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Politik

Wahl von Schulz zum SPD-Parteichef

Über sieben Meere muss er gehn

Mit 100 Prozent der Stimmen wurde Martin Schulz zum Chef der SPD gewählt. Die Partei glaubt jetzt an den Machtwechsel im Herbst. Zu Recht? Das interessiert die euphorisierten Genossen im Moment wenig.

Foto: DPA
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Sonntag, 19.03.2017   18:16 Uhr

Er steht da auf dieser kleinen, runden Bühne und kann es selbst nicht ganz fassen. Martin Schulz ist ja ein Mann, der die menschlichen Extreme aus eigenem Erleben kennt und deshalb, anders als viele Politiker, zur Selbstreflektion fähig ist: Seine Vorsitzenden-Bewerbungsrede, die er gerade gehalten hat, war keine große Rede. Aber den Genossen im Saal ist das egal. Für sie ist er so eine Art Obama aus Würselen, ein Messias, der auch über Wasser gehen kann. Zumindest scheinen sie das von ihm zu erwarten.

Sie hören einfach nicht auf zu klatschen.

Sonntagnachmittag in der "Arena" in Berlin, früher ein Omnibus-Betriebshof, heute eine coole Event-Location, wie man das neudeutsch sagen würde. Es passt, dass die alte Tante SPD hier ihren neuen Vorsitzenden wählen lässt. Denn mit Martin Schulz erscheinen die Sozialdemokraten plötzlich wieder angesagt, unter den 13.000 seit Jahresbeginn eingetretenen Mitgliedern sind viele junge Leute. Schulz war einst alkoholkrank, schaffte es ohne Abitur bis zum Präsidenten des Europaparlaments, ein Mann der Provinz. Irgendwie zieht das.

Er hätte auch aus dem Telefonbuch vorlesen können

Die Sozialdemokraten glauben plötzlich wieder an sich. So sehr, dass Martin Schulz eine Stunde später noch ungläubiger auf die Bühne zurückkehrt. Gerade wurde das Ergebnis der Wahl verkündet, unter den 605 gültigen Stimmzetteln war kein einziges Nein. 100 Prozent. Das hat es in der 153-jährigen Geschichte der SPD noch nie gegeben.

"Ich glaube, dass dieses Ergebnis der Auftakt zur Eroberung des Kanzleramts ist", sagt Schulz, als sich der Jubel gelegt hat. Und dass er die Wahl natürlich annehme.

Es ist wie ein Rausch, der die SPD seit der Nominierung von Schulz Ende Januar ergriffen hat, nachdem Sigmar Gabriel den Verzicht auf die Kanzlerkandidatur und den Parteivorsitz verkündet hatte. Und sein bisheriger Höhepunkt ist an diesem Nachmittag in der Berliner Arena zu erleben. Schulz hätte wohl auch aus dem Telefonbuch vorlesen können - die Genossen hätten ihm zugejubelt.

Die Frage ist nur: Wird dieser Rausch bis zur Bundestagswahl anhalten? Und werden die Bürger von Schulz am Ende begeistert genug sein, um ihn tatsächlich zum Kanzler zu machen?

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SPD-Parteitag: London, New York, Paris, Würselen

Aber für den Moment ist das den Delegierten erst mal wurscht: Sie sehen die in den vergangenen Wochen steil angestiegenen Umfragekurven ihrer Partei, die guten Werte von Schulz im direkten Vergleich mit Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel - und sind einfach nur glücklich. Oder, um es mit Ex-Parteichef Gabriel zu sagen: "Der Trend ist wieder Genosse."

Gabriel übernahm die Partei nach der Bundestagswahl 2009 in ihrer schwersten Krise, er hat die SPD siebeneinhalb Jahre angeführt und einiges erreicht - zuletzt setzte Gabriel den Sozialdemokraten Frank-Walter Steinmeier als neuen Bundespräsidenten durch, der ironischerweise an diesem Sonntag seinen ersten Tag im Amt erlebt. Geliebt hat die SPD ihren Vorsitzenden Gabriel allerdings nie.

Gleiche Worte, neue Wirkung

Aber auch das ist der glückseligen Partei nun schnuppe, selbst die Tatsache, dass Gabriel wie immer seine Redezeit deutlich überzieht, sieht man ihm diesmal gnädig nach. Denn er hat mit seinem Rückzug ja das Schulz-Wunder erst möglich gemacht.

Minutenlang wird Gabriel beklatscht, mehrfach kämpft er mit den Tränen, zum Abschied übergibt ihm sein Nachfolger ein gezeichnetes Porträt des SPD-Mitgründers August Bebel.

Nur mal zum Vergleich: 74,3 Prozent bekam Gabriel auf dem Parteitag im Dezember 2015 bei seiner letzten Wahl zum Vorsitzenden. Wie sehr die Genossen unter ihm gelitten haben, wird mit dem Ergebnis von Schulz noch deutlicher. Aber es zeigt auch, wie unrealistisch die Genossen nun auf den Neuen blicken. Und wie sehr sie sich wünschen, dass mit Schulz wirklich wieder alles besser wird.

"Gerechtigkeit, Würde, ein neues Miteinander", um diese Begriffe kreist Schulz in seiner knapp anderthalbstündigen Rede. Das ist klassische Sozialdemokratie. Auch sein Bekenntnis zu Europa, die klare Abgrenzung gegen Rechtspopulisten. Aber weil er auf viele Menschen offenbar anders wirkt als der klassische Sozialdemokrat der vergangenen Jahre, scheinen seine Worte eine andere Wirkung zu haben.

