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Politik

Präsidentschaftswahl in Russland

Putins Inszenierung

Dass Wladimir Putin noch einmal als Präsident antritt, ist die Nicht-Nachricht der Woche - wäre da nicht das interessante Spektakel, mit dem er die Ankündigung inszeniert.

AP

Politiker-Masken in St. Petersburg

Ein Kommentar von
Donnerstag, 07.12.2017   17:20 Uhr

Es ist eine schöne Tradition in autoritären Gesellschaften, dass der Herrscher sich von seinem Volk bitten lässt, zu herrschen. Er zeigt damit: Ich will gar nicht an die Macht, ich will nur meinen Untertanen dienen, so schwer es mir fällt. Wer aber darf den Herrscher bitten, die Bürde des Amtes auf sich zu nehmen? Wer darf gewissermaßen im Gewand des idealen Untertanen auftreten, oder des Fernseh-Volks, um in den Kategorien des 21. Jahrhunderts zu reden?

Auf diese Frage haben Wladimir Putins Spin-Doktoren am Mittwoch nicht nur eine Antwort gegeben, sondern gleich zwei - quasi in mehreren Akten. Die erste gab es mittags in Moskau. Da traf sich der russische Präsident mit jungen Freiwilligen verschiedener Sozial- und Umweltprojekte. Es war ein klassischer Wohlfühltermin, wie man ihn von Politikern kennt, durchkomponiert bis zu den weißen Turnschuhen an allen Füßen und dem Lächeln auf allen Lippen.

KOCHETK/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Putin mit jungen Freiwilligen

Putin, der Kriegsherr eines von Feinden umzingelten Russland, schien plötzlich wie weggewischt. Stattdessen war da Putin, der Gute, Anführer eines Russlands der Liebe. Er zitierte Anton Tschechow: "Wie viele gute Menschen gibt es in Russland!" Barmherzigkeit und Nächstenliebe, so Putin, gehörten seit je zur Seele des russischen Volkes.

Apropos Barmherzigkeit - Putin ließ wohlweislich weg, wie das Zitat weitergeht - mit Tschechows Klage über die Beamten nämlich, die so gar nicht barmherzig handelten an den Bauern und den Häftlingen Sibiriens, denen der Landarzt Tschechow helfen wollte. Das ist ja bis heute das Problem in Russland, dass jede freiwillige gesellschaftliche Aktivität sofort unterbunden wird, wenn sich ein Beamter dadurch gestört fühlt. Manche Aktivisten landen heute wieder in der Haft.

Aber als Kulisse taugen junge engagierte Leute schon, zumal für einen alternden Präsidenten, der faktisch - offiziell sind es weniger - seit 18 Jahren im Amt ist. Einer der Freiwilligen darf die Frage stellen, ob Putin 2018 denn "noch mit uns ist", woraufhin der Gefragte die Menge nach ihrer Zustimmung fragt. Tosender Applaus, heitere Gesichter.

Mehr zum Thema - SPIEGEL BIOGRAFIE 5/2017

Vorhang zu. Szenenwechsel. Vorhang auf. Wir sehen ein Autowerk in Nischni Nowgorod, Putin umgeben von Autobauern mittleren Alters. Ernste Gesichter, Blaumänner. Keine Turnschuhe mehr und keine Tschechow-Zitate, kein Edel-sei-der-Mensch-etc, sondern patriotische Rhetorik, Erinnerung an gewonnene Schlachten, angefangen im frühen 17. Jahrhundert. Und hier erst, vor den Fabrikarbeitern, bei der zweiten Bitte des Tages, gibt Putin die offizielle Auskunft: Ja, ich kandidiere. Tosender Applaus, heitere Gesichter.

Was lernt man daraus?

Wie einst das DDR-Fernsehen, so fordert auch das russische Fernsehen die Fantasie des Zuschauers heraus, weil er das Nichtgesagte deuten muss. Da fällt erstens auf, dass Putin seine Kandidatur nicht vor der Kreml-Partei "Einiges Russland" angekündigt hat - dabei ist das die Struktur, die ihn als Kandidaten aufstellen kann. Deutsche Politiker kündigen ihre Kandidaturen ja auch nicht auf der Betriebsversammlung von Volkswagen in Wolfsburg an. Offenbar hält Putin die Kremlpartei für so unbeliebt, dass er sich lieber von ihr distanziert. Vermutlich will er als Unabhängiger kandidieren.

Zweitens: Putin braucht die Jugend - aber nur als Fototapete. Er will sich verjüngen, aber er braucht sie nicht so sehr, dass er vor den jungen Freiwilligen seine Kandidatur verkündet hätte. Das hat er lieber vor seiner traditionellen Wählerschaft gemacht, den Arbeitern eines klassischen Großbetriebs, den man aus Sowjetzeiten kennt. Das Volk, das zu Putin passt, trägt Blaumann, wahlweise mit Schlips drunter.

Und drittens: Er ist in einen zivilen Betrieb gefahren, und nicht ins Panzerwerk von Nischni Tagil, das ihm beim letzten Wahlkampf so große Dienste leistete. Als vor fünf Jahren in Moskau wütende Gegner auf die Straße gingen und Putin um seine Macht bangte, da gab es Unterstützung aus dem Rüstungsbetrieb im Ural. Die Autofabrik in Gorki baut keine Panzer, sie ist bekannt für Kleinbusse namens "Gazelle", die in ganz Russland als Sammeltaxis eingesetzt werden. In diesen Zeiten, in denen man sich schon über kleine Friedenszeichen freut, ist das doch immerhin etwas.

insgesamt 6 Beiträge
Nordstadtbewohner 07.12.2017
1. Wladimir Putin vs. Angela Merkel
"zumal für einen alternden Präsidenten, der faktisch - offiziell sind es weniger - seit 18 Jahren im Amt ist." Mal so angemerkt: Man schaue sich Angela Merkels Lebensweg an und vergleich ihn mit Wladimir Putin. [...]
"zumal für einen alternden Präsidenten, der faktisch - offiziell sind es weniger - seit 18 Jahren im Amt ist." Mal so angemerkt: Man schaue sich Angela Merkels Lebensweg an und vergleich ihn mit Wladimir Putin. Merkel ist gerade mal 2 Jahre jünger als Putin und die offiziellen Amtsjahre sind in etwa gleich. Interessanterweise spricht da keiner von einer "alternden Bundeskanzlerin". Auch würde sie, wenn es Neuwahlen geben sollte, 2018 laut eigener Aussage noch einmal kandidieren.
aaaron 07.12.2017
2. Und was sagen die Russen zu ihrem Präsidenten?
Im letzten Jahr berichtete Reuters, dass 74 % seine Wiederwahl als Präsident wünschen. Vier Jahre zuvor hätte die Quote noch bei 40 % gelegen. https://de.reuters.com/article/russland-putin-umfrage-idDEKCN0W51EZ Aktuell [...]
Im letzten Jahr berichtete Reuters, dass 74 % seine Wiederwahl als Präsident wünschen. Vier Jahre zuvor hätte die Quote noch bei 40 % gelegen. https://de.reuters.com/article/russland-putin-umfrage-idDEKCN0W51EZ Aktuell dürfte die Quote wohl eher über 80 % liegen. Warum sollte bei einer solchen Beliebtheit Putin sich also nicht wieder der Wahl stellen?
HeisseLuft 07.12.2017
3. ?
Hat doch auch niemand gesagt das er nicht soll. Oder habe ich da was verpasst? Es ging um das alberne Schauspiel. Da lobe ich mir doch die relative Langweiligkeit hierzulande.
Zitat von aaaronIm letzten Jahr berichtete Reuters, dass 74 % seine Wiederwahl als Präsident wünschen. Vier Jahre zuvor hätte die Quote noch bei 40 % gelegen. https://de.reuters.com/article/russland-putin-umfrage-idDEKCN0W51EZ Aktuell dürfte die Quote wohl eher über 80 % liegen. Warum sollte bei einer solchen Beliebtheit Putin sich also nicht wieder der Wahl stellen?
Hat doch auch niemand gesagt das er nicht soll. Oder habe ich da was verpasst? Es ging um das alberne Schauspiel. Da lobe ich mir doch die relative Langweiligkeit hierzulande.
DerDifferenzierteBlick 07.12.2017
4. Unterschiede: Merkel und Putin! Demokratie?
Also Putin ist bald 18 und voraussichtlich (die Wahl wird er wohl "knapp" gewinnen) mindestens 24 Jahre an der Macht. Merkel ist aktuell 12 Jahre und voraussichtlich dann in vier Jahren 16 Jahre Kanzlerin. Putin [...]
