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Politik

Jamaika-Sondierungen

Neues aus Balkonien

In dieser Woche enden die "Sondierungen". Kein Witz. Acht Wochen nach der Wahl. Die Koalitionsverhandlungen kommen erst noch. Merkel und ihre neue bunte Truppe machen Politik zum Reality-TV. Umschalten, bitte!

DPA

Angela Merkel und Jamaika-Sondierer auf dem Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft

Eine Kolumne von
Montag, 13.11.2017   14:13 Uhr
You're in Jamaica: C'mon and smile!
(In Jamaica, y'all) Get it together, y'all!
(In Jamaica) Get it together, now!
In Jamaica, y'all.
Bob Marley

Willkommen in Balkonien. Hier funktioniert das Regieren folgendermaßen: Alle paar Tage zeigen sich die Herrscher dem Volk, sie winken von der Balustrade im ersten Stock eines großen Hauses, sie lächeln, Bilder werden gemacht. Dann verschwinden sie wieder und befassen sich mit wichtigen Dingen: mit sich selbst.

So eine richtige Regierung hat Balkonien gar nicht. Aber sie fehlt niemandem. Die Journalisten freuen sich wie die Kinder, wenn ihnen hin und wieder kleine Bröckchen zugeworfen werden - Klima, Migration, Digitalisierung - und fiebern dann dem nächsten Balkonaufritt entgegen. Der Rest der Leute kümmert sich ohnehin am liebsten um die eigenen Angelegenheiten.

Typisch für die Art und Weise, in der die Öffentlichkeit in Balkonien funktioniert, ist eine Überschrift wie diese aus der "Frankfurter Allgemeinen": "Die nächste Woche wird die Woche der Entscheidungen." Das steht da ohne jede Ironie. Am Donnerstag sollen nämlich die sogenannten Sondierungsgespräche zu Ende gehen. Acht Wochen nach der Bundestagswahl. Die richtigen Koalitionsverhandlungen kommen erst noch, nach dem 25. November, wenn auch der Grünen-Parteitag seinen Segen gegeben hat.

Das ist zwar einigermaßen irre - aber alle machen mit. Um sich die Zeit zu vertreiben, spielen Medien und Politiker miteinander ein Spiel, wie man es aus Doku-Soaps und Reality-TV-Formaten kennt. Das Spiel heißt Cliffhanger.

Erinnern Sie sich noch an die Fernsehserie "American Chopper", die vor vielen Jahren auf dem "Discovery Channel" lief? Da konnte man Paul Teutul Senior und seinen Sohn Paul Junior dabei beobachten, wie sie die tollsten Motorräder der Welt bauen wollen und zwischen Chromteilen und Gummischläuchen mit technischen Tücken und familiären Rivalitäten ringen, wie sie herbe Rückschläge erleiden und gloriose Triumphe erleben - alles immer gegen die Uhr, gegen die unmöglichen Fristen, die ihnen ihre reichen Auftraggeber setzen und die Regisseure der Sendung.

Immer droht im letzten Moment etwas schief zu gehen: Man ist sozusagen schon auf dem Weg zur Messe nach Las Vegas und - bang! - Riesenproblem im Motor! Was nun? Bei "American Chopper" bibbert der Zuschauer dann mit Paul sen. und jr., die in einer knochenharten Nachtschicht abgerissene Pleuel, defekte Kolbenringe und hängende Ventile richten müssen.

Dramaturgie ist alles

Bei Jamaika wiederum soll man von Sondierung zu Sondierung bibbern, ob es den Kontrahenten gelungen ist, sich bei Migration, Klimaschutz und Verkehr wenigstens auf die Fragestellung zu einigen. Katrin Göring-Eckardt oder Wolfgang Kubicki - wer hat am Ende die Nase vorn? Und was wird aus Jürgen Trittin? Schalten Sie wieder ein. … Dramaturgie ist eben alles.

Und die Medien machen mit. Aber sowas von. Und um es richtig spannend zu machen, steht noch ein Gespenst im Raum: Neuwahlen. FDP-Chef Christian Linder zum Beispiel hat mit gut eingeübtem Todesmut gesagt: "Wir haben jedenfalls keine Angst vor Neuwahlen. Wir könnten in diesem Fall schließlich sagen, dass uns unsere Überzeugungen wichtiger sind als Dienstwagen."

Und der Grüne Robert Habeck twittert: "Heute Agrarsondierungen. Viele krasse Gegensätze bei #jamaika-Landwirtschaft. Wird ein dicker Brocken, #pestizide #tierschutz #gap". Überhaupt die Grünen. Es ist so hübsch, wie die Grünen immer den Eindruck erwecken wollen, dass sie echt hart verhandeln und auch anders könnten.

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In dieser Woche...

...berichtet "der Freitag" unter anderem über folgende Themen:

Dabei weiß jeder, dass niemand Neuwahlen will, dass es keine Neuwahlen geben wird und auch keine Minderheitsregierung, sondern dass diese Sondierungen/Verhandlungen mit der Bildung einer Regierung enden werden, deren Kanzlerin Angela Merkel heißen wird. Und mehr muss man auch nicht wissen - weil es um mehr nicht geht als um die Erneuerung der Macht von Königin Angela I.

