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Politik

Auftritt in der SPD-Hochburg Dortmund

Merkels Wahlkämpfchen

Ihr Konkurrent rackert sich seit Monaten ab, jetzt soll Angela Merkel offiziell auch endlich Wahlkampf machen. Doch die Kanzlerin bleibt beim Auftakt in Dortmund dabei: Die SPD ignoriert sie einfach.

Foto: VOGEL/ EPA/ REX/ Shutterstock
Von , Dortmund
Samstag, 12.08.2017   14:29 Uhr

Die Kanzlerin hat ihre Rede eigentlich schon beendet, da greift sie noch einmal nach dem Mikrofon: "Ich habe ganz vergessen", sagt Angela Merkel und grinst etwas verlegen in den Saal, "dass die Wahl natürlich noch nicht entschieden ist."

Natürlich, noch nicht entschieden, das muss man in der Union auch nochmal betonen. Denn wirklich spannend ist es bislang nicht. In den Umfragen sind CDU und CSU der Konkurrenz enteilt, die Kanzlerin ging bislang jeder Auseinandersetzung mit der SPD aus dem Weg. Wozu auch? Der Sieg bei der Bundestagswahl scheint so gut wie sicher.

Ist er das?

Zu früh wollen sie sich im Konrad-Adenauer-Haus nicht freuen. Noch kann einiges passieren in der Welt mit all den Krisen von Trump bis Nordkorea. Und in Deutschland. Bald schon stimmen die Briefwähler ab, für die Union eine besonders wichtige Gruppe. Am 3. September muss sich Merkel mit SPD-Kandidat Martin Schulz im TV-Duell messen.

Im ARD-Deutschlandtrend verlor Merkel zuletzt an Zustimmung. Und was ist, wenn alle sowieso von einem Sieg der Union ausgehen - und die eigenen Anhänger am Wahltag einfach zuhause bleiben?

50 Stationen für Merkel

Also: Ganz ohne Kampagne geht es dann doch nicht. 50 Stationen soll die Bundeskanzlerin auf ihrer Deutschlandtour bis zur Wahl abklappern. In Dortmund soll es jetzt richtig losgehen. Der Arbeitnehmerflügel CDA hat geladen, in einen kleineren Saal der Westfalenhalle, viel Grau an den Wänden, etwa tausend Menschen sollen da sein.

Echte Emotionen wollen an diesem Tag bei den Konservativen nicht aufkommen. Als Merkel die Bühne betritt, geht der müde Applaus im Lärm der Popmusik unter, die aus den Boxen scheppert.

Schnell wird klar: Die Kanzlerin bleibt bei ihrer Taktik - den Gegner ignoriert sie einfach. 40 Minuten spricht Merkel, Schulz erwähnt sie überhaupt nicht. Nur ein einziges Mal als sie über die Rente mit 67 spricht, greift sie die SPD direkt an.

Das klingt bei Merkel dann so: "Es gibt einen Dissenz mit der Sozialdemokratie."

Ausgebremst - ohne viel zu tun

Für die Kanzlerin ist in Dortmund ein Heim- und Auswärtsspiel zugleich. Die Stadt wird von den Sozialdemokraten regiert, klar. Doch das Land, Nordrhein-Westfalen, ist so etwas wie das Symbol für Merkels Erfolg in diesem Jahr. Nach dem Saarland triumphierte die Union im Frühjahr auch hier überraschend klar gegen die SPD. Die Euphorie um Kanzlerkandidat Martin Schulz: ausgebremst, ohne dass Merkel gezwungen war, selbst allzu viel dafür zu tun.

Die Kanzlerin war in den vergangenen Wahlkämpfen immer besonders gut, wenn sie gar keinen richtigen Wahlkampf machen musste. Das war 2009 so gegen Frank-Walter Steinmeier, 2013 gegen Peer Steinbrück erst Recht. Bei der Union wissen sie das natürlich genau. Ihr Erfolgs-Rezept: Abwarten und aussitzen - solange wie möglich.

Für die SPD muss es zum Haareraufen sein: Martin Schulz rackert sich seit Monaten ab, versucht ein Thema nach dem anderen zu setzen: Gerechtigkeit, Rente, Flüchtlinge, Rüstung - allein: keines davon zündet. Die Kanzlerin urlaubte zuletzt gemütlich in Südtirol. Merkels Wohfühl-Motto vor der Entscheidung im Herbst steht auch in Dortmund - auf einer schwarz-rot-goldenen Wand hinter der Bühne: "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben."

Schwierige Zeit

Jetzt aber startet die Kanzlerin in einer schwierigen Zeit in den Wahlkampf. US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktatur Kim Jong Un überbieten sich fast täglich mit wütenden Drohungen - und schüren in der Welt Angst vor einem Atomkrieg. In Dortmund geht Merkel nicht direkt darauf ein, dafür preist sie die EU: "Die größte Sicherheit, das größte Friedensprojekt für uns, das ist die Europäische Union."

Beim CDA geht es vor allem darum, ein paar Nettigkeiten für den Sozialflügel dazulassen. Merkel lobt den Mindestlohn, den die SPD in der Großen Koalition durchgeboxt hat. Sie schimpft ein bisschen gegen "die Wirtschaft", die bei der Leiharbeit Lücken nutze, was "nicht akzeptabel" sei. Sie spricht von "guter, verlässlicher Arbeit", davon Tarifautonomie zu stärken, von der Digitalisierung, die vielen Arbeitnehmern auch Sorgen bereite.

