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Politik

AfD vor Einzug in den Bundestag

Tüchtig aufgeregt, wenig überlegt

Wegwünschen hat nicht geholfen: Die AfD ist viel stärker, als das liberale Deutschland gehofft hat. Und nun? Man kann weiter Flüche ausstoßen - oder überlegen, warum die Leute rechts wählen.

DPA

AfD-Politiker Alice Weidel und Alexander Gauland

Eine Kolumne von
Montag, 11.09.2017   15:54 Uhr

Schlimmer Verdacht: Die AfD ist eine rechte Partei. Die Abwandlung eines alten "Titanic"-Witzes kommt einem in den Sinn, angesichts der Entrüstung über die angebliche Mail der AfD-Politikerin Alice Weidel. Spätestens jetzt, heißt es allenthalben, könne niemand mehr sagen, er habe nicht gewusst, wofür die AfD steht. Absurd. Das wussten die AfD-Wähler schon vorher ganz gut.

Die Leute wählen diese Partei nicht trotz ihrer rechten Ausraster - sondern gerade deswegen. Was sagt das über Deutschland?

Araber, Sinti und Roma sind "kulturfremde Völker", Regierungspolitiker sind "Schweine", und Deutschland ist "nicht souverän" - das schrieb angeblich Alice Weidel, die feine Volkswirtin, einst in Frankfurt, und das fliegt ihr jetzt in der letzten Phase des Wahlkampfs um die Ohren. Aber Weidel ist nicht allein. Tür an Tür mit Alice sitzen ja in dieser Partei der böse Björn Höcke, der vom "Denkmal der Schande" redet, und der elegante Alexander Gauland, der eine Politikerin in Anatolien "entsorgen" will. Das ist Nazi-Jargon.

So redet das Spitzenpersonal einer Partei, die bei der Wahl womöglich zweistellig in den Bundestag ziehen wird. Wir werden demnächst vielleicht 70 Abgeordnete im Parlament finden, die gegen solche Parolen nichts haben. Warum da der mecklenburg-vorpommersche AfD-Mann Holger Arppe aus Partei und Fraktion zurückgetreten ist, erschließt sich nicht so richtig. Er hatte in einer Netz-Unterhaltung unter anderem geschrieben: "…...das ganze rotgrüne Geschmeiß aufs Schafott schicken. Und dann das Fallbeil hoch und runter, daß die Schwarte kracht!" Das unterscheidet sich nur in Nuancen.

Der Berliner "Tagesspiegel" schreibt: "Wenn ab September völkische und nationalistische Parolen im Bundestag zu hören sind, dann hat es ein Teil der Wähler so gewollt." Stimmt. Aber man merkt den Kollegen die Überraschung an. Offenbar will man nicht für möglich halten, dass ganze viele Wähler in vollem Bewusstsein Rassisten im Parlament sehen wollen.

Die irgendwie liberale Mehrheit im Land versteht das einfach nicht. Warum tun diese Menschen das?

Es geht "uns" doch so gut. "Deutschland boomt", hatte Sandra Maischberger beim TV-Duell im Vorwurfston zu Martin Schulz gesagt, "es gibt ein Wirtschaftswachstum, das sich gewaschen hat..., und doch sagen Sie: Es geht ein tiefer Riss durch unsere Gesellschaft. Leben Sie vielleicht in einem anderen Land, mit anderen Nachbarn?"

Wenn Martin Schulz ein mutiger Kandidat wäre, hätte er geantwortet: Liebe Frau Maischberger, kann es sein, dass Sie das nur deshalb fragen, weil Leute wie Sie und ich, die gut verdienen - im Fall von Frau Maischberger sogar sehr gut -, gar nicht mehr wissen, wie es den sogenannten normalen Menschen geht? Was sie beschäftigt? Wovor sie Angst haben?

Der SPIEGEL schreibt: "Es ist eine populäre Behauptung, dass die AfD die Partei der Abgehängten, Arbeitslosen und Ungebildeten sei. Allerdings lässt sie sich schwer mit der Realität in Einklang bringen." Das ist ein zentraler Satz. Es ist zwar eine Tatsache, dass sich die materiellen Lebensbedingungen vieler Menschen in den vergangenen Jahren verschlechtert haben. Aber das, was man früher "sozio-ökonomische Ursachen" genannt hätte, darf als Erklärung für den Erfolg der Rechten nicht infrage kommen.

Sonst müsste sich die Mehrheitsgesellschaft ihre Fehler eingestehen. Wie sind Güter und Chancen verteilt? Welche Werte zählen, und welche Tabus gelten? Was wird an Schulen und Universitäten gelehrt? Wofür fühlt man sich in den Zeitungsredaktionen und Fernsehstudios zuständig?

Wer sich mit gesellschaftlichen Gründen nicht befassen will, muss auf anthropologische Erklärungen ausweichen. Dann wird Rassismus zu einer bedauerlichen menschlichen Konstante erklärt, die man zwar bekämpfen kann, aber nicht beeinflussen. So wird die Auseinandersetzung mit der AfD zu einer unpolitischen Veranstaltung.

