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Politik

Bekannter des Attentäters von Berlin

Mein Mitbewohner Anis Amri

Er lebte wochenlang mit Anis Amri in einer Wohnung - und plauderte mit ihm über Lastwagen. Erstmals berichtet nun in Deutschland ein Weggefährte, wie er den späteren Attentäter wahrnahm: "Irgendwie passte das Bild nicht zusammen."

SPIEGEL TV

Amris Vermieter Mohamed B.

Von und
Sonntag, 19.03.2017   16:01 Uhr

Sein erster Eindruck von Anis Amri? "Ein normaler Junge", sagt Mohamed B.* "Schick gekleidet, sportlich gekleidet." Anis trägt Turnschuhe von Nike, gelt sich die Haare, rasiert sich täglich, geht in Diskotheken. "Ich hatte eher Angst, dass er Mädchen mit nach Hause bringt", sagt B.

Zwei Monate lang lebt Anis Amri in der kleinen Wohnung seines tunesischen Landsmannes in Berlin. Er teilt sich das ehemalige Kinderzimmer mit einem anderen Tunesier, auf dem Boden liegt ein lila Teppich, die Tapete zieren Schmetterlinge, über der Tür hängt eine Uhr mit Pu-der-Bär-Motiv. 350 Euro zahlen die Männer monatlich für 20 Quadratmeter.

Ein Team von SPIEGEL, SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL TV ist den Spuren des Attentäters vom Berliner Breitscheidplatz über viele Wochen gefolgt. Recherchen führten nach Tunesien, Italien und in die dunkle Wohnung in einem Hinterhaus in Berlin-Lichtenberg. Erstmals äußert sich nun in Deutschland ein Weggefährte des Terroristen im Interview: Mohamed B., 47, beschreibt Amris Zerrissenheit und zeichnet das Bild eines Mannes, der zugleich Hedonist und Fundamentalist sein konnte.

Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt führen B. als wichtigen Zeugen. Weil die Ermittler seine Rolle in dem Verfahren zunächst nicht einschätzen konnten und auf Nummer sicher gehen wollten, stürmte ein Spezialeinsatzkommando die Wohnung des Tunesiers. Noch heute zeugt ein zersplitterter Türrahmen vom gewaltsamen Eindringen der Staatsmacht.

"Ich bin verarscht worden - wie das ganze Land"

B. hatte nach Erkenntnissen der Behörden Kontakt zu dem Tunesier Bilel B. A., der wiederum Amri gut kannte und am Vorabend der Tat noch mit ihm zusammen in einem Restaurant in der Berliner Pankstraße aß. Das Berliner Landeskriminalamt stellte in einem Verfahren gegen Bilel B. A. fest, dass dieser seinen Landsmann Mohamed B. mit Kurierfahrten nach Tunesien beauftragt hatte.

Unklar blieb den Beamten jedoch, was dabei transportiert worden war. Die Ermittlungen gegen Bilel B. A., der nach Amris Anschlag als Gefährder eingestuft wurde, endeten ergebnislos. Inzwischen ist B. A. in seine Heimat abgeschoben worden. Mohamed B. aber lebt immer noch in Berlin, seit 25 Jahren jetzt schon, und er beteuert: Er habe sich nie vorstellen können, dass Anis Amri zu einem Anschlag fähig sei: "Ich bin verarscht worden - wie das ganze Land."

Der Kontakt von Mohamed B. zu Amri entsteht im Herbst 2016 - aus Geldnot. Er sei knapp bei Kasse gewesen, so B., und habe einen Mitbewohner gesucht. Ein Kumpel habe ihm Amri vermittelt, der eines Tages zusammen mit seinem Landsmann Khaled A., 31, bei ihm vor der Tür gestanden habe. Amri und A. hätten sich aus Italien gekannt, so ihr Vermieter B. Amri lebte für einige Jahre in dem Land, ehe er im Sommer 2015 nach Deutschland kam. Amri und A. bezogen gemeinsam das Kinderzimmer der Wohnung - doch als vorbildliche Mieter entpuppten sie sich nicht.

