03.09.2011
Berliner Wahlkampf
Herr Wilders von rechts außen greift ein
Von Yassin MusharbashIn anderen Parteien nennt man sich "Genosse" oder begrüßt seine "Freundinnen und Freunde". Bei den Berliner Rechtspopulisten von der Partei "Die Freiheit" und ihren Gesinnungsgenossen aus halb Europa ist alles eine Nummer größer: Freiheitskämpfer oder Widerstandskämpfer, drunter machen sie's nicht. Schließlich habe ja jeder die Veranstaltung im Maritim-Hotel nur unter erheblicher Gefahr für seine Sicherheit erreicht - was eine gnadenlose Übertreibung ist, angesichts von einem Häufchen Demonstranten wenige hundert Meter entfernt.
Aber um Widerstand geht es an diesem Tag immer wieder, ob nun "Freiheit"-Spitzenkandidat Rene Stadtkewitz spricht oder sein Star-Gast und "lieber Freund" Geert Wilders: Die Islamisierung Europas, so der Konsens, ist bereits in vollem Gange.
Und Stadtkewitz, derzeit noch Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, in das er für die CDU gewählt wurde, die er aber mittlerweile verlassen hat, ist sich nicht einmal zu schade, die wenige Meter entfernt hingerichteten Widerstandskämpfer des 20. Juli zu vereinnahmen, "weil auch wir Widerstand leisten wollen".
Gegen die EU, gegen den Islam
In seiner halbstündigen Rede schiebt Stadtkewitz zumeist Thilo Sarrazin vor, der habe ja schließlich "die Wahrheit" bereits aufgeschrieben. Für den Fall, dass sie nicht allen geläufig sein sollte, fasst er die "Wahrheit" noch mal in seine eigenen Worte: "Der Islam und die westliche freie Welt sind nicht kompatibel." Oder auch: "Wer sagt, dass der Islam zu Deutschland gehört, will die Islamisierung Deutschlands." Der Islam aber sei "ein System der Unterdrückung".
Warum aber braucht man, wenn es doch schon Sarrazin gibt, eine Partei wie die "Freiheit"? Stadtkewitz erklärt's gerne: Weil trotz Sarrazin eben nichts passiert sei. Nur eine Partei - seine - könne das Establishment zum Handeln zwingen.
Das ist übrigens die zweite Argumentationslinie, die an diesem Nachmittag durchgehend bemüht wird: Die da oben nehmen unsere Sorgen nicht ernst! Es wird ständig über unsere Köpfe hinweg entschieden! Deswegen gibt es viel Applaus, als Stadtkewitz sagt, er wolle nicht für die Schulden anderer geradestehen. Die EU, man merkt es schnell, gilt hier als fast genauso große Gefahr wie "der Islam".
Oder sogar als ebenso groß: Es gebe zwei Mächte, gegen die jetzt Widerstand geleistet werden müsse, sagt Geert Wilders, als er endlich dran ist: Islamisierung. Und Europäisierung. "Wir wollen wieder Herr im eigenen Haus sein!", ruft Wilders unter Beifall - und damit hat er die Klammer gefunden, die die beiden Themen im Bewusstsein des sympathisierenden Publikums verbindet: Ein Gefühl der Machtlosigkeit eint sie, und das Gefühl, dass ihnen etwas aufgezwungen wird.
Das Publikum ist glücklich
Wilders ist natürlich ein viel besserer Redner als Stadtkewitz. Allein der folgende Dreisprung: Der norwegische Attentäter Anders Breivik habe ein abscheuliches Verbrechen begangen, er sei ein Psychopath, "er ist keiner von uns", sagt Wilders. Und warum nicht? "Weil wir Demokraten sind, wir verabscheuen Gewalt, wir glauben an friedliche Lösungen." Und weil das so ist, "weisen wir übrigens den Islam zurück", denn der habe schließlich eine "gewalttätige Natur".
Als nächstes zählt Wilders die Gesetzesvorhaben auf, die er mit seiner eigenen Partei, die in den Niederlanden eine Mitte-Rechts-Regierung toleriert, durchgesetzt hat - härtere Einwanderungsregelungen zum Beispiel oder ein geplantes Verbot von Burka und Gesichtsschleier. Auch vor Pathos hat Wilders, wie immer mit akkurater Beethovenfrisur, keine Angst: "Wir sind die freien Männer und Frauen des Westens!" Da ist das Publikum glücklich und fühlt sich verstanden.
Wilders schreit nicht, er redet gemessen, ruhig, souverän. Ein Teil seines Tricks bei der Beschreibung der Zustände der Gegenwart ist dabei, dass er eben diese Gegenwart frisiert. Wilders macht konsequent keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus, zwischen einer Religion und ihren Anhängern, zwischen Texten und ihrer Interpretation 1400 Jahre später, zwischen Migranten in Europa und der Politik in ihren Heimatländern. So fügt sich alles, und er, er allein hat es durchschaut. Standing Ovations.
Manche aus dem Publikum haben für die Eintrittskarten so viel wie für ein Rockkonzert bezahlt, viele sind "Freiheit"-Mitglieder, die sogar aus Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt oder sonst wo angereist sind. Die Mischung ist breit, reicht vom Burschenschafter über die Friseurin bis zum golfenden Rentner. Trotzdem sind Plätze frei geblieben, das passt zum Zustand der Stadtkewitz-Partei, die aktuellen Umfragen zufolge nicht ins Abgeordnetenhaus einziehen wird.
Am Spätnachmittag ist es langsam vorbei. An der Hotelbar sitzen jetzt noch ein paar Gelbhemden der rechtspopulistischen "Schwedendemokraten" zusammen, zwei junge Männer witzeln über BMW "mit eingebautem Dönerhalter", eine junge Frau sucht Koransuren zusammen, die die Gewalttätigkeit des Islam beweisen sollen. Eine andere Frau empört sich darüber, dass eine Österreicherin verklagt wurde, "nur" weil sie den Propheten Mohammed einen Pädophilen genannt hatte.
"Wäre super, wenn wir auch einen wie den Wilders hätten", kann man am Raucherstand vor der Drehtür hören. Niemand widerspricht.