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Die liberale Gesellschaft verfährt übrigens mit der AfD nicht anders als mit dem Terrorismus oder Donald Trump oder allen anderen Phänomenen, die ihr zu sehr auf den Leib rücken: Tüchtig aufregen, aber um Gottes Willen nicht die Frage zulassen, was das mit uns zu tun hat.

In Wahrheit kommt das alles nicht so überraschend. Es hätte schon genügt, den Soziologen Wilhelm Heitmeyer zu lesen, der zwischen den Jahren 2002 und 2011 in seiner Bielefelder Langzeitstudie "Deutsche Zustände" zeigte, was aus einer Gesellschaft wird, in der sich die prekäre Teilhabe an den materiellen Gütern der Gesellschaft ausbreitet und der Mangel an politischer Partizipation und moralischer Anerkennung zunimmt.

Wenn man heute Interviews mit Heitmeyer liest, merkt man: Der Mann hat richtig schlechte Laune. Er hatte gewarnt. Aber man hat nicht auf ihn gehört. Er sagt: "Es gab und gibt einen weitverbreiteten politischen Autismus. Die prekäre Zivilität wollte man nicht wahrnehmen."

Die AfD ist der Kollateralschaden einer Politik, zu der sich dieses Land mit voller Absicht entschieden hat. Die Nazis - das sind wir.

insgesamt 511 Beiträge
petruz 11.09.2017
1.
Augstein liegt richtig. Allerdings ist es in fast allen europäischen Ländern, teilweise seit Jahrzehnten, völlig normal dass dort Rechtspopulisten und sogar Rechtsextremisten in den Parlamenten sitzen. In Osteuropa sogar in [...]
Augstein liegt richtig. Allerdings ist es in fast allen europäischen Ländern, teilweise seit Jahrzehnten, völlig normal dass dort Rechtspopulisten und sogar Rechtsextremisten in den Parlamenten sitzen. In Osteuropa sogar in der Regierung. Das es nun in Deutschland soweit ist, ist nichts außergewöhnliches. Es hat hier nur länger gedauert. Und Deutschland wird damit auch klar kommen.
lasse.wissmann 11.09.2017
2. Konstruktiver Schluss?
Schöne Analyse, nicht mehr unbedingt die allerneuesten Erkenntnisse, aber trotzdem gut auf den Punkt gebracht. Die Frage ist nur: Was sollten wir denn gesellschaftlich anders machen? Ich vermisse ein wenig Konstruktivität. Den [...]
Schöne Analyse, nicht mehr unbedingt die allerneuesten Erkenntnisse, aber trotzdem gut auf den Punkt gebracht. Die Frage ist nur: Was sollten wir denn gesellschaftlich anders machen? Ich vermisse ein wenig Konstruktivität. Den Mangel an "politischer Partizipation und moralischer Anerkennung" versucht die AfD ja gerade für eben jene Szenen zu verringern. Gefällt mir jetzt nicht sonderlich, dass solch hasserfüllte Einstellungen politisch teilnehmen und auch noch moralisch anerkannt werden (sollen).
Steve1982 11.09.2017
3. Genau!
Die etablierten Parteien werden nicht viel bewirken, wenn sie die AfD ausgrenzen, ignorieren, ... Sie sollten sich, zumindest intern, fragen, was sie selbst besser machen können, damit die Leute so eine Partei nicht mehr [...]
Die etablierten Parteien werden nicht viel bewirken, wenn sie die AfD ausgrenzen, ignorieren, ... Sie sollten sich, zumindest intern, fragen, was sie selbst besser machen können, damit die Leute so eine Partei nicht mehr wählen. Darum geht es & so schwer sollte das eigentlich nicht sein, da eine Lösuing zu finden...
pirx64 11.09.2017
4.
Es gab schon immer einen braunen Sumpf von 5-10% und den wird es immer geben. In den 60ern war die NPD ja auch im Landtag in BW, jetzt kommt die NPD 2.0 halt in den Bundestag.
Es gab schon immer einen braunen Sumpf von 5-10% und den wird es immer geben. In den 60ern war die NPD ja auch im Landtag in BW, jetzt kommt die NPD 2.0 halt in den Bundestag.
palerider78 11.09.2017
5. Zustimmung zum Artikel,
aber wenn es Studien zum Status Quo seit 2002 gab und der Autor deren offenbar kenntlich war bzw ist: Warum liest man hiervon erst 15 Jahre später, wenn das Kind so gut wie in den Brunnen gefallen ist? Hat ein Journalist wie [...]
aber wenn es Studien zum Status Quo seit 2002 gab und der Autor deren offenbar kenntlich war bzw ist: Warum liest man hiervon erst 15 Jahre später, wenn das Kind so gut wie in den Brunnen gefallen ist? Hat ein Journalist wie Augstein nicht auch das Bestreben, seine Mitmenschen so früh als nur möglich verbal wachrütteln zu wollen ? Und die noch dringlichere Frage: wie viel mehr werden nach dieser Wahl dem blauen Virus verfallen? Prognose: Es werden unabdingbar mehr werden, sofern die Politik keine Antworten auf die dringenden Fragen der Bevölkerung findet. Egal, welche Partei die Regierung stellen wird.
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