Denn wie eine Königin verhält sich diese Kanzlerin ja längst. Als man sie fragte, ob sie zuversichtlich sei, bis Weihnachten eine stabile Regierung präsentieren zu können, antwortete sie tatsächlich: "Ich bin generell immer zuversichtlich."

Deutschlands oberste Sachbearbeiterin

Jeder Blick und jede Geste zeigt: Sie nimmt schon lange nichts und niemanden mehr ernst. Merkel ist jetzt einfach nur noch nassforsche Schnoddrigkeit in Perfektion.

Wenn sie die Frage, warum sie regiert, ehrlich beantworten könnte, würde ihr nur einfallen: Weil es meine Arbeit ist. Wie eine Königin eben. Oder wie Deutschlands oberste Sachbearbeiterin. Ob Kraftfahrzeugzulassungsstelle oder Kanzleramt: Die Aktenstapel müssen halt weg. Mehr steckt nicht dahinter.

Wenn also auch um uns herum die Welt in Trümmer geht: Balkonien ist ein glückliches Land.

(In Jamaica) You're gonna smile!
(In Jamaica, y'all) Get it together, children!
(In Jamaica) Get things together, right yow!
(In Jamaica, y'all)
Soulful town, soulful people,
Said, I know, I know that you're having fun!
insgesamt 127 Beiträge
vonschnitzler 13.11.2017
1. komische Erwartungshaltung
da müssen 3 bzw. 4 Parteien, die gegeneinander Wahlkampf gemacht haben eine Basis für eine Patnerschaft aufbauen, bei der es zwangsläufig auf allen Seiten zu teilweisen Gesichtsverlusten kommen muss - hat jmand gelaubt, dass [...]
da müssen 3 bzw. 4 Parteien, die gegeneinander Wahlkampf gemacht haben eine Basis für eine Patnerschaft aufbauen, bei der es zwangsläufig auf allen Seiten zu teilweisen Gesichtsverlusten kommen muss - hat jmand gelaubt, dass das in 3-4 Wochen mit Jubelarien auf allen Seiten passiert? Das Wahlergebnis war nunmal so und eine Partei hat sich feige aus der Verantwortung gestohlen. Jetzt müssen wir wohl damit leben.
heikhen 13.11.2017
2. seit 3 Monaten ohne Regierung,
aber die geringste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung, die besten Wirtschaftsperspektiven. Geht doch auch ohne. Macht weiter so, je länger umso besser. Keiner braucht euch, keiner wird euch vermissen.
aber die geringste Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung, die besten Wirtschaftsperspektiven. Geht doch auch ohne. Macht weiter so, je länger umso besser. Keiner braucht euch, keiner wird euch vermissen.
tickersieben 13.11.2017
3. Ich warte nur darauf.........
dass - wie an anderer Stelle schon mal erwähnt - sich unsere "Herrscher" mit großen Hüten oder im Gehrock auf dem Balkon zeigen und huldvoll mit leicht erhobener Hand dem doch so doofen Volk, also uns allen, [...]
dass - wie an anderer Stelle schon mal erwähnt - sich unsere "Herrscher" mit großen Hüten oder im Gehrock auf dem Balkon zeigen und huldvoll mit leicht erhobener Hand dem doch so doofen Volk, also uns allen, zuwinken........um danach, wie zutreffend beschrieben, sich den ach so geheimnisvollen Dingen und vermeintlich schweren Themen zuzuwenden. Mann - geht arbeiten und macht Euren Job, verd...........!
Knuffelbeest 13.11.2017
4. Schön schaurig wahr das alles.
Nur: Warum erwarten wir von Politikern immer noch Lösungen für die Problem aller Leute? Bestenfalls kommt ein lauwarmer Kompromiss raus, der die beste aller schlechten Lösungen ist und damit maximal 20% aller Leute zufrieden [...]
Nur: Warum erwarten wir von Politikern immer noch Lösungen für die Problem aller Leute? Bestenfalls kommt ein lauwarmer Kompromiss raus, der die beste aller schlechten Lösungen ist und damit maximal 20% aller Leute zufrieden stellt. Mehr Mikroökonomie wäre die Lösung, aber wir sind es ja gewohnt, immer "vom Staat" alle Lösungen zu fordern. Dabei kann der das nicht und sollte es auch nicht probieren müssen.
kappelc 13.11.2017
5. klar wird es Jamaika
Die werden sich schon einigen denn keiner von denen will Neuwahlen. Bei Neuwahlen, die laut allen Umfragen auch die Mehrheit in Deutschland nicht will, würde der Wähler die dafür verantwortlichen Parteien abstrafen und SPD, [...]
Die werden sich schon einigen denn keiner von denen will Neuwahlen. Bei Neuwahlen, die laut allen Umfragen auch die Mehrheit in Deutschland nicht will, würde der Wähler die dafür verantwortlichen Parteien abstrafen und SPD, AfD und wohl auch Linke würden davon profitieren. Das wissen auch die Entscheidungsträger von CDU, CSU, FDP und Grünen. Irgendwie wird man sich schon einigen denn vor allem Merkel will unbedingt an der Macht bleiben. Dafür ist sie sicher auch bereit ihre eh schon farblose CDU endgültig zu entkernen!
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