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02.01.2012
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Kredit-Enthüllung

Wulffs merkwürdige Telefonate

Von und
dapd

Bundespräsident Wulff: Den "Rubikon überschritten"

Öffentlichkeitsarbeit ist nicht Sache des Bundespräsidenten. In der Kreditaffäre hat Christian Wulff dennoch telefonisch versucht, einen Artikel der "Bild"-Zeitung zu stoppen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat er deswegen auch Springer-Chef Döpfner kontaktiert.

Berlin - Der Artikel über den günstigen Immobilienkredit in der "Bild"-Zeitung erschien am 13. Dezember. Er sollte für Christian Wulff schwere Zeiten einleiten. Schon am Tag zuvor, auf dem Rückweg von einer Staatsvisite in mehreren Ländern der arabischen Halbinsel, war dem Bundespräsidenten wohl die Brisanz der Recherchen bekannt geworden. Wulff ahnte offenbar, welchen Wirbel ein solcher Beitrag verursachen würde.

Darin ging es um die näheren Umstände zu einem privaten Hauskredit von 500.000 Euro, den Christian Wulff noch als niedersächsischer Ministerpräsident von der befreundeten Unternehmergattin Edith Geerkens erhalten hatte. Später stellte sich heraus, dass auch ihr Mann Egon Geerkens beteiligt war. Eine Anfrage des niedersächsischen Landtags Anfang 2010, ob es Geschäftsbeziehungen zwischen Wulff und dem Unternehmer gebe, hatte er damals mit Nein beantwortet.

Noch bevor der Artikel erschien, versuchte Wulff nicht nur bei "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann zu intervenieren und darauf zu drängen, den Artikel zurückzuhalten. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE telefonierte Wulff auch mit dem Vorstandsvorsitzenden der Springer AG, Mathias Döpfner, um diesen zu bitten, bei Diekmann Einfluss zu nehmen. Doch der Konzernchef, in dessen Haus die "Bild" erscheint, soll ihm in knapper Form beschieden haben, sich nicht in die Belange der Redaktion einmischen zu wollen.

Der Springer-Verlag antwortete zunächst nicht auf eine Anfrage von SPIEGEL ONLINE, ob es ein Telefonat mit Döpfner gab. Am Nachmittag bestätigte dann der Verlag den Gesprächsversuch Wulffs mit dem Vorstandschef.

Die Vorgehensweise Wulffs zeigt, wie ernst der Bundespräsident von Anbeginn die Recherchen rund um den Kredit nahm. Auch der SPIEGEL hatte bereits seit Monaten an der Geschichte um den Hauskauf gearbeitet und folgte wenig später mit weiteren brisanten Details.

Drohung mit dem "endgültigen Bruch"

Das Telefonat mit dem Springer-Vorstandschef Döpfner reiht sich ein in eine offenbar merkwürdig unpräsidiale Vorgehensweise. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" und die "Süddeutsche Zeitung" berichteten, Wulff habe am 12. Dezember versucht, "Bild"-Chefredakteur Diekmann telefonisch zu erreichen, um sich über einen für den nächsten Tag geplanten Artikel zu beschweren. Statt Diekmann erreichte Wulff aber nur dessen Mailbox. Zu der Zeit befand sich der Bundespräsident noch in Kuwait. Er beklagte sich den Berichten nach wutentbrannt über die Recherchen der "Bild" und drohte im Falle einer Veröffentlichung mit einem "endgültigen Bruch" mit dem Springer-Verlag. Außerdem soll er Diekmann aufs Band gesprochen haben, dass für ihn und seine Frau "der Rubikon überschritten" sei.

Sogar von "Krieg führen" soll die Rede gewesen sein. Wenn es die "Bild"-Zeitung darauf absehe, so angeblich Wulff, dann solle man nach seiner Rückkehr bei einem Treffen darüber sprechen. Wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, soll Wulff mit einem Strafantrag gegen die Journalisten gedroht haben. In einem späteren Telefonat entschuldigte sich Wulff laut "Bild" bei Diekmann für Ton und Inhalt seiner Äußerungen auf der Handy-Mailbox.

