Schrift:
Ansicht Home:
Politik

NGO-Bericht

Dutzende Homosexuelle in Tschetschenien gefoltert, zwei getötet

In Tschetschenien sind erneut Dutzende Homosexuelle festgenommen und gefoltert worden, berichten Menschenrechtler. Das Regime von Gewaltherrscher Kadyrow spricht von "totalen Lügen". Der Kreml lässt ihn gewähren.

AFP

Aktivisten protestieren in Berlin gegen die Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien (2017)

Montag, 14.01.2019   17:56 Uhr

Es ist eine eindringliche Warnung: "Ich bitte alle, die noch frei sind, diese Nachricht ernst zu nehmen und so schnell wie möglich aus der Republik zu fliehen. (...) Seien Sie vorsichtig und verlassen Sie die Republik so schnell wie möglich." Die Botschaft stammt von Ende voriger Woche, gepostet in der russischen Facebook-Alternative Vkontakte, in der Gruppe namens Aul, in der sich auch Homosexuelle anonym austauschen.

Dort ist die Rede von einer "weiteren Festnahmewelle von tschetschenischen Jungs und Mädels". Auch in anderen Gruppen in sozialen Medien wurden nach Angaben der Kreml-kritischen Zeitung "Nowaja Gazeta" solche Hinweise veröffentlicht.

Aktivist Igor Kotschetkow von der Organisation "LGBT-Netz", die sich für Rechte von Homosexuellen in Russland einsetzt, nannte am Montag Details. Er wandte sich in einem Video an die Öffentlichkeit. Es trägt den Titel: "In Tschetschenien werden wieder Schwule getötet". Kotschetkow spricht darin davon, dass etwa 40 Personen seit Ende Dezember in Russlands muslimisch geprägter Provinz im Kaukasus festgenommen wurden, sowohl Männer als auch Frauen. "Mindestens zwei Menschen starben an den Folgen von Folterungen."

Schläge und Stromstöße im Gefängnis

Die Festnahmen begannen dem Aktivisten zufolge nach dem 29. Dezember. An diesem Tag sei der Administrator einer VKontakte-Gruppe festgenommen worden, in der sich homosexuelle Männer im Nordkaukasus austauschen. Die Polizei habe bei ihm ein Telefonbuch mit Kontakten gefunden.

Die Festgenommenen wurden nach Angaben der NGO in ein Gefängnis der Stadt Argun, etwa 20 Kilometer östlich von Grosny, gebracht. Es soll sich dabei um das Gebäude handeln, in dem bereits 2017 Dutzende Homosexuelle tagelang, einige sogar monatelang, festgehalten und malträtiert wurden. Zeugen hatten der "Nowaja Gazeta" berichtet, wie sie dort mit Schlägen, Stöcken und Stromstößen gefoltert wurden.

Von Frühjahr bis Sommer 2017 waren etwa 200 Schwule festgenommen, mindestens drei getötet worden, sagt Aktivist Kotschetkow im Video. Beteiligt an der Verfolgung der Homosexuellen seien in Tschetschenien Polizei, Nationalgarde und hochrangige Beamte. Polizisten würden alles dafür tun, damit verfolgte Männer und Frauen nicht die Republik verlassen könnten. Ihnen werden demnach die Pässe weggenommen und mit Gerichtsverfahren gedroht. Zudem werden sie gezwungen, leere Formulare zu unterschreiben, die Beamte in ihrem Sinne später ausfüllen können - ein weiteres Mittel, um Druck auszuüben.

Verfolgung hat nie aufgehört

Die Enthüllungen der "Nowaja Gazeta" und Menschenrechtler über die Verfolgung von Homosexuellen hatten vor zwei Jahren weltweit Entsetzen ausgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Präsident Wladimir Putin auf das Thema an. Moskau war aufgrund des Drucks gezwungen, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Allerdings sei dieses niemals ernsthaft geführt worden, kritisieren Menschenrechtler. Moskau lässt den tschetschenischen Herrscher Ramsan Kadyrow und seinen Sicherheitsapparat weiterhin gewähren.

Auch in den vergangenen Monaten hatte es immer wieder einzelne Berichte über Festnahmen, Erpressungen und Folter von Homosexuellen gegeben. "Die Verfolgung von Männern und Frauen, die verdächtigt werden, homosexuell zu sein, hat nie aufgehört. Nur das Ausmaß hat sich geändert", sagt Kotschetkow. Seine Organisation hat bereits etwa 150 Menschen aus Tschetschenien in Sicherheit gebracht, "LGBT-Netz" hat auch jetzt eine Hotline eingerichtet, um Betroffenen zu helfen.

Schwule gibt es offiziell nicht

Homosexuelle gelten in Tschetschenien als "schädliche Elemente", wie es der Aktivist ausdrückt. Schwule Männer werden als Schande für die ganze Familie angesehen. Viele Homosexuelle schweigen deshalb aus Angst vor Erniedrigungen und Gewalt, auch begangen durch Verwandte. Es gibt immer wieder Berichte über Ehrenmorde, bei denen Schwule von ihren Angehörigen umgebracht werden.

Das Regime in Tschetschenien bestreitet die Verfolgung von Homosexuellen - und tut dies auf eine zynische Art. "Bei uns gibt es solche Leute gar nicht. Wir haben keine Schwulen. Und wenn es sie gibt, nehmt sie mit nach Kanada, weit weg von uns, damit unser Blut gesäubert wird", erklärte im Juli 2017 Gewaltherrscher Kadyrow. Die USA setzten ihn deshalb auf die sogenannte Magnizkij-Liste, was ein Einreiseverbot und Kontensperrungen zur Folge hat. Daraufhin blockierte Facebook Kadyrows Profile mit Millionen Followern, auch das auf Instagram - eine Demütigung für den Despoten, der sich in dem Netzwerk gerne in Szene setzte.

Kadyrows Sprecher, Alwi Karimov, tat am Montag gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax die neuen Berichte über die Verfolgung von Homosexuellen als "totale Lügen" ab. Niemand sei in Tschetschenien wegen des Verdachts der Homosexualität festgenommen worden, behauptete er.

Die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) war im Dezember in einem Bericht zu einem anderen Fazit gekommen. Darin wird die brutale Hetzjagd auf Homosexuelle auf 35 Seiten dokumentiert.

heb

Verwandte Artikel

Mehr im Internet

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP