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Politik

Widerstand in Thailand

"Ich bin der größte Feind des Militärs"

Schriftsteller Sulak Sivaraksa setzt sich für ein demokratisches Thailand ein. Die Junta versucht, ihn zum Schweigen zu bringen. Im Interview spricht er über Einschüchterungen - und seinen Prozess vor Gericht.

Karl Vandenhole

Interview Sulak Sivaraksa

Ein Interview von und Karl Vandenhole  (Bilder), Bangkok
Mittwoch, 06.12.2017   18:03 Uhr

Sulak Sivaraksa empfängt in seinem Haus mitten in Bangkok, das durch die hohen Bäume im Innenhof aus den Betonbauten in der Umgebung hervorsticht. Sulak trägt ein blaues Hemd und einen Sarong, ein an der Hüfte gebundenes langes Tuch. Der 85-Jährige ist einer der bekanntesten praktizierenden Buddhisten Thailands. Seit Jahrzehnten setzt er sich für eine friedliche, demokratische Gesellschaft ein. Damit zog er unter anderem den Zorn des Militärs auf sich, das sich immer wieder an die Macht putschte, zuletzt 2014.

Eines der wichtigsten Werkzeuge der Mächtigen in dem südostasiatischen Land ist ein Gesetz - Artikel 112, der Majestätsbeleidigung unter Strafe stellt. Mindestens drei, höchstens 15 Jahre Haft drohen dafür. Schon ein "Gefällt mir" unter einem Königs-kritischen Facebookeintrag kann zur Verurteilung führen. Sulak muss sich ab Donnerstag schon zum mindestens fünften Mal wegen Majestätsbeleidigung verantworten.

Konkret wird ihm eine Rede an der Thammasat Universität in Bangkok im Oktober 2014 zur Last gelegt. Sulak äußerte damals an der Geschichte der berühmten Elefantenschlacht zwischen König Naresuan und dem burmesischen Kronprinzen Zweifel, die vor mehreren Hundert Jahren stattgefunden haben soll.

Bislang wurden allerdings alle Vorwürfe der Majestätsbeleidigung gegen Sulak, der sich selbst als loyalen Royalisten bezeichnet, wieder fallen gelassen. Ob es auch diesmal beim Einschüchterungsversuch bleibt? Während Sulak darüber spricht, klingelt fast ohne Unterlass das Telefon. "Das ist wegen morgen", sagt er. Schließlich könne man nicht wissen, wie das ausgehe.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Sulak, sind Sie nervös wegen der anstehenden Verhandlung?

Sulak Sivaraksa: Ich bin Buddhist. Ich habe gelernt, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie sind. Darüber meditiere ich jeden Tag. Außerdem ist das nicht mein erster Fall. Beim ersten Mal war ich etwas nervös. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird der Termin genau ablaufen?

Sulak: Mein Fall wird vor dem Militärgericht thematisiert. Dort wird entschieden, ob ich angeklagt werde oder nicht. Wenn sie mich für schuldig halten, wird der Fall an ein Tribunal weitergeleitet. Die Öffentlichkeit ist von alldem ausgeschlossen. Die Zeitungen hier trauen sich ohnehin nicht, darüber zu schreiben. Man hat mir aber zugesagt, dass ich, auch wenn ich angeklagt werde, in der Zwischenzeit gegen Kaution auf freiem Fuß bleiben kann. 300.000 Baht, umgerechnet fast 8000 Euro, habe ich dafür zur Seite gelegt.

SPIEGEL ONLINE: Der Vorwurf basiert auf Äußerungen, die Sie vor drei Jahren gemacht haben. Warum will Sie die Junta erst jetzt dafür zur Rechenschaft ziehen?