Amri sei ein Chaot gewesen, sagt Mohamed B., unordentlich und unfähig, den Alltag zu regeln. Er habe den Gasherd nicht abgedreht, wenn er aus dem Haus gegangen sei, Töpfe und Pfannen anbrennen lassen, Fenster nicht geschlossen. Äußerlich gibt Amri sich westlich, kleidet sich schick, legt viel Wert auf sein Äußeres, feiert und trinkt. Mit B., der in Tunesien Polizist war und nach der Scheidung von seiner deutschen Frau als Fernfahrer arbeitet, fachsimpelt Amri über Lkw. Er habe von seinem Bruder gelernt, Lastwagen zu fahren, erzählt Amri. Dass er schon mit 18 Jahren einen Lkw in seiner Heimat gestohlen hat, lässt Amri unerwähnt. Doch das Wissen seines Mieters beeindruckt Mohamed B.

"Irgendwas stimmt da nicht, irgendwie passt das Bild nicht zusammen"

Es dauert allerdings nur einige Wochen, da bemerkt B., dass Amri ziemlich extreme Ansichten hat. Mit einem anderen Untermieter, einem Libyer, gerät Amri aneinander. Der Libyer ist Offizier, laut B. kam er nach Deutschland, um sich medizinisch behandeln zu lassen, und er beklagt sich bei Amri über den "Islamischen Staat" (IS). Daraufhin beschimpft ihn Amri als Ungläubigen. "Da hat es geklickt bei mir", sagt Mohamed B. "Der Junge ist nicht normal." Der Libyer sei Muslim. "Er betet, er macht seine Religion. Ihn einen Ungläubigen zu nennen, das macht man nur, wenn man Fanatiker ist." Langsam verändert sich der Eindruck, den B. von seinem Mieter hat. Außen modern, innen radikal. "Irgendwas stimmt da nicht, irgendwie passt das Bild nicht zusammen", denkt sich B.

Auch der Polizei, die Amri seit Februar 2016 als islamistischen Gefährder führt, ergeht es ähnlich. Sie ist sich im Sommer des vergangenen Jahres unsicher, wie sie den Tunesier einschätzen soll: Auf der einen Seite hat er Kontakt zu anderen Salafisten, er verkehrt in einschlägig bekannten Moscheen und verbreitet Anschlagsfantasien. Auf der anderen Seite verkauft er anscheinend Drogen. Wahrscheinlich nimmt er selbst auch welche. Er soll in Schlägereien mit anderen Dealern verwickelt sein - und lebt ein ganz und gar unfrommes Leben.

Es sei generell "ausgesprochen schwierig, diesen Leuten hinter die Stirn zu schauen", sagt der Chef des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV), Hans-Georg Maaßen, im Interview mit SPIEGEL TV. Es gelte dabei immer wieder zu unterscheiden: "Ist es Maulheldentum, oder hat die Person wirklich einen Tatentschluss gefasst", so Maaßen. Amri sei nach Einschätzung der Verfassungsschützer eine "labile, volatile Persönlichkeit", die vorübergehend in die allgemeinkriminelle Szene abgetaucht sei.

SPIEGEL TV Magazin am Sonntag, 19. März

Wenn die Wahrnehmung des Vermieters stimmt, taucht Amri etwa zwei Wochen vor dem Anschlag aus der Allgemeinkriminalität wieder auf und wendet sich vollends seiner Radikalität zu. Die Ermittler fragen sich noch immer, ob es dafür ein auslösendes Moment gegeben haben könnte. Mohamed B. jedenfalls beobachtet Anfang Dezember, dass Amri sich immer häufiger in sein Zimmer zurückzieht und lautstark den Koran rezitiert. Amri muss weg, denkt sich B. Nur wie?

B. hat eine Idee.

Er erzählt seinen Untermietern, er brauche das Kinderzimmer für seine Tochter, die wieder zu ihm ziehen solle. Sie müssten sich eine andere Bleibe suchen. Einige Tage vor der Tat sagt Amri ihm, er könne bei einem "Bruder" in Neukölln wohnen. "Ich habe gesagt, okay, viel Glück", so B.

