nicht. In den Jahren zuvor waren mehrere weitere Russen und deren Gewährsleute auf unnatürliche Weise ums Leben gekommen, einer fiel vom Dach eines Westlondoner Einkaufszentrums. Britische Ermittler werden diese und andere Fälle nun noch einmal unter die Lupe nehmen.

Im Fall Skripal machen sich deshalb auch hochrangige britische Politiker gar nicht mehr die Mühe, die Ermittlungsergebnisse abzuwarten. Außenminister Boris Johnson nannte Russland bereits am Montag eine "in vielerlei Hinsicht bösartige und zerstörerische Kraft" und drohte mit Konsequenzen. Verteidigungsminister Gavin Williamson urteilte, Moskau stelle "eine immer größere Bedrohung dar". Schon jetzt scheint klar, dass zur Fußball-WM in Russland erstmals kein hochrangiger britischer Politiker und auch kein Mitglied des Königshauses reisen wird.

Die politischen Beziehungen könnten also schlechter nicht sein. Sie waren allerdings auch schon vor dem Fall Skripal miserabel. Großbritannien ist einer der Haupttreiber von Uno- und EU-Sanktionen gegen Russland. Und weil sich hartnäckig Gerüchte halten, dass Moskau wiederholt mit Geld und Hackern versucht habe, die britische Politik - darunter das Brexit-Referendum - zu beeinflussen, wandte sich May vergangenes Jahr direkt an den Kreml: "Wir wissen, was Sie tun." London werde das nicht tatenlos dulden.

Londons Abhängigkeit von Russland

Dass der Fall Skripal weitreichende Konsequenzen haben wird, ist dennoch nicht zu erwarten. Denn so schlecht das politische Verhältnis auch sein mag - "die Geschäftsbeziehungen zu Russland sind exzellent", sagte Anne Applebaum dem SPIEGEL. London sei mit Abstand der bevorzugte Finanzplatz für russisches Geld, so die Russlandexpertin der London School of Economics. "Und die Frage ist, ob die britische Regierung den Mut hat, das zu ändern."

REUTERS

London

Tatsächlich hängt das Bankenzentrum schon seit Jahren am finanziellen Tropf russischer Geschäftsleute, von denen nicht wenige als windige Figuren gelten. Dutzende russische Firmen spülen jährlich Milliarden nach London. Aus keinem anderen Land sind mehr Anleger mit Hilfe eines sogenannten Investoren-Visums nach Großbritannien gekommen. Das bekommt, wer mindestens 750.000 Pfund garantiert in Großbritannien investiert. Ein großer Teil der sündteuren Filet-Grundstücke in Londoner Bezirken wie Chelsea gehört Russen. Fast zehn Prozent der nicht-britischen Kinder auf britischen Privatschulen kommen aus Russland - sie bringen jährlich rund 60 Millionen Pfund ein.

London diene seit Jahren als "Waschmaschine für dreckiges Geld aus Russland", urteilen denn auch Experten wie Mark Almond vom Crisis Research Institute Oxford. Und weil damit die britische Wirtschaft gepeppelt werde, schaue die Politik nie so genau hin. Insofern liege Russlands Präsident Wladimir Putin auch nicht ganz falsch, wenn er dem Westen "Heuchelei" vorwerfe.

Sonderlich besorgt jedenfalls scheint Moskau wegen der erneut drohenden politischen Eiszeit nicht zu sein. Fast schon amüsiert korrigierte die Russische Botschaft in London am Donnerstag per Twitter die Darstellung, Sergej Skripal sei ein russischer Spion gewesen: "Tatsächlich war er ein britischer Spion - immerhin hat er für den MI6 gearbeitet."

insgesamt 57 Beiträge
viceman 09.03.2018
1. der bekannte des aktuellen
Opfers sagte, Grossbritannien ist der Himmel für russische Kriminelle.der Typ ist vor 8 Jahren nach England gezogen, nachdem er jahrelang im russischen Knast war. die hätten ihn längst umbringen können, aber der russische [...]
Opfers sagte, Grossbritannien ist der Himmel für russische Kriminelle.der Typ ist vor 8 Jahren nach England gezogen, nachdem er jahrelang im russischen Knast war. die hätten ihn längst umbringen können, aber der russische nachrichtensprecher hat vollkommen recht... leider!
oljako 09.03.2018
2.
Wen man umbringt, den kann man nicht austauschen.
Zitat von vicemanOpfers sagte, Grossbritannien ist der Himmel für russische Kriminelle.der Typ ist vor 8 Jahren nach England gezogen, nachdem er jahrelang im russischen Knast war. die hätten ihn längst umbringen können, aber der russische nachrichtensprecher hat vollkommen recht... leider!
Wen man umbringt, den kann man nicht austauschen.
syracusa 09.03.2018
3. in Russland wird gewählt
Am 18. März wird in Russland gewählt. Der Mord könnte ganz einfach nur so als allgemeine Warnung an alle Russen sein, mit eventuellem Geheimwissen über Putin und seine korrupte Kamarilla nicht gerade jetzt in die [...]
Am 18. März wird in Russland gewählt. Der Mord könnte ganz einfach nur so als allgemeine Warnung an alle Russen sein, mit eventuellem Geheimwissen über Putin und seine korrupte Kamarilla nicht gerade jetzt in die Öffentlichkeit zu gehen. Dass es Skripal war, dessen Ermordung diese Botschaft verkündet, ist reiner Zufall.
Heike Friedrich 09.03.2018
4. Die Giftgasgeschichte kann auch einen anderen Zweck verfolgen
kann auch einen anderen Zweck verfolgen! z.Z. ist alles möglich! Wilkinson,der Stabschef von ehemaligen Verteidigungsminister Powell, sagte in seiner Rede, dass er darauf hoffe, dass der russische Präsident Wladimir Putin, der [...]
kann auch einen anderen Zweck verfolgen! z.Z. ist alles möglich! Wilkinson,der Stabschef von ehemaligen Verteidigungsminister Powell, sagte in seiner Rede, dass er darauf hoffe, dass der russische Präsident Wladimir Putin, der im Augenblick der einzige geopolitische "Schachgroßmeister" sei, den Iran-Krieg noch abwenden könne. Doch er glaube nicht mehr daran.
jumkyxl 09.03.2018
5. Der Russe wars
mal wieder. Aber wenn man 300 Spione verrät kommen mir ganz spontan mal 300 andere Verdächtige in den Sinn.
mal wieder. Aber wenn man 300 Spione verrät kommen mir ganz spontan mal 300 andere Verdächtige in den Sinn.

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