Sulak: Wenn ich das so sagen darf: Ich bin der größte Feind des Militärs, und jemand sehr Gefährliches hat mich hier im Visier. Aber ich bin international bekannt, also können sie mich nicht einfach so verhaften, sondern müssen einen juristischen Fall schaffen. So versucht das Militär, mich zum Schweigen zu bringen. Bei diesem Fall hoffen sie wohl, dass ich meinen Mund zumindest eine gewisse Zeit lang halte - oder sogar für immer. In einem freien Land wie Deutschland kann das nicht passieren, aber wir leben hier in einer Diktatur.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden schon mindestens fünf Mal wegen Majestätsbeleidigung angezeigt. Sie selbst bezeichnen sich aber als loyalen Royalisten. Wie passt das zusammen?

Sulak: Wissen Sie, ich bin sehr konservativ. Das, was sich bewährt hat, möchte ich auch weiter bewahren. Die Monarchie mag ihre Schwachstellen haben, aber es ist besser, an etwas festzuhalten, dessen Kehrseite man kennt, als an etwas, das man nicht kennt. Und sie erfüllt eine wichtige Rolle: Die Monarchie vereint die Menschen hier mehr, als es ein republikanischer Präsident je könnte. Als König Bhumibol starb, haben fast alle Thailänder getrauert. Es gab sogar Einäscherungszeremonien in verschiedenen Provinzen. Der König gehörte für viele zur Familie. Aber natürlich ist er nicht perfekt, er ist ein menschliches Wesen. Dass ich das ausspreche, ist mein Vergehen. Würde ich in einer freien Gesellschaft leben, wäre meine Kritik etwas ganz Normales.


Im Video: Letzter Akt für König Bhumibol

Foto: AFP

SPIEGEL ONLINE: König Bhumibol soll sich bei vergangenen Fällen persönlich dafür eingesetzt haben, dass die Vorwürfe gegen Sie fallengelassen werden. Glauben Sie, dass auch sein Nachfolger, König Vajiralongkorn, das für Sie tun wird? Er gilt als sehr rachsüchtig.

Sulak: Das ist sein öffentliches Image. Tatsächlich ist er ein sehr scheuer, ernster Mensch - und sehr belesen. Ihm ist bewusst, dass ich ungerechtfertigt beschuldigt werde. Vielleicht wird er sich morgen für mich einsetzen.

SPIEGEL ONLINE: Seit etwas mehr als einem Jahr ist Vajiralongkorn König. Was kritisieren Sie an ihm?

Sulak: Das Wichtigste im Leben sind gute Freunde. Ein guter Freund ist jemand, der dir sagt, was du nicht hören willst. König Bhumibol hatte das nicht, das war seine größte Schwachstelle. Ich hoffe, dass der neue König Kritik annehmen wird. Das ist meine Hoffnung. Wir müssen ihm aber noch etwas Zeit geben. Er ist erst seit Kurzem König; gleichzeitig ist er jetzt schon sehr mächtig.

SPIEGEL ONLINE: Sie werden auch als "Dalai Lama Thailands" bezeichnet. Wie finden Sie das?

Sulak: Wer bin ich, dass ich mich mit dem Dalai Lama vergleichen könnte? Er ist ein guter Freund von mir, ich verehre ihn sehr. Ich habe mich auch für die Menschen in Tibet eingesetzt, deshalb bekomme ich nun kein Visum mehr in China. Darauf bin ich stolz! Genauso wie ich stolz darauf bin, hier angeklagt zu werden. Das ist die Konsequenz dafür, dass ich mich für das einsetze, woran ich glaube. Das größte Problem dieses Landes ist, dass die Menschen hier keinen Mut mehr haben. Keiner lehnt sich gegen die Diktatur auf. Stattdessen versuchen alle, irgendwie damit klarzukommen. Ich schäme mich dafür.

SPIEGEL ONLINE: In einer Rede vom August 1991 haben Sie den Thailändern vorgeworfen, sich nicht für ihr demokratisches Recht einzusetzen; das Militär habe sie gefügig gemacht. Ist es heute immer noch so?

Sulak: Nach der Rede damals musste ich für einige Jahre ins Ausland. Ich sollte umgebracht werden, aber ich konnte mich in die deutsche Botschaft flüchten. Von dort kam ich nach Laos und schließlich nach Europa. Aber zu Ihrer Frage: Ja, das trifft es immer noch. Leider. Heute gibt es ein paar junge Leute, die sich gegen die Junta auflehnen. Und ich glaube, diese Bewegung wird wachsen. Je mehr die Menschen unterdrückt werden, desto mehr Rebellion wird es geben.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig wird sich das Militär das wohl kaum gefallen lassen.

