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Politik

Der Krieg und die Folgen

Die Macht in Syrien, auf die es bald ankommen wird

Das Assad-Regime hat viele Millionen Syrer aus dem Land vertrieben - und wenig Interesse daran, dass diese Menschen zurückkehren. Was passiert, wenn die Mehrheit in Syrien irgendwann genauso denkt?

AFP

Syrer auf der Flucht

Ein Gastbeitrag von Daniel Gerlach
Mittwoch, 12.09.2018   16:06 Uhr

Idlib ist so etwas wie das Sachsen Syriens: schöne Landschaften, historische Kulturschätze, eine Bevölkerung, die - nicht immer völlig unbegründet - Spott und Vorurteile über sich ergehen lassen muss. In Damaskus hält man die Idliber etwa für stur, etwas zurückgeblieben und empfänglich für Extremismus. In Syrien, wo seit 2011 ein brutaler Krieg tobt, haben solche Ressentiments allerdings andere Konsequenzen als bei uns: Das Regime und seine Anhänger finden nämlich, dass es um manche Teile der Bevölkerung nicht schade ist, wenn man sie bombardiert.

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In Idlib haben Dörfer und Gemeinschaften immer wieder das Gegenteil bewiesen. Sie wehrten sich auch gegen die Herrschaft dschihadistischer Aufständischer. Nach und nach rückten aber immer mehr Dschihadisten ein, Idlib geriet zumSchauplatz brutaler Racheakte gegen konfessionelle Minderheiten, geschlagene Rebellen aus anderen Landesteilen wurden dort planmäßig vom Regime in Bussen hingekarrt und ausgewildert. Idlib war nicht mehr das "nützliche Syrien", von dem das Regime und seine Verbündeten hin und wieder sprechen.

Dass dieser Krieg so unerbittlich wurde, hat auch mit Ressentiments, mit Hass und Verachtung von Teilen der Bevölkerung auf andere zu tun, welche die Parteien, allen voran das Regime, erfolgreich schürten. Wer Zivilist ist, wer unschuldig und wer nicht, lag irgendwann nur noch im Auge des Betrachters. Extremisten haben unter der sunnitischen Mehrheit erfolgreich Hass auf jene Minderheiten geschürt: allen voran auf die Alawiten, zu denen der Assad-Clan gehört und die angeblich von dessen Herrschaft profitieren.

Assad hat sich ein "homogeneres" Volk geschaffen

Das Regime wiederum nährte sich aus der Angst der Minderheiten - vor Vernichtung oder vor einem Ende ihres "Way of Life", das durch die Machtübernahme von Islamisten drohen würde. Viele durchschauten diese Methode, sie wirkte aber trotzdem. Alawiten, Christen und regimetreue Sunniten, die sich inzwischen ebenfalls als Minderheit betrachteten, zogen in die Abwehrschlacht. Wenngleich das noch kaum jemand öffentlich sagt und obwohl alle Seiten unzählige Opfer zu beklagen haben, sehen sich viele davon heute als rechtmäßige Sieger.

Fast die Hälfte der Bevölkerung, hauptsächlich sunnitische Muslime, musste seit 2011 Haus und Hof verlassen, ob sie nun den Aufstand aktiv unterstützt hatte oder nicht. Das war allem Anschein nach nicht nur ein bedauerlicher Kollateralschaden eines ausufernden Antiterrorkriegs, sondern auch Ergebnis einer vom Regime gezielt herbeigeführten Veränderung des Bevölkerungsproporzes. Als 2011 im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings auch Syrer demonstrierten, skandierten sie den Slogan "Das Volk will den Sturz des Regimes". Das Regime war gegenteiliger Auffassung und schuf sich stattdessen ein neues Volk - ein "homogeneres", wie Präsident Baschar al-Assad vor einigen Monaten in einer viel beachteten Rede sagte. Seit biblischen Zeiten haben orientalische Despoten Volksgruppen verschleppt, vertrieben und anderswo neu angesiedelt. Aber das Assad-Regime hat die Methode des "demografischen Strukturwandels" geradezu perfektioniert.

