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Politik

U-Bahn-Attacke in London

Feuerball im Waggon

Die Täter planten offenbar einen verheerenden Anschlag, doch ihr Sprengsatz in einer Londoner U-Bahn explodierte nicht komplett. Eine Augenzeugin schildert, was dann geschah.

Foto: REUTERS
Aus London berichtet
Freitag, 15.09.2017   20:42 Uhr

Über dem Stadtviertel Parsons Green im Südwesten Londons kreisen am Freitagmittag die Polizeihubschrauber. Ihr Motorengeräusch ist allgegenwärtig in den Straßen um den dreieckigen Parsons-Green-Park. Die Polizei hat die Gegend um die U-Bahn-Station weiträumig abgesperrt. In etwa einem halben Kilometer Entfernung ist die Station zu sehen.

Am Morgen war hier in einer U-Bahn ein selbstgebastelter Sprengsatz explodiert - allerdings nicht komplett. Wohl auch deshalb gab es keine Toten, keiner der 22 Verletzten befindet sich in Lebensgefahr. Bilder im Internet zeigten eine Supermarkttüte und einen weißen Behälter, aus dem Drähte herausschauten.

In der angrenzenden New King's Road scheint das Leben seinen gewohnten Gang zu gehen. Die Menschen sitzen vor Cafés oder machen Einkäufe. Der Kaffeeladen an der Ecke zum Park ist gut gefüllt. Zum Teil natürlich mit Reportern, die dort ihre Arbeit machen. Aber auch mit normalen Passanten. Die Menschen in London haben sich im Umgang mit solchen Ausnahmesituationen eine gewisse Gelassenheit antrainiert. Die Sonne scheint, es könnte ein herrlicher Tag sein.

Video: SPIEGEL ONLINE-Reporter Hendrik Buchheister aus London

Foto: SPIEGEL ONLINE

Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE schildert die 32 Jahre alte Bardha, wie sie den Morgen des Anschlags erlebt hat. Sie arbeitet im Marketing eines Buchverlags und hat gerade Urlaub. Mit ihrer Familie lebt sie im Dairy Close. Die Straße liegt direkt gegenüber der U-Bahn-Station Parsons Green.

"Ich bin gerade aus dem Wohnzimmer nach unten gegangen, als ich Rufe und Schreie gehört habe. Zuerst dachte ich, es seien Schulkinder. Es gibt hier viele Schulen. Die Gegend ist sehr sicher. Es gibt nie Probleme. Dass hier so etwas passiert, ist ein Schock."

Laut Premierministerin Theresa May sollte der Sprengsatz enorme Schäden anrichten. In einer Fernsehansprache nannte sie den Anschlag einen "feigen Angriff". Am Abend rief May zudem die höchste Terrorwarnstufe aus. Stufe fünf bedeutet, dass die britischen Behörden einen unmittelbar bevorstehenden Terroranschlag für möglich halten.

"Ich bin dann auf den Balkon gegangen und habe gesehen, dass Krankenwagen kamen - sehr viele Krankenwagen", erzählt Bardha weiter. "Ich habe gesehen, wie eine Person auf dem Boden lag und behandelt wurde. Die Polizei war natürlich auch da. Für einen kurzen Moment habe ich etwas gerochen. Ich bin wieder reingegangen und habe die Türen und Fenster geschlossen. Ich dachte, dass es vielleicht etwas Gefährliches sein könnte. Chemikalien oder so etwas."

Mehrere Menschen erlitten Verbrennungen

Augenzeugen aus der Bahn berichteten von einem lauten Knall und einer "Feuerwand". Ein Mann sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er habe ein lautes "Woosh"-Geräusch gehört und dann ein Gepäckstück in Flammen aufgehen sehen. Ein anderer Mann erzählte der BBC, er habe in dem brennenden Waggon gesessen. Es habe sich angefühlt, als sei ein Feuerball über seinen Kopf hinweggerollt. Sein Haar sei völlig verbrannt.

Mehrere Menschen erlitten Verbrennungen im Gesicht. Der Londoner Rettungsdienst teilte mit, man habe ein Spezialteam geschickt. Von der Feuerwehr hieß es, sie sei mit sechs Einsatzwagen und rund 50 Rettungskräften vor Ort.

Bardha erzählt weiter: "Ich habe keine Explosion gehört. Wäre es etwas Größeres, wäre das sicher anders gewesen. Dann hätte ich etwas hören müssen. Ich bin direkt online gegangen und habe nach Parsons Green gesucht. Auf einer Nachrichtenseite habe ich dann gesehen, dass ein weißer Container oder so etwas explodiert war. Da war mir klar, dass es etwas Kleineres war."

Ihr Vater habe sich gerade auf dem Weg in die U-Bahn-Station befunden. Dann kamen ihm die Menschen entgegen. Er habe eine Frau gesehen, deren Haare verbrannt waren, so der Vater.

Trotz der ersten Nachrichten im Internet bleiben die Menschen im Viertel im Unklaren darüber, was sich da gerade in ihrer Nachbarschaft abspielt.

"Nach einer halben Stunde ging in unserem Haus der Feueralarm an. Das war das Zeichen, dass wir das Haus verlassen sollten. Das dachte ich mir schon. Ich hatte vorher mit einem Polizisten gesprochen, und er hatte gesagt, dass wir evakuiert werden würden. Also war ich vorbereitet. Jetzt sind wir alle hier gestrandet und wissen nicht, wann wir zurückkönnen. Ein Polizist meinte, vielleicht in ein paar Stunden - aber das ist jetzt auch schon wieder eine Stunde her."

Mittlerweile hat der IS den Anschlag für sich beansprucht. US-Präsident Donald Trump hatte mit einem Kommentar zum Anschlag zuvor den Unmut der britischen Regierung und Sicherheitsbehörden hervorgerufen. Trump schrieb am Freitag auf Twitter, der oder die Attentäter seien im Vorfeld "im Visier von Scotland Yard" gewesen. Es sei notwendig, "proaktiv" gegen die Extremisten vorzugehen, fügte er hinzu.

Die britische Premierministerin Theresa May reagierte mit deutlicher Verärgerung: Sie halte es nicht für hilfreich, wenn jemand über den Inhalt von "andauernden Ermittlungen" spekuliere, sagte sie in London, ohne Trump beim Namen zu nennen.

Es war zunächst unklar, ob die britischen Behörden konkrete Hinweise darauf hatten, wer hinter der Detonation des Sprengsatzes steckte und ob ihnen der oder die möglichen Täter tatsächlich bereits im Vorfeld bekannt waren. Träfe dies zu, dann hätte Trump die brisante Information preisgegeben, bevor die britischen Behörden damit an die Öffentlichkeit gingen.

Bürgermeister Sadiq Khan schrieb in einer Erklärung, London werde sich niemals vom Terror besiegen lassen. "Unsere Stadt verurteilt die widerwärtigen Individuen, die mit Terror versuchen, uns zu schaden und unsere Lebensweise zu zerstören." An die Bürger appellierte er, ruhig und zugleich wachsam zu bleiben.

Leicht fällt das nicht jedem, auch Bardha macht sich Sorgen: "Als ich die Schreie hörte, dachte ich: Oh Gott, hoffentlich kein Anschlag! Ich dachte eigentlich, dass ich in einer sicheren Gegend wohnen würde. Aber vermutlich ist man nirgendwo ganz sicher."

mit afp

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