Sulak: Ich ermutige die Jungen, die zu mir aufsehen, immer dazu, gewaltfrei zu bleiben. Sonst kann das Militär die Bewegung ganz einfach zerschlagen. Wenn sie gewaltfrei protestieren, ist das nicht möglich. Ich glaube fest daran, dass sich die Wahrheit irgendwann durchsetzen wird.

SPIEGEL ONLINE: Wie stellen Sie sich Thailand Zukunft vor?

Sulak: Wir müssen zurück zu unseren Wurzeln finden. Die Menschen behaupten immer, die Demokratie sei ein westliches Modell, aber das stimmt nicht. Sie verstehen nicht, dass der Buddhismus die älteste demokratische Vereinigung der Welt ist. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Buddha hat diese Werte zu uns gebracht. Außerdem halte ich die spirituelle Unversehrtheit für zentral, die im westlichen Modell nicht festgehalten ist. Wir müssen uns zu einer friedlichen, mitfühlenden Gesellschaft entwickeln, ohne soziale Schichten.

SPIEGEL ONLINE: Was müsste passieren, damit Sie sich nicht mehr als Royalist verstehen?

Sulak: Wenn der König zu einem absoluten Monarchen wird und nicht mehr dem Gemeinwohl dient. Außerdem muss die Krone der Verfassung unterworfen sein. Sonst verabschiede ich mich von ihr.

SPIEGEL ONLINE: Vor gut einem Jahr wurde eine neue Verfassung angenommen, in der dem König Zugeständnisse gemacht wurden. Seine Macht soll nun noch größer sein als zuvor.

Sulak: Das Militär hatte nicht genug Mumm, dem König etwas abzuschlagen. Es ist nicht richtig, dass sie ihm das haben durchgehen lassen. Aber ich hoffe, dass es genug Menschen um ihn herum gibt, auf die er hört. Ich bin schon alt, aber ich bin mir sicher, dass es noch viele wie mich geben wird, die bereit sind, für ihre Überzeugungen einzustehen.

insgesamt 2 Beiträge
go2dive 06.12.2017
1.
Ich lebe in Chiang Mai im Norden Thailands und hier leben nicht sehr viele Royalisten. Während der Trauerzeit trug man in Bangkok und im Süden überwiegend schwarze Kleidung, hier nicht. Die vielen Zugeständnisse, die man [...]
Ich lebe in Chiang Mai im Norden Thailands und hier leben nicht sehr viele Royalisten. Während der Trauerzeit trug man in Bangkok und im Süden überwiegend schwarze Kleidung, hier nicht. Die vielen Zugeständnisse, die man Nummer 10, wie er genannt wird, stoßen inzwischen auch den Royalisten im Süden auf, dass er der Siam Commercial Bank, die dem Königshaus gehört, mehrere 100 Millionen Baht entzogen hat erst recht. Die Menschen sind ansonsten sehr unpolitisch - aber auch ängstlich etwas Falsches zu sagen, wofür sie verhaftet werden können. Das Ganze ist etwas mit der Türkei vergleichbar: Zensur, Überwachung, Repressalien... Von all dem bekommt ein Urlauber nichts mit.
Croft 09.12.2017
2. Bitte auch die CHANGE Petition zum Thema unterschreiben (engl/deu)
Das Militär hat die Entscheidung vom 7.12. auf den 17.01. verschoben. Je mehr INTERNATIONALE Unterschriften gesammelt werden können, desto besser: [...]
Das Militär hat die Entscheidung vom 7.12. auf den 17.01. verschoben. Je mehr INTERNATIONALE Unterschriften gesammelt werden können, desto besser: https://www.change.org/p/minister-of-foreign-affairs-of-the-kingdom-of-thailand-officially-drop-the-lese-majeste-charges-against-sulak-sivaraksa

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