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Politik

Bundeswehrskandal in Pfullendorf

Von der Leyen setzt Referatsleiter ab

Nach der Aufdeckung von sadistischen Praktiken in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf zieht Verteidigungsministerin von der Leyen Konsequenzen: Einer ihrer Referatsleiter muss nach SPIEGEL-Informationen gehen.

Getty Images

Staufer-Kaserne in Pfullendorf

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Samstag, 11.02.2017   11:52 Uhr

Die Aufdeckung von sexuell-sadistischen Praktiken bei der Ausbildung von Bundeswehr-Sanitätern sowie die brutalen Aufnahmerituale unter Mannschaftssoldaten der Staufer-Kaserne in Pfullendorf haben weitere personelle Konsequenzen. Nach SPIEGEL-Informationen setzte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) Anfang der Woche den Referatsleiter für Innere Führung im Ministerium ab. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

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Aus Sicht des Ministeriums war die Abteilung von Oberst Burckhard Köster in den vergangenen Jahren Beschwerden wegen sexuellen Mobbings oder brutaler Ausbildungsinhalte bis hin zu Nötigungen in der Truppe zu zögerlich nachgegangen. Zwar wird dem Militärhistoriker keine persönliche Schuld an der langen Verharmlosung der Zustände in der Staufer-Kaserne zugeschrieben. Gleichwohl soll ein Personalwechsel ein Zeichen für eine Art Neuanfang sein.

In Pfullendorf hatte ein weiblicher Leutnant sexuell-sadistische Praktiken bei der Sanitäterausbildung angeprangert. Die Beschwerde von Nicole E. wurde aber erst ernst genommen, als sie sich im Oktober 2016 direkt an die Ministerin wandte. Mit expliziten Fotos belegte sie, dass Sanitätsausbilder in Pfullendorf gewollt sadistische Praktiken wie das Tamponieren des Analbereichs an ihren Schülern durchexerzierten.

"Dann nimmst du deine Beschwerde schon zurück"

Bei ihren Vorgesetzten hingegen hatte Nicole E. vorher kein Gehör gefunden. Vielmehr wurde sie nach ihrer ersten Beschwerde in Pfullendorf gezielt gemobbt. Ausbilder legten ihr unmissverständlich eine Versetzung an einen anderen Standort nahe. Ein Oberfeldwebel drohte ihr. "Du musst nur mal wieder hart rangenommen werden", sagte er, "dann nimmst du deine Beschwerde schon zurück."

Mittlerweile sind ein halbes Dutzend Vorgesetzte in der Staufer-Kaserne von ihren Posten abgesetzt worden. Im Ministerium hofft man, dass das harte Vorgehen der Leitung eine Art Abschreckungseffekt hat und dass sich in Zukunft mehr Soldaten trauen, Missstände direkt an die Bundeswehrführung zu melden. Bereits vergangene Woche hatte von der Leyen deswegen auch eine Telefon-Hotline eingerichtet, bei der sich ihre Soldaten auch anonym melden können.

Gleichzeitig ist man sich im Wehrressort unsicher, ob es nicht noch weitere unaufgedeckte Fälle wie Pfullendorf gibt. Derzeit überprüft Generalinspekteur Volker Wieker alle alten Beschwerden aus der Truppe seit 2014. Kommende Woche will er dem Bundestag berichten, ob man einige von ihnen vielleicht neu aufrollen muss. Parallel dazu reiste Wieker zu fast allen Ausbildungseinheiten der Bundeswehr quer durch Deutschland und mahnte bei den Kommandeuren an, schnell und hart gegen mögliche Missstände vorzugehen.

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Donnerstagmorgen erhältlich.

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