"Wir müssen das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen", sagt Schulz. Den Demoskopen zufolge haben er und seine Partei auf diesem Weg seit seiner Nominierung bereits ein ganzes Stück zurückgelegt. Dazu beigetragen hat demnach auch, dass er kleinere Korrekturen an der Agenda 2010 der rot-grünen Bundesregierung unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder angekündigt hat. Diese Pläne verteidigt er in seiner Rede.

"What a Wonderful World"

Nur: Es sind noch sechs Monate bis zur Bundestagswahl. Bis dahin kann noch viel passieren. Nächsten Sonntag wird erst mal im Saarland gewählt, wo die CDU in den Umfragen lange uneinholbar in Front lag, inzwischen aber ein Kopf-an-Kopf-Rennen erwartet wird. So groß ist die SPD-Euphorie mit Blick nach Saarbrücken, dass es plötzlich schon wieder ein echter Rückschlag wäre, sollte es dort doch nicht klappen mit Platz eins. Und eines sollte die Sozialdemokraten übrigens auch nicht tun: Angela Merkel unterschätzen, selbst wenn sie diesmal scheinbar zu schlagen ist.

Aber noch wirkt der Rausch. Als der Parteitag zu Ende ist, läuft in der Arena "What a Wonderful World" von Louis Amstrong. So ungefähr muss man sich die sozialdemokratische Gefühlswelt momentan vorstellen.

insgesamt 229 Beiträge
Hollowmen 19.03.2017
1. Huch...
...ich war gerade etwas irritiert und dachte beim ersten Blick auf das Titelbild, dass Herr Schulz da in alter ostdeutscher Manier mit einer Abordnung der Thälmann-Pioniere posiert. War dann aber wohl doch nur ein Chor.
...ich war gerade etwas irritiert und dachte beim ersten Blick auf das Titelbild, dass Herr Schulz da in alter ostdeutscher Manier mit einer Abordnung der Thälmann-Pioniere posiert. War dann aber wohl doch nur ein Chor.
tomkey 19.03.2017
2. Nö
Die SPD hat seit über 100 Jahren immer wieder den "kleinen Mann" verraten und dann doch auf die "Bosse" gesetzt. Zuletzt Agenda 2010. Warum sollte das mit dem jetzigen Kandidaten anders ein?
Die SPD hat seit über 100 Jahren immer wieder den "kleinen Mann" verraten und dann doch auf die "Bosse" gesetzt. Zuletzt Agenda 2010. Warum sollte das mit dem jetzigen Kandidaten anders ein?
Actionscript 19.03.2017
3. Programm
Um im September wirklich zu punkten, muss Schulz nun liefern. Das heisst, er muss ein konkretes Programm vorlegen, was die Integration-Flüchtlingspolitik und die Sozial-Wirtschaftspolitik angehen, und es muss sich klar von [...]
Um im September wirklich zu punkten, muss Schulz nun liefern. Das heisst, er muss ein konkretes Programm vorlegen, was die Integration-Flüchtlingspolitik und die Sozial-Wirtschaftspolitik angehen, und es muss sich klar von anderen Parteien unterscheiden. Auch wird er sich festlegen müssen, welche Koalitionen er anstrebt. Eine "Mal Hüh, mal hott" Strategie, die RRG und GroKo beides offen hält, ist nicht möglich. Da er bei einer GroKo mit Merkel konkurrieren würde, ist diese Koalition so gut wie unmöglich, also RRG. Er wird sich hier entscheiden müssen. Nur so wird die Euphorie anhalten und der SPD Stimmen geben.
volker_morales 19.03.2017
4. Schulz wäre kein guter Kanzler,
weil er von Wirtschafts- und Finanzpolitik nichts versteht und sich zudem von Griechen, Italienern und Franzosen vor den schuldenpolitischen Karren spannen lassen wird. Den wirtschaftliche Niedergang Deutschlands würde er nur [...]
weil er von Wirtschafts- und Finanzpolitik nichts versteht und sich zudem von Griechen, Italienern und Franzosen vor den schuldenpolitischen Karren spannen lassen wird. Den wirtschaftliche Niedergang Deutschlands würde er nur noch beschleunigen, auch wenn der wirtschaftliche Zenit schon jetzt überschritten ist. Profitieren könnte er allerdings von der Wechselstimmung, da auch viele Unionswähler kaum noch Vertrauen in Merkels Führungskraft haben. Und das weiß auch die SPD und jubelt deswegen nicht zu Unrecht.. .
erhardeckhard 19.03.2017
5. Blind im Rsusch@
Die SPD von ihrem Schulz angesteckt: Sie stecken, nun deutlich erkennbar, wie Schulz einst 10 Jahre lang, in einem "mächtigen Rausch". Das Erwachen in der "Nüchternheit" wird jedoch grausam sein, denn die [...]
Die SPD von ihrem Schulz angesteckt: Sie stecken, nun deutlich erkennbar, wie Schulz einst 10 Jahre lang, in einem "mächtigen Rausch". Das Erwachen in der "Nüchternheit" wird jedoch grausam sein, denn die Vergangenheit hat gelehrt, "wer Merkel unterschätzt hat schon verloren". Das mussten schon Viele am eigenen Leib verspüren. Der Hochmut, die Verlogenheit und die Blindheit dieser sktuellen SPD und ihres Messias, wird im Ansatz doch heute schon durchschaut. Der politische Bumerang wird bis September ganze Arbeit leisten!

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