Die Intervention Wulffs nützte nichts. Seit den ersten Veröffentlichungen ist der Bundespräsident in der Defensive. Am 22. Dezember, nach weiteren Berichten, auch des SPIEGEL, ging Wulff schließlich selbst im Schloss Bellevue an die Öffentlichkeit. Und sagte dort einen Satz, der sich wie ein Gegenentwurf zu seinem ursprünglichen Vorgehen liest: "Ich weiß und finde es richtig, dass die Presse- und Informationsfreiheit ein hohes Gut ist in unserer freiheitlichen Gesellschaft. Das bedeutet gerade für Amtsträger, jederzeit die Wahrnehmung ihrer Aufgaben vor der Öffentlichkeit zu erläutern und gerade auch im Grenzbereich zwischen Dienstlichem und Privatem, zwischen Amt und privat, die erforderliche Transparenz herzustellen."

Am zweiten Tag im neuen Jahr erklärte das Bundespräsidialamt nun: Wulff habe zu den Krediten für sein Eigenheim und zu Urlaubsaufenthalten Transparenz hergestellt, Erklärungen abgegeben und mehrere hundert Medienanfragen beantwortet. "Über Vieraugengespräche und Telefonate gibt der Bundespräsident aber grundsätzlich keine Auskunft."

Forum

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insgesamt 284 Beiträge
1. Rücktritt!
Langeweile 02.01.2012
Unglaublich, langsam wärs wirklich mal Zeit für den Rücktritt.
Unglaublich, langsam wärs wirklich mal Zeit für den Rücktritt.
2.
kelnor 02.01.2012
Ich habe das schonmal geschrieben und schreibe es gerne nochmal. Das eigentlich Schlimme an dieser Geschichte ist Wulffs Umgang mit den ganzen Vorwürfen. Er weiß seit über einem Jahr das der SPIEGEL da am graben ist und bei [...]
Ich habe das schonmal geschrieben und schreibe es gerne nochmal. Das eigentlich Schlimme an dieser Geschichte ist Wulffs Umgang mit den ganzen Vorwürfen. Er weiß seit über einem Jahr das der SPIEGEL da am graben ist und bei Gerichten Akteneinsicht verlangt. Er kennt die entsprechenden Vorgänge genau, weil er ja direkt daran beteiligt war (im Gegensatz zu z.B. Sauerland der ja auf Mitarbeiter und Sub-Unternehmen angewiesen war) und hatte somit genug Zeit sich eine schöne Strategie zurechtzulegen und kurz vor der Veröffentlichung der BILD-Zeitung selbst vor die Kameras zu treten und diese ganze unsägliche Debatte im Keim zu ersticken, mit einer umfassenden Erklärung, Schuldeingeständnis und einer symbolischen Spende an eine wohltätige Organisation in Höhe der tatsächlichen oder vermeintlichen Ersparnis. Aber was macht er, der er immerhin Volljurist und seit Jahrzehnten in der Politik aktiv ist? Gebärdet sich wie ein drittklassiger Z-Promi der vollkommen unerfahren im Umgang mit Medien und Öffentlichkeit von einer Peinlichkeit zur nächsten stolpert, so als wäre er völlig fremdgesteuert. Kommunikation nur über Anwälte, Salamitaktik, Drohanrufe, Verschleierungstaktiken, Haarspalterein, man möchte Wulff wirklich mal fragen was mit ihm los ist. Das ist doch nun wirklich keine große Sache. Er hat doch keine Millionen für sich abgezweigt. Ein souveräner, offener Umgang mit der Geschichte hätte das alles im Anfangsstadium erledigen können. Aber er macht das mit seinen Eskapaden nur noch schlimmer.
3. Ob Rubikon - ob Purification
Antoninus 02.01.2012
Mitten im schmalen Rubikon, der überschritten wurde von der falschen Truppe..., muss es noch eine Sandbank geben, von wo aus die Nach-Richten über alte Telefongespräche noch abgesendet werden können (die Feiertage eingehalten). [...]