Es könnte in Teilen auch eine SPD-Rede sein.

Auch die von Abgas- und Kartellskandalen erschütterte Automobilindustrie nimmt sich Merkel vor - diese habe Vertrauen zerstört. Allerdings: Den Vorschlag der Sozialdemokraten, eine Quote für Elektroautos einzuführen, weist sie zurück. Eine solche Quote, sagt Merkel, sei "nicht so richtig durchdacht". Der Staat solle eher mit Anreizen für einen Wechsel zu neuen Antriebssystemen helfen, zu denen auch Wasserstoff- und Hybrid-Autos gehörten. Von einem Diesel-Verbot hält sie dagegen nichts. Es könne ja nicht sein, dass jene, die gerade einen Wagen gekauft hätten, dann damit nicht mehr fahren dürften. Da klatschen die Zuhörer in Dortmund.

So sieht er aus, der Merkel-Wahlkampf: Die richtigen Worte am richtigen Ort, keine Attacken, keine Konflikte. Am Ende singt Merkel die obligatorische Hymne, die Konservativen lächeln, der Applaus ist kurz. Nicht mehr als nötig. Man könnte fast vergessen, dass Wahlkampf ist.



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insgesamt 81 Beiträge
mbak19 12.08.2017
1. Warum..?
Warum sollte sich Merkel auch abrackern? Schulz zerlegt sich mit seinen Reglementierungen, Verboten und X-Punkte-Plänen, vorallem aber mit Rden gegen die von seiner eigenen Partei verbrochenen Hartz - Gesetze quasi selbst. [...]
Warum sollte sich Merkel auch abrackern? Schulz zerlegt sich mit seinen Reglementierungen, Verboten und X-Punkte-Plänen, vorallem aber mit Rden gegen die von seiner eigenen Partei verbrochenen Hartz - Gesetze quasi selbst. Zudem hat wohl ein Großteil der Republik wenig Lust auf RG oder gar RRG, Merkel wird wohl überhaupt keinen Wahlkampf machen.
alaba27 12.08.2017
2. Alternativlos
Dass der Wähler nichts mehr zu entscheiden hat und die Politiker vorrangig für ihren persönlichen Machterhalt und ihr Portemonnaie arbeiten, stellen unsere Damen und Herren Berufspolitiker seit Jahren eindrucksvoll unter [...]
Dass der Wähler nichts mehr zu entscheiden hat und die Politiker vorrangig für ihren persönlichen Machterhalt und ihr Portemonnaie arbeiten, stellen unsere Damen und Herren Berufspolitiker seit Jahren eindrucksvoll unter Beweis. Und wenn gar nichts mehr geht, geht ein Parteiwechsel à la Twesten. Das alles besang Reinhard Mey schon vor über 40 Jahren in "Was kann schöner sein auf Erden als Politiker zu werden" Und diese "wundern" sich über Politik(er)verdrossenheit und AfD. Aber bei einer Karriere "Aula - Hörsaal (meist ohne Abschluss) - Plenarsaal" - Was will man da erwarten ?
paulvernica 12.08.2017
3. Warum ?
sollte Merkel sich auch anstrengen ?Sie ist sich der Devotion des deutschen Wählers bewusst. Und auch wenn es zur absoluten Mehrheit nicht reicht , irgend ein Koalitionspartner ist geltungssüchtig genug um sich Merkel in einer [...]
sollte Merkel sich auch anstrengen ?Sie ist sich der Devotion des deutschen Wählers bewusst. Und auch wenn es zur absoluten Mehrheit nicht reicht , irgend ein Koalitionspartner ist geltungssüchtig genug um sich Merkel in einer Regierungskoalition einzureihen. Dass mit der Devotion der Deutschen hat Heinrich Mann mit seinem Roman "der Untertan" übrigens wunderbar auf den Punkt gebracht.
Hoberg 12.08.2017
4. Besser die SPD bleibt ruhig
sonst würde man vielleicht den Vorstandsposten von Exkanzler Schröder bei Rosneft diskutieren. Rosneft hat gerade Maduro in Venezuela eine Milliarde gegeben, damit er weiter die Demokratie dort abschafft. Aber laut Schröder [...]
sonst würde man vielleicht den Vorstandsposten von Exkanzler Schröder bei Rosneft diskutieren. Rosneft hat gerade Maduro in Venezuela eine Milliarde gegeben, damit er weiter die Demokratie dort abschafft. Aber laut Schröder ist ja Putini eine astreiner Demokrat. Bei der politischen Weitsicht der SPD erscheint die Limitierung der Verteidigungsausgaben besonders schlau.
BjoBa 12.08.2017
5. Soll sie doch gewinnen
Ich persönlich werde sie nicht wählen, wie die letzten acht Jahre auch nicht. Finanziell geht es mir vllt besser, aber ich merke wie das Land an Werten verliert, wie ich mich unsicherer fühle, wie ich mehr und mehr in traurige [...]
Ich persönlich werde sie nicht wählen, wie die letzten acht Jahre auch nicht. Finanziell geht es mir vllt besser, aber ich merke wie das Land an Werten verliert, wie ich mich unsicherer fühle, wie ich mehr und mehr in traurige und leere Gesichter schaue. Vllt liegt es auch an meinem höheren Alter, aber ich denke es liegt mehr daran, wie Politiker und andere vorleben und die Menschen es schlecht nachleben
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