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Politik

Skandal-Kaserne Pfullendorf

Bundeswehrausbilder zwangen Soldatin zum Stangentanz

Der Skandal um die Staufer-Kaserne weitet sich aus. Einem internen Bericht zufolge, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, ließen Ausbilder an einer Pole-Stange vortanzen und tasteten Frauen im Genitalbereich ab.

Getty Images

Staufer-Kaserne in Pfullendorf

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Dienstag, 14.02.2017   17:17 Uhr

Die Vorwürfe gegen eine ganze Gruppe von Bundeswehrausbildern der Staufer-Kaserne in Pfullendorf (Baden-Württemberg) sind schwerwiegender als bisher bekannt. In einem ersten zusammenfassenden Ermittlungsbericht der Bundeswehr wird deutlich, dass die sadistischen Praktiken bei der Sanitäterschulung am Ausbildungszentrum Spezielle Operationen keineswegs Einzelfälle waren.

Vielmehr hielt eine ganze Unterabteilung für die Ausbildung - im Militärjargon Inspektion genannt - ihr mehr als erniedrigendes Lehrprogramm für völlig normal. Einige Verantwortliche verteidigten die Praktiken sogar bis heute, heißt es in dem als Verschlusssache eingestuften Papier.

In dem 28-seitigen Bericht, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, kommt die Bundeswehrführung zu einem harschen Urteil über die Staufer-Kaserne und die Soldaten. In Pfullendorf seien "gravierende Defizite in Führung, Ausbildung, Erziehung sowie Dienstaufsicht festzustellen", heißt es in der Zusammenfassung.

"Grundlegender Mentalitätswandel" gefordert

Die gesamte Kaserne, deren Kommandeur bereits versetzt wurde, brauche nun einen kompletten Neuanfang, verbunden mit "grundlegenden Mentalitätswandel" bei allen dort eingesetzten Soldaten. So wird es in dem Papier gefordert.

Durch einen weiblichen Leutnant waren die krassen Missstände an der Staufer-Kaserne öffentlich geworden. Zum einen wurden bei der Ausbildung von Sanitätern der Bundeswehr - "Combat First Responder" genannt - regelmäßig sadistische Praktiken durchexerziert, etwa das komplette Ausziehen oder das Tamponieren des Analbereichs.

Später wurden erniedrigende Aufnahmerituale unter den Mannschaftssoldaten aufgedeckt. Beide Fälle sind so abstoßend, dass sich Ministerin Ursula von der Leyen direkt in die Causa einschaltete. Seitdem sich die Soldatin direkt an sie wandte, drängt die Ministerin auf schnelle Aufklärung.

Sexuell motivierte Aktionen der Ausbilder

In dem Bericht wird nun deutlich, dass die Aktionen der Bundeswehrausbilder der zweiten Inspektion in Pfullendorf wohl sexuell motiviert waren. So schilderte die Soldatin Nicole E., die 2016 als Oberfähnrich nach Pfullendorf gekommen war, dass sie in einer Art Einstellungstest durch die Ausbilder gezwungen wurde, an einer Pole-Stange in einem Aufenthaltsraum vorzutanzen.

Die Stange, die man sonst nur aus Striplokalen in Rotlichtvierteln kennt, war in dem Aufenthaltsraum der Kaserne fest installiert.

Auch die weiteren Details aus den Lehrgängen deuten auf einen sexuellen Hintergrund. So zwangen die Ausbilder ihre Schüler nach Aussagen von Nicole E., sich im Hörsaal nackt auszuziehen. Sie tasteten bei den Frauen die nackten Brüste und den Genitalbereich ohne Handschuhe ab. Anschließend, so die Ermittlungspapiere, gab es eine "Geruchsprobe" vor versammelter Mannschaft.

Offenbar um sich vor Strafen abzusichern, ließen sich die Ausbilder von den Schülern eine Einverständniserklärung unterschreiben. Von allen Praktiken machten sie auch Fotos, angeblich zu Ausbildungszwecken.

Beschuldigte wurden versetzt - zu einer Eliteeinheit

Seite um Seite verdeutlicht das Dossier, dass die Kaserne Pfullendorf außer Kontrolle geraten war. So kam bei den internen Recherchen in der Truppe heraus, dass in dem Aufenthaltsraum mit der fest installierten Tanzstange offenkundig regelmäßig harter Alkohol getrunken wurde.

In der Kaserne fand man diese Partys offenbar normal. Noch Ende des Jahres 2016, damals waren nach der Beschwerde von Nicole E. schon erste Veränderungen in der Kaserne angeordnet worden, fand ein Sonderermittler bei einem angekündigten Termin in dem Raum ein ganzes Regal mit offenen Schnapsflaschen.

Trotz der teils schweren Vorwürfe von Nicole E., die sich laut dem Bericht weitgehend bestätigt haben, wurden fünf beschuldigte Ausbilder, einer davon der sogenannte Inspektionschef im Rang eines Majors, lediglich innerhalb der Kaserne oder an andere Standorte versetzt. Zwei von ihnen wechseln ausgerechnet zum Kommando Spezialkräfte (KSK), der geheimen Eliteeinheit der Bundeswehr. Auch der Kommandeur der Kaserne wurde lediglich versetzt.

Erste Hinweise bereits 2014

Für Ministerin von der Leyen birgt der Bericht durchaus politische Risiken. So gab es bereits 2014, also nach ihrem Start als erste Chefin des Verteidigungsministeriums, Hinweise auf frauenfeindliche Tendenzen in Pfullendorf. Einer entsprechenden Beschwerde einer Soldatin wurde aber offenbar nur halbherzig nachgegangen.

Heute heißt es im Ministerium, dass man damals schneller und härter hätte recherchieren müssen. Um eine Wiederholung zu verhindern, hat von der Leyen bereits Anfang Februar eine Art Hotline schalten lassen, bei der sich Soldaten auch anonym melden können. Zudem will sie das Referat für Innere Führung neu aufstellen. Der bisherige Leiter wurde spontan abgesetzt.

Ob die hastigen Maßnahmen die Aufregung um die Skandalkaserne bremsen können, muss sich noch zeigen. Am Mittwoch beschäftigt sich der Verteidigungsausschuss mit den Missständen in der Pfullendorf-Kaserne, dazu wird der brisante Ermittlungsbericht der Bundeswehr auch den Abgeordneten vorgelegt. Zudem muss der Inspekteur des Heeres antreten.

In der Bundeswehr wird bereits getuschelt, dass von der Leyen vermutlich noch weitere personelle Konsequenzen ziehen wird. Möglich ist, dass der Kommandeur für die Ausbildung aller Soldaten des Heeres abgesetzt wird. Brutal wäre das nicht: Der Generalmajor sitzt ohnehin schon weit länger als geplant auf seinem Dienstposten in Leipzig.

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