16.09.2010
Verbitterte Vertriebene
Steinbach giftet gegen Polens Deutschland-Beauftragten
Politikerin Steinbach: "Ich habe ihm herzliche Briefe geschrieben, bekam nie eine Antwort"
Berlin - Vertriebenenpräsidentin Erika Steinbach hat den Deutschland-Beauftragten der polnischen Regierung, Wladyslaw Bartoszewski, scharf angegriffen. Die CDU-Bundestagsabgeordnete sagte am Donnerstag im ARD-"Morgenmagazin": "Bartoszewski hat einen schlechten Charakter. Das sage ich ohne Wenn und Aber." Sie begründete die Aussage mit "persönlichen Erfahrungen, die dahinterstecken". Sie habe sich mit Äußerungen zu diesem Mann "sehr lange auch wirklich zurückgehalten".
Steinbach gilt in ihrer Funktion als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und wegen ihres Einsatzes für ein Zentrum gegen Vertreibungen seit langem als Reizfigur in Polen. Sie war zuletzt mit Äußerungen über die polnische Mobilmachung vor dem Zweiten Weltkrieg in der CDU unter Druck geraten. Steinbach hatte daraufhin angekündigt, bei der Vorstandswahl im November nicht mehr zu kandidieren.
Sie habe viel Verständnis für die Emotionen in Polen, und alle Opfer der deutschen Besatzung hätten ihr tiefes Mitgefühl, doch manche Einzelpersonen schätze sie nicht. "Ich habe Bartoszewski sehr bewundert. Ich habe ihm Briefe geschrieben, herzliche Briefe, vor Jahren", sagte Steinbach am Donnerstag. Sie habe "nie eine Antwort erhalten, aber Reaktionen öffentlicher Art. Daraus kann man einiges schließen".
In den vergangenen Jahren hatte Bartoszewski Steinbach wiederholt scharf angegriffen. Der heute 88-jährige Ex-Außenminister war von den Nazis ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und im April 1941 schwerkrank entlassen worden. Bartoszewski soll Steinbach vor kurzem mit dem Holocaust-Leugner Bischof Richard Williamson verglichen haben.
Als Reaktion auf die neuen Äußerungen Steinbachs stellte sich Außenminister Guido Westerwelle demonstrativ hinter Bartoszewski. Dieser sei "eine ehrenwerte Persönlichkeit mit einer großen Lebensleistung für die deutsch-polnische Aussöhnung", ließ der Liberale durch einen Sprecher mitteilen.
Bartoszewski selbst nimmt Steinbachs Äußerungen gelassen. Er wisse die Meinung von 41 Millionen deutschen Frauen, darunter Ex-Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, sehr zu schätzen - die Ansichten Steinbachs seien ihm aber egal, sagte Bartoszewski in Warschau.
Steinbach betonte in dem Gespräch zudem, sie wolle weiter Mitglied im Vorstand der Unions-Bundestagsfraktion bleiben. Ihr Ziel sei es, die Union zum Nachdenken zu bringen, denn viele Parteimitglieder hätten "Besorgnisse, Ängste und ein Gefühl der Heimatlosigkeit". Auch sie persönlich wünsche sich ein "Gefühl der Geborgenheit", doch sei Solidarität innerhalb der CDU "leider nicht weit verbreitet". Auf die Frage, ob sie sich einer neuen Partei mit konservativem Profil zuwenden wolle, sagte Steinbach, dies könne sie sich derzeit nicht vorstellen. Es gebe aktuell keine neue Partei, die sie locken könnte.
ffr/dpa/dapd