Schrift:
Ansicht Home:
Politik

Überraschender Besuch in Sotschi

Putins Kuschel-Show mit Assad

Syriens Diktator Assad verlässt sein Land nur selten. Aber wenn Russland ruft, packt er den Koffer. Viel mehr als nette Bilder kam in Sotschi nicht rum - weil Wladimir Putin eine entscheidende Antwort verweigert.

AFP/ SPUTNIK

Baschar al-Assad umarmt Wladimir Putin

Von und
Dienstag, 21.11.2017   15:03 Uhr

Immer wieder zeigt das russische Staatsfernsehen die Bilder. Wie der russische Präsident Wladimir Putin, um einiges kleiner als der syrische Machthaber Baschar al-Assad, zu den versammelten Generälen sagt: "Ich habe den Präsidenten von Syrien gebeten, vorbeizukommen." Und zu Assad gewandt: "Ich möchte Ihnen die Menschen vorstellen, die eine entscheidende Rolle bei der Rettung Syriens gespielt haben." Assad begrüßt jeden Militär einzeln per Handschlag und bedankt sich bei den russischen Soldaten. Er sei sehr glücklich, sie auf syrischem Boden zu wissen.

Assads Besuch in der russischen Schwarzmeerstadt Sotschi kommt nicht von ungefähr, er verlässt sein Land nur selten, doch wenn Putin ruft, kommt er. Eines der Fotos, die der Pressedienst des Kreml veröffentlicht, zeigt, wie der Syrer Putin umarmt. Der Kreml hatte Assads Reise nach Sotschi nicht angekündigt. Bekannt war bisher nur, dass Putin am Mittwoch dort den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan und den iranischen Präsidenten Hassan Rohani trifft.

AP/ Kremlin

Baschar al-Assad, Wladimir Putin und russische Generäle in Sotschi

Die staatliche syrische Nachrichtenagentur Sana berichtet nun umso ausführlicher über Assads Besuch. Bemerkenswert dabei ist, dass sich die Propaganda in Damaskus nicht einmal mehr darum bemüht, das Treffen von Assad und Putin als Gespräch auf Augenhöhe darzustellen. "Präsident Assad richtete Präsident Putin und dem freundlichen und loyalen russischen Volk den Dank des syrischen Volks für das aus, was Russland getan hat, um die Syrer vor dem Terrorismus zu schützen und die Einheit Syriens zu bewahren", heißt es in der offiziellen Mitteilung des syrischen Präsidialamtes.

Frieden zu Putins Bedingungen

Ohne den russischen Präsidenten wäre Assad wohl längst Geschichte. Vor etwas mehr als zwei Jahren griff Putin mit einer Militäroperation in den Syrienkrieg ein - offiziell auf Bitten Assads und um die Terrormiliz "Islamischer Staat" zu zerschlagen. Auch damals reiste Assad kurz nach Beginn der Offensive nach Russland. Die Rufe aus dem Westen, Assad müsse sich zurückziehen, sind seitdem zwar nicht verstummt, aber merklich leiser geworden.

Für Putin war der Syrieneinsatz sehr nützlich. Nach der Annexion der Krim und dem Krieg im Osten der Ukraine verschaffte er ihm die Möglichkeit, international wieder mitzumischen. So betont Putin beim Treffen mit Assad auch, mit wem Russland alles in Kontakt steht: Irak, Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien - und auch den USA. Noch am Dienstag will Putin mit US-Präsident Donald Trump über Syrien sprechen.

An Russland vorbei, das den Luftraum über Syrien überwacht, wird es keine Verständigung im Syrienkonflikt geben, auch weil die USA sich zurückgezogen haben. Und Russland - das zeigen die neuen Bilder - steht fest an der Seite Assads. Wie lange, das ist noch nicht ausgemacht, über das Schicksal Assads entscheide allein das syrische Volk, sagt Moskau. Es ist dieselbe Rhetorik, die Moskau seit Beginn des Syrienkonflikts verbreitet. Die wichtigste Botschaft des Treffens war daher die Begegnung selbst, inhaltlich brachte es wenig Neues.

SPIEGEL ONLINE

Was Russland immer wieder verschweigt: Mit Unterstützung des russischen Militärs führt Assad unter dem Deckmantel des Antiterrorkampfes einen Krieg gegen das syrische Volk. Ganze Gebiete mit Hunderttausenden Bewohnern hungert er aus, setzt nach Überzeugung von Uno-Ermittlern Giftgas ein und vertreibt Millionen Syrer. Im Westen des Landes, dem bevölkerungsreichen syrischen Kerngebiet, setzt Assad mithilfe Russlands auf eine Zermürbungstaktik. Offenbar ist es sein Plan, die Eingeschlossenen in der Ghuta, dem Gürtel von Vororten von Damaskus, der von Aufständischen gehalten wird, ähnlich auszuhungern und auszubomben wie vor einem Jahr Ost-Aleppo.

Zahl der toten russischen Kämpfer bleibt Geheimnis

Schon länger wird in Russland spekuliert, wann Putin seinen Militäreinsatz beenden könnte, auch im Hinblick auf die Präsidentschaftswahl im März 2018. Rund drei Millionen Euro soll die Operation am Tag kosten - und sie ist nicht gerade beliebt bei den Russen: 49 Prozent sprechen sich in einer Umfrage des unabhängigen Lewada-Zentrums im September für ein Ende der Operation aus.

Assad würdigte in Sotschi die Opfer, die Russlands Militär in Syrien erbracht hat. Doch bis heute ist überhaupt nicht klar, wie viele russische Kämpfer in Syrien getötet wurden. Offiziell hat das Verteidigungsministerium etwa 40 Gefallene eingeräumt. Allerdings schätzen Experten wie Ruslan Lewiew vom Conflict Intelligence Team die Zahl der Toten weitaus höher ein, da auch russische Kämpfer der privaten "Wagner"-Armee im Einsatz sind. "Die gesamte Zahl dürfte bei mindestens 100 oder 200 toten Kämpfern liegen", sagt er. Lewiew beruft sich zum einen auf öffentlich zugängliche Quellen im Internet und zum anderen auf die Aussagen von Familienangehörigen und Kameraden der "Wagner"-Kämpfer, die namentlich bekannt sind.

In den vergangenen Wochen sind russische Militärberater und Kommandeure, die syrische Truppen im Kampf gegen den IS in Ostsyrien unterstützt haben, kaum noch in Erscheinung getreten. Stattdessen ließ man zumindest in der Außendarstellung den iranischen Revolutionswächtern und der Hisbollah den Vortritt, die sich für ihre Erfolge gegen den IS, etwa in der Stadt Abu Kamal, feiern ließen.

In Sotschi kündigte Putin an: "Der Militäreinsatz kommt jetzt tatsächlich zu einem Ende." Nun gehe es darum, politische Prozesse einzuleiten. Moskau hatte zuletzt einen sogenannten Kongress der Völker Syriens ins Spiel gebracht. Er soll über eine Nachkriegsordnung für das Land beraten. Ein konkretes Datum für den russischen Abzug und den Kongress blieb er aber wieder einmal schuldig.

Verwandte Artikel

Verwandte Themen

 

Multimedia-Reportage

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP