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Politik

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Brust raus!

Stillen ist gut fürs Baby. Aber wehe die Mutter entblößt in aller Öffentlichkeit die Brust - das finden erstaunlich viele Menschen anstößig.

Eine Kolumne von
Dienstag, 23.06.2015   13:08 Uhr

Delikate Frage: Soll man in der Öffentlichkeit stillen, auch wenn man weiß, dass Menschen das anstößig finden? Seit ich mit Frau und Kind in den USA unterwegs bin, werde ich jedes Mal etwas nervös, wenn es Zeit ist, das Baby zu füttern. Wie ich gelesen habe, kommt es immer wieder zu unangenehmen Situationen, weil sich Leute darüber aufregen, dass jemand sein Kind anlegt. Auf Facebook haben sie bis vor Kurzem regelmäßig Fotos von stillenden Müttern entfernt. Solche Bilder verstießen gegen den Jugendschutz, hieß es dazu.

Amerikaner sind ja sehr sensibel, was Nacktheit angeht. Kein Amerikaner käme auf die Idee, sich am Strand mal eben umzuziehen. Schon Vierjährigen wird eingeschärft, ihre Genitalien zu bedecken. Als die Brustwarze der Sängerin Janet Jackson 2004 bei einer TV-Übertragung kurz zu sehen war, beschäftigte das tagelang die Nation. Geben Sie als Suchbegriff "Nipplegate" ein, und Sie finden bis heute die Spuren dieses Skandals.

Es gibt vieles, was Europäer und Amerikaner voneinander trennt - Waffen, Religion, die Vorliebe für die Familienpackung. Nacktheit außerhalb der eigenen vier Wände übertrumpft alles. Wie man sich als Deutscher mit anderen unbekleidet in die Sauna setzen, aber bei jeder Speicherung persönlicher Daten sofort die Privatsphäre bedroht sehen kann, wird Amerikanern immer ein Rätsel bleiben.

Rechtlich sind meine Frau und ich, was das Stillen angeht, auf der sicheren Seite. Es gibt in amerikanischen Bundesstaaten kein Gesetz, das es einer Mutter verbietet, ihrem Kind die Brust zu geben, egal wo sie sich aufhält. Andererseits will man nicht unangenehm auffallen. Wir Deutsche haben gelernt, dass man Rücksicht auf die kulturellen Eigenheiten der Einheimischen nehmen soll. Das ist sozusagen die Conditio sine qua non nachhaltigen Reisens.

Die Vorteile des Stillens sind unbestritten. Nicht zu stillen grenzt an Körperverletzung. Die Kinder, die als Baby Muttermilch bekommen, haben eine bessere Immunabwehr und im Alter weniger Allergien. Stillkinder können als Erwachsene angeblich auch besser mit Stress umgehen, sie sind deutlich bindungsfähiger und zeigen weniger Verhaltensauffälligkeiten.

Trend zur Still-Burka

Stillen macht sogar intelligenter. Wer als Baby an die Brust gelegt wurde, hat später einen nachweisbar höheren IQ als Kinder, die auf Flaschenkost angewiesen waren. Drei Monate an der Mutterbrust bringen 0,7 Prozentpunkte, wie eine Studie aus Brasilien gezeigt hat. Ein ganzes Jahr Stillen verschafft sogar einen Vier-Punkte-Vorsprung. Zufüttern wiederum vermindert den Intelligenzeffekt um etwa die Hälfte. Keine Ahnung, wie weit man den IQ-Schub durch Stillen treiben kann. Ob die Entwicklung anhält, wenn man sein Kind über die Babyzeit hinaus weiter stillt, haben die brasilianischen Wissenschaftler leider nicht erforscht.

Weil auch die Amerikanerin an die Vorteile des Stillens glaubt, sind viele Mütter in den USA dazu übergegangen, riesige Tücher mit sich zu führen, die sie bei Bedarf über sich und ihr Baby legen. Trotz des Trends zur Still-Burka gibt es in Restaurants oder Supermärkten immer wieder Zwischenfälle, weil sich Kunden beklagen oder ein übereifriger Angestellter einschreitet.

Keine Bewegung ohne Gegenbewegung. Nachdem im Februar ein Wal-Mart-Manager in Glenpool, Oklahoma, eine Frau gebeten hatte, ihrem Baby woanders die Brust zu geben, organisierte eine Gruppe militanter Brustmilch-Befürworter ein "Nurse-in", bei dem der Discounter im Wortsinn stillgelegt wurde. Es gibt unter dem Schlagwort "extreme nursing" sogar eigene Webseiten, wo Mütter Fotos von Still-Plätzen und -Positionen einstellen können, auf die man erst nach längerem Nachdenken kommt (beim Yoga, auf dem Motorrad, beim Rafting).

Zeit für ein "Nurse-in"

Eine schnell wachsende Gruppe unter den Extremstillern sind die Langzeitstiller, die darauf schwören, dass es für alle Beteiligten das Beste ist, wenn man Kindern so lange wie möglich die Brust gibt. In dem Buch zur Bewegung (Ann Sinnott: "Breastfeeding older children") ist von einer Frau Anfang zwanzig die Rede, die noch als Erwachsene den Trost der Muttermilch suchte. Man kann aus allem eine Religion machen, wie man sieht, auch aus der Ernährung des eigenen Nachwuchses.

Möglicherweise liegt die Still-Burka stärker im Trend, als wir uns das eingestehen mögen. Auch in Deutschland stößt das öffentliche Stillen nicht nur auf Zustimmung, das gilt selbst für den linken Teil des politischen Spektrums. Zu den Artikeln, die bei "taz.de" seit Jahren immer wieder gern aufgerufen werden, gehört ein Text, in der eine Kaffeehausbesitzerin aus dem Prenzlauer Berg über Mütter herzieht, die "ihre Euter" herausholen, um ihre Kinder zu säugen.

O-Ton: "Nicht dass die da mal 'ne Decke drüberlegen oder so - neeeein, das soll jetzt aber auch wirklich jeder mitkriegen, dass sie ihr Baby ernähren können. ... Ick meine, das Wort 'stillen' kommt ja wohl von STILLE. Aber dit raffen die einfach nicht, die Rinder. Ich hab schwule Stammgäste, die sehen das und sagen: Entschuldige, Tanja, mir wird schlecht, ich kann nicht mehr zu dir kommen, wenn die hier ihr ganzes Gehänge rausholen. Kann ick verstehen."

Vielleicht wird es Zeit, mal bei der "taz" ein "Nurse-in" abzuhalten.

insgesamt 408 Beiträge
Badischer Revoluzzer 23.06.2015
1. So ein Quatsch !
Natürlich darf eine Mutter ihr Kind in der Öffentlichkeit stillen. Ich kenne niemanden, der dagegen etwas hätte. Und sollte sich tatsächlich jemand darüber aufregen, würde ich ihm/ihr lautstark und öffentlichkeitswirksam [...]
Natürlich darf eine Mutter ihr Kind in der Öffentlichkeit stillen. Ich kenne niemanden, der dagegen etwas hätte. Und sollte sich tatsächlich jemand darüber aufregen, würde ich ihm/ihr lautstark und öffentlichkeitswirksam meine Meinung sagen
ackergold 23.06.2015
2.
Selten so einen langweiligen alten Hut gelesen, wie diesen sinnlosen Beitrag. Oder kann hier irgendwer einen Sinn erkennen, oder wenigstens einen roten Faden? Ja, so ist es in Amerika, Herr Fleischhauer. Schön, dass Sie es [...]
Selten so einen langweiligen alten Hut gelesen, wie diesen sinnlosen Beitrag. Oder kann hier irgendwer einen Sinn erkennen, oder wenigstens einen roten Faden? Ja, so ist es in Amerika, Herr Fleischhauer. Schön, dass Sie es auch gemerkt haben.
orangutanklaus77 23.06.2015
3. Schön
Sie sollten sich häufiger mal um solch eher banale und harmlose Themen kümmern, so muss ich mich nicht über sie aufregen und mich fragen, was wohl bei Ihnen alles schiefgelaufen ist im Leben. Zu diesem Thema allerdings bekommen [...]
Sie sollten sich häufiger mal um solch eher banale und harmlose Themen kümmern, so muss ich mich nicht über sie aufregen und mich fragen, was wohl bei Ihnen alles schiefgelaufen ist im Leben. Zu diesem Thema allerdings bekommen Sie für Ihre Meinung meine volle Zustimmung. Wenn Sie etwas Vernünftiges schreiben, will ich das auch gerne so nennen und ein Lob aussprechen, Herr Fleischhauer.
infonetz 23.06.2015
4.
Ich finde es auch nicht gut! Und muss das denn sein? Hat mal wer das Kind gefragt ob es das will? Ich hätte es nicht gewollt das meine Mutter mich im Cafe um die Ecke öffentlich Stillt.
Ich finde es auch nicht gut! Und muss das denn sein? Hat mal wer das Kind gefragt ob es das will? Ich hätte es nicht gewollt das meine Mutter mich im Cafe um die Ecke öffentlich Stillt.
infonetz 23.06.2015
5.
Es gilt nur ihre Meinung? ICH würde ihnen dann "lautstark und öffentlichkeitswirksam meine Meinung sagen" warum ich das nicht wollte.
Zitat von Badischer RevoluzzerNatürlich darf eine Mutter ihr Kind in der Öffentlichkeit stillen. Ich kenne niemanden, der dagegen etwas hätte. Und sollte sich tatsächlich jemand darüber aufregen, würde ich ihm/ihr lautstark und öffentlichkeitswirksam meine Meinung sagen
Es gilt nur ihre Meinung? ICH würde ihnen dann "lautstark und öffentlichkeitswirksam meine Meinung sagen" warum ich das nicht wollte.
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