Das faschistische Weltbild einer Minderheit könnte sich durchsetzen

Seine Angehörigen, die Familie Assad, diverse Warlords, Geheimdienstler und Militärs, aber eben auch ein nicht geringer Teil "normaler" Leute, haben sich indessen gegenseitig in ihrer Überzeugung bestärkt, dass es ohnehin nicht weitergehen konnte wie vor 2011: Mit 20 Millionen Menschen sei Syrien überbevölkert gewesen; und mit einer noch wachsenden Mehrheit von rund 75 Prozent Sunniten lasse es sich nicht friedlich leben. Die Terrororganisationen al-Qaida oder "Islamischer Staat" stehen in diesem Weltbild nicht für Verirrungen des sunnitischen Islams, sondern für dessen authentische Gestalt. Weshalb ihr Auftreten im Krieg für das Regime anfangs auch nützlich war.

Was also, wenn sich nun unter der in Syrien verbliebenen Bevölkerung die Haltung durchsetzt, dass es im Ergebnis doch ganz gut wäre, wenn alles so bleibt, wie es ist? Es wäre dann schließlich mehr vom Kuchen für diejenigen zu verteilen, die sich nicht erhoben haben: Immobilien, Jobs, Wasser, Öl- und Gasressourcen. Bisher mag das in Syrien eine faschistische Minderheitenmeinung sein. Aber auch in Syrien gibt es Stammtische. Und es arbeiten derzeit etliche daran, sie mehrheitsfähig zu machen.

Die Zukunft der Vertriebenen und Geflüchteten steht auf dem Spiel

Die Vorstellung, dass der demografische Wandel zu einem fait accompli werden könnte, man die Syrer an ihrer Rückkehr hindert oder ihnen zumindest wirtschaftlich den Weg zurück verbaut, ist ein Albtraum: Für diejenigen, die Hoffnung auf ein neues, gemeinsames Syrien noch nicht aufgegeben haben und an die Zukunft des Landes nach einem allfälligen Ende des Assad-Regimes denken. Aber auch für diejenigen in Europa, die ihr politisches Schicksal an die Migrationsfrage knüpfen.

Besonders die rechtspopulistischen Parteien in Europa, die ansonsten sehr empfänglich für die Haltung des syrischen Regimes sind, können sich hier übrigens schon auf einen Interessenkonflikt einstellen: Sie teilen ja die Ansicht, dass man mit einer großen Anzahl von Muslimen nicht in Frieden leben könne. Und dass man die Syrer deshalb schnell nach Syrien zurückführen müsse. Was, wenn sie erfahren, dass das Regime und seine Anhänger mit dem Gedanken spielen, einen Großteil der Vertriebenen viel lieber dort zu lassen, wo sie sind?

Viele Syrer meinen es ernst mit der Versöhnung

Unter allen syrischen Volks- und Konfessionsgruppen gibt es allerdings auch Menschen, die derart faschistisches Gedankengut ablehnen. Vielleicht sind sie sogar noch in der Mehrheit. Sie glauben an ein Zusammenleben, sehen Vielfalt als Bereicherung, was für viele Syrer übrigens keine Multikulti-Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit ist. Sie meinen es ernst mit der Versöhnung, unabhängig davon, welches Regime in Damaskus herrscht und welche Pläne es derzeit verfolgt.

Vor diesem Hintergrund wird die syrische Gesellschaft plötzlich zu einem mächtigen Player in einem Spiel, von dem man bisher glaubte, nur das Regime, Russland, Iran oder die Türkei bestimmten es. Die syrische Gesellschaft mag schwer zu greifen sein, aber sie ist die einzige Kraft, die wirklich verhindern kann, dass der demografische Strukturwandel zu einer unumkehrbaren Tatsache wird. Und dass die Hälfte aller Syrer endgültig zum Diaspora-Volk wird.

insgesamt 45 Beiträge
jamguy 12.09.2018
1. realität
Assad hat den Krieg gewonnen und Die Schuld an Flüchtlingen und Gefahr hin zur Katastrophe liegt einzig bei Denen, die völlig chancenlos trotzdem nicht aufgeben.
Assad hat den Krieg gewonnen und Die Schuld an Flüchtlingen und Gefahr hin zur Katastrophe liegt einzig bei Denen, die völlig chancenlos trotzdem nicht aufgeben.
slartibartfass2 12.09.2018
2. Unlogisch...
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die verbliebenen Syrer weiter mit den Sunniten zusammen leben wollen. Wohin dieses Multikulti führt, konnte ja nun jeder sehen - in einem Bürgerkrieg, der auch noch sehr einfach vom Ausland [...]
Ich kann mir nicht vorstellen, dass die verbliebenen Syrer weiter mit den Sunniten zusammen leben wollen. Wohin dieses Multikulti führt, konnte ja nun jeder sehen - in einem Bürgerkrieg, der auch noch sehr einfach vom Ausland steuerbar war. Dass der 'Aufstand' in Syrien zu einem Überlebenskampf aller Gruppen werden musste, war sogar noch Herrn Scholl-Latour klar, als ansonsten alle noch vom tollen Arabischen Frühling' tirilierten...
just me 12.09.2018
3. Die Alternative?
Als jemand eine "bessere" und "glaubhafte" Alternative für Assad präsentiert bin ich sofort Feuer und Flamme. Jeder normale Mensch weiss, dass man doch ohne Plan B, die heutige Situation akzeptieren muss. [...]
Als jemand eine "bessere" und "glaubhafte" Alternative für Assad präsentiert bin ich sofort Feuer und Flamme. Jeder normale Mensch weiss, dass man doch ohne Plan B, die heutige Situation akzeptieren muss. Barack hatte keine, Trump nicht. Schon gar nicht Macron, Merkel, May oder van der Leyden. Daher finde ich so einen Artikel schon an Stimmungsmacherei grenzen. Übrigens weiss man ja was in Libien passierte/passiert seit dem der dortigen Diktator verschwunden ist.
Emderfriese 12.09.2018
4. Verstörend
"...Unter allen syrischen Volks- und Konfessionsgruppen gibt es allerdings auch Menschen, die derart faschistisches Gedankengut ablehnen. Vielleicht sind sogar noch in der Mehrheit. Sie glauben an ein Zusammenleben, sehen [...]
"...Unter allen syrischen Volks- und Konfessionsgruppen gibt es allerdings auch Menschen, die derart faschistisches Gedankengut ablehnen. Vielleicht sind sogar noch in der Mehrheit. Sie glauben an ein Zusammenleben, sehen Vielfalt als Bereicherung, was für viele Syrer übrigens keine Multikulti-Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit ist. …" Das wollen wir doch hoffen, dass das so ist - nur mit wem kann ein friedliches Zusammen eher erreicht werden: mit Assad oder mit den sunnitischen Islamisten? Die Antwort kann gerade jenen Syrern nicht schwerfallen, die "Vielfalt als Bereicherung" anstreben. Die Islamisten sind es keinesfalls. Aber gerade die unterstützt der "Westen". Irgendwie verstörend sicher auch für wirklich demokratisch denkende Syrer.
walligundlach 12.09.2018
5.
Überschrift aus einem Artikel, bevor Assad zum Schlächter umgeschrieben wurde: EIN VOLK LEHRT TOLERANZ https://www.zeit.de/2007/09/Syrien/komplettansicht Um aufzuzeigen, wie in der Vergangenheit z.B. über Libyien geurteilt [...]
Überschrift aus einem Artikel, bevor Assad zum Schlächter umgeschrieben wurde: EIN VOLK LEHRT TOLERANZ https://www.zeit.de/2007/09/Syrien/komplettansicht Um aufzuzeigen, wie in der Vergangenheit z.B. über Libyien geurteilt wurd,. in der ZEIT, hier ein weiterer Artikel: Titel: Eine deutsche Schande (das Nichtmitmachen wird hier kritisiert) https://www.zeit.de/2011/35/Libyen-Versagen Es ist nun einmal schwer, Irrtümer zuzugeben. u
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