Zwei, drei Tage lang sieht er ihn nicht mehr, doch plötzlich ist Amri wieder da. Er habe noch Sachen in seinem Zimmer, sagt er. Amri packt einen Rucksack und klopft schließlich an die Tür des Libyers, mit dem er über den IS gestritten hatte: "Verzeih mir bitte, wenn ich dich beschimpft habe." Anschließend wendet er sich an seinen Vermieter: "Verzeih mir, wenn ich dir Unannehmlichkeiten in der Wohnung bereitet habe." Dann sei Anis Amri gegangen, erinnert sich Mohamed B. "Ich hatte das Gefühl, es war so eine Art Abschied."

Es ist der 19. Dezember 2016, gegen 16 Uhr. Vier Stunden später ist Anis Amri ein Terrorist.


Sehen Sie mehr zu dem Thema am Sonntag um 22.20 Uhr im SPIEGEL TV Magazin auf RTL.

*Name geändert

insgesamt 13 Beiträge
laotao 19.03.2017
1. Psychopatie, schizoider Narzismus und seelische Zerstörung
Es mutet schon mehr als nur makaber an, mit welchem Scheinweltbewusstsein sich die Menschen in Deutschland darüber hinweg lügen, dass wir mit der Proklamation der geistig-moralischen Wende des Jahres 1982 durch die Gruppe [...]
Es mutet schon mehr als nur makaber an, mit welchem Scheinweltbewusstsein sich die Menschen in Deutschland darüber hinweg lügen, dass wir mit der Proklamation der geistig-moralischen Wende des Jahres 1982 durch die Gruppe Kohl-Genscher und die sogenannte Reform- und Modernisierungspolitik der Gruppe Schröder-Fischer die Zerstörung des Menschen und die Schaffung des neuen Humunkulus, also des "Humankapitals" in der wirtschaftlichen und der politischen Praxis geduldet und in großen Teilen sogar befördert haben. Und sich heute mit so unbescheiblich naiven und infantilen Bekundungen des Erstaunens, des Unverständnisses und all der scheinheiligen Liberalität des etablierten, saturierten, sanierten und manierierten Besitzstands- und Erbbesitzfeudalbürgertums diesen "Wahn- und Irrsinnsexzessen" der sogen. Reichsbürger, der diversen Pegidioten, der muslimischen Potentaten und Patriarchisten, der islamistischen Gotteskämpfer, Menschenschlachter und Blutsäufer, der bis in die Idiotie hinein fanatisierten Salafisten, Wahhabiten und Evangelikalen, die ein Ausdruck der menschlichen Irrationalität und Unvernunft sind, mir so viel Überraschung gegenüber zu treten, das ist allerdings auch kein Beitrag, der den Stempel "Vernunft" trägt.
wauz 19.03.2017
2. Meisenknödel
Was macht man mit einem total verpfuschten Leben? Unfähig, den Alltag zu organisieren, unfähig, dauerhaft mit anderen zusammen zu leben? Anis Amri hat einen Ausweg gesucht. Genau das, was auch die Columbine-Attentäter als Motiv [...]
Was macht man mit einem total verpfuschten Leben? Unfähig, den Alltag zu organisieren, unfähig, dauerhaft mit anderen zusammen zu leben? Anis Amri hat einen Ausweg gesucht. Genau das, was auch die Columbine-Attentäter als Motiv hinterlassen haben: our way out. Der Suicide by COP hat erst im zweiten Anlauf funktioniert (wenn die italienischen Polizisten ihn denn überhaupt festnehmen wollten. Mit dem "Märtyrer-Tod" wären alle "Sünden getilgt" gewesen. Wie praktisch, dass es da das passende Propagandamaterial als Bastelset zum Runterladen gibt. Da hat sich ein ganz kleines Würstchen auf die denkbar mieseste Art davon gemacht...
demokroete 19.03.2017
3. Details aus dem Leben des Attentäters
interessieren mich nicht. Viel wichtiger sind die Fragen, wer hat die potentiellen Attentäter hier ins Land gelassen, und was hat die Regierung getan, um sie wieder los zu werden.
interessieren mich nicht. Viel wichtiger sind die Fragen, wer hat die potentiellen Attentäter hier ins Land gelassen, und was hat die Regierung getan, um sie wieder los zu werden.