Zitat von Nordstadtbewohner"zumal für einen alternden Präsidenten, der faktisch - offiziell sind es weniger - seit 18 Jahren im Amt ist." Mal so angemerkt: Man schaue sich Angela Merkels Lebensweg an und vergleich ihn mit Wladimir Putin. Merkel ist gerade mal 2 Jahre jünger als Putin und die offiziellen Amtsjahre sind in etwa gleich. Interessanterweise spricht da keiner von einer "alternden Bundeskanzlerin". Auch würde sie, wenn es Neuwahlen geben sollte, 2018 laut eigener Aussage noch einmal kandidieren.
Also Putin ist bald 18 und voraussichtlich (die Wahl wird er wohl "knapp" gewinnen) mindestens 24 Jahre an der Macht. Merkel ist aktuell 12 Jahre und voraussichtlich dann in vier Jahren 16 Jahre Kanzlerin. Putin hat als russischer Präsident zudem sehr viel mehr Macht als eine deutsche Bundeskanzlerin. Im vergleichsweise schwachen russischen Parlament hat "Putins Partei" über 76% der Sitze und bei wichtigen Entscheidungen (Kriegseinsätze etc.) stimmt auch die sogenannte Opposition geschlossen für Putin. (Das müsste man sich mal bei uns vorstellen...) In Deutschland profitiert Merkel von historisch günstiger Wirtschaftslage (für die sie nichts kann, s. andere Beiträge von mir) und trotzdem hat sie bei der Wahl nicht einmal 33% der Stimmen geholt. Putins Zustimmung liegt trotz (selbst verschuldeter) schwerer Wirtschaftskrise (fing schon vor Ölpreisverfall und Sanktionen an) bei über 80%. Fast die kompletten relevanten Medien sind gleichgeschaltet, es gibt keine nennenswerte Opposition, seit Putins Amtsantritt sind mehrere Dutzend unabhängige Journalisten ermordet worden, zudem zahlreiche weitere Regierungskritiker, Oppositionelle etc. NGOs und unabhängige Medien werden entweder massiv unter Druck gesetzt oder komplett verboten usw. Ich würde daher noch einmal betonen wollen, dass es abgesehen vielleicht vom Alter in meinen Augen durchaus noch ein paar relevante Unterschiede zwischen Putin und Merkel gibt...
Celegorm 07.12.2017
5.
Also mir schien eher, als wären vor und nun auch nach der Wahl die Analysen und Kommentare voll davon gewesen, dass Merkel nicht von der Macht lassen, keine Nachfolger aufbaut oder zulässt, über den Zenit ist und wie so [...]
Zitat von Nordstadtbewohner"zumal für einen alternden Präsidenten, der faktisch - offiziell sind es weniger - seit 18 Jahren im Amt ist." Mal so angemerkt: Man schaue sich Angela Merkels Lebensweg an und vergleich ihn mit Wladimir Putin. Merkel ist gerade mal 2 Jahre jünger als Putin und die offiziellen Amtsjahre sind in etwa gleich. Interessanterweise spricht da keiner von einer "alternden Bundeskanzlerin". Auch würde sie, wenn es Neuwahlen geben sollte, 2018 laut eigener Aussage noch einmal kandidieren.
Also mir schien eher, als wären vor und nun auch nach der Wahl die Analysen und Kommentare voll davon gewesen, dass Merkel nicht von der Macht lassen, keine Nachfolger aufbaut oder zulässt, über den Zenit ist und wie so viele den richtigen Zeitpunkt zum loslassen findet. Durchaus zu recht. Und deshalb ist es umso legitimer, Putin dafür zu kritisieren, insbesondere da sich dieser nicht mal dem Risiko einer Wahlschlappe aussetzt wie Merkel das getan hat, sondern bloss ein quasi-diktatorisches Personenkult-Schauspiel inszeniert.

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