Mitten im schmalen Rubikon, der überschritten wurde von der falschen Truppe..., muss es noch eine Sandbank geben, von wo aus die Nach-Richten über alte Telefongespräche noch abgesendet werden können (die Feiertage eingehalten). Macht ein Herr Glaeseker dort Urlaub? Was kommt morgen ... - oder am Fest der "Erscheinung des Herrn"? Erleben wir noch gemeinsam den 2. Februard, den Tag der Reinigung, zum Fest, dass platt "Darstellung des Herrn", auch "Einführung", Praesumtatio ... oder "Mariä Lichtmess" (ehdem auch: Mariä Reinigung, Purificatio Mariae) - den vierzigsten Tag nach Heilig Abend - je nacheem man die früheren Reinigungsprozeduren, gemessen an der Unreinheit der Frau Mutter durch die Gebärung ... nannte. So viel alt-festtäglicher Krimskrams - er mag mythische Bedeutung haben!
4. Politisch moralische Vertrauenskrise
Inuk 02.01.2012
Politiker mahnen Deutsche an, in der Gesellschaft, im täglichen Miteinander mehr Zivilcourage zu zeigen. Hinsehen statt Wegschauen, Engagement statt Gleichgültigkeit, Wahrheit statt Lüge wird gepredigt. Dies wünsche ich mir [...]
Zitat von sysopÖffentlichkeitsarbeit ist nicht Sache des Bundespräsidenten. In der Kreditaffäre hat Christian Wulff dennoch telefonisch versucht, einen Artikel der "Bild"-Zeitung zu stoppen. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen hat er deswegen auch Springer-Chef Döpfner kontaktiert. Kredit-Enthüllung: Wulffs merkwürdige Telefonate - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,806664,00.html)
Politiker mahnen Deutsche an, in der Gesellschaft, im täglichen Miteinander mehr Zivilcourage zu zeigen. Hinsehen statt Wegschauen, Engagement statt Gleichgültigkeit, Wahrheit statt Lüge wird gepredigt. Dies wünsche ich mir auch für Christian Wulff. Unser Bundespräsident hat den niedersächsischen Landtag belogen. Der Kredit ist nicht nur über Frau Geerkens gelaufen, sondern wurde mithilfe des Geschäftsmannes Geerkens, zu dem Wulff angeblich nur private Beziehungen pflegt, umgesetzt. Er hat sich als Ministerpräsident finanzielle Vorteile verschafft und gegen Regeln verstoßen, welche er in seinem Beamtenstab nie dulden würde. Ich möchte nicht von solch einem Bundespräsidenten repräsentiert werden und fordere Herrn Wulff auf, Rückgrat zu zeigen und endlich zurückzutreten. Insbesondere verzeihe ich seine "Geschäfte" mit Herrn Maschmeyer nicht. Durch Maschmeyer’sche Finanzprodukte haben viele Sparer ihre Rücklagen und Altersvorsorgen verloren. Ein Bundespräsident, der mit solch schillernden Menschen privat verkehrt und befreundet ist, Urlaube auf dessen Luxusanwesen verbringt, schadet dem Ansehen unseres Landes und verdient nicht unser Präsident zu sein. In Wulff spiegelt sich nicht die Ethik und Moral der Deutschen wider und er darf deshalb Deutschland nicht repräsentieren. Die ominöse Privatkredit-Affäre war erst die Vorspeise, die wir gerade schwerfällig verdauen müssen. Vielleicht ist der verhinderte Sternekoch Wulff gerade dabei, das Hauptgericht zuzubereiten. Die Chance für einen geordneten Rücktritt hat er ja längst schon vergeigt. Deshalb hat die Presse im Interesse der Gesellschaft die Affäre Wulff aufzuklären, zu veröffentlichen und den Sumpf trocken zu legen. Ich wünsche den Redakteuren viel Erfolg.
5. Dünnhäutig ?
ratem 02.01.2012
Das ist doch nicht etwa jemand ziemlich dünnhäutig und empfindlich? Ja Hr. Wulff, es ist blöd, wenn man eine Realitätsallergie hat und die Wahrheit nicht öffentlich vertragen kann! Insbesondere dann, wenn es um die eigene [...]
Das ist doch nicht etwa jemand ziemlich dünnhäutig und empfindlich? Ja Hr. Wulff, es ist blöd, wenn man eine Realitätsallergie hat und die Wahrheit nicht öffentlich vertragen kann! Insbesondere dann, wenn es um die eigene Person geht. Da wäre mal etwas richtige (!) Ehrlichkeit angesagt, und nicht nur präsidiales Geschwafel. Sie haben leider als Präsident auf gesamter Linie versagt! Sie sind unglaubwürdig und sprachlos, für das Amt also eine Fehlbesetzung.

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