acitapple 19.03.2017
4.
Es ist schlichte Faulheit. In Deutschland hat man unzählige Möglichkeiten etwas aus seinem Leben zu machen. Nicht jeder wird Millionär, aber man kann locker sein Leben normal gestalten. Man muss sich eben auf den Hosenboden [...]
Zitat von wauzWas macht man mit einem total verpfuschten Leben? Unfähig, den Alltag zu organisieren, unfähig, dauerhaft mit anderen zusammen zu leben? Anis Amri hat einen Ausweg gesucht. Genau das, was auch die Columbine-Attentäter als Motiv hinterlassen haben: our way out. Der Suicide by COP hat erst im zweiten Anlauf funktioniert (wenn die italienischen Polizisten ihn denn überhaupt festnehmen wollten. Mit dem "Märtyrer-Tod" wären alle "Sünden getilgt" gewesen. Wie praktisch, dass es da das passende Propagandamaterial als Bastelset zum Runterladen gibt. Da hat sich ein ganz kleines Würstchen auf die denkbar mieseste Art davon gemacht...
Es ist schlichte Faulheit. In Deutschland hat man unzählige Möglichkeiten etwas aus seinem Leben zu machen. Nicht jeder wird Millionär, aber man kann locker sein Leben normal gestalten. Man muss sich eben auf den Hosenboden setzen und zumindest mal eine Berufsausbildung absolvieren. Mit körperlicher Arbeit kann man schön leben, aber auch mit geistiger Arbeit. Es gibt sogar tausende Migranten, die es geschafft haben hierher zu kommen und sogar die Sprache zu lernen und einem geregelten Leben nachzugehen. Ok, sich anstrengen ist total uncool, wenn man in der Überzeugung aufgewachsen ist, es genüge schon ein Mann zu sein. Wenn einen dann die Familie nicht mehr pampert kommt eben die böse Realität.
weltverkehrt 19.03.2017
5.
Ziemlich genau auf den Punkt gebracht. So ist das, wenn bildungsfernes aber kriminelles Milieu auf kranke Ideologie und hier religiösen Wahn trifft, verbunden mit einer meist selbst verschuldeten Perspektivlosigkeit. Der [...]
Zitat von wauzWas macht man mit einem total verpfuschten Leben? Unfähig, den Alltag zu organisieren, unfähig, dauerhaft mit anderen zusammen zu leben? Anis Amri hat einen Ausweg gesucht. Genau das, was auch die Columbine-Attentäter als Motiv hinterlassen haben: our way out. Der Suicide by COP hat erst im zweiten Anlauf funktioniert (wenn die italienischen Polizisten ihn denn überhaupt festnehmen wollten. Mit dem "Märtyrer-Tod" wären alle "Sünden getilgt" gewesen. Wie praktisch, dass es da das passende Propagandamaterial als Bastelset zum Runterladen gibt. Da hat sich ein ganz kleines Würstchen auf die denkbar mieseste Art davon gemacht...
Ziemlich genau auf den Punkt gebracht. So ist das, wenn bildungsfernes aber kriminelles Milieu auf kranke Ideologie und hier religiösen Wahn trifft, verbunden mit einer meist selbst verschuldeten Perspektivlosigkeit. Der eigene Anspruch "Hui" ließ sich für ihn ja schon vorher nur durch reichlich "Pfui" erreichen. Dass er auf ehrliche Weise nie in der Gesellschaft ganz oben ankommt, wo er sich selbst wohl sah, dafür war er ja nun auch zu alt, das verlangte nun nach einfachen Lösungen. Allerdings glaube ich, dass es ihm vor allem um die große böse Show ging, denn sonst hätte er sich nicht vom Tatort bis nach Italien entfernt und einfach auf die Cops gewartet. Das war wohl eher eine Option - und wer weiß, vielleicht existiert(e) ja irgendwo ein Konto mit einer Stange Geld drauf, oder irgendein Mann in Italien wartet immer noch auf einen Empfänger eines größeren Geldbetrages.

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