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Politik

Syriens First Lady Asma al-Assad

Der Krebs und der Krieg

Syriens Regime gibt bekannt, dass Asma al-Assad schwer erkrankt ist - ein ungewöhnlicher Schritt. Doch Damaskus bindet die Krebsbehandlung der First Lady einfach in seine Kriegspropaganda ein.

AFP PHOTO / Syrian Presidency Facebook page

Asma al-Assad

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Donnerstag, 09.08.2018   17:04 Uhr

Ein Paar sitzt in einem blau gestrichenen, schmucklosen Krankenzimmer. Mann und Frau lächeln sich an. Sie erhält eine Infusion in den linken Arm. Das T-Shirt legt ihre dünnen Arme frei.

Der Mann und die Frau, offenbar in einem Militärkrankenhaus in Damaskus, sind Syriens Diktator Baschar al-Assad und seine Ehefrau Asma. Am Mittwoch hat das syrische Präsidialamt mit einem Tweet bekannt gegeben, dass die First Lady an Brustkrebs erkrankt ist. Der bösartige Tumor sei in einem frühen Stadium entdeckt worden, und die Patientin habe die erste Behandlungsphase begonnen.

Diese Verkündung ist aus mehreren Gründen bemerkenswert: Zum einen ist es unüblich, dass ein arabisches Herrscherhaus Informationen über schwere Krankheiten eines Familienmitglieds preisgibt. Als Baschars Vater Hafis in den Neunzigerjahren an Diabetes und Krebs erkrankt war und mehrfach Auslandsreisen absagen musste, machte Damaskus daraus ein Staatsgeheimnis - das trotzdem enthüllt wurde, weil sich der israelische Auslandsgeheimdienst während eines Staatsbesuchs in Jordanien eine Urinprobe des greisen Diktators verschafft hatte.

Zum anderen ist speziell Brustkrebs in der arabischen Welt noch immer ein Tabuthema. Die weibliche Brust wird mit Sexualität in Verbindung gebracht - und darüber spricht man nicht, schon gar nicht öffentlich. Laut Studien halten viele Frauen im Nahen Osten die Krankheit aus Angst vor Stigmatisierung selbst vor Partnern, Kindern oder Eltern geheim.

Wird Frau Assad nun also zur Botschafterin für Brustkrebsvorsorge in der arabischen Welt? Eher nicht. Stattdessen betten die Assads ihre Krankheit in ihr Narrativ des syrischen Bürgerkriegs ein. So wie der Staat seit Jahren erfolgreich Terroristen bekämpfe, so werde die First Lady nun erfolgreich den Tumor in ihrer Brust bekämpfen, lautet die Erzählung.

"Ich komme aus diesem Volk, das die Welt Entschlossenheit, Stärke und den Kampf gegen Schwernisse gelehrt hat", ließ die 42-Jährige in einem zweiten Tweet verlauten. "Meine Entschlossenheit kommt von eurer Entschlossenheit und Stärke in den vergangenen Jahren."

Dazu veröffentlichte das Präsidialamt ein Foto der First Lady, das sie vermutlich wieder im heimischen Palast zeigt. Der linke Unterarm, an dem sie die Infusion erhielt, ist bandagiert, aber auf dem rechten Unterarm balanciert sie Unterlagen und einen Laptop.

Die Botschaft, die das Bild vermitteln soll: Die Frau des Staatschefs arbeitet trotz Krebserkrankung unverdrossen weiter zum Wohle der Syrer. Es ist die Rolle, die Asma al-Assad seit Beginn des Aufstands gegen ihren Mann vor siebeneinhalb Jahren spielt. Kurz vor Kriegsausbruch hat sie noch als glamouröse "Wüstenrose" für die "Vogue" posiert, seit 2011 gibt sie die gebildete aber unprätentiöse Frau aus dem Volk, die vorgibt, die Nöte und das Leid ihrer Landsleute genau zu kennen und nachfühlen zu können.

Doch im Gegensatz zu den allermeisten Syrern kann die Frau des Diktators gefahrlos ein gut ausgestattetes Krankenhaus aufsuchen. (Lesen Sie hier eine Reportage der "New York Times" über die Schwierigkeiten, die Krebspatienten in Syrien überwinden müssen.)

Assad könnte sich sogar in Europa behandeln lassen

Für Tausende andere Syrer sind Krankenhäuser in den vergangenen Jahren zu tödlichen Fallen geworden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählte allein im vergangenen Jahr 169 Angriffe auf Hospitäler, Helfer und Rettungswagen in Syrien. Fast alle diese Angriffe wurden von der Armee verübt, die Baschar al-Assad befehligt. Zudem hindert sein Regime das Rote Kreuz und andere Hilfsorganisationen seit Jahren daran, Medikamente und Ausrüstungsgegenstände in belagerte Gebiete zu liefern, die von Aufständischen beherrscht werden.

Und Frau Assad hat sogar die Möglichkeit, sich in Europa behandeln zu lassen. Als in London geborene Tochter eines syrischen Ehepaars besitzt sie die britische Staatsbürgerschaft. Damit könnte sie jederzeit zur Behandlung nach Großbritannien reisen.

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