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Politik

Uno-Botschafterin Haley

Trump verliert seine beste Frau

Amerikas Uno-Botschafterin Nikki Haley wirft überraschend hin. US-Präsident Donald Trump verkauft den Rücktritt als ganz normalen Vorgang. Steckt mehr dahinter?

REUTERS

Haley, Trump in New York

Von , New York
Dienstag, 09.10.2018   20:40 Uhr

Es beginnt, wie so oft, mit einem präsidialen Tweet. "Wichtige Ankündigung mit meiner Freundin, Botschafterin Nikki Haley, um 10.30 Uhr im Oval Office", schreibt Donald Trump, als handele es sich um einen TV-Programmhinweis.

Uhrzeit der Kurznachricht: 10.18 Uhr. Danach - Stille. Eine Dreiviertelstunde lang Stille.

In Trumps Weißem Haus ist alles ein telegener Cliffhanger. Selbst der für viele Insider überraschende - und für Trump nicht unbedingt hilfreiche - Rücktritt seiner Uno-Botschafterin. Die Nachricht verbreitet sich jedenfalls prompt vorab - selbstverständlich vom Weißen Haus lanciert. Schalten Sie ein, schauen Sie zu, bleiben Sie dran!

Haley war der letzte Star in Trumps Kabinett. Keiner verkaufte seine chaotische, krude Außenpolitik besser. Mal charmant, mal hart, mal leicht kritisch, doch stets auf Linie. Haley war die höchstrangige Frau, die unter Trump etwas zu sagen hatte und bei weiblichen Wählern punkten konnte.

Weshalb springt sie also ab - so kurz vor den Midterm-Kongresswahlen, bei denen die Republikaner jede Stimme brauchen? Das Timing allein ist suspekt.

AFP

Haley und Trump im Oval Office

Schließlich erscheinen Trump und Haley vor den Kameras. Sie sitzen am Kamin des Oval Office, preisen einander, versichern, dass das alles ganz normal sei. Selbst das plötzliche Verstummen einer der zuletzt wichtigsten US-Stimmen in der Weltpolitik.

Haley - die seit Trumps Amtsantritt dabei ist - werde zum Jahresende aufhören, verkündet der Präsident. Sie habe ihm schon "vor sechs Monaten" mitgeteilt, dass sie mal "ein bisschen freimachen" wolle. Sie habe "fantastische Arbeit" geleistet, "wir freuen uns alle für sie". Und vielleicht komme sie ja eines Tages wieder zurück.

Merkwürdige Show

Haley lacht herzlich und revanchiert sich mit ähnlicher Begeisterung. "Es war wirklich ein Segen", sagt sie. "Jetzt werden die USA wieder respektiert." Dann überschüttet sie vor allem Trumps Familie mit Lob: "Die First Lady war sehr nett zu mir", berichtet sie ungefragt. "Und ich kann nicht genug Gutes sagen über Jared und Ivanka."

Es ist eine merkwürdige Show. Zumal Personalwechsel unter Trump sonst oft viel unwürdiger ablaufen. Die meisten, deren Gegenwart nicht mehr erwünscht war, wurden per rüdem Tweet gefeuert. FBI-Chef James Comey hielt gerade eine Rede, Außenminister Rex Tillerson, damals Haleys direkter Boss, saß auf dem stillen Örtchen.

Weder Trump noch Haley ist denn auch so recht zu glauben, was sie da von sich geben bei dieser 20-Minuten-Performance der Eintracht. Stattdessen spürt man, dass da noch irgendetwas anderes dahinter stecken muss. Doch keiner weiß, was.

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Trump und Haley an der Uno

Gerüchte gehen natürlich schon lange um. Über einen weiteren Umbau des schon so oft umgebauten US-Kabinetts, über Minister, die ihren Bonus verspielt haben, und andere, die aufsteigen sollen. Doch selbst Trumps Stabschef John Kelly - der inzwischen der ersten Kategorie zugerechnet wird - soll nichts von Haleys Plänen gewusst haben.

Die lauteste Spekulation dementiert Haley aber schon mal selbst: "Nein, ich kandidiere nicht für 2020", beteuert sie auf die Frage nach ihren eigenen Präsidentschaftsambitionen. Vielmehr werde sie dann für Trump Wahlkampf machen.

Anfangs irritierte sie Diplomaten

Dass Haley den Uno-Posten nur als Sprungbrett fürs Weiße Haus nutze, wurde ihr schon länger nachgesagt. Sie ist erst 46, wer will da seine Karriere beenden? Zuvor war sie die erste Gouverneurin von South Carolina gewesen - damals noch eine Trump-Kritikerin, später eine glühende Verfechterin seiner Politik. Das riecht doch nach Strategie.

Auch als Uno-Botschafterin meisterte sie diesen Balanceakt: Eine Konservative, die Trumps Holzhammer-Doktrin von "America First" vertreten konnte, ohne zugleich ihre Moral und ihre Prinzipien zu verraten wie der Rest der Republikanischen Partei.

Zugleich räumte Haley schnell auf mit dem Missverständnis, sie sei weich und schwach. Zwar irritierte sie andere Diplomaten anfangs mit ihrer Ignoranz protokollarischer Gepflogenheiten. Steht zu uns - oder seid gegen uns, so ihr Ultimatum an die Welt.

Bald aber schätzte man Haley zumindest als Dolmetscherin für Trumps Wortsalat. "Er ohrfeigt die richtigen Leute, er umarmt die richtigen Leute", sagte sie. "Am Ende sind die USA sehr stark." Diese Einschätzung erneuerte sie jetzt - obwohl die USA in der Uno an Respekt verloren haben, während Haley selbst Respekt gewann.

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Trump im Uno-Sicherheitsrat

Denn sie war bemüht, sich auch immer wieder sanft von Trump abzusetzen, gerade bei Fragen, die ihr in Zukunft vielleicht gefährlich werden könnten - Klimawandel, Einwanderung, Neonazis. Als sie im April Russland-Sanktionen verkündete, das Weiße Haus sie aber zurückpfiff und ihr "momentane Verwirrung" vorwarf, wehrte sie sich: "Bei allem Respekt, ich bin nicht leicht zu verwirren."

Ivanka Trump als Nachfolgerin?

Und dann ist da noch die Frage, wer sie in der Uno-Botschaft an New Yorks First Avenue beerbt. Dina Powell, bis Januar Trumps Vize-Sicherheitsberaterin, wird seit jeher als mögliche Nachfolgerin gehandelt. Richard Grenell, der US-Botschafter in Berlin, und Senator Lindsey Graham sind ebenfalls im Gespräch.

Hinzu gesellte sich an diesem Dienstag ein noch prominenterer Name - Ivanka Trump. Die Präsidententochter, die zurzeit als unspezifische "Beraterin" agiert, ist eng mit Haley befreundet. Vielleicht deshalb Haleys Lob?

"Viele Leute wollen es machen", sagte Trump selbst dazu. Die Castingshow geht weiter. Schalten Sie ein, schauen Sie zu, bleiben Sie dran!


Anmerkung: Haley wurde als erste Frau zur Gouverneurin von South Carolina gewählt, nicht von North Carolina. Wir haben